Was ist Glück und wie stark bin ich mental tatsächlich?

Ich glaube das hier war wohl so ziemlich das gefährlichste was ich in den letzten Monaten in Afrika getan habe. Nein das kann man weder mit dem Bungeesprung an den Viktoriafällen noch mit dem Fallschirmsprung in Swakopmund vergleichen. Denn bei der heutigen Aktivität gab es kein Seil an dem ich gesichert war und auch kein Fallschirm, der mich getragen hat. Ich würde sogar sagen es war gefährlicher als das Wildwasserrafting im Sambesi und das Schwimmen im Angel’s pool im Sambesi. Aber es toppt auch so ziemlich alles von meinen Gefühlen her. Ich fühle mich stark. Stark weil ich es geschafft habe. Nicht nur physisch geschafft, sondern vor allem psychisch. Heute war mentale Stärke gefragt. Aber keine Angst meine Lieben. Sowie ihr diesen Beitrag lest habe ich das Abenteuer schon hinter mir. Vielleicht etwas Blut weniger im Körper und einige Kratzer mehr, aber dafür glücklich. Glücklich, das ist das wort, das mich in den letzten Monaten am Besten beschreibt. Ich bin glücklich. Nicht für einen Moment oder einen Tag, sondern für Monate. Uneingeschränkt. Das Leben hier, die Menschen, die Landschaft, die Natur – all das zusammen macht mich glücklich.

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Um glücklich zu sein muss man etwas dafür tun. Das Glück kommt nicht ohne weiteres zu dir. Lebe dein Leben wie du es liebst und das Glück wird zu dir kommen.

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Das habe ich gestern wieder gemacht. Meine Freunde zusammengetrommelt. Auto gepackt und ab nach Spitzkoppe gefahren. Gut gegrillt, im Freien unter dem wunderschönen Sternenhimmel geschlafen und Sternschnuppen beobachtet. Um 3 aufgestanden, Rucksack aufgesetzt, Stirnlampe auf, denn der Mond war schon verschwunden und los gestapft. Zu sechst. Alle Bones hinter her. Nici zwischen Peter und mir, da sie keine Lampe hat. Über Stock und Stein. Felsplatten hinauf geklettert. Like a monkey. Trust in your feet. Ja Bones ich weiß. Gott sei Dank sehe ich nicht was links und rechts neben mir ist. Zu dunkel. Ich spüre es nur. Ich bin die einzige, die im Top und kurzer Hose hinaufklettert. Ich möchte aber meine lange Hose nicht zerreißen. Also lieber zerkratzte Beine in Kauf nehmen.
Wir bleiben stehen. Anne can I please have your torch light because it is better than mine. Natürlich, du musst ja schließlich den Weg finden. Im Stockdunkeln. Markierungen gibt es hier nicht. Ab und an sind ein paar Steine gestapelt, die wir aber meistens erst sehen, wenn wir direkt daneben stehen. Ihr wollt wissen, was ich eigentlich tue? Ja, ich habe viel Zeit in meiner Kindheit in den Alpen mit wandern verbracht, aber mit wandern hat das hier nicht sehr zu tun. Es ist näher am free climbing als an wandern. Ob wir gesichert sind? Vertraue in deinen eigenen Körper heißt das. Jeder Schritt muss wohl überlegt sein. Ausrutscher solltest du dir nicht erlauben. Aaah, was ist das schwarze Loch neben mir? Sieht aus wie ein mega Felsspalt. Ein tiefer. Lieber nicht hinschauen. Einfach weiterlaufen. Auf der Kante. Hoffen, dass deine Schuhe auf dem Fels greifen. Die guten Turnschuhe, die mich seit Monaten durch Afrika begleiten und schon mit mir im Wasser des Okavango Deltas waren.

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Trinkpause. Wir schalten unsere Lampen aus. Wow. Atemberaubend. Der Sternenhimmel. Erfüllt den ganzen Himmel. Bis zum Horizont. Oder bis zu den Felsen über uns. Einfach wunderschön.
Und weiter geht’s. In einer Felsspalte hinauf. Im Spagat festklemmen und langsam hochbewegen. Man ist das anstrengend. Ich frage mich wie lange meine Kraft das mitmacht. Bones hatte Nici und mir gestern gesagt you are fit enough to do it, it is more a mentally question. Na, dann, mental sollte ich zur Zeit auf dem Höchststand sein. Was ist das jetzt? Flache Felswand. Fühlt sich senkrecht an. Oder zumindest so steil, dass du nach hinten fliegst, sobald du nur daran denkst, du könntest fallen. Gut, dass diese Gedanken in meinem Kopf keinen Platz haben. Ich konzentriere mich nur auf die milimeter dünnen Vorsprünge, an denen ich mich festhalten oder abstoßen kann. Noch ein bisschen. Mit beiden Armen jetzt hochziehen. Das heißt mein ganzes Körpergewicht über die Kante ziehen. Puuh geschafft. Und weiter gehts. Nächstes Hindernis. Wie komme ich da hoch? Das ist ungelogen senkrecht. Push yourself with your feet up from the ground! Sicher ist auch etwas anderes. Also mit allen Muskeln in den Beinen dein ganzes Körpergewicht senkrecht nach oben zu bringen. Was ein Kraftakt. Wie der gesamte Aufstieg. Nicht denken. Muskeln anspannen. Hoch. Es gibt kein aufgeben. Hier will keiner im Dunkeln zurück bleiben. Und wer weiß, ob die anderen beim Abstieg denselben Weg finden?

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Wir kämpfen uns hoch. Und gelangen tatsächlich zu der Plattform kurz unter der Spitze. Pause. Aussicht genießen

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Sonnenaufgang

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Dann geht es weiter. Das letzte Stück.

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Auf einer Felskante. Fast wie Spaziergehen. Aber nur fast. Links und rechts sind Felsspalten. Vor uns eine zwei Meter senkrechte Wand. Und jetzt? Die Männer sind alle hochgekommen. Nici stoppt. Zögert. Ich kann da nicht hoch. Ich kann mich nirgends festhalten. Und auch nicht mit den Füßen abstoßen. Ich komme näher. Stelle mein Bein hin. Auf den Oberschenkel tust du deinen linken Fuß und drückst dich ab! And you? What about you? How do you come afterwarts up?  Wir werden sehen. Mit meiner „Räuberleiter“ ist Nici gut hochgekommen aber jetzt hänge ich dort fest. Auf gut Glück hochdrücken kann ich mich hier nicht, dafür sind die Felsspalten links und rechts zu tief. Also was? Anstatt den mittleren Pfad nehme ich den linken und springe oben über die Felsspalten. Gibt ja sonst nichts einfacheres in der Welt. Nebenbei bemerkt, die Fotos sind alle beim Abstieg entanden, nicht nur wegen Lichtverhältnissen. An den gefährlichsten Stellen gab es ohnehin keine Pause für Fotos, deshalb müsst ihr euch mit den flachen Stellen auf den Bildern zufriedenstellen.

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Aber ich bewundere die Natur. Die Überlebenskünstler in der Wüste.

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Pflanzen, die sofort anfangen zu sprießen sobald es wenige Milimeter geregnet hat.

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Wir sind oben! Wir haben es tatsächlich geschafft.

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Ich weiß, wir sehen müde aus. Kaputt. Ausgelaugt. Ich weiß, dass mein Knie blutet. Aber wir haben es geschafft.

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Es war ein Kraftakt für alle.

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Aber wir haben es geschafft. Bones sechster Aufstieg. Er war unser Guide. Brunes war schon 3 Mal oben. Strech (in Swakopmund bekannt als the snakeman) hat es das erste Mal geschafft hochzuklettern (fährt seit 1990 zum Campen hin).

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Einfach wunderschön hier oben.

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Atemberaubend der Sonnenaufgang.

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Ich liege da. Oben auf der Spitzkoppe. Total entspannt. Glücklich. Ich will mich nicht verabschieden. Ich weiß, dass es neben mir links und rechts tief nach unten geht. Drehen darf ich mich nicht. Aber dennoch bin ich total entspannt.

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Ich liebe diesen Ort.

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Bergab ging dann dennoch wesentlich einfacher als erwartet. Nici und ich hatten oben unsere Zweifel geäußert. Hoch klettern ist eine Sache, aber das ganze rückwärts hinunter? Doch Bones hatte Recht, hinunter ist tatsächlich wesentlich einfacher. Die meiste Zeit springen wir an den Stellen, wo wir wenige Stunden zuvor klettern mussten. Geht halt in die Knie. Und die Landung muss sitzen. Ein verstauchter Knöchel ist hier keine Option. Und abrutschen sollte man nicht, wenn man auf einem Fels landet. Ich spüre so langsam meine Gelenke, die unter jahrelangem Leistungssport gelitten haben. Die Hüftknochen knacken bei jeder Drehung. Ein Stich fährt ins rechte Knie bei jeder Landung. Aber da muss ich jetzt durch. Krrrrrrrrr.  Alle drehen sich um. Nici ist gerutscht. Zum Glück konnte sie sich noch auffangen. An dieser Stelle wäre es sonst schlecht für sie ausgegangen. Peter sagt nur „never ever do that again“! Wir sollten langsamer machen. Unsere Körper werden müde. Die Muskeln schlapp. Wir unaufmerksam. Da passieren Ausrutscher schnell. Und hätten in diesem Gelände fatale Folgen.

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Kurz vor dem Ende macht Bones seinen speed wing Flug. Brunes filmt ihn mit seiner Drone. Atemberaubend. Speed wing flying ist so ähnlich wie Paraglyding, nur dass der Fallschirm viel kleiner ist und man schneller fliegt.

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Es sieht nur unmenschlich aus. Wie er Anlauf nimmt und dann über einer Felswand abspringt. Man muss dafür sehr stark sein. Mental fit. Ich bewundere Bones dafür. Dass er das kann. Und dass er die Hälfte einfach hinabgleitet und nicht wie wir hinab laufen muss.

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Die Sonne steht jetzt auch schon relativ hoch und brennt ordentlich. Diese Hitze bin ich nicht mehr gewohnt.

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Mein Asthma macht sich auch bemerkbar. Vermutlich ist es die Höhe. Seit 4 Monaten lebe ich auf Meeresspiegelhöhe. Heute bin ich hoch bis auf 1700m geklettert. Das macht meiner Lunge wohl zu schaffen.

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Unten erwarten uns bereits Sandra und Dawie. Und jetzt erst mal ein Bier. Ein kaltes!

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Kurz darauf fallen alle in der Mittagshitze auf ihre Matratze. Eine Runde dösen. Sandra lernt. Ich schreibe Blog. Kann weder auf dem Bauch noch auf dem Rücken liegen, weil sowohl mein Knie als auch meine Wade blutet und ich egal wie ich liegen würde die Matratze blutig machen würde. Sandra flippt fast aus, weil ich meine Wunden immer noch nicht gesäubert habe. Wenn die wüsste, dass die Wunde beim Aufstieg entstanden ist und jedes Mal wieder angefangen hat zu bluten sobald ich knien musste oder mit dem Knie an den Fels gekommen ist. Die anderen haben schon gescherzt und gesagt Anne markiert unseren Weg, damit wir ihn nachher finden. Schließlich habe ich überall Blutspuren hinterlassen. Ich hatte zuerst gar nicht bemerkt, dass ich blute. Hat nicht wehgetan. Vermutlich zu viel Adrenalin im Blut. Und jetzt auch Schmutz. Aber Schmutz härtet ab.

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Am frühen Nachmittag rappeln wir uns alle doch noch Mal zusammen. Ich weiß nicht wer auf die Idee kam, aber ich bereue es kurz darauf mitgegangen zu sein. Let’s do some real rock climbing! Jetzt? In der Hitze? Nach dem kraftraubenden Aufstieg diesen Morgen? Natürlich, wir aind schließlich alle jung und hoch motiviert!

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Bones klettert als erster hoch. Er legt die Sicherungsleine. Danach ist Peter dran. Doch beide tun sich verdammt schwer. Dabei sieht es viel einfacher aus, als das letztens im Flussbett?

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Ist es aber nicht, wie ich gleich feststellen darf. Ich scheitere gleich zwei Mal am Aufstieg, weil die ersten beiden Meter verdammt schwer sind. Kein Halt zu finden. Danach geht es besser, doch mein Finger schmerzt. Beim Aufstieg zur Spitzkoppe habe ich ein Loch bekommen. Vermutlich durch eine Dorne. Jetzt getaped, aber das Tape rutscht langsam ab. Somit ich von der Wand. Bones I can’t go further. „Anne you can do it!“ antwortet er nur. Nein ich kann echt nicht mehr. Ich stoße mich noch einen halben Meter hoch.

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Meine Beine fangen an zu zittern. War wohl doch zu viel Anstrengung heute. Irgendwann ist Schluss. Bones I am done, I come down now!  „No, try it ‚til you fall. If you do not fall you did not try hard enough!“ Ich hasse dich. Ich kann echt nicht mehr. I will fall right now!
Bones: „that doesn’t count, then you have to go up again!“
Nici: „Anne you can do it!“
Peter: „Anne, I know you, you never give up!“
Ich hasse euch alle.

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Und kämpfe weiter. Ich bin fast oben? Wirklich? Dann kann ich jetzt echt nicht mehr aufgeben. Geschafft. I will stay here Bones. I sleep here. Rufe ich herunter und umarme den Fels.

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Danach ist Nici dran. Auch sie quält sich beim Anfang. Fällt und es sieht aus als würde sie rückwärts hochklettern (siehe Bild weiter oben). Doch auch sie schafft es am Ende bis ganz nach oben. Danach ist Sandra dran. Für sie ist es das erste Mal rock climbing. Auch sie schafft 5 Meter mit unserer Hilfe.

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Dann macht Bones noch die schwerere Route einmal und danach sind wir fertig.

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Habe ich fertig gesagt? Womit fertig? Mit den Nerven vielleicht, aber fertig sind wir noch lange nicht.

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Vor dem Duschen gehen wir noch zur Arche. Und blicken auf Kleinspitzkoppe.

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Nach dem Duschen spielen wir noch Volleyball bis der Ball in den Dornen stirbt und gehen danach noch ein paar Meter hinter unserem Campsite den Berg hoch um den Sonnenuntergang zu bewundern.

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