Regenschirm im Handgepäck

Meine Freundin wird heute mit dem Shuttle vor meiner Haustür ankommen. Und ja, meine Chefin ist genau wie beim letzten Mal als eine Freundin mich besucht hat, wieder nicht da. Nicht dass ich ihr den Vorwurf mache, dass sie sich ein paar Tage frei genommen hat. Aber ich muss deshalb heute arbeiten. Bis um 14 Uhr. Und meine Freundin kommt um 12 an. Aaaah Hilfe! „Jasoooooon! I need your help!“ Wieder meinen Nachbar darum gebeten vor dem Haus zu stehen und zu warten bis eine junge Dame aus einem Shuttle aussteigt und verloren dreinschaut. „What should I do with her?“ Ähm Jason, das klingt sehr komisch. Wie wäre es, wenn du dich vorstellst und ihr meine Wohnung zeigst? Ja, ich lasse sie selbstverständlich offen, weil ich lebe in Afrika und hier ist alles sicher. Hier kann man Haustüren offen stehen lassen (und nein meine Freunde, in diesem Satz war kein Sarkasmus enthalten). „Is she pretty?“ Jason! Bitte nicht, du bist schon komisch genug, bitte einfach nur Hallo sagen. „I just wanna be prepared.“ Ja, ich weiß. Wenn Anja aus dem Welwitschia Shuttle aussteigen wird anstatt aus Carlo’s Shuttle dann wirst du nicht wissen was du tun sollst. Wegrennen oder doch lieber Handstand machen. Aber ich muss jetzt wirklich los, meine Kunden abholen.
Während ich kreuz und quer durch Swakop fahre, um meine Kunden einzusammeln denke ich an Anja. Und an ihre Ankunft in Afrika. Landet in Windhoek. Aber ohne ihr Gepäck. Das ist vermutlich in Johannesburg auf der Strecke geblieben. Dann läuft sie aus dem Flughafen heraus und jemand wartet mit einem Schild und ihrem Namen darauf. Wow, wenigstens etwas hat Anne organisiert, wenn sie mich schon nicht persönlich abholt. Die Nacht schläft sie im Hostel in Windhoek, wo alle ihr verbieten ihren Rucksack mit in die Stadt zu nehmen, weil es zu gefährlich ist. Anne in welch einer gefährlichen Gegend lebst du auf dieser Welt? Ja, sorry, das ist Windhoek. Am nächsten Morgen steigt Anja in einen Shuttle und wird nach Swakopmund gefahren, wo sie von einem wildfremden, glatzköpfigen, älteren Mann mit Bart, der behauptet mich zu kennen, in Empfang genommen und in ein wildfremdes Haus geführt. Wirklich Anne? Ist das wie du Dinge organisierst? Anja kommt wie ich aus der Stuttgarter Gegend und hat mit mir einige Jahre lang zusammen Handball gespielt. Bis ich nach Afrika bin. Anja kennt mich auf dem Spielfeld. Sie kennt meinen Pass, ich ihren Laufweg. Anja weiß, dass ich dreieinhalb Minuten zum duschen brauche und nie nach dem Handball meine Haare föhne. Auch nicht, wenn es draußen schneit. Anja kann sich an einige Partys erinnern, die ich organisiert habe. Ja organisieren kann die Anne. Also lasse ich sie meinen Flug buchen. Gesagt getan. Aber du weißt Anne, ich habe nichts anderes als den Flug! Jaja, keine Sorge, den Rest organisiere ich schon. Ähm ja, also ich organisiere zumindest dass jemand dich am Flughafen abholt, jemand dich von Windhoek nach Swakop fährt und dort jemand auf dich wartet. Habe nie gesagt, dass ich da stehen werde. This is Africa. Sei vorbereitet auf alles. Sei entspannt. Und denk dran: es wird schon. Irgendwie!

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Und da bin ich schließlich. Sandig und mit den Haaren abstehend in alle Richtungen, aber hier bin ich. Erst Mal eine Umarmung für dich! Welcome to Africa.
Ich zeige ihr erst Mal mein Zimmer. Mein großes Zimmer. Ich nenne es meine Wohnung. Und da sind meine Klamotten. Anja sagt nur „das sind mehr als ich gerade habe“. Oh ja ich vergaß, dein Koffer. Ja, ich hab schon Kleidung, wenn du was brauchst, aber viel ist es nicht. Sie will shoppen gehen. Erst shoppen und dann Mittagessen? Erst essen! Ok, ich habe verstanden. Wir laufen durch die Stadt als Anja ruft „da ist das Meer!“ Oh ja ich vergaß, nicht jeder lebt am Meer. Nicht jeder sieht das Meer tagtäglich. Willst du am Meer Mittagessen? Ich weiß, das war eine dumme Frage. Natürlich will sie das. Also ab zum Ocean Cellar. Sushi mit Meerblick. Und die Sonne scheint! Du musst das zu schätzen wissen Anja! Wir haben hier nicht viele sonnige Wintertage. Wir kommen auf das Wetter zu sprechen und darauf, dass es hier (in der Wüste)nie regnet. Ich habe einen Regenschirm dabei. Du hast was? Im Handgepäck? Der war natürlich wichtiger als deine Kleidung, deshalb Handgepäck. Offensichtlich. Du wirst dich noch freuen, dass ich den mithabe. Ähm abgesehen von der Tatsache, dass es nicht regnen wird – sollte es doch regnen werde ich hinaus rennen und anfangen zu tanzen. Ich liebe den Regen. Er bringt Leben. In die Wüste. Aber ja, ich bin froh, dass du einen Regenschirm mitgebracht hast. 😉
Fast vergaß ich. Du hast auch etwas wirklich Wichtiges ins Handgepäck gepackt. Mein Geschenk. Ein Buch. Du hast meine Mama um Rat gefragt. Natürlich sagt sie dir du sollst ein Buch kaufen. Schließlich ist ihre Tochter ungebildet und liest nie. Oder wie Beth sagt „You can read???“ Hallo? Ich liebe Bücher, aber nur weil ich sie nicht verschlinge wie meine Schwester heißt das noch lange nicht, dass ich Bücher hasse. Ich bin nur ein armes afrikanisches Kind, das sich keine Bücher leisten kann. Aber Sushi zum Mittagessen? Natürlich! Hallo, das kann man ja schließlich essen! Bücher nicht! Und als ich im März herunter geflogen bin, mussten die Bücher aus dem Koffer fliegen, weil Snowboard Boots wichtiger waren. Deshalb besitze ich keine Bücher. Nicht vom Thema ablenken- ein Buuuuch! Ich habe ein Buch zum Lesen! =)
Achja shoppen. Wo kann man in Swakop shoppen? Ich gehe nie shoppen. Ich hasse shoppen. Ich muss nicht shoppen. Wozu denn? Hab zwei Hosen, 4 Pullis, 10 Tops, Unterwäsche und einen Bikini. Das reicht doch zum Leben oder? Ja, ich weiß. Die meisten meiner Tops haben Löcher aber who cares?
Du willst was kaufen? Kurze Hosen? Wir haben Winter. Aber frage den Verkäufer! Sage ich stattdessen.
Shorts? No, we are in Winter!“ ist seine Antwort. Ich muss lachen.
Ja Anja, hast gehört? Ich weiß, dass wir 20 Grad haben, aber du wirst hier keine kurzen Hosen finden.
Handtücher? Brauchst du keine. Ich habe welche für dich. Also haben wir nur Unterwäsche und T-shirts gekauft.
Zurück im Haus bittet Anja mich nach Shampoo. Und einer Jogginghose. Ja, wir Handballer leben in unserer Jogginghose. Ich habe eine hier. Und komme aus meinem Zimmer zurück mit einem Shampoo, einer Bodylotion, meiner Haarbürste, einer Sonnencreme, einer Jogginghose und einem Paar Socken. Anja strahlt. Ich meine straaaaaaahlt. So ein richtig glückliches Strahlen. Dabei habe ich kaum etwas gemacht. Aber deshalb liebe ich Afrika. Es ist so einfach Menschen zum Lächeln zu bringen. Sie glücklich zu machen. Achja und hier sind zwei Handtücher. Das sind Beth’s (von meiner Chefin). Ich habe eigentlich nur zwei. Also die zwei, die ich benutze. Wir lachen. Und Anja kommt 20 Minuten später grinsend aus dem Badezimmer zurück. Ja, das ist Afrika. Afrika bringt dir bei, dich über kleine Dinge zu freuen während du auf das große Glück wartest. Wie zum Beispiel sich über eine Dusche zu freuen während man auf sein Gepäck wartet.

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