I’m the Boss!

Heute morgen war es so weit. Beth hat mir das Geschäftshandy übergeben. Noch eine Umarmung und Tschüss. Ich bin los in Richtung Düne und sie ab zum Flughafen. Sie fliegt für 16 Tage heim in die Staaten. Normalerweise ist das kein Problem, denn sie hat in Swakopmund ein breites Netzwerk und immer ist jemand da, der für sie die Arbeit für ein paar Tage übernehmen kann. Doch diesmal ist es nicht so. Alle sind ausgeflogen. Indonesien, Botswana, Südafrika oder selbst in die Staaten. Und da sie unbedingt auf das Klassentreffen will, das extra für sie verlegt wurde, konnte sie nicht an einem anderen Datum. Also brauchte sie eine andere Lösung. Ihren beiden Mitarbeitern kann sie das Geschäft nicht überlassen. Sie meint bei denen sitzt der Kopf nicht an der rechten Stelle. Also was dann? Da kommt doch diese Deutsche. Die Deutschen machen ihre Arbeit ordentlich. Also lass es sie machen.
So bin ich hier letzte Woche noch nichts ahnend angekommen. Sie hat mir absichtlich vorher nicht davon erzählt, weil sie Angst hatte, dass ich dann abspringe. Also hat sie mich am ersten Tag damit überfallen. Du wirst das Geschäftshandy nehmen, die Emails checken, die Buchungen entgegennehmen, die Trips planen, das Mittagessen für die Kunden einkaufen, die Kunden abkassieren und dein Team leiten. Achja und auf das Haus aufpassen und dich um die Tiere füttern. Ist doch nicht so viel oder? Ähm, nein natürlich nicht.
So habe ich Beth seit letzten Mittwoch auf Schritt und Tritt verfolgt, um alles mitzubekommen, was ich machen muss. Irgendwann meinte sie nur, dass sie bis jetzt gar nicht wusste wieviel Arbeit sie eigentlich macht. Sie gehört nicht zu dem Typ Chef, der alles nur die Mitarbeiter machen lässt und selbst nur herumkommandiert, sondern zu dem Typen Chef, der lieber alles selbst macht, weil es zu viel Aufwand ist die Mitarbeiter einzuweisen und dann doch kontrollieren zu müssen, ob es wirklich gemacht wurde. Da macht man lieber alles selbst, dann weiß man, dass es gemacht ist. Ich glaube ich würde da auch dazu gehören. Jetzt sowieso. Aber ja, du machst ziemlich viel, muss ich zugeben.
So und ab heute ist das alles meine Aufgabe. Läuft oder?
Also springe ich mit dem Geschäftshandy in den Minivan und los gehts. Nein, ich fahre nicht selbst. Das wäre dann doch zu viel an einem Tag wie heute. Steven fährt den Wagen mit der Ausrüstung und sammelt die Filmcrew ein, während Paulus mich zu den Kunden fährt. Also er fährt, ich sage wohin, denn er kennt die Hotels nicht. Er arbeitet erst seit 19 Jahren für Beth. Da kann man doch nicht von ihm verlangen, dass er die Stadt mit seinen Unterkünften kennt oder? Oder eine Karte lesen. Das machen nur die Weißen, wie er das sagt. Aber immerhin finde ich die Hotels. Karte hin oder her.
Die Kunden warten zum Glück vorbildlich vor ihrer Unterkunft, so dass wir nur kurz halten müssen und los geht’s. 3 Damen aus Texas, eine Australierin und ein Engländer. Harter Tag für mich. Alles schnell sprechende Leute. Aber wird schon.
An der Düne angekommen meint Steven, er macht das Briefing. Doch das war das letzte Mal. Ja er liebt es im Mittelpunkt zu stehen, aber das waren wohl zu viele Frauen vor ihm, die ihm den Kopf verdreht haben. Die Hälfte hat er vergessen zu sagen und ich musste ergänzen. Ab morgen übernimmt das wieder der Boss, verstanden? Dann lasse ich ihn aber seinen Teil machen. Er nimmt die lie down Boarder und gibt ihnen eine Einweisung. Ich schnappe mir die richtigen Boarder. Ein Snowboarder ist dabei, heißt ihm muss ich nur den Unterschied zwischen Schnee und Sand erklären. Die Dame ist Anfängerin, ihr erkläre ich oben alles.
Rucksack auf, Snowboardschuhe anziehen, Board in die Hand und loslaufen. Auf dem Weg nach oben lernen meine beiden Kunden erst Mal was es heißt eine Düne zu besteigen. Während sie oben erst Mal verschnaufen, weise ich sie in das Sandboarden und das Wachsen der Boards ein. Dann schicke ich den Boarder hinunter. Wie erwartet meistert er das problemlos. Dann widme ich mich der Anfängerin. Erkläre ihr wie man fährt, wie man aufsteht, wie man das Gleichgewicht hält und so weiter. Dann lasse ich sie aufstehen, einbisschen rutschen, während ich hinter ihr stehe. Und dann lasse ich sie hinunter. Die Dame steht zu sehr mit dem Gewicht auf den Fersen und rast den Hang hinunter, fällt, steht auf bevor sie das Board ausgerichtet hat und rast senkrecht den Hang hinunter. Anfangs versuche ich ihr noch etwas zuzurufen, doch irgendwann schlage ich nur die Hände vor dem Kopf zusammen. Sie macht eh nicht, was ich sage. Und jetzt kommt die Schotterfläche, oh nein. Dort kann ein Sturz sehr schmerzhaft sein, weshalb wir den Touristen immer sagen davor zu stoppen. Irgendwie rutscht sie darauf noch weiter, was mir als Boarder sehr wehtut, weil das etliche Kratzer in das Board zieht. Aber irgendwann kommt auch sie zum Stehen. „Are you okey?“ rufe ich hinunter. Sie streckt den Daumen hoch. Puuh, zum Glück. Die nächste Abfahrt macht die an meiner Hand. Nicht dass so etwas nochmal passiert. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist aber schwer abzuschätzen. Wir haben so viele Anfänger auf dem Snowboard, die das alle unterschiedlich gut meistern. Manche brauchen mehr, manche weniger Unterstützung. Beth gibt aber immer nur von oben Anweisung. Ich bin die einzige, die selbst auf das Board steigt und mit den Boardern gemeinsam hinab fährt.
Ich schaufele erst Mal Sand auf die Schanze, denn der Boarder muss da jetzt drüber, was er auch macht und souverän landet. Dann schnalle ich mein Board an und mache die zweite Abfahrt gemeinsam mit der Anfängerin. Sie fühlt sich viel besser und fährt im unteren Stück auch ohne meine Stütze. Geht doch.
So machen wir noch einige Abfahrten bevor die beiden dann auch das lie down boarden probieren dürfen. Das übernehmen dann wieder Steven und Paulus. Währenddessen fahre ich erneut hinunter und trage einen Wasserkanister hinauf. Dann steht die letzte Abfahrt an und es geht zurück zum Auto.
Dort sitzen wir noch alle gemeinsam zum Mittagessen zusammen bevor wir wieder zurück fahren. Ich schicke Paulus zum Office und erkläre unseren Kunden wo sie am Nachmittag das Video abholen und die Fotos sich anschauen kann. Dann kassiere ich sie noch ab bevor wir sie wieder zu ihrer Unterkunft bringen.
Die beiden Männer kümmern sich dann um die beiden Wägen, leeren diese, räumen die Ausrüstung auf und fahren die Minivans in die Garage. Währenddessen leere ich die Kühltasche und schmeiße den Pc an. Auf dem Stuhl liegt die Katze. Hast du die Mails gecheckt? Nicht? Du verschlafenes Ding. Alles muss man selbst machen.
Kaum bin ich fertig damit, suche ich Zak. Hund wo bist du? Lange nichts mehr von dir gehört! Das ist nicht normal. Ich finde ihn im Wohnzimmer. Auf der Couch. Mit hängenden Ohren und ohne Reaktion auf mein Erscheinen. Das ist nicht normal. Da vermisst wohl jemand seine Mama. Aber die wird so schnell nicht zurückkommen. Verstehst du das? Was mache ich jetzt mit einem depressiven Hund? Hallo reicht es nicht, dass ich dich füttere und jeden Tag mit auf die Düne nehme? Tiere, so anspruchsvoll, das überfordert mich jetzt echt. Hab noch genug zu tun.
Also gut. Die Sonne scheint, ich geh an Strand. Kommst du mit Zak? Er hebt den Kopf, nichts weiter. Du kannst mich Mal. Ich laufe in die Küche und schnappe mir die Schlüssel. Da kommt er angeflitzt. Ach jetzt? Hast du jetzt Angst allein zu bleiben? Ich hole die Leine. Jetzt springt er herum. Na also. Und ab an Strand.
Am Anfang ist er noch sehr unsicher. Bleibt in meiner Nähe, entfernt sich nicht zu sehr. Doch langsam zeigt er wieder seine gewöhnlichen Verhaltensweisen. Und schnüffelt überall herum. Geht doch.
Wieder daheim dusche ich schnell und mache mich dann auf den Weg zum Office. Wie Zak mich anschaut, als ich die Türe hinter mir zuziehe und ihn nicht mitnehme. Andere wären wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen. Ich sage nur „deal with it Zak, I’m back in half an hour!“
Im Office sind noch 3 der Kunden von heute. Smalltalk blabla. Alles für das Geschäft. Dann mit Mersha sprechen. Die Dame hinter der Theke. Vor dieser Frau habe ich Respekt. Eine dunkelhäutige und unglaublich fähige Frau. Was die hier im Büro alles können muss. Es ist nicht viel los, aber sie ist von 8 bis 5 jeden Tag im Büro. JEDEN. Den ganzen Juni. Das sind 30 Tage am Stück. Läuft. Heute hat sie nichts für mich, was ich prüfen muss. Und auch keine neuen Buchungen. Alles klar. Da eine der Kunden von heute noch nicht da war, um das Video abzuholen, sage ich ihr, sie soll noch eine halbe Stunde bleiben, dann kann sie heimgehen. Und verschwinde wieder. Heim. Der Katze das Essen richten. Dem Hund die Tabletten geben. Dem Hund das Essen richten. Das eigene Essen richten. ESSEN. Die Katze sitzt auf dem Tisch auf meinen Notizen. Glaub die braucht Zuneigung oder so. Doof. Von mir bekommt sie nur Essen. Und Trinken. Muss reichen. Nach dem Essen werden nochmal die Mails gecheckt. Und jetzt? Fertig für heute. Fix und fertig.
Aber jetzt will ich noch was für mich machen.
Blog schreiben. Radio an. Hitradio Namibia. Andreas Bourani läuft. Zurück lehnen und tippen.

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4 Gedanken zu “I’m the Boss!

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