Die Überraschung

Wieso ich mich so lange nicht gemeldet habe? Ich hatte eine Überraschung geplant. Für manche war es eine größere, für andere eine kleine. Überrascht waren aber alle. Denn es wusste niemand. Dass ich mich am Donnerstag von meinen Freunden in Swakopmund verabschiedet habe, um nach Deutschland zu fliegen. Niemand wusste, dass ich diesen Flug gebucht habe, um ein paar Wochen Urlaub in Europa zu machen. Niemand erwartete mich am Freitag abend. Ich wusste nicht Mal, ob jemand daheim sein wird, wenn ich nachts um 10 Uhr klingeln werde, denn einen Hausschlüssel besitze ich nicht mehr. Ich wusste, dass ich in Deutschland nicht einmal mein Handy nutzen kann, da mir meine namibische Sim-Karte nicht weiterhilft. Aber wird schon klappen. Das war meine Einstellung am Donnerstag. Meine Freunde haben nur gelacht. Da ist nichts mehr von der organisierten, deutschen Anne übrig. Da ist nur noch die spontane, afrikanische Anne zu erkennen, die in jede Situation so nimmt wie sie kommt und mit Hilfe von Kreativität Probleme löst. Ja, ich habe mich verändert. Ich habe sogar Flüge gebucht, die der Anbieter nicht empfielt. Es stand immer „change flights“ auf meinem Ticket, weil 2 Stunden in Johannesburg angeblich nicht genug sind, um umzusteigen. Ich war der Meinung, ich werde das Problem vor Ort am Flughafen in Johannesburg lösen können.
Also Byebye Namibia.

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Ich verabschiede mich von den Dünen.

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Vom Ozean.
Von der Wüste.
Von der eintönigen kargen Landschaft.

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Von der abwechslungsreichen Landschaft.
Von der Landschaft, die mich fasziniert.
Von einem Land, das mich gefesselt hat.
Von einem Land, in das ich mich verliebt habe.
Von einem Land, das ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert hat.
Von einem Land, das mich stark gemacht hat.
Von einem Land, das ich mein neues zu Hause nenne.
Von einem Land, das mein Leben auf den Kopf gestellt hat.
Ich verabschiede mich auf Zeit. Es sind keine 3 Monate, dann werde ich wieder hier sein. Ich fliege nur nach Europa, weil ich den Schnee vermisse. Und weil ich meiner Handballmannschaft versprochen habe beim Derby gegen Nellingen wieder da zu sein. Und ich breche keine Versprechen.

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Wir landen schon? Wo ist mein Gepäck? Ach ich habe ja nur Handgepäck. Das ist so schön entspannt. Nur mit Handgepäck zu fliegen. Wo muss ich hin? Internationale Anbindungen. Und da bin ich schon. Wann geht der Flug nach Dubai? In zwei Stunden?! Ich dachte zwischen Landezeit und Abflugzeit liegen genau 2 Stunden. Aber jetzt bin ich schon vor dem Abfluggate und habe quasi keine Zeit verloren. Läuft. Und jetzt? Erst mal Biltong kaufen. Ja vermisse Namibia schon. Oder Fleisch. Mein Geldbeutel sieht auch echt lustig aus. So viele verschiedene Scheine nebeneinander. Und kaputt ist der Geldbeutel auch.
300 namibische Dollar.
400 südafrikanische Rand
205 Euro
Etliche Ein-Dollar-Scheine (US$)

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Eigentlich gut vorbereitet. So kann ich in jedem Flughafen etwas kaufen. In Dubai frage ich die Dame, ob ich den Flughafen verlassen darf. Nein, erst ab 8 Stunden Aufenthalt. Na toll, was mache ich jetzt 6 Stunden am Flughafen in Dubai?

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Hätte ich das schon besser organisieren können. Menschen beobachten. Menschen beobachten ist immer eine gute Idee.
Schwarz gekleideter Mann kommt von links.
5 Meter hinter ihm laufen 4 schwarz gekleidete Frauen.
Weiß gekleideter Mann kommt von rechts.
5 Meter hinter ihm laufen 3 weiß gekleidete Frauen.
Schwarz gekleideter Mann kommt von rechts.
5 Meter hinter ihm laufen 2 schwarz gekleidete Frauen. Eine davon ganz verschleiert. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen.
Und so weiter. Bis ich einschlafe. Auf dem unbequemen Flughafenstuhl. Deshalb wache ich auch auf, bevor ich meinen Flug nach Frankfurt verpasse. Alle Menschen drängeln sich beim Boarding. Ich hüpfe auf und ab. Dehne mich. Drehe mich. Ich muss schließlich meinen Körper bewegen solange es noch geht. Im Flieger sitze ich wieder ewig. Also hüüüpf. Mir doch egal, was die anderen denken. Hauptsache mein Körper schmerzt nachher nicht. Ja, ich komme ja schon. Und ab in die riesen Maschine. Kopf ans Fenster und schlafen.
Wir umfliegen die Kriegsgebiete im nahen Osten und steuer über das schwarze Meer auf Europa zu. Über Rumänien geht es auf den Kontinent. Und während ich auf dem Bildschirm Rumänien sehe, unterhalte ich mich mit einer Bekannten aus Rumänien. Ja neuerdings gibt es sogar WLAN im Flugzeug. Kostenlos. Verrückte Welt.
Landeanflug. Ich habe 40 Minuten zwischen Landung und der Abfahrt meines Zuges. Aber wann fährt der überhaupt? Vielleicht hat der Flieger ja Verspätung? Ich habe mir ein festes Ticket für die Bahn gekauft. Aber fragt mich nicht für welchen Zug. Ticket ist irgendwo in meinem Rucksack. Gut organisierte Anne. Naja Stress würde jetzt ohnehin auch nicht weiterhelfen. Ich muss warten bis die Tür aufgeht. Und dann Richtung Fernbahnhof. Ich irre 15 Minuten durch den Flughafen bevor ich einen Angestellten nach dem Weg frage. Im letzten Moment fällt mir ein, dass ich nicht englisch sprechen muss. Endlich bin ich am Bahnhof. Ticket anschauen. Anzeigetafel anstarren. Mein Zug fährt erst im 45 Minuten? Wie ist das möglich? Der Flieger ist wohl etwas zu früh gelandet.
Auf Gleis 5 kommt jetzt ein Zug nach Stuttgart. Mal sehen, ob ich den auch nehmen kann.
Ich habe ein Ticket für einen späteren ICE. Kann ich auch mit diesem fahren?
Eigentlich nicht.
Und uneigentlich?  (Die Afrikanerin in mir möchte die strengen deutschen Regeln nicht einfach so hinnehmen)
Wenn ich bis Stuttgart durchfahren würde, würde ich sie mitnehmen, leider muss ich in Mannheim aussteigen.
Und mit einem Aufpreis?  (Die Afrikanerin in mir fängt an zu handeln)
Sie haben einen seeehr günstigen Sparpreis erhalten und müssten über 60€ drauf zahlen um mit diesem Zug zu fahren.
Geht da wirklich nichts anderes? (Die Afrikanerin in mir bleibt hartnäckig)
Steigen sie ein! Aber bleiben Sie in diesem Abteil.
Grinsend springe ich in den Zug und genieße es mit 250km/h über die Schienen zu fliegen. In Namibia fährt niemand mit dem Zug. Der Zug schafft aber auch kaum mehr als 30km/h. Das ist ein riesen Unterschied.
In Stuttgart angekommen wird mir wieder bewusst, dass ich nur eine kurze Hose und eine Leggins trage. Es ist verdammt kalt. Ich ziehe meine Jacke an. Macht keinen Unterschied. Und Handschuhe. Finger sind schon eisgefroren. Und Schal. Hals bleibt warm. Und laufe kilometerlang auf dem Bahnsteig Richtung Bahnhof. Diese Megabaustelle am Stuttgarter Bahnhof ist gewachsen.
U-Bahn Richtung Ostfildern. Noch habe ich nicht alles vergessen. „U7 Möhringen. Hä? Eigentlich habe ich immer die U7 Ostfildern genommen. Ok vielleicht fährt ja eine andere U-Bahn nach Ostfildern. Nein tut es nicht. Dann steig ich jetzt einfach in die hier ein. Ich kann ja nicht Mal auf dem Handy nach einer Verbindung schauen. Meine namibische Sim-Karte hilft mir in Deutschland absolut nicht weiter. Ich kann nicht Mal jemanden anrufen. Es ist 9 Uhr abends.
Ich steige in die U7 ein.
Steige zwei Stationen später wieder aus.
Friere im Kalten.
Steige ich die nächste U7 wieder ein.
Die U7 fährt tatsächlich nach Ostfildern.
Ich steige eine Haltestelle zu früh aus.
Schaue auf den Busplan.
Bus verpasst.
Ich fange an zu laufen.
Meine Zehen sind kalt.
Meine Stoffschuhe haben Löcher.
Meine Zehen frieren.
Stoffschuhe sind nicht die besten Schuhe für den Winter.
Meine Zehen sind erfroren.
45 Minuten später stehe ich vor der Haustüre.
Es ist 22 Uhr und stockdunkel.
30 Stunden nachdem ich aus Namibia gestartet bin.
Lange Reise.

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Am nächsten Tag fahre ich um 6 Uhr los Richtung Berge. Ich will Schneeeeeee!

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Nach fast zwei Jahren ohne Schnee bin ich endlich wieder in der weißen Landschaft.

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Glücklich mit der neuen Sonnenbrille.

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Am Tag danach habe ich noch meine Handballmannschaft überrascht. Nachdem ich zuerst in der falschen Stadt stand. Das wäre mir früher nie passiert. Ich stehe in Nellingen aber wir spielen in Wolfschlugen. Ich weiß nicht Mal wieso. Habe ich den Spielplan falsch gelesen? Vermutlich lag es einfach an der Afrikanerin in mir. So stand ich eine halbe Stunde zu spät in der Halle. Aber immer noch eine halbe Stunde vor Anpfiff. Aber dann! Die Blicke meiner Mitspielerinnen! Unbezahlbar! Bis die kapiert haben wer da steht. Die haben mich glaube ich für einen Alien gehalten. Und sind dann alle auf mich zugerannt. Ich habe mich gut gefühlt. Endlich wieder bei meinen Mädels. Und gleich bin ich in die Startaufstellung gerutscht. Nachdem ich 15 Monate nicht trainiert habe.
Gewonnen haben wir das Derby selbstverständlich!

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4 Gedanken zu “Die Überraschung

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