Verdächtiges Gepäck auf Reisen – 18. März

Das Einzige, was mich in den letzten Tagen in Livingstone beschäftigt hat, war mein nächstes Reiseziel. Nein, ich jammere nicht. Ich sage damit nur womkt ich mich beschäftigt habe. Ausgebreitete Landkarten. Träumereien über diese oder jene Stadt. Zurück nach Osten und das wunderschöne Malawi besuchen? Das mir alle Reisenden ans Herz gelegt haben. Danach Strände in Mozambik entlang laufen? Oder doch in das wasserreiche Okavangodelta nach Botswana? Oder nur über die Brücke laufen und Zimbabwe erkunden? Schlussendlich habe ich mich ganz anders entschieden. Ich will eine völlig andere Landschaft sehen. Viel Sand. Ein Land, mit dem ich mich noch gar nicht auseinander gesetzt habe. Aber es ist auf meiner Südafrikakarte mit drauf. Also das Land weiß ich jetzt. Und wohin als erstes. An der Busstation in Livingstone habe ich nur Busse gefunden, die bis zur Grenze fahren. Im Internet bin ich dann auf das größte Busunternehmen im südlichen Afrika gestoßen. Intercape. Fährt auch ab Livingstone. Perfekt. Was für Ziele gibt es? Wieder die Karte studiert. Grootfontain. Da will ich hin. Noch nicht so südlich. Aber doch zentral gelegen. Im nördlichen Teil. Also nächster Schritt Ticket kaufen. Das war gar nicht so einfach. Ich musste einige Menschen in der Stadt nach dem Büro fragen und wurde kreuz und quer durch und über die Straßen geschickt. Schlussendlich stand ich vor einem Reisebüro.
„Do you sell Intercape bus tickets?“
„Yes. Where do you want to go?“
„Ähm, Gro-“ verdammt wie hieß die Stadt nochmal? Schon wieder vergessen. Aber die Dame hat sie dennoch gefunden und ich habe mein Ticket nach Grootfontain bekommen. Abfahrt Mittwoch morgen. Ankunft um Mitternacht. Hotel buchen? Meine App Hostelworld hat gar keine Suchergebnisse für die Stadt ausgespuckt. Und TripAdvisor konnte mir keine Preise für die wenigen Unterkünfte mitteilen. Und viele lagen nicht direkt in der Stadt. Also habe ich aufgegeben. Ich dachte, es wäre gut eine Unterkunft zu haben, wenn ich nachts ankomme, aber dann muss ich das halt so regeln. Wird schon.
So bin ich heute morgen um 9 aus dem Backpackers gegangen. Zur Enttäuschung der Taxifahrer selbstverständlich mit dem Rucksack auf dem Rücken und zu Fuß. Die haben die Bedeutung eines Rucksacks einfach nicht begriffen. Im Gegensatz zu einem Koffer ist ein Rucksack leicht auf dem Rücken zu transportieren, so dass man kein Taxi für eine Strecke von 500 Meter benötigt. 4 Äpfel, 4 Muffins und einen Liter Wasser mit den letzten Kwacha gekauft. Proviant für die Fahrt. Für gerade einmal 2€. Dann ging die Fahrt auch schon los. Zwei Sitze für mich allein. Luxus pur. Im Bus mit Gepäckanhänger und einer Toilette im Innenraum. Ich fasse es immer noch nicht. Und sie ist verdammt modern.
Wir fahren an einem Wasserloch vorbei. Einige Antilopen und Zebras sind zu sehen. Ich genieße noch ein wenig die Landschaft bevor ich einschlafe. Ist gestern etwas spät geworden.
Jemand rüttelt mich. Was? Wie? Ich schaue zum Fenster hinaus. Wir fahren über eine Brücke. Der Sambesi. Also sind wir an der Grenze. Jetzt realisiere ich, dass jemand eine Ansprache hält. Allerdings schnappe ich nur noch „passport“ und „ebola“ auf. Alle steigen aus. Ich hinterher. Mir fällt ein, dass ich nicht einmal weiß, ob ich ein Visum brauche. Ob ich etwas zahlen muss. Zunächst geht es zu den Behörden aus Sambia. Keinen Ausreisestempel bekommen. Wird überbewertet. Und jetzt? Der Bus ist weg. Ich erkenne zwei Damen aus dem Bus und hänge mich an sie dran. Die sind aber genauso planlos wie ich. Eine Soldatin hilft uns weiter. Wir müssen zur anderen Grenze laufen. Auf dem Asphalt durch die Hitze. Verdammt lang der weg. So viel Niemandsland. Dann entdecke ich ein Zelt. Ich steuere darauf zu. Richtig. Ebola-Check. Hinsetzen. Nach vorne schauen. Temperatur in Ordnung. Nummer ziehen und ins Einwanderungsbüro laufen. Ausgefülltes Formular, Nummer und Pass durch den Schlitz schieben. Pass kommt zurück. Das war es schon? Ich öffne ihn. Kein weiteres Visum. Nichts. Also kann ich einfach gehen? Und ich betrete Namibia.
Wir fahren ein kurzes Stück, dann halten wir wieder. Mittagspause. Ich steige aus. Irgendwo eine Bank? Vorne entdecke ich eine. Wieviel abheben? Namibia-Dollar heißt die Währung. Ich habe keine Ahnung vom Währungskurs. Wie immer die höchste Zahl auswählen. 1000 Dollar abgehoben. Ab in den Shop. Anderthalb Liter Wasser, eine Flasche Saft, einen Sandwich mit Wurst und zwei Eier gekauft. 30 Dollar. Zurück im Bus frage ich meinen Währungsrechner und bin erstaunt. Das waren nur 2€!! Und ich habe nicht einmal auf der Straße eingekauft, sondern im Laden. Verrückt. Ich untersuche das Geld. Wieder eine neue Währung. Neue Geldscheine. Aber was ist das? „Rand“ steht drauf. Das ist doch die Währung aus Südafrika. Diesen Geldschein hat mir allerdings die Dame als Rückgeld gegeben. Ich vergleiche ihn mit den Scheinen, die mir Rabea in Ghana gegeben hatte. Sie war auch in Südafrika und hatte noch ein paar Scheine gefunden. Aber er sieht anders aus. Ähnlich, aber anders. Falschgeld? Ich weiß es nicht. Ich schaue die anderen Scheine an. Namibia-Dollar. Tiere sind auf einer Seite zu sehen. Haha ist das für mich, weil ich diese Tiere nicht unterscheiden kann? Ich nenne sie immer Antilopen-Gazellen-Impalas. Eine der Bezeichnungen trifft dann zu. Hier heißen sie anders. Oryx. Kudu. Red hartebeest. Springbok. Ist doch alles dasselbe. Aber schöne Geldscheine.
Trockene Felder ziehen an mir vorbei. Kleine Siedlungen. Strohdächer. Wände aus Lehm. Was war das? Eine Solarzelle! Und da noch eine! Auf dem Boden. Neben der Lehmwand. Ein Kabel führt durch das Fenster in das Haus. Ich fasse es nicht. Und entdecke weitere Solarzellen. Zwei bis drei Dorf. Wow. Solarzellen im armen afrikanischen Dorf. Faszinierend. Nennt man das Energiewende? Wohl eher sauberer Energieeinstieg. Denn diese Dörfer hatten zuvor bestimmt keinen Strom. Ich bin begeistert. So einfach geht das!
Kurz danach schlafe ich wieder ein. Aber nicht lange. Wieder werde ich geweckt. Und wieder habe ich nichts mitbekommen. Alle steigen aus. Ich hinterher. Sieht nach einem Kontrollposten aus. Alle müssen über einen nassen Stoff laufen. Ich schnappe etwas auf. Wegen einer Seuche. Die an den Schuhen klebt? Und mit Wasser wegschwimmt oder was? Der Bus fährt auch durch das Nasse. Einsteigen dürfen wir noch nicht. Zwei Soldaten und zwei Damen in grünen Anzügen sind neben dem Bus. Die Seitenklappen werden geöffnet. Ich gehe etwas weiter weg und stelle mich in Schatten. Eine kleine Menschentraube versammelt um den Soldaten, der mit einem Stock auf den Taschen herum tastet. Er geht näher. Bückt sich. Schaut sich Gepäckanhänger an. Ah, das sind meine. Er richtet sich auf. Ich verstehe nicht, was er sagt, gehe aber hin. Er sucht schon verzweifelt nach dem Besitzer. Ja, das bin ich. Öffnen. Ich hole den Rucksack heraus. Er ist einem Sack eingepackt, der ihn beim Transport schützen soll. Ich öffne ihn. Eine der uniformierten Damen ist jetzt neben mir. Ich schiebe die Fahnen zur Seite. Der Soldat befragt mich nach der Fahne. Das ist die von Sambia. „Where do you come from originally?“ Was für ein Verhör wird das jetzt? Die Frau öffnet einen Reißverschluss. Ich hoffe, dass sie nicht mein Taschenmesser in die Hände bekommt. Das Adressenheft kommt zum Vorschein. Sie schließt ihn wieder. Zieht an einem Gurt. So geht der Rucksack nicht auf. Ich öffne die Klappe. Oben im Rucksack sind drei Packtüten mit Kleidung. Der Soldat sagt, es reicht. Sie hatten etwas anderes in der schwarzen Tasche erwartet. Es ist in Ordnung. Was habt ihr erwartet? 10 Kilo Rauschgift? Und wenn, wirklich kontrolliert habt ihr den Inhalt nicht. War es der „quick transport in ADD“ Anhänger, der euch aufmerksam gemacht hat?
Alle dürfen wieder einsteigen. Ich verpacke wieder meinen Rucksack und laufe zurück. Der Busfahrer lacht „today you were the lucky one!“ Ja, heute war ich die verdächtige Person. Die Frau vor mir im Bus fragt mich noch „what did they expect what there is inside? A bomb?“ Weiß ich nicht. Aber sie kann immer noch drin sein. Komische Kontrolle.
Ja, ich schlafe wieder ein. Der Bus ist echt bequem. Und die Straßen in gutem Zustand. Keine Bodenwellen. Also eine bequeme Fahrt. Die Sonne geht langsam unter. Wir halten wieder. Wieder alle aussteigen. Ich lese „veterinary control“ während ich erneut über einen nassen Stoff laufe. Diesmal aber ohne anschließender Gepäckkontrolle. Danke.
Es ist stockdunkel. Ich schaue auf die Uhr. 00:45 Uhr. Vor einer halben Stunde hätten wir in Grootfontain ankommen sollen. Wir haben wohl Verspätung. Um 1:30 Uhr halten wir. Ist das Grootfontain? Nein, das ist Tsumeb. „We passed already Grootfontain“. Ach wie schön. Das war meine Haltestelle. „But you didn’t tell me, that you needed to go out there!“ Sagt mir deer Busangestellte. Erstens wusste ich nicht Mal, dass dieser Bus noch weiter fährt und zweitens habt ihr all meine Daten bekommen. Elektronisches Ticket. Da müssen alle meine Daten vom Pass stehen. Name. Passnummer. Wohnort. Und was weiß ich, was ihr noch abgeschrieben habt. Aber mein Ziel habt ihr nicht? Naja, was soll’s. Hab ja eh nichts gebucht. Ich setze mich hin und schaue auf die Karte. Tsumeb liegt unweit von Grootfontain. Und sogar noch näher am Nationalpark dran. „I go out here!“ Und draußen bin ich. Ein australisches Pärchen ist schon mit dem Gepäck draußen und bietet mir an mit ihnen in ein Backpackers zu fahren. Perfekt. Der Busfahrer ruft sogar noch einen Fahrer für uns an.
Eine Frau holt uns ab, schließt den Schlafsaal auf und erklärt uns „here is no staff in the night. You are alone. But we have electric fence!“ Na dann, gute Nacht!

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