Ein Abend auf switzerdütsch

Wenn ich mit meiner kleinen Schwester aus Ghana, Tamara, unterwegs bin, wird mir nie langweilig. So auch heute. Als erstes stand auf dem Programm Kamera kaufen. Denn nach ihrer Weltreise kam Tamara auf die Idee, dass ihre Digitalkamera doch nicht so gut ist. Sie wollte aber ihre persönliche Beraterin mitnehmen. Damit meinte sie mich. Ja, ein bisschen Ahnung habe ich schon vom Fotografieren. Also ab in Mediamarkt. (Dabei kann ich den gar nicht leiden. Ich gehe in Stuttgart immer nur in meinen Fotoladen (in den PhotoPlanet, einen Fachladen), wenn ich eine Kamera kaufe. Oder ein Objektiv. Und für alles andere in Saturn. Zwar auch eine Kette, aber mir sympathischer als Mediamarkt. Aber gut, für Tamara gehe ich auch in Mediamarkt.
Hineingegangen. Kameras angeschaut. Den Unterschied zwischen Spiegelreflexkameras, Systemkameras und Bridgekameras erklärt. Tamara eine Bridgekamera für ihren Bedarf und Vorstellungen empfohlen. Tamaras Zweifeln gesehen. Tamara empfohlen eine Verkäuferin nach ihrem Rat zu fragen. Der Verkäuferin lächelnd zugehört. Zufrieden genickt. Tamara bedankt sich bei ihr und dreht sich zu mir um „die hat genau dasselbe gesagt wie du“. Das hab ich auch zufriedenstellend festgestellt. Also heißt es, dass ich doch etwas Ahnung in diesem Bereich habe. Eine Bridgekamera gekauft. Wieder nach Grafstal gefahren.
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Mit Kira (Tamaras Ratte) spazieren gegangen.
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Währenddessen Grafstal erkundet. Mit Kira um die Wette im Schnee gespielt. Es schneit gerufen. Tamaras seufzen überhört. Erneut strahlend es schneit gerufen. Tamaras Augenverdrehen übersehen. Ja nicht jeder liebt den Schnee. Diese Ratte und ich aber schon.
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Ja, mein irischer Terrier aus Namibia hat mir tatsächlich nicht nur die Angst vor Hunden genommen, sondern sogar die Zuneigung zu ihnen erweckt. Sogar zu Ratten. Also diese kleinen Hunde heißen bei mir immer noch Ratten. Aber ich verstecke mich nicht mehr vor ihnen. Ich spiele sogar mit ihnen. Ich fasse sie an! Könnt ihr euch das vorstellen?
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Ich habe ja nur meine Ersatzkamera (die ich mir in Sambia gekauft habe, weil ich mich unbedingt mit meiner Spiegelreflex unter sie Viktoriafälle stellen musste) dabei und nicht mein neues Baby (eine Canon 750D). Deshalb komme ich auch nicht im Ansatz an die tollen Hundebilder einer Bekannten heran. Julia ist Hobbyfotografin und veröffentlicht ihre Meisterwerke auf gefuehlvoll.wordpress.com. Schaut gerne Mal vorbei. Erst heute hat sie wieder Fotos ihres letzten Hundeshootings hochgeladen. Sind echt tolle Werke dabei!
Allersings habe ich mich ja auch noch nie mit Hunden auseinandergesetzt. Erst seit so einem halben Jahr. So oft sind sie mir deshalb bis jetzt auch noch nicht vor die Linse gehüpft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Zunächst bin ich froh diesen Welpen überhaupt irgendwie auf das Bild bekommen zu haben, denn Tamara meinte nur vergiss es, die ist unfotogen. Unfotogen würde ich Kira nicht nennen. Aber verspielt. Wie Kinder eben so sind.
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Nachdem Spaziergang sind Tamara und ich in das Auto gehüpft und nach Luzern gefahren. Dort hat Tamara gesagt, dass ich unbedingt über diese Brücke laufen muss. Die Holzbrücke ist nämlich sehr berühmt. Ich kam nicht auf die Idee zu fragen wie die denn heißt, denn ich kenne meine kleine Schwester ja. Währenddessen erklärt sie mir, dass das dort vorne der Luzerner See ist. Ich nehme es nickend hin. Gestern hat sie mir auch den Zürisee (switzerdütsch) als den Rappeswiller See verkauft. Zu ihrer Verteidigung, wird sind zu dem Zeitpunkt durch Rapperswil gefahren. Allerdings zieht sich der Zürichsee von Zürich bis nach Rapperswil. Und mir als Tochter einer Lehrerin, die Geografie studiert hat kann man so etwas nicht verklickern. So habe ich heute auch nach einer halben Stunde in Luzern einen Stadtplan gefunden. Der Luzerner See entpuppte sich plötzlich als Vierwaldstättersee. Zur großen Verwunderung Tamaras. Und die Brücke heißt übrigens Kapellbrücke und ist das Wahrzeichen der Stadt. Über eine Postkarte habe ich erfahren, dass die Brücke schon einmal gebrannt, von Rabea (eine andere schweizer Freundin von uns) am späten Abend sogar, dass sie schon öfters gebrannt hat. Wikipedia lehrt mich soeben, dass die Kapellbrücke, die älteste Holzbrücke Europas ist und 1365 erbaut wurde. Sie verbindet heute die Altstadt mit der Neustadt und führt über den Fluss Reuss, der in den Vierwaldstättersee mündet. Ja Mama, ich bin nicht immer der Kulturbanause für den du mich hältst. Ich schlage manchmal sogar Dinge nach, die mich interessieren. Nur frage ich nicht den Herr Duden (Mama daheim alle Ausgaben des Duden), sondern Onkel Wikipedia. Sind meistens gar nicht so falsche Informationen dabei.
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Hier konnte Tamara mir auch nicht bei der Namensgebung helfen. Also wurde ich selbst kreativ. Kreativ sein liebe ich. Dann mische ich Wörter zusammen. Es sieht ein bisschel wie ein Schloss aus, aber ein bisschen auch wie eine Burg. Und ich kann „Gütsch“ auf der Mauer lesen. Also nenne ich es Schlossburg Gütsch. Onkel Wikipedia klärt mich gerade auf, dass es Château Gütsch heißt. Also lag ich gar nicht so daneben. Wer das französische Wort nicht verstanden hat, kann es selbst nachschlagen. Ob im Duden oder in Google bleibt euch überlassen 😉
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Während wir durch die Altstadt laufen zeigt Tamara mir ein schönes Gebäude, welches sich sehr gut als Fotoobjekt eignen soll, fügt aber sogleich hinzu frag nicht was für ein Gebäude es ist.
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Diesmal belasse ich es dabei. Ich schlage nichts nach. Schiebe es nur kurz vor die Linse.
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In einem kleinen Laden kaufen wir uns noch ein Stück schweizer Schokolade. Ich bin ja nicht der große Schokoladenesser. Aber die schmeckt wirklich gut! Dabei wechsel ich auch einen meiner 100-Franken-Scheine und halte noch mehr von dem bunten Spielgeld in der Hand. So nenne ich die Scheine. Einen Zwanziger hatte ich Tamara aus der Hand gerissen noch bevor ich selbst die Gelegenheit hatte Geld abzuheben. Die Scheine faszinieren mich. Weil sie so bunt sind. Und weil sie mich so an Spielgeld erinnern.
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In Luzern wird es langsam auch kühl.
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Und dunkel.
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Schnell mache ich noch eine Aufnahme von der bezaubernden Landschaft.
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Halte noch ein Statement der Herausforderung der 21. Jahrhunderts fest. Dem Flüchtlingsstrom nach Europa. Ohne es zu kommentieren. Neutrale Aufnahme.
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Bevor wir uns wieder ins Auto setzen. Ab nach Zofingen. Zu Rabea. Der dritten im Bunde. Die mit uns 2 Monate in Ghana in derselben Gastfamilie gelebt hat.
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Die Wiedersehensfreude war groß. Im Dezember 2014 haben wir drei uns voneinander in Ghana verabschiedet. Bevor jeder einzeln weitere Ecken dieser Welt erkundet hat.
Rabea – Indonesien, Thailand, Philippinen, Borneo und und… und Neuseeland
Tamara – Australien, die Fidschi Inseln und Mauritius
Ich – weitere Länder in Afrika
Dementsprechend viel hatten wir uns zu erzählen. Entsetzt war Rabea nur als sie erfuhr, dass Tamara heute mit mir in Luzern war und ihr nicht Bescheid gegeben hat. Schließlich arbeitet sie da. Was Tamara wusste. Ich dachte du arbeitest in Bern! Bern oder Luzern – ist doch alles daselbe! Ja, unsere jüngste wird kein Geografie-Ass mehr werden. Aber man muss ja nicht alles können. Außerdem hat sie ohne Navi von Luzern zu Rabea nach Zofingen bis vor die Wohnung gefunden, obwohl sie erst einmal dort war! Dazu sage ich immer noch Hut ab!
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Rabea fragte uns dann wohin wir essen gehen wollen. „Wollt ihr italienisch, mexikanisch oder asiatisch essen?“ Ähm hättet ihr auch ein Schweizer Restaurant? Entgegne ich. „Ja scho, aber des is alles so düür!“ Teuer ist sowieso alles in der Schweiz. Rabea überlegt und kennt nicht so wirklich ein Schweizer Restaurant in ihrem Ort, führt uns dann aber doch ins Rathaus Restaurant.
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Und siehe da. Die Speisekarte ist sogar auf switzerdütsch. Noch schweizerischer hätte sie es also kaum treffen können. Die beiden unterhalten sich ja wie auch in Ghana in meiner Gegenwart ja nur auf schweitzerdeutsch. Weil ich ja alles verstehe. Nur manchmal kenne ich bestimmte Wörter nicht. Wie Bulle (Hühnchen), Zistig (Dienstag), Glace (Eis) oder chli (klein). Wobei ich die Bedeutung der meisten aus dem Zusammenhang verstehe. Für Schluckauf hatten Tamara auch ein lustiges Wort, das habe ich aber schon wieder vergessen. Und ab und an verwendet Rabea auch ein Wort, das Tamara nicht versteht oder umgekehrt. Da unterscheidet sich halt der Luzerner von Züricher Dialekt. Und dann soll ich noch durchblicken? Irgendwie schon…
Erst Mal was essen! Da steht Fleisch in der Überschrift, das muss für mich sein! Ich lese weiter einen fantastischen Gemüseteller querbeet. Hä? Und wo ist das Fleisch? Ich lese die Überschrift erneut. Es muss nicht immer Fleisch sein! Und lache los. Alles klar. Ich sollte woohl doch mehr Kontextlesen machen. Dann wird das heute auch noch was mit meinem switzerdütschen Abendessen.
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Ich bin so begeistert von der Speisekarte, dass ich die Kellnerin am Ende frage, ob ich die mitnehmen darf.
„Mitnehmen? Na hören Sie Mal! Wissen Sie eigentlich wie aufwendig die hergestellt wird?“
Die Speisekarte besteht einfach nur aus ausgedruckten, zusammengehefteten, weißen Papieren. Verkneife ich mir.
„Wenn jeder eine mitnehmen würde, hätten wir bald keine mehr!“
Wie oft wurden sie schon gefragt, ob sie eine Karte mitgeben können. Verkneife ich mir ebenfalls.
„Das geht nicht.“
Könnte ich dann ein Foto machen?  frage ich äußerst höflich auf reinem Hochdeutsch.
„Das müssen Sie meinen Chef fragen!“
Das wollte ich eh. Der ist viel netter und nicht so eine Ziege. Schon kommt der freundlich lachende Herr um die Ecke und antwortet auf meine vorsichtig gestellte Frage „und ich dachte Sie wollten ein Foto von mir. Selbstverständlich! Soll ich sie Ihnen per Mail schicken?“ Nein, ein Fötili reicht mir. Alle lachen. Bis auf die Kellnerin. Der Chef verschwindet in der Küche. Kurze Zeit darauf knallt mir die Kellnerin das Menü auf den Tisch. Danche vielmals. Entgegne ich auf fast perfektem schweizerdeutsch. Kurze Zeit später erscheint der Koch an unserem Tisch. Mit einer druckfrischen Ausgabe des Menüs „die können Sie mitnehmen“ fügt er lächelnd hinzu. Der Chef hat mich mit meinem Hochdeutsch also doch als Tourist erkannt und dem Koch den Auftrag gegeben mir ein Menü schnell auszudrucken. Die Küche war eh schon zu, denn mittlerweile war es spät. So habe ich mich noch kurz mit dem Koch unterhalten und erfahren, dass er oft durch Stuttgart gefahren ist, als er zu seiner Ex-Frau nach Mecklenburg-Vorpommern fuhr. Und am Ende haben uns alle (Koch, Chef und weitere Kundschaft im Restaurant) noch einen schönen Abend gewünscht. Und ich bin lächelnd an der Kellnerin vorbeigelaufen. Danke nochmals!
Und deshalb sage ich euch. Falls ihr Mal in Zofingen (irgendwo zwischen Basel, Bern und Zürich landen solltet, geht in das Rathaus Restaurant. Dort gibt es leckeres, schweizerisches Essen, das von einer netten Kellnerin serviert und von einem viel nettern Koch zubereitet wird. Und wenn ihr aufgeschlossen seid, trinkt der Chef bestimmt ein Weizen mit euch 😉
Mittlerweile hat es angefangen zu schneien und Tamaras Rücken schmerzt (sie hatte einen Autounfall wo ein 82 Jähriger ihr hinten aufgefahren ist, weil seine Reaktionsgeschwindigkeit der eines Faultiers gleich kam). Seit dem hat sie nicht nur physische Schmerzen sondern verständlicherweise auch ein psychisches Trauma. Und nachts fahren empfindet sie als sehr anstrengend. Und im Schneien zu fahren hasst sie. So fahre ich mit ihrem Auto zurück nach Grafstal. Gute 45 Minuten sind das. Eigentlich fährt niemand mit ihrem Auto. Nur ihr Freund. Und ihre Mutter. Ich fühle mich geehrt. Will sie aber nicht enttäuschen. Mein einziges Problem sind die Geschwindigkeitsschilder. Ich habe das nicht so mit der Geschwindigkeit. „Keine Sorge Anne, ich schicke dir den Strafzettel auch bis nach Namibia“. Diese Ansage saß. Statt 140 bei erlaubten 120 zu fahren, fahre ich 121. Ganz schön anstrengend sich so an die Geschwindigkeit zu halten. Es schneit jetzt richtig! Rufe ich freudig. „Mmmh“ murrt Tamara neben mir. Habe ich schon gesagt, dass sie Schnee auf Straßen hasst? „Isst es nicht rutschig?“ Nein entgegne ich entspannt. Die linke Spur ist mittlerweile weiß. Auf der entgegenkommenden Spur fährt ein Räumfahrzeug. Und hier fährt die Deutsche die Schweizerin durch den Schnee nach Hause. Bestimmt ein lustiger Anblick. Bin ich froh, dass ich meine Fahrstunden im Dezember im Schnee absolviert habe. Und gelernt habe mit Schnee auf der Straße umzugehen. Zuhause wieder angekommen nehme ich Tamara das Gassigehen ab, da sie am nächsten Morgen Frühdienst hat. Sie arbeitet als Krankenschwester im Kinderhospiz. Kira und ich haben Spaß im Schnee. Beide rutschen über die verschneite Straße. Ich werfe einen Schneeball. Kira rennt los. Bremst. Rutsch 5 Meter weiter. Ich lache. Sie tapst zurück. Schnappt sich den Schneeball. Rennt zurück zu mir. Ich lache. Sie knurrt. Und das Ganze wieder von vorne.
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Später im Bett lache ich mich kaputt während ich die Konversation meiner Eltern in WhatsApp lese. Mein Papa ist gerade eben im Tannheimer Tal auf Langlauf Skiern unterwegs. Alleine. Eine Woche lang. Mit dem Rucksack auf dem Rücken. Von einem Dorf ins nächste. Wenn ihr euch also wundert von wo ich das mit dem Backpacken habe, da seht ihr es.
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Ach und das mit dem alleine reisen wohl auch. Meine Tante dreht schon wieder durch. „Alleine, um Gottes Willen, das ist ja sooo gefährlich. Ich mach mir solche Sorgen um ihn.“ Sonst geht’s noch? Der ist in Deutschland!  Ich war alleine in Afrika. Da müsste ich mir ja 24 Stunden am Tag um mich Sorgen machen! „Das tust du aber nicht, deshalb habe ich das für dich übernommen“ entgegnet sie während ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage.
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Meine Mama sagt nur „lass ihn doch laufen, der braucht das. Ich mache das ganz sicher nicht mit!“ Und genau deshalb liebe ich die beiden doch. Weil sie so unterschiedlich sind. Sich gegenseitig vertrauen. Unabhängig sind. Aber dennoch zusammen leben. Und mir diese Eigenschaften mitgegeben haben. An erster Stelle in mich selbst Vertrauen zu haben.

P.S.: Weil ich oft gefragt werde wie lange ich an meinen Beiträgen arbeite. Dieser hier hat mich gute zweieinhalb Stunden gekostet. Inklusive Bilder übertragen, komprimieren und Links einfügen. Und er ist noch nicht online. Also 5 Minuten brauche ich noch. Ohne Korrekturlesen. Dafür habe ich um 2 Uhr nachts keine Lust mehr. Also verzeiht mir bitte meine Tippfehler.

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