Aus drei Giraffen werden zwei

Ich hätte es ihr so gewünscht. Zumindest eine Großkatze. Ich weiß, dass ich nicht erwarten muss wieder einen Leopard zu sehen. Denn Leoparden Sichtungen in Etosha sind sehr selten. Die Tourguides, die das als Beruf machen, nach Tieren Ausschau halten, sehen im Schnitt einmal in 5 Jahren einen Leoparden im Etosha Nationalpark. Ich weiß wieviel Glück ich hatte den zu entdecken. Letztes Jahr im September. Deshalb erwarte ich das gar nicht. Aber zumindest einen Löwen? Anja war die tollste Touristin für eine Safari. Sie hat sich über jedes Tier gefreut, das ich ihr zeigen konnte. Elefanten. Giraffen. Zebras. Sie liebt Zebras. Oryx. Nashörner. Hallo wir haben in zwei Tagen 11 Nashörner gesehen! Die vom Aussterben bedroht sind. Ja wie auch immer. Anja hat einfach immer gestrahlt. Sogar bei den Springböcken. Weil die so lustig springen. Dabei sieht man Springböcke im Etosha wie Sand am Meer. Aber Anja freut sich. Und soll es auch sein. Man soll nicht gestresst durchfahren und nur nach Großkatzen Ausschau halten. Dann genießt man es nicht. Einfach entspannen und zurücklehnen. Aber genau deshalb wollte ich Anja unbedingt einen Löwen zeigen. Weil sie so entspannt war. Weil sie so dankbar war für jedes Tier das wir entdeckt haben. Aber es sollte wohl nicht sein.
Es ist unser letzter gemeinsamer Morgen. Ich gebe die Karte das erste Mal in Anjas Hände und gebe ihr zwei Routen zur Auswahl. Wir haben eine Stunde Zeit bevor wir nach Süden müssen. Um 14 Uhr geht Anjas Flieger. Anja entscheidet sich für die südliche Runde. An der Kreuzung entscheide ich mich spontan doch für die nördliche Runde. Ich hatte etwas im Gespür. Ich begründe es aber, weil die Runde im Norden offenes Flachland ist und es einfacher ist Tiere zu entdecken. Los geht’s. Ein letzter afrikanischer Sonnenaufgang für Anja.

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Mein Akku fängt an zu blinken. Oh nein. Am Brandberg ist mein erster Akku leer gegangen. Bin quasi mit einem fast leeren Akku gestartet. Ja, ich hab einen zweiten Akku immer dabei. Aber der ist jetzt fast am Ende. Und Anja hat keine Kamera mehr. Was, wenn wir jetzt einen Löwen sehen? Das wäre typisch. Also keine Bilder mehr machen.
Wir fahren an Zebras, Gnus, Vogelsträußen, Oryx und Springböcken vorbei. Aber kein Zeichen auf eine Raubkatze. Auch am Wasserloch nicht. Ich drehe um, wir müssen jetzt den Park verlassen, sonst wird das nichts mit Anjas Rückflug. Doch HALT! Anja, siehst du die Giraffen da links? 3 Giraffen stehen im dichten Busch. Ich bremse und schaue nach vorne. Aber was ist das? 50 Meter vor uns läuft tatsächlich ein Löwenmännchen über die Straße. Anja fragt „ist das ein Löwe?“ Sie fragt es nicht, weil er so weit weg ist, dass man ihn nicht erkennen kann, sondern weil sie es nicht glauben kann.

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Ich beobachte ihn. Er schaut kurz in unsere Richtung. Ich stoppe das Auto. Er legt vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Das gibt es nicht. Das kann nicht sein, dass der Löwe nach der Giraffe jagt. Nie im Leben kriegt er die! Aber was denn sonst? Hier ist kein anderes Tier weit und breit. Der Löwe legt eine weitere Pfote ganz sanft auf den Boden. Mein Herz rast. Er verschwindet im Gebüsch. Ich halte den Atem an. Nichts passiert. Der Löwe ist jetzt noch geschätzt 3 Meter von der Giraffe entfernt. Merken die Giraffen nichts? Die kauen in aller Ruhe. Nichts passiert. Anja fragt mich, ob ich den Löwen aufs Foto bekommen habe. Also zeige ich ihr das Bild auf meiner Kamera. In dem Moment attackiert der Löwe die jüngste Giraffe. Ich sehe nur die Giraffen rennen. Und dann Staub. Weg sind sie. Ich fahre auf die andere Seite des Gebüschs. Ich sehe nur noch zwei Giraffen stehen.

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Wo ist die dritte? Da im Gras, oder? Ich erkenne den Löwen von weitem. In der Staubwolke. Hat er tatsächlich die Giraffe bekommen? Ich glaub es nicht. Aber es sieht so aus. Wahnsinn was da gerade vor uns passiert ist. Ein Löwe hat eine Giraffe gejagt!

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Doch was kommt jetzt aus dem Busch? Ein zweiter Löwe. Dachte ich mir doch. Ein Löwe allein erwischt keine Giraffe.

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Der einzige Grund wieso ich nicht so viele Fotos gemacht habe, ist weil ich so fasziniert von der Szene war. Jetzt sehen wir beide Löwen, wie sie von der Giraffe fressen. Wahnsinn.
Aber wir müssen jetzt echt los. Der Flieger wartet nicht. Anja schaut traurig „aus drei Giraffen wurden zwei“. Ja Anja ich weiß, das ist die Wildnis. Survival of the fittest.
3 Kilometer später kommt uns ein Auto entgegen. Ich mache ihm Lichthupe. Halte an. We just saw an elephant-. Ähm moment. We just saw a lion hunting a giraffe. Look to the right, you will see two lions feeding on a giraffe. Ich bin so voller Adrenalin, dass ich meine Worte nicht auf die Reihe bekomme. Witzig.

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Aber nur damit du weißt, es gibt noch genug Giraffen. 5 Kilometer weiter kreuzen 5 Giraffen unseren Weg.

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Die letzten Tiere, die wir im Park sehen. Giraffen.

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Die soeben einen Artgenossen verloren haben.

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Tschüss Etosha. Du bist und bleibst atemberaubend. Hast immer eine Überraschung übrig. Und mein Bauchgefühl hat mich ein weiteres Mal voran gebracht. Normalerweise nutze ich es immer in heiklen Situationen. In solchen, wo meine Familie nur fragt „ist Afrika nicht gefährlich?“ und ich nur antworte „ich vertraue auf mein Bauchgefühl, das bringt mich immer gut an“. Und so auch diesmal. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, Bauchgefühl hilft.
Jetzt fliegen wir über die endlos gerade Straßen in Namibia. Fliegen, weil ich jetzt doch Angst habe, dass wir zu spät kommen. Und es noch 400 Kilometer zu fahren sind. Aber wir kommen eine Stunde vor Abflug am Flughafen an. Noch ist eine lange Schlange am British Airways Schalter. Anja checkt 15 Minuten vor Abflug ein. Puh, das war knapp. Noch eine Umarmung und weg ist sie. Ich habe ihr nicht mal ein Geschenk mitgegeben. Was bin ich für eine Freundin? Ein Souvenir oder so. Ja, ich bin afrikanisch geworden. Ich denke an so etwas nicht. Ich sammle keine Souvenirs mehr. Nur Erinnerungen. Erlebnisse. Glückliche Momente. Und das habe ich ihr hoffentlich gegeben. Hoffentlich mehr als nur ein Haken auf der Bucket List. Erinnerungen an eine gute Zeit.

Aber Moment, ich muss jetzt nach Windhoek. Meinen und Beth’s Pass aus dem Immigration Office abholen. Und dann nach Swakopmund fahren. Nach Swakopmund? Bin ich nicht seit 6 Uhr im Auto? Hinter dem Steuer. Und ich will heute noch nach Swakopmund? Das ist eine lange Fahrt. Das habe ich nicht gut geplant. Wieso ist in diesem Land alles so weit entfernt? 150 Kilometer zwischen zwei Städten. Aaaah. Ok, da muss ich jetzt durch. Zwei Tramper mitnehmen? Klar, dann habe ich jemand zum Quatschen und werde nicht müde. Einsteigen. 5 Minuten später schlafen beide neben mir. Na danke fürs Gespräch. So war das nicht gedacht. In Windhoek werfe ich beide im Zentrum raus und fahre zum ministry of trade and industry. Pass abholen. Stockwerke hoch. Freundlich lächeln. 3 Pässe entgegen nehmen. Freundlich bedanken. So einfach? Du gibst mir die Pässe einfach so? Mir recht. Bin dann mal weg. Wie ein typisch gelassener Swakopmunder mit all meinen Wertsachen in der Hand laufe ich durch die Straße zum Auto. Hab jetzt keine Zeit für das gefährliche Windhoek.

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Ab nach Hause! Eine Cola in Okahanja gekauft und bereit für die letzten 300 Kilometer. Die letzten 300? Von wievielen? Die Sonne geht unter. Ich fahre immer noch. Es wird dunkel. Ich fahre immer noch. Die Sterne sind zu sehen. Der letzte Schluck Cola. Und durch die Nacht kämpfen. Mit all den Idioten, die dauerhaft mit Fernlicht fahren ist das ein wahrer Kampf. Ich sehe die Straße nicht. Meistens ist sie gerade, aber auf den letzten Kilometern sind etliche leichte Kurven drin und ich bin das erste Mal dankbar für die Achtung Kurve Schilder. Noch 10 Kilometer. Da vorne ist Blaulicht. Och nee. Hab jetzt echt keine Nerven für einen Roadblock. Small talk und weiter. Tankstelle. Stopp. Kurz vor Arandis musste ich abschätzen ob der Tank reicht. Zwischen Arandis und Swakopmund liegen 60 Kilometer Nichts. Da gibt es nicht alle 5 Kilometer eine Tankstelle wie in Deutschland. Deshalb fülle ich normal meinen Tank auf sobald er halb leer ist. Heute hatte ich keine Lust in Windhoek zu tanken. Auf nach hause. Und ich habe es geschafft. Nach geschlagenen 1000 Kilometern die ich heute gefahren bin. Ja, ihr habt richtig gelesen. Ein Tausend. Ohne gegen den Schlaf zu kämpfen. Ohne ein einziges Mal zu gähnen. Frag mich nicht wie. Die Straßen hier sind so anspruchsvoll konzentrationsweise, dass ich keine Zeit habe müde zu werden. Habe zwei Cola Dosen getrunken. Ein kleines Brötchen um 9 gegessen. Jetzt ist es 19 Uhr. Jetzt brauch ich erst Mal ein Bier.

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