TAZARA, eine Zugfahrt durch das Grüne Herz Afrikas – 10. bis 12. März

Der Zeiger springt auf die 10. Wumms. Wir rollen. Pünktlich um 15:50 Uhr verlassen wir den Bahnhof in Dar es Salaam. Ich bin fasziniert. Ich hatte mich schon über die Abfahrtszeit lustig gemacht. Diese Scheinpünktlichkeit. Wieso so eine ungerade Uhrzeit, wenn man die Zeit eh nie einhält. Zeit bekommt hier in Afrika eine ganz andere Bedeutung. Und Zeit ist sowieso relativ. Deshalb findet man in dem Bahnhof auch keine Uhr. Uhren werden überbewertet. Wenn der Zug kommt, dann ist er da. Egal wieviel Uhr es ist. Aber heute ist ein besonderer Tag. Heute fährt der Tazara (TAnsania SAmbia RAilway) nicht mit 10 Stunden Verspätung aus der Hauptstadt Tansanias los. Nein, heute fährt er pünktlich. Dieses Wort klingt so komisch. Pünktlich. Was ist schon pünktlich? Es gibt Wichtigeres im Leben, als etwas Bestimmtes zu einer festen Uhrzeit zu erledigen. Aber heute sind wir europäisch. Wir sind pünktlich.
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Von oben nach unten: Mein Abteil – die Sitzplätze der dritten Klasse – der Essenswagen. Rechts: der Gang neben den Kabinen
In meinem Abteil sind drei tansanische Frauen, die mit mir reisen. Die erste klettert hoch auf ihr Bett. Als ich in das Abteil gekommen bin, ist es mir noch gar nicht aufgefallen. Es gibt keine Leiter. Aber die Frau schwingt sich in ihrem langen Kleid problemlos und ohne Mühe einen Stock höher. Und ich reiße mir die Hosen nur beim Laufen ein. Deswegen habe ich mir ein Bett unten ausgesucht. Eine weitere Frau kommt in das Abteil. Mit einem kleinen Jungen. Vielleicht 1 Jahr alt. Und setzt sich auf mein Bett. Kein Problem. Anscheinend kennen sich einige der Insassen. Ich komme nicht ganz dahinter. Und der Kontrolleur hat ein Problem damit, dass in dem Abteil jetzt 6 Personen sind. Also verlässt die Mutter uns wieder. Ich strecke mich aus und schaue heraus. Wir haben Dar es Salaam hinter uns gelassen. Die Sonne brennt durch das offene Loch. Man kann es auch Fenster nennen, aber ein Glas ist nicht vorhanden. Ich liebe es, denn ich kann den Wind spüren. Die Luft einatmen. Grüne Landschaften ziehen an mir vorbei. Kinder stehen neben den Gleisen und winken ganz aufgeregt. Andere schreien sogar. Die Tür des Abteils ist offen, so kann ich auch durch das Fenster auf der anderen Seite vom Gang herausschauen. Grüne Hügel. Menschen huschen den Gang entlang.
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Ein Mann bringt zunächst 4 Stück Seife und eine kleine Rolle Klopapier. Gut, dass ich immer eine Rolle dabei habe, denn die bereitgestellte wird vermutlich nicht für 4 Personen für die nächsten zwei Tage reichen. Kurz darauf kommt der Mann wieder und bringt jedem eine Flasche Wasser. Erste Klasse ist schon toll. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich erste Klasse reise. Und ich habe 50€ gezahlt. Für zwei Tage Bahnfahrt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal wann wir ankommen sollen. Ich habe mal im Internet etwas von 48 Stunden gelesen. Aber ich weiß nicht, ob das aktuell ist. Ist sowieso unwichtig. Wenn wir ankommen, kommen wir an. Und es ist egal welcher Tag es ist und wieviel Uhr es ist.
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Links: mein Zug – rechts: abgestürzte Wägen
Ich hüpfe auf und ab auf meinem Bett. Fast wie beim Busfahren. Nur lauter. Die Türe knallt zu. Ist das normal? Dass die Gleise einen so zum Hüpfen bringen? Ich weiß es nicht. Bin lange nicht mehr Bahn gefahren. Aber jetzt es ist angenehm. Ruhig schaukel ich im Takt der Eisenbahn hin und her. Mit dem Kopf an der Außenwand. Die Füße ausgestreckt auf dem eigenen Bett. Und die Sonne im Gesicht.
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Trockene Flussbetten. Trockene Auenlandschaften. Aber nur die Erde sieht trocken aus. Die Pflanzen und Baume erstrahlen in kräftigem Grün.
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Wald. So weit das Auge reicht. Lange sind wir an keinen Häusern mehr vorbeigekommen. Ab und an sehe ich eine rote, sandige Straße. Der Himmel verfärbt sich orange. Die Sonne verschwindet hinter den bewaldeten Hügeln. Es ist Zeit für mein Abendessen. Den Subway Sandwich.
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Den habe ich mir heute auf dem Weg zum Bahnhof gekauft. Ich bin nämlich gelaufen. Vom Hostel bis zum Tazara Bahnhof. Der Tazara Zug hat nämlich einen eigenen Bahnhof. Auch wenn er nur zweimal in der Woche fährt. Der Express-Zug am Dienstag und der normale Zug, der in jedem Bahnhof hält, am Freitag. In umgekehrter Richtung ebenfalls. Die Strecke von der Innenstadt bis zu diesem Bahnhof beträgt etwa 7 Kilometer. Aber ich hatte es ja nicht eilig. Und ein klein bisschen Bewegung bevor ich so lange im Zug festsitze tat gut. Einige Taxifahrer hatten mir sogar direkt angeboten, mich an Flughafen zu fahren. Aber dort wollte ich gar nicht hin. Ein anderer wollte mir die „Libya Street“ zeigen. Dort soll es angeblich viele Hotels geben. Wieder ein anderer wollte mein Guide sein, denn er meinte „I deal with tourists“. Das denk ich mir, dass er mit Touristen arbeitet. Aber nicht mit mir. Ich brauche keinen Guide. Ich kann 7 Schritte ohne Guide laufen. Oder auch 7 Kilometer. Ich habe einen Orientierungssinn und kenne den Weg. Auch, wenn ihr euch das nicht vorstellen könnt. Ihr glaubt ja, dass wir in Europa Diener für alles haben. Ich bin einfach unbeeindruckt weiter gelaufen. Mit meinen 15 Kilo auf dem Rücken und der Ghana Fahne über dem Rucksack. Jemand hat sogar „Brazil“ hinter mir gerufen. Aber es sind nicht die richtigen Farben. Ja und dann bin ich wieder in das Einkaufszentrum gegangen. Unbeeindruckt von den abfälligen Blicken, der Anzug und High Heels tragenden High Society. Direkt in Subway. Einen „footlong sandwich with pressed beef and extra cheese“ bitte. Brauche etwas leckeres heute Abend im Zug.
Da ich zu Fuß im Bahnhof ankam und mein Gepäck auf dem Rücken hatte, kam auch keiner der Träger auf die Idee mich zu belästigen. Die können namlich ganz schön dreist werden. 20 Euro verlangen für einen Gepäcktransport von 20 Metern. Deshalb immer nur mit so viel Gepäck reisen, wie du auch tragen kannst.
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Nach meinem leckeren Sandwich werde ich aber dann langsam müde. Der Tag war lang, anstrengend und heiß. Sonne macht müde. Meine Mitbewohner schließen das Fenster. Mit einem Knall kommt die Schiebevorrichtung von oben herab. Sie meinen es wird gefährlich in der Nacht. Es ist jetzt gefährlich, weil Erstickungsgefahr. So heiß ist es jetzt in der Kabine. Aber ich ahne, dass es in der Nacht abkühlen wird und schlafe trotz Hitze ein.
Es wird laut. Ist es schon morgen? Ich sehe nichts. Es ist stockdunkel. Wir sind in einem Bahnhof? Menschen auf dem Bahnsteig schreien herum. Wollen etwas verkaufen. Ich will nur auf die Toilette. Ungeschickt im Bahnhof. Das Fenster auf der Toilette ist auf Oberschenkelhöhe. Wenn ich sitze kann ich mit den Verkäufern draußen auf Augenhöhe kommunizieren. Ach was soll’s. Was muss, das muss. Zurück in der Kabine krame ich meinen Fleecepulli heraus und ziehe meine Jogginghose an. Es ist verdammt kalt geworden. Eingekuschelt in die warme, bereitgestellte Decke, schlafe ich wieder ein.
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Ich werde wach. Es ist hell. Geschäftiges Treiben im Zug. Wir stehen wieder in einem Bahnhof. Ich öffne das Fenster. Wow. Wunderschöne Landschaft. Aber es ist verdammt kalt. Gut, dass ich meine warmen Klamotten griffbereit hatte. Sonst würde ich jetzt frieren. Wo sind wir? Frage ich die Frau, die neben mir schläft. In Makambako, erklärt sie mir und zeigt mir die Stadt bereitwillig auf meiner Karte. Ich stelle fest, dass wir den Nationalpark in der Nacht durchquert haben. Dann halt keine Tierbeobachtungen aus dem Zug aus. Aber es ist nicht mehr weit bis Mbeya, stelle ich ebenfalls fest. Dort steigt die andere Deutsche aus, die ich im Bahnhof getroffen habe und im anderen Abteil schläft. „Yes, only 6 hours“. Ah ok, so viel zu nicht so weit. Ich komme immer noch nicht mit den Distanzen auf diesem Kontinent klar. Es ist nicht nur alles weiter, als es aussieht, sondern man braucht für jede Distanz auch wesentlich mehr Zeit, als in Europa. Aber in Afrika hat man ja auch Zeit. Da geht alles langsamer. Die Arbeit, der Bus, der Zug und eben auch die Uhr läuft langsamer. Gemütlicher.
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Ich möchte zwei Samosa (mit Hackfleisch und Gemüse gefüllte Teigtaschen) kaufen. Für Eines bezahle ich üblicherweise 500 Schilling. Die Verkäuferin auf dem Bahnsteig spricht kein Englisch, aber meine Mitbewohnerin hilft mir. Ich soll ihr einfach die 500 Schilling geben, dann gibt mir die Frau das Rückgeld. Wie 500 Schilling reichen für zwei? Ich bekomme 300 Schilling zurück. Waaaas. Eins kostet nur 100 Schilling? Meine Mitbewohnerin erklärt mir, dass es manchmal sogar nur 50 Schilling kostet. Das wären umgerechnet zweieinhalb Cent. Diesen Preis hätte ich nie in Dar es Salaam bekommen. Aber bekanntlich sind die Leute auf dem Land freundlicher. Ich bedanke mich mit „asante sana“ und ernte noch ein Lächeln. Auch meine Mitbewohnerin hat etwas gekauft. Einen Massai Stoff. Doch bevor sie ihn ganz entpackt hat, strecke ich ihr meine Mülltüte entgegen. Ich kann das nämlich nicht mehr sehen. Gestern. Glasflasche leer. Schwupps. Zum Fenster herausgeworfen. Plastiktüte? Schwupps und hinterher. Die ganze Zeit. Dabei fahren wir mitten durch die Natur. Durch wunderschöne Landschaften. Deshalb versuche ich jetzt schneller zu reagieren, als meine Mitbewohner und sammle ihren Müll in meine Plastiktüte ein. Was ich damit mache ist eine andere Frage. Aber ich hoffe, ich werde später irgendwo einen Mülleimer finden. Die Deutsche Mitreisende hat übrigens das gleiche gemacht. Erst Mal eine Mülltüte aufgehängt. Vorbilder sein. Gaaaaanz wichtig.
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Wir fahren wieder. Ich genieße die wunderschöne Landschaft. Immer wieder sehe ich Kinder am Rand stehen und winken. Schreiend kommen sie aus ihren Dörfern gerannt und wollen den Zug nicht verpassen. Zwei Mal in der Woche. Ein Highlight. Auch für die Erwachsenen. Jeder legt seine Arbeit für kurze Zeit nieder und beobachtet den vorbeifahrenden Zug. Die Feldarbeit kann warten. Für einige Minuten. Für den Zug.
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Sonnenblumen? Sonnenblumen! Sonnenblumenfelder. Wunderschön. Hier wachsen Sonneblumen? Das wusste ich nicht. Gemischt mit Maispflanzen in riesigen Feldern. Sonnenblumen so weit das Auge reicht. Bis zum Horizont. Traumhaft schön. Dieses kräftige Gelb. Ich liiiiiebe gelb.
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Immer wieder ertönt die Hupe. Damit alle wissen, dass jetzt der Zug kommt. Und die Gleise nicht mehr betreten werden. Ich esse Cashew Kerne. Die habe ich mir in Dar es Salaam gekauft. Ein bis zwei Kilo geschätzt. Billig, denn sie wachsen hier. Und lecker.
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Eine Brücke. Und tatsächlich. Unter uns ist Wasser. Kein großer Fluss, aber es ist Wasser. Und an der Höhe der Brücke kann man erahnen wieviel Wasser hier in der Regenzeit entlangfließt.
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Ich komme gerade zurück in die Kabine. Überall sind Stoffe ausgebreitet. Meine Mitbewohnerin verkauft Stoffe. Die sie selber gefärbt hat. In allen Farben und Mustern. Batik. Stempelmuster. Geknüpft. Und was es sonst noch so gibt. Ich bin beeindruckt. Es sind wunderschöne Stoffe. Ich würde ihr gerne einen abkaufen, aber ich muss wirklich auf mein Gepäck achten. Alles muss in den 50-Liter Rucksack passen. Eigentlich nur 40 Liter. Denn das Aufklappteil wird für mein Kissen benötigt. Mein Kissen ist mir heilig. Das reist überall mit mir hin. Es steht für Komfort. Egal wo ich bin, mit dem Kissen kann ich schlafen. Auch auf und ab hüpfend im Bus. Ein bisschen Komfort braucht jeder. Die Frau, die auf meinem Bett sitzt, fragt mich um Rat. Welchen Stoff soll sie kaufen. Den bunten oder den lilafarbenen? Ganz klar den bunten. Der ist wuuuuunderschön. Thank you! Und fertig ist das Geschäft. Ich bin immer noch beeindruckt von der Arbeit der Frau. Meisterleistung.
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Reisfelder. Wir fahren an riesigen Reisfeldern aus. Frauen arbeiten in gebückter Haltung zwischen den Reispflanzen. Aber auch sie richten sich kurz auf, um den vorbeifahrenden Zug zu sehen. Eine Frau steht neben einem braunen Bächlein. Kleider sind auf dem Gras verteilt. Sie hat gewaschen.
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Viehherden. Nicht so viele und nicht so große wie im Norden Tansanias, aber sie sind auch hier. Die Massai sind wohl die größeren Viehhirten, auch wenn das Gras hier im Westen des Landes viel saftiger ist. Meine Mitbewohnerin bückt sich. Was macht sie? Sie wirft ein Stück Plastik in meine Mülltüte unter dem Tisch. Wow. Ich bin beeindruckt. So einfach geht das. Einmal vormachen und schon greift sie selbst auf die Methode zurück. Den Müll sammeln und nicht einfach zum Fenster hinauswerfen. Diese Situation bestärkt mich in meinem Handeln. Denn manchmal denke ich mir wieso mache ich das überhaupt. Menschen darauf aufmerksam machen, dass der Müll nicht in die Natur gehört. Anstrengende Diskussionen führen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie eh nichts bringen. Sie werden sich nie ändern. Aber ab und an, in einer Situation wie dieser, sehe ich einen Lichtblick. Es ist nicht alles umsonst. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt, dass auch im großen Afrika ein Umdenken möglich ist. Man muss nur hartnäckig bleiben. Und nicht aufgeben. Niiiie. Aber aufgeben tu ich eh nicht.
Sehnsüchtig blicke ich auf die Bergketten am Horizont. Das Rift-Valley vermutlich. Berge haben schon etwas magisches. Sie strahlen eine gewaltige Kraft aus. So wie sich von der restlichen Landschaft abheben. Ich könnte stundenlang nur auf sie Berge blicken. Wunderschön. Atemberaubend. Und die Luft. Sie ist hier so frisch. Einmal tief einatmen. Und alles in mich aufsaugen. Die Luft. Die Landschaft. Die Atmosphäre. Bezaubernd.
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Das Rift-Valley
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Wir fahren durch ein Dorf. Zahlreiche Kinder stehen am Rand und winken. Einige direkt neben den Gleisen. Ich werfe eine Wasserflasche zum Fenster heraus. Kreischend stürzen sich zwei Kinder darauf. So werfe ich auch die anderen leeren Wasserflaschen aus dem Fenster, die sich in meiner Mülltüte gesammelt haben. Mittlerweile weiß ich, dass Einheimische Pfand für einesammelte Flaschen von den Firmen bekommen. Deshalb sieht man zwar viel Müll herumliegen, aber nie Flaschen. So habe ich diese Kinder glücklich gemacht. Recycling in Afrika. Es gibt es tatsächlich!
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Wir fahren in einen Tunnel hinein. Ah ich sehe nichts. Und eklig dieser Staub. Habt ihr gewusst, dass es im Tunnel dunkel ist? Also nein, damit meine ich nicht dunkler als draußen, sondern so dunkel, dass man die eigene Hand vor den Augen nicht mehr sieht. Man gewöhnt sich an alles. Beim fünften Tunnel stört es mich schon nicht mehr. Ja wir haben Strom im Zug, aber der wird nur Abend eingeschalten. Automatische Beleuchtung? Träumt weiter. Lichtschalter und so. Und wenn du Glück hast funktioniert der auch.
Ich spüre Tropfen auf meiner Hand. Es fängt an zu regnen? In einer Pfütze sehe ich Wassertropfen springen. Tatsächlich. Kinder rennen neben dem Zug her. Winkend. Ich winke zurück.
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Blechdächersiedlungen prägen das Landschaftsbild. Vororte von Mbeya. Die nächste große Stadt.
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Einige Zeit war ich im benachbarten Abteil und habe mich mit zwei Schwedinnen unterhalten, während meine Mitbewohnerin geschlafen hat. In meinem Abteil ist nur noch eine Frau. Die anderen sind in Mbeya ausgestiegen. Jetzt, als ich zurückkomme, sitzt sie auf dem Bett und fragt wo ich war. Sie wollte auf die Toilette, aber wollte gleichzeitig nicht das Abteil unbewacht lassen. Ich bin beeindruckt. Danke für das verantwortungsbewusste Verhalten. Jetzt bin ich da, du darfst gehen. Eine echt entspannte Atmosphäre hier. Wir teilen unser Essen und unterhalten uns ganz nett. Mal kaufe ich Bananen durch das Fenster, dann sie Mangos, Birnen. Was halt so angeboten wird.
Jetzt stehen wir in einem kleinen Dorf. Etwa 30 Kinder haben sich um die Wagen der „Mzungus“ (Weiße) versammelt. Sie alle wollen etwas haben. Sie fragen nach Seife, Stiften, Büchern und Geld. Dieses Betteln unterstütze ich sicher nicht, aber von der netten Frau dort kaufe noch ein paar Bananen. Die sehen richtig lecker aus!
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Mittlerweile weiß ich wieso wir hier so lange stehen. Wir warten auf den Zug, der aus Sambia kommt. Er hat Verspätung. Und hier ist die letzte Möglichkeit aneinander vorbeizufahren. Die Strecke ist nämlich eingleisig. Ein Mädchen steht vor meinem Fenster und lächelt mich an. Zeigt auf die Ohren. Ich zeige meine Ohrringe. Sie streckt ihren Arm. Ich zeige meine Hand. Sie streckt einen Finger. Ich zeige meinen Ring. Sie zeigt auf ihren Fuß. Ich verrenke mich und strecke meinen Fuß zum Fenster raus. Alle Kinder lachen. Mittlerweile hat sich eine große Traube vor meinem Fenster gebildet. Mindestens 50 Kinder stehen auf dieser Seite des Zuges. Unterhaltung mache ich gerne. Grimassen schneiden. Mich verrenken. Egal, hauptsache die Kinder lachen. Die Schwedin aus dem Nebenzimmer kommt und fragt mich was ich mache, weil die Kinder alle vor meinem Fenster lachen. Ich mache Quatsch. Sonst nichts. Zeitvertreib. Für mich und für die Kinder. Bis der andere Zug kommt.
Ein Junge kommt mit einem Ball. Zerfleddert und dreckig. Einer wirft ihn mir zu. Ich werfe ihn zurück. Und ein kleines Handballspiel beginnt. Ich werfe den Ball immer zu einem anderen Kind. Anschließend landet der Ball immer wieder bei mir. Die Kinder lachen. Wir haben Spaß. Meine Hände sind dreckig, aber das stört mich nicht. Irgendwann kommt ein älterer Junge und schnappt den Ball. Er lacht mich gehässig aus. Du glaubst du bestrafst mich damit? Hier hatten gerade eben 50 Kinder Spaß. Inklusive mir. Aber du bist sauer, weil ich dir kein Geld gebe? Er spielt alleine mit dem Ball. Abseits von den anderen. Nach einigen Minuten kommt er wieder an mein Fenster. Er quasselt drauf los. Selbstverständlich verstehe ich nichts. Er fängt an mit den Fingern Zeichen zu machen. Ich ahme die Bewegungen nach. Die Kinder lachen. Er kommt näher. Ich strecke meinen Arm mit zwei gestreckten Fingern nach unten. Er streckt sich und berührt meine Finger. Er lächelt. Ich lächel. So geht das Spiel noch ein paar Minuten. Er wirft mir einen Kussmund zu. Ich ihm zurück. Er nimmt die Schildmütze von seinem Kumpel und reicht sie mir hoch. Ich setze sie auf. Alle lachen. Ich gebe die Mütze wieder zurück. Tuuuut tuut. Alle Kinder kreischen. Und rennen auf die andere Seite. Der andere Zug kommt.
Wir rollen. Ein Junge springt und hält sich an einer Stange fest. So fährt er ein paar Meter mit. Alle Kinder rennen mit dem Zug mit. Auch die Kleinsten. Einjährigen. Ich winke. Sie rufen Byebye und rennen was das Zeug hält. Ich lache.
In der Dunkelheit erreichen wir die Grenze. Eine Dame von der Einwanderungsbehörde kommt in unser Abteil. Sie setzt sich auf mein Bett und gibt mir das Visum ohne komplizierte Fragen zu stellen. Ich gebe ihr die geforderten 50$ und schlafe danach ein. So einfach kann es sein.
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Am nächsten Morgen wache ich auf und habe das Gefühl in der Regenzeit gelandet zu sein. Nein, nicht weil es regnet. Nur, weil alles so saftig grün ist. Wirklich alles. Auch das Gras. Ich weiß, ich reise nun seit fast zwei Tagen mit dem Zug durch die Natur und erzähle dauernd wie grün es ist. Aber irgendwas erscheint heute doch anders. Etwas saftiger eben. Weiter vorne entdecke ich Felsen. Kalkstein? Sieht auf jeden Fall toll aus.
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Aber es ist verdammt kalt. Ein hoch auf meine warme Kleidung. Ich habe zwar nicht viel, aber das was ich mithabe hat es in sich. Meine warme Jogginghose, einen Fleecepulli und ein paar Kuschelsocken. Uiii, so schön warm. Ich liebe es. Mal nicht zu schwitzen. Einfach nur warme Kleidung zu tragen. Ein Traum.
Ich strecke meinen Kopf zum Fenster heraus, atme die frische Luft ein und sauge die Landschaft in mich auf. Mit dem Kopf auf dem Fensterrahmen und Blick in Fahrtrichtung vergehen Stunden, ohne dass ich es merke.
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Nach 47 Stunden Fahrt erreichen wir um 15 Uhr ostafrikanische Zeit Kapiri Mposhi. Endstation des Tazara Zuges. Ein wunderschönes Erlebnis geht zu Ende.
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2 Gedanken zu “TAZARA, eine Zugfahrt durch das Grüne Herz Afrikas – 10. bis 12. März

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