*Es schneit, es schneit* in der Wüste – 31. März

Gestern habe ich mich auf den Rückweg gemacht. Von Lüderitz nach Swakopmund zurück. Luftlinie sind das vermutlich nur 300 Kilometer. Da es aber keine Straße an der Küste hoch gibt (weil nur Sand), muss man zuerst ins Landesinnere fahren und dann über Windhoek wieder an die Küste. 1300 Kilometer. Keine Sorge. Dafür habe ich zwei Tage geplant.

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Wisst ihr was es heißt „eine halbe Stunde weit blicken“? Das sieht wie folgt aus. Ihr fahrt im Auto, sucht den Punkt am Horizont, wo die Straße den Himmel berührt. Dort werdet ihr in einer halben Stunde sein. Das Spiel habe ich gestern einige Male gemacht. Und nein, das ist nicht übertrieben. Ich fahre einen Hügel hinauf. Vor mir öffnet sich die weite Ebene. Die endlose Wüste. Und eine kerzengerade Straße. 50 bis 60 Kilometer lang sehe ich sie. Bis sie am Horizont verschwindet. Diese 60 Kilometer schaffe ich auf der ausgebauten Straße in einer halben Stunde. Das ist unvorstellbar. Es sieht so nah aus. Doch nichts bewegt sich. Die Landschaft neben dir? Flachland. Keine Veränderung. Der Horizont? Unverändert. Du hast das Gefühl zu stehen. Und doch fährst du. Über 100km/h. Unglaublich. Dann drehst du das Radio auf und hörst „Au revoir“. Moment. Au revoir? Das ist ein deutsches Lied. Von Mark Forster. Aber ich bin doch in Namibia? Namibischer Empfang. Lalalala. Und jetzt Cro? „Hitradio Namibia, Namibias bester Musikmix!“ Na das gibt es doch nicht. Mein Sender in Namibia. Die Kopie von Hitradio Antenne 1 (Baden-Württemberg), Bayern 3 und Oe 3. Nur mehr Musik. Nachrichten aus Deutschland und Namibia. Hier schalfe ich nicht mal bei den Nachrichten um. Hab ja lange nichts mehr erfahren. Sssschschsch. Ja danke. Ich bin in der Wüste. Umschalten? Und was ist das? „Deutsche Welle“ nächster deutsche Sender. Erinnert mich an den Radiosender meiner Mutter. Dkultur. Bei dem dreht sich normalerweise mein Magen um. Zu viel Gelaber. Und nicht so meine Musik. Aber verdammr, das ist der einzige Sender, den ich hereinbekomme. Mitten in der Wüste. Während ich an Achtung-Schildern mit dem Text „Wind“ oder „Sand“ vorbeifahre, höre ich deutsche Musik. Kinderlieder. Denn es läuft die Sendung „Hallo Kinder“. Ein Mädchen erklärt den Osterbrauch. Danke, jetzt weiß ich auch Bescheid. Darf man Ostereier auch im Sand verstecken? Ich finde hier kein Gras. Nur Sand. Zwischen ihren Erklärungen werden Lieder geschalten. Das nächste ist dran. Ich schaue nach rechts. Eine riesige Düne. Sand. So weit das Auge reicht. *Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus…* Bitte was? Das ist jetzt nicht dein Ernst? Doch. Also gut. Dann fahre ich durch die Wüste und höre Winterlieder.

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Und sehe einen Strauß am Straßenrand, während ich durch die hügelige Landschaft fahre.

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Die Landschaft wird zum Glück abwechslungsreicher und so genieße ich das Fahren.

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Bisschen Strahlen über beide Ohren gehört dazu. Hab schließlich gerade 7 Strauße aus dem Auto bei 100 km/h entdeckt.

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Am ersten Tag komme ich bis nach Mariental. Nein, das liegt genausowenig in Deutschland wie Lüderitz. Wenn ihr bei Lüderitz denkt, es liegt an der Ostsee, das ist Lübeck. Klingt ähnlich, ist aber nicht dieselbe Stadt. (Jemand hatte mich das gefragt, deshalb dieser Einschub für alle)

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Heute geht es dann weiter von Mariental über Windhoek nach Swakopmund. Von Windhoek nach Swakopmund habe ich mich gegen die vielbefahrene Straße im Norden entschieden. Und für die „landschaftlich schöne“. So sagt es meine Landkarte zumindest. Grün auf gelb. Sieht schön aus. Ein Pass ist auch dabei. Aber was heißt das schon. Am ersten Tag bin ich auch über einen Pass gefahren und habe es nicht Mal gemerkt. Die Strecke ist gelb, also eine größere Landstraße. Normalerweise.

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Zunächst geht es aber bei Sonnenaufgang in Mariental los. Voll tanken und dann bin ich bereit für die letzten Kilometer. 500? 600? Irgendwie sowas. Passt schon. Ich fahre auf der ausgebauten Strecke entlang. Gerade. Eeeeeeewig gerade. Ein Mann streckt den Daumen hoch. Ich bremse. 200 Meter weiter komme ich zum Stehen. Der Mann rennt zu mir. Steht mit den Armen hinter dem Rücken schüchtern vor meinem Fenster. „Good morning Maaaaaam“. Ich lache. Guten morgen. Wo soll es denn hingehen? Kenne die Stadt eh nicht. Aber hier gibt es nur die eine Straße aus Südafrika kommend durch ganz Namibia durch bis nach Angola. Kaum Abzweigungen. Wenn, dann nur zu einer Lodge. Also ist es klar, dass ich den Weg fahre, den der Mann will. Mit seiner Frau. Einsteigen bitte. Hab ja schon das letzte Mal einen Jungen mitgenommen. Wieso denn nicht? Das Auto ist ja leer. Und die beiden haben schon 2 Stunden in der Kälte warten müssen. Ja Kälte. In der Nacht bis in die frühen Morgenstunden ist es hier verdammt kalt. Aber nicht besonders gesprächig. Naja immerhin habe ich sie jetzt glücklich gemacht. Und nehme sie 100 Kilometer mit. Durch das öde Flachland. Wo du nach vorne blickst und die Straße bis zum Horizont gerade verläuft. Und dann in Rückspiegel schaust und die Straße auch bis zum Horizont verfolgen kannst. Unglaublich.
Immer wieder überhole ich LKWs. Kein Problem hier. Ich sehe absolut nichts, wenn ich hinter dem LKW bin, weil die Straße ja keine Krümmung macht. Aber nur Geduld. Sobald der LKW-Fahrer freie Fahrbahn erkennt, blinkt er rechts und gibt mir damit zu verstehen, dass ich überholen kann. Ich schere nach rechts aus, überhole ihn problemlos und gehe danach wieder auf die linke Fahrbahn. Dann betätige ich kurz die Warnblinkanlage. „Danke“ heißt das in der Fachsprache. Der LKW-Fahrer antwortet dann mit dem kurzen aufleuchten des Fernlichts. „Bitteschön“ heißt das. Ich mag diese Kommunikation. Ich liebe es. Macht die Fahrt interessanter. Und falls ihr euch wundert von wo ich das weiß. Ab und an bin ich immer noch gut organisiert 😉
Eine Stunde später werfe ich dann die beiden Mifahrer raus. Und packe den nächsten ein. Was ich aber gleich darauf wieder bereue. Denn jetzt stinkt das Auto nach Rauch. Aber der Mann steigt respektvoll hinten ein. Bin aber kein Taxi. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen immer nur maximal einen Mann mitzunehmen. Meine Sicherheitsregel. Aber wieso eigentlich? Die armen haben keine andere Möglichkeit und warten zum Teil stundenlang auf eine Mitfahrgelegenheit. Busse gibt es hier nicht wirklich. Da war das Reisen in Ghana wesentlich einfacher.
10 Meter halte weiter halte ich wieder. Brauche jemand, der den Rauch übertrumpft. Zwei Männer steigen ein. Einer riecht verdammt gut nach Parfüm. Haha geht doch. Vom Rauch rieche ich nichts mehr. Und mit dem guten Duft in der Nase fahre ich in die grünen Wälder des Landes zwischen den beiden Wüsten. Zwischen Namib und Kalahari. Mit den drei Männern im Auto spüre ich den Wind auch nicht so. Wir sind jetzt merklich schwerer. Auf den flachen Ebenen mjss ich nämlich immer ordentlich kämpfen. Dort pfeift der Wind ordentlich. Und will mir meinen Polo entreißen. Aber ich hab alles im Griff. Und bringe die drei sicher nach Windhoek. Der Raucher will mir am Ende sogar noch Geld geben. Ich verstehe es erst nicht. Dann lache ich nur und winke dankend ab. Kauf dir davon einen Kaffee und gut ist. Dann bin ich im Großstadtverkehr von Windhoek gelandet. Fahre eine kleine Runde, weil meine C28 nicht angeschrieben war und verlasse die Stadt auch wieder. Auf einer gut ausgebauten, leeren Asphaltstraße. Durch die grünen Hügel. Auf und ab. Das ist hier typisch für den Straßenbau. Hier wird nichts gesprengt oder durchbuddelt. Die Straßen werden auf der Erdoberfläche gebaut. Und wenn da ein Hügel ist, dann geht es eben über den Hügel. Tunnel werdet ihr in ganz Namibia keine finden. (Ich habe zumindest keinen einzigen gesehen)
Doch kurz darauf. Was ist das? Ich habe es geahnt. Aus mit dem Asphalt. Die Schotterstraße begrüßt mich wieder. Die berüchtigte Gravel-road. Doch diesmal nicht im Flachland. Hoch oben auf 1000 Meter. Und höher. Führt mich die Straße durch wunderschöne grüne Landschaften.

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An Wildpferden vorbei.

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Ja in Namibia gibt es zahlreiche Wildpferde. Denn als die Deutschen das Land verlassen haben, habe sie ihre Rösser in die Freiheit entlassen. Und die leben heute immer noch frei. Und wild.

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Was für eine Aussicht.

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Auf diese gigantische Bergwelt.

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Paviane huschen über die Straße. Immer wieder. Sooooo viele!

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Später scheuche ich auch eine Warzenschweinfamilie auf. Die meiste Zeit konzentriere ich mich aber auf die Straße. An umdrehen ist nicht mehr zu denken, dafür habe ich schon zu viele Kilometer gemacht. Hätte ich allerdings gewusst was mich noch erwartet, hätte ich definitiv umgedreht. Und ihr wisst was das heißt, wenn ich das sage, denn ich scheue nicht gerade jedes Abenteuer. Aber diese Straße hat es in sich.

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So schön auch die Landschaft und die Tierwelt ist, die Straße verlangt mir alles ab.

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Es geht hoch und runter. Links und rechts. Kurven ohne Ende um die ganzen Hügel herum. Oder eben die Berge hoch und runter. In Tälern ab und an Wasser auf der Straße oder Sand in der Senke. Brücken über Wasserläufe gibt es nicht. Daher fährt man quasi über die trockenen Flussbetten. Wenn man da zu schnell ist, bleibt der Polo hängen. Oder dreht im Schlamm durch. Oder die Reifen blockieren auf der steilen berauf Fahrt auf den Bodenwellen. Und das alles auf dieser Schotterstraße. Oft kommt irgendetwas völlig unvorhersehbar auf mich zu. Hinter einer Kurve. Oder einem Hügel. Geht es tiefer als erwartet. Felsen auf der Straße. Ich kann gar nicht alles erzählen. Auf jeden Fall hat die Straße all meine Fahrfähigkeiten abverlangt. Die ersten 100 Kilometer durch dieses Gelände bin ich auch völlig alleine. Dörfer gibt es auf der kompletten Strecke eh keine. Nur ab und an Abzweigungen zu abgelegenen Lodges. Unterkünften. Die aber auf noch etliche Kilometer von dieser Straße entfernt sind. Aber auch Autos begegne ich keine. Nach 100 Kilometern überholt mich ein Geländewagen. Der nimmt mir dann erstmal die Sicht. Ja natürlich fährt der doppelt so schnell wie ich. Hat ja auch den richtigen Wagen für dieses Gelände. Aber mit seiner Geschwindigkeit wirbelt er einfach so viel Staub auf. Naja. Wenn es sonst nix ist. Bin doch bis jetzt mit fast allem klar gekommen. Also weiter. Dann kommt dieses Schild. Achtung steiler Anstieg. Das ist auch so eine Stärke der Namibier. Wenn du in den Alpen Bergpässe fährst, fährst du Hunderte von Serpentinen bis dir schlecht ist. Darauf wird hier verzichtet. Und ich übertreibe nicht. Es geht gerade den Berg hoch. Komm bloß nicht auf die Idee dich zu verschalten. Dann bist du verloren. Hier im Steilen anzufahren? Keine Chance. Nicht mit meinem kleinen Polo Vivo. Doch ich schaffe es tatsächlich bis ganz nach oben. Bis auf den Bosua Pass. Später erfahre ich, dass ich da auf 1861 Metern war und den höchsten Pass in Namibia überquert habe. 20% Steigung. Klingt nicht viel. Ist aber ziemlich viel. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nur, dass es vor mir steil in die Tiefe geht. Ich sehe gar nicht wohin die Straße führt. Sie verschwindet einfach. So wie es steil und kerzengerade bergauf ging, geht es jetzt bergab.

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Kurz verschnaufen, tief durchatmen und Konzentration wieder hochfahren. Wie komme ich da hinunter, ohne dass die Reifen blockieren? Sobald ich die Fußbremse betätige, blockieren die Hinterreifen auf dieser Straße. Das heißt keine Kontrolle über das Fahrzeug. Keine Möglichkeit eine Kurve zu fahren. Etwas ungeschickt in diesem Gelände. Deshalb lege ich den ersten Gang ein und setze auf die Motorbremse. Meine einzige Möglichkeit. Aber eine sichere. Die mich den Bosua Pass hinunter bringt. Alle herumliegenden Berge ebenfalls erfolgreich meistern lässt und mich ins Flachland bringt. Puuuuh. Das war anstrengend.

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Dort kann ich es erstmal bisschen rollen lassen. Aber das Steuer immer schön umklammern. Sonst war es das mit der Kontrolle.

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Was ist das weiße da vorne? Ich schaue kritisch auf die Straße. Natürlich. Sand. Was sonst. Die Straße war bis jetzt ja noch nicht anspruchsvoll genug. Es sieht so aus, als wäre hier so etwas wie Asphalt gewesen und jetzt liegt Sand darauf. Wenige zentimeterdick. Aber dick genug, um gefährlich zu sein. Während ich wieder von zwei Geländewagen überholt werde, schleiche ich dahin. Hochkonzentriert. Mit angespannten Armen. So wie ich mich in die Wüste hineinbewege wird der Untergrund wieder ein Schottergemisch. Steine und Sand. An schnell fahren ist hier nicht zu denken. Bei 50 km/h greifen die Räder schon nicht mehr. Also gut. Dann halt 40. Dann rennen die Strauße neben mir eben schneller als ich fahre.

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Dann kann ich sogar wieder Tiere in der Ferne entdecken. Flimmernd wegen der Hitze.

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Ich bewundere wieder die Landschaft. Die Wüste. Meine ganz private Safari. Was habe ich in den letzten Tagen nhr für Tiere gesehen? Und wieviele? Unglaublich! Wieso eine Safari buchen? Eigener Wagen und los. Das nächste Mal lieber ein Geländewagen, aber die waren diesmal alle verbucht. So fahre ich durch die Wüste und höre „99 Luftballons“ im Radio. Auf dieser Strecke empfange ich wieder „Hitradio Namibia“. Nur diesen Sender. Es scheint, als wäre nur die Stärke der deutschen Sender stark genug, um sie in der Wüste zu empfangen. Lalalalaa

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So fahre ich durch ein absolut trockenes Land. Sanddünen links und rechts von mir. Davor riesige Seen. Seen voll flimmernder Hitze. Wie gesagt, Wasser gibt es hier nicht. Aber alles flimmert. Die Straße. Der Sand. Die wenigen Bäume. Die Tiere. Flimmernde Welt. Es wird wieder geradlinig. Kurven sind die Ausnahme.

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Die letzten 50 Kilometer lege ich auf Asphalt zurück. Und dann habe ich es geschafft. 3000 Kilometer in 4 Tagen. Klingt nach Wahnsinn. Aber ich weiß nicht wieso, aber ich hatte kein einziges Mal auf der Straße das Gefühl von Müdigkeit. Gut, ich bin auch nicht im Dunkeln gefahren, aber teilweise sehr lange unterwegs gewesen. 11 Stunden. Natürlich immer mit Pausen. Aber nur kurzen. Es war auf jeden Fall ein unvergessliches Abenteuer. Mit lehrreichen Lektionen, atemberaubenden Tierbeobachtungen, faszinierenden Landschaften und deutscher Musik im Radio.

P.S.: Hab nach langer Zeit wieder rote Farbe bekommen. Sonnenbrand auf dem Oberschenkel. Vom Autofahren. Das muss man erst Mal hinbekommen. Ist glaub ich nur in der Wüste möglich 😀

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