Warum die „gravel-road“ so gefährlich ist – 28. März

Es ist noch nicht 6 Uhr und ich sitze im Auto. Die Route im Kopf, denn auf das Navi habe ich verzichtet. Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen, selbstverständlich im Uhrzeigersinn fahren und dann immer geradeaus. Es ist stockdunkel. Ich wollte doch im Hellen starten. Wieso ist es um 6 noch stockdunkel? In Ghana wurde es um 5 schon hell. Naja, da muss ich jetzt durch. So lange wird es ja nicht dauern. In Wirklichkeit dauert es noch eine Stunde bis der Himmel aufhellt. Derweil fahre ich auf der asphaltierten Straße in Richtung Windhoek. Was ist das für ein Schild? Kenne ich nicht. Ah, es sollte heißen, dass die befestigte Straße hier endet. Jetzt beginnt die Schotterstraße. Die berüchtigte „gravel-road“. 100km/h erlaubt das Schild. Im dichten Nebel und Stockdunkeln fahre ich hochkonzentriert und weit unter der Geschwindigkeitsbegrenzung. Hätte ich die ganze Fahrt machen sollen. Hinterher ist man aber immer schlauer.
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Irgendwann wird es dann tatsächlich hell. Der Nebel verschwindet und ich halte an, um den wunderschönen Sonnenaufgang zu bewundern.
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Plötzlich tauchen vor mir Berge auf. Endlich Ablenkung. Ende der montonen flachen Landschaft. Zeit zum Durchatmen. Ich steige aus. Halte inne. Kein Geräusch. Kein Vogelgezwitscher. Kein Pfeifen. Kein Tiergeräusch. Kein Auto. Nicht mal den Wind hört man. Absolute Stille. Wahnsinn dieses Gefühl. Das ist die Wüste. Still. Beeindruckend. Faszinierend.
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Ihr erwartet Sand? Sandwüsten sind nur eine von vielen Wüstenarten. Das Merkmal Nummer eins einer Landschaft, die als Wüste bezeichnet wird, ist das Fehlen von Wasser. Die Namib-Wüste ist zum Teil eine Sandwüste, hat aber auch Gebiete ohne Sand.
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Ich blicke auf die Straße vor mir. Sie schlängelt sich durch die hügelige Landschaft.
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Leben hier Tiere? Ich sehe keine und höre auch keine. Ein Zeichen, das auf Leben hinweißt, finde ich aber auf dem Boden.
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Ich fahre weiter. Was huscht denn über die Straße? Ich werde langsamer. Es sieht nach einem Wildhund aus. Ein Schakal? So einen wollte doch das australische Pärchen unbedingt sehen. Und hier ist er. Ohne Guide und ohne Tour. Ich sehe ihn ganz alleine. Sonst ist niemand hier.
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Die Straße geht weiter hinab. Und führt mich am Boden der Schlucht entlang. Hier kein Problem. Wasser ist weit und breit nicht zu sehen.
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Ich bin sprachlos. Die Landschaft ist einfach umwerfend schön.
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Ich komme nicht schnell voran in diesem Canyon. Alle paar Meter bleibe ich stehen. Mal ist es das Erdmännchen am Straßenrand. Mal die Landschaft an sich, die mich fasziniert.
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Dann eine südafrikanische Oryxantilope und danach ein Schild.
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Mal galoppiert eine Herde Zebras über die Straße.
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Dann sitzen einige Dutzend Geier im Weg.
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Und machen sich über eine tote Antilope her.
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Ich könnte springen vor Glück. Freude. Ich strahle über das ganze Gesicht. Auch, wenn mich keiner sieht. Denn ich fahre hier alleine. Kein Auto weit und breit. Nur die Natur und ich. Die Natur mit ihrer umwerfend schönen aber auch abwechslungsreichen Landschaft und der Vielfalt an Tieren.
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Die Landschaft öffnet sich wieder und ich verlasse das Tal. Immer wieder galoppieren Antilopen neben mir her.
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Die letzten Kilometer bis nach Solitaire sind anstrengend. Es kommen mir immer wieder Fahrzeuge entgegen, die endlos viel Sand aufwirbeln. So dass ich nichts sehe. Für einen Moment. Gut, dass ich sicher sein kann, dass die Straße keine kurve macht. Sie geht nämlich kilometerweit geradeaus. Dennoch ist es anstrengend. Auch mit gedrosselter Geschwindigkeit.
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Dann erreiche ich Solitaire. Kurzer Stopp. Die Bäckerei habe ich das letzte Mal schon besucht. Diesmal fahre ich aber nicht weiter nach Sesriem. Für mich geht es zur Maltahöhe. Das ist zumindest die nächste Stadt, die auf meinem Weg liegt. Durch bekanntes Gelände fahre ich und genieße es stehen zu bleiben wann ich will. Ein Wagen wird langsamer und ich werde fragend angeschaut. Ich lächel nur und winke. Keine Hilfe nötig. Nur eine Fotopause. Doch später werde ich so ein vorbeifahrendes Auto vermissen.
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Die Landschaft fasziniert mich immer noch. Aber die Straße fordert mich. Immer wieder bringt der Schotter den Wagen zum Wanken. Leicht nach links und rechts. Lenkrad gerade halten und vom Gas hilft aber, um wieder in der Spur zu fahren. Spur? Ich versuche in der Spur zu fahren, die Autos vor mir genutzt haben. Sie ist fester. Weniger Schotter. Aber nur so breit wie ein Reifen. Nicht einfach zu halten. Aber zwischen den Bergen macht die Straße ohnehin immer wieder Kurven, so dass ich mich ohnehin an die empfohlene Geschwindigkeit des Avis-Vermieters halte. Tatsächlich ist hier ein Limit von 100km/h. Trotz Schotter.
Die Berge lasse ich irgendwann hinter mir und die weite Ebene öffnet sich vor mir. Hier lauert die Gefahr. Kilometerweit sieht man die kerzengerade Straße bis zum Horizont. Kommt man dort an, macht die Straße eine Krümmung um einen Grad nach rechts und es geht wieder 10 Kilometer bis zum nächsten Hügel geradeaus. Zwei Grad links. 20 Kilometer geradeaus. 1 Grad rechts. 10 Kilometer gerade. Und so weiter und so fort. So sehen die letzten 100 Kilometer bis zum Ort „Maltahöhe“ aus. Dort wäre meine nächste Kreuzung, wo ich abbiegen muss. Und mein Mittagessen zu mir nehmen will. Habe alles dabei. Es sollte 12 Uhr sein, wenn ich dort bin. Dann bin ich 6 Stunden unterwegs.
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Doch bis hin komme ich nicht. 20 Kilometer vorher bekomme ich Schwung von einer Bergabfahrt. Das Gefühl für Geschwindigkeit verliert man total auf dieser endlosen langen Straße. Leichtsinn schleicht sich ein. Und dann spüre ich, dass der Wagen hin und her schlingert. Wie bei den Malen zuvor auch, gehe ich vom Gas und versuche das Lenkrad gerade zu halten. Doch zu spät. Ich rutsche nur noch. Quer. Ab jetzt weiß ich nicht mehr genau was ich gemacht habe. Aber vermutlich das Lenkrad herum gerissen. Das was ich bis zu diesem Zeitpunkt immer vermieden habe. Aber wie reagiert der Körper in so einer Situation? Wenn man die Kontrolle über den Wagen verliert? So rutsche ich hin und her auf der zum Glück breiten Fahrbahn und komme von der Fahrbahn ab. In dieser flachen Ebene passiert nichts weiter, als dass ich ein paar Felsen mitnehme und zum Stehen komme. Ich fahre zurück auf die Straße und steige aus. Zissch. Und fluche. Was das Zeug hält. Hat dir nicht jeder gesagt du sollst langsam fahren? Hattest du nicht eine wunderschöne Fahrt bis jetzt? Jetzt ist alles kaputt. Was ist mit dem Canyon, den du sehen wolltest? So kommst du nie an. Ich hatte mir eigentlich keinen Druck machen wollen und habe keine Unterkunft herausgesucht, weil ich gesagt habe ich schlafe dort wo ich bei Sonnenuntergang ankomme. Egal wie weit das ist. Und wieso dann doch so schnell gefahren? Damit alle anderen ihre Bestätigung bekommen. Über dich lachen und schimpfen können. Typisch Frau. Typisch junge Leute. Hören nicht. Überschätzen sich. Leichtsinnig. Naiv. Blablabla. Ja in die Statistik musstest du dich auch einreihen. In die Statistik, die besagt, dass in Namibia, gemessen an der Einwohnerzahl,  die meisten Unfälle passieren. Die meisten ohne Fremdeinwirkung. Bringt mich jetzt alles nicht weiter. Der linke Vorderreifen ist platt und das Blech da vorne hängt bis zum Boden. Kann grad nicht Mal die Autoteile bezeichnen. Das komplette Ding unter dem Nummernschild ist Schrott. Wie ich später feststelle inklusive Klimaanlage. Da ich der Meinung bin, dass an Weiterfahrt, gewechselter Reifen hin oder her, nicht zu denken ist, setze ich mich in das Auto und hole mein Handy. Selbstverständlich. Kein Netz. Die Worte des Avis-Angestellten hallen wieder in meinem Kopf. „You will have no network and probably walk 10 kilometers to get network!“ Na dann los. Denn wie er gesagt hat „not many cars are passing this road“. Und ich drehe mich nach hinten um und sehe kilometerweit die gerade Straße. Aber weit und breit kein Auto zu sehen. Nicht mal eine Staubwolke am Horizont. Also brauche ich darauf nicht warten. Vor mir ein Hügel. Dort müsste ich Maltahöhe, den Ort, sehen können. Und hoffentlich Empfang bekommen. Ich schließe das Auto ab und laufe los. Und laufe. Und laufe. Und laufe. Habe ich schon Mal erzählt, dass man solchen Landschaften Entfernungen völlig unterschätzt? Selbstverständlich habe ich mein Wasser im Auto gelassen. Dann halt ohne. Ja, es ist heiß. Und nein, ich habe immer noch keinen Empfang. Ich drehe mich um. Immer noch kein Auto. Wenn jetzt eines am Horizont auftauchen würde, wäre es frühstens in 10 Minuten bei mir. Nicht das ich das als lange Wartezeit bezeichne, nur damit ihr ein Gefühl für die Sichtweite bekommt. Mein Auto sieht winzig aus. Bin schon ein ganzes Stück gelaufen. Ich bleibe stehen. Und lausche. Höre ich richtig? Ein Auto? Wenige Minuten später taucht ein Auto aus der Richtung, in die ich will, auf. Ich muss kein Zeichen machen, damit es anhält. Was macht eine Frau zu Fuß in einer Landschaft, wo es nichts gibt? Weiß auch nicht. Ich erkläre mein Problem. „Where is the car?“ Tatsächlich ist es schon aus dem Sichtfeld verschwunden. Wir fahren hin und ich bin fasziniert wieviele Menschen in diesem Auto saßen. Für die Insassen besteht kein Zweifel. Reifen wechseln und dann in Mariental Hilfe holen. Bis nach Mariental sind es etwa 200 Kilometer. Ich hole nur das Material aus dem Kofferraum während der Mann schon das Rad abschraubt. Im Nu ist der Reifen gewechselt. Den Kindern und Frauen drücke ich einen Wasserkanister in die Hand. Ich glaube das ist das beste Dankeschön in der Wüste. Und fahre wieder.
Langsam. Bis nach Maltahöhe. Ich rolle in dem kleinen Dorf zur Tankstelle. Denn der rechte Vorderreifen ist auch platt. Und jetzt? Zwei Männer stürmen zu mir und wollen sofort den Reifen wechseln. Ich Lache nur. Kein Reserverad mehr. Das ist shon links vorne montiert. Ich soll um die Ecke einen kaufen. Moment, erst mal kontaktiere ich die Firma von der ich den Auftrag erhalte einen Reifen zu kaufen. Dann läuft alles ganz schnell. Die drei Männer übernehmen alles. Sie meinen ich kann problemlos weiterlos weiterfahren, sollte aber gleich 2 Reifen kaufen, damit ich wieder ein Ersatzrad habe. Die Werkstatt, die gerade schließen wollte, präpariert meine neuen Reifen und die drei Männer befestigen sie wieder am Wagen. Ich muss am Ende nur noch zahlen und kann weiterfahren. Den drei Helfern drücke ich ein Trinkgeld in die Hand und verabschiede mich.
Auf der neuen Asphaltstraße Richtung Mariental. Etwas mehr als 100 Kilometer. Dort halte ich nicht einmal, sondern fahre direkt weiter nach Süden. Unterwegs sehe ich einige Tramper. Wieso sollte ich eigentlich niemand mitnehmen? Ich fahre eh vernünftigr, wenn ich jemand im Auto habe. Für mich allein kann ich nicht sehr verantwortungsbewusst fahren. Für andere definitiv. Vor allem, wenn ich Kinder im Auto habe. Wie meine Tagesmutterkinder zum Beispiel. Da fahre ich vorbildhaft. Aber allein? Nicht wirklich.
So halte ich neben der nächsten Person. Ein schüchterner Junge. Er rennt sofort zu meiner Fahrertüre und nennt sein Dorf. Wohin? Kenne ich natürlich nicht. Liegt auf dem Weg nach Ketmannshoop. Dann steig ein. Ich durchlöchere ihn ein wenig mit Fragen. Was hat er hier gemacht? Mitten im Nirgendwo? Ziegen gehütet. Und wer ist jetzt bei den Ziegen? Sein Onkel. Er ist 19 Jahre alt. Mehr habe ich nicht erfahren. Nicht sehr gesprächig.
Es fängt an zu regnen. Aquaplaning steht bevor. Das auch noch. Ich schleiche durch den Regen. Heute genug erlebt, mehr muss nicht sein. Einige Kilometer vor Ketmannshoop werfe ich den Jungen heraus. „Thank you“ sagt er und verschwindet. Die Strecke von Mariental bis Ketmannshoop war typisch für Namibia. Kerzengerade. Zig kilometerlang. Nur gerade. Durch Flachland. Einige Berge am Rand, aber sonst nicht viel zu sehen. Und auf über 200 Kilometern kein Dorf weit und breit. Das ist echt anstrengend. Wenn man nicht mal lenken muss. Doch schließlich erreiche ich Ketmannshoop. Um 17 Uhr. Nach über 700 gefahrenen Kilometern. 11 Stunden unterwegs. Läuft. Noch ein wenig durch den Ort geirrt bis ich eine zufriedenstellende Unterkunft gefunden habe. Und dann ab in Pool. Den habe ich mir heute verdient. Durch die Glaswand kann ich auf die Berge blicken und bewundere den Sonnenuntergang.
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Was ein Tag. Turbulent. Aber ich hatte auch unglaublich schöne Momente.
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3 Gedanken zu “Warum die „gravel-road“ so gefährlich ist – 28. März

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