Dar es Salaam bekommt eine zweite Chance – 6. & 7. März

Meine Ankunft vor fast drei Wochen in Dar es Salaam (ugs. Dar) hätte glücklicher laufen können. Allerdings war die Reise für mich ein ziemlicher Kulturschock. Zurück in die Zivilisation. Von Ghana nach Tansania. Beides in Afrika. Aber zwei komplett verschiedene Länder. Ghana freundlich, aber arm und Tansania weiter entwickelt, aber seeehr touristisch. Genau deshalb fiel mir der Start in Tansania so schwer. Die Wolkenkratzer, das fließende Wasser, der Linksverkehr, das Essen, die noblen Autos, die unfreundlichen Menschen, die vielen Warnungen vor Dieben, die hohen Preise – das alles hat mich eingeschüchtert und erdrückt. Falls man mich überhaupt einschüchtern kann, dann hat es diese Großstadt geschafft. Also bin ich zunächst nach Sansibar geflohen und wollte eigentlich nichts mehr mit dieser Stadt zu tun haben. Auf der Reise von Sansibar bis nach Moshi ins Landesinnere habe ich deshalb nur eine Nacht in Dar verbracht. Abends angekommen, am nächsten morgen früh wieder los. Jetzt aber stelle ich mich der Stadt. Mit neuem Selbstbewusstsein und kleiner Tansania-Reisekenntnis kehre ich zurück.
In Arusha setze ich mich mit Anico, der Wienerin, in den Bus Richtung Hauptstadt. Ich kann kaum schlafen und die Zeit geht nicht vorbei. Mit Anico habe ich interessante Gesprächathemen, dann verfliegen zwei Stunden wie im Nu, aber was sind schon zwei Stunden bei einer 10-stündigen Busfahrt? Jetzt schläft sie. Mir ist langweilig. Neben uns sitzen diese beiden anderen Europäer. Gestern haben sie uns noch am Schalter angesprochen, aber heute haben wir kein Wort gewechselt. Hmmm. Eine Weile spiele ich mein Lieblingsspiel auf Reisen. Sprachen raten. Das mache ich leidenschaftlich gern. Vor allem europäische Sprachen. Oder dann eben den deutschen Dialekt zuordnen. Ab und an auch englisch sprachige Menschen an ihrem Dialekt erkennen, aber da bin ich nicht so gut. Diese beide machen es mir aber besonders schwer. Männer. Sprechen während 6 Stunden Fahrt 5 Wörter miteinander. Wie soll ich da was raten? Echt langweilig. Wieso sprechen Männer immer so wenig?
Schließlich komme ich doch drauf. Schweizer. Eindeutig. Bin ja fast schon Schweiz-Spezialist nach so vielen schweizerischen Weggefährten. Aber mal langsam. Ich verstehe sie und das reicht erst Mal. „Wohin führt euch die Reise?“ frage ich mehr aus Langeweile als aus Neugier den Mann am Gang als er fertig mit dem Autorennen auf seinem Tablet ist und das neue Kartenspiel auf dem Handy noch nicht begonnen hat. So kommen wir ins Gespräch und schlussendlich fahren die beiden auch mit mir ins Hostel, da sie sich noch keine Unterkunft in Dar herausgesucht hatten. Anico wird verabschiedet, die bei Freunden wohnt und mit dem Taxi geht es ins Hostel YMCA. Ich in den Schlafsaal (4 Betten) und die beiden ist Doppelzimmer. Danach habe ich ihnen den Hafen, von wo aus sie am nächsten Morgen nach Sansibar fahren können und etwas das Viertel gezeigt. Stolz, mich schon etwas auszukennen und anderen helfen zu können.
Essen? Puh, naja also ehrlich gesagt ernähre ich mich von der Straße. Ich traue mich das kaum zu sagen neben den eitlen Schweizern. Der eine sagt schon selbstbestimmt, dass er etwas Richtiges braucht. Aber eine Deutsche, die sie hier kennengelernt haben, ist auch in der Nähe und sie wollen gemeinsam Essen gehen. Aber lass uns in eine Bar gehen. Alles klar. Drink bestellt. Cocktail umsonst bekommen.
„You get a cocktail for free, which one do you want?“ fragt die Kellnerin.
Mojito bitte!
10 Minuten später
„We do not have Mojito!“
Ich muss lachen. Es ist in Afrika einfach nicht möglich eine Bestellung aufzugeben und alles ist verfügbar. Deshalb frage ich immer ganz gerne „was habt ihr denn überhaupt?“ Und damit meine ich nicht das, was auf der Karte steht, sondern das, was auch wirklich verfügbar ist.
Kurz darauf stehen wir wieder auf der Straße. Und jetzt?
„Die Dame ist noch bei einer Freundin und weiß nicht wann und wie und ach und überhaupt. Ich würde jetzt ‚Deutsche halt. Kompliziert.‘ sagen.“ Ja, sag nur. Hau raus alle Vorurteile, die ihr habt. Ich kann es ertragen. Wenn es zu viel wird, dann sehe ich mich schnell als Rumäne. Also laufen wir durch die Straßen und suchen nach einem Restaurant für uns. Ich zeige auf eins. Das da? Lass uns schauen. „Da isst aber niemand, die trinken alle nur was. Schlechtes Zeichen!“ sagt der eine der beiden. Mir ist das ziemlich egal. Essen gibt es hier auf jeden Fall. „Nein hier will ich nicht essen. Ich weiß, jetzt kannst du die heiklen Schweizer sagen!“ Wenn wir schon dabei sind, ja natürlich gerne.“ Deshalb lässt die absolut komplizierte Deutsche den eitlen Schweizern die Restaurantwahl übrig.
So laufen wir dann noch ein wenig durch die Straßen bis wir einem Steakhouse stehen. Ich lese dreimal. Steak. Steak. STEAK? Das gefällt den beiden natürlich. Anderes Budget, andere Ansprüche. Aber gut. Ich bin ja anpassungsfähig, nicht anspruchsvoll, kompromissbereit und nicht kompliziert. Also lass uns hineingehen. Schlussendlich war ich den beiden schon dankbar für ihre Wahl. Cheeseburger gab es für mich. Mit einer Ofenkartoffel. KARTOFFEL. Hätte nie gedacht, dass ich so etwas so lieben kann. Dass ich Kartoffeln vermissen kann. Käse ja auch. Deshalb Cheeseburger. Das Steak war nicht für meinen Geldbeutel, aber der Burger und die Kartoffel waren auch verdammt gut.
Als wir uns auf den Rückweg machen ist es schon dunkel. Die letzten Male bin ich in Dar nie im Dunkeln unterwegs gewesen. Aber jetzt, mit zwei Männern neben mir, kein Problem. Da fühle ich mich sicher. Ich reise wirklich gerne alleine, aber ab und an ist es alleine als Frau nicht so sicher. Und genau deshalb lernt man unterwegs immer Leute kennen mit denen man ein paar Stunden oder wenige Tage gemeinsam verbringen kann.
Am nächsten Tag bringe ich die beiden noch an Hafen und mache mich dann auf in Richtung Bahnhof. Doch Google Maps meint ich brauche anderthalb Stunden bis zum Tazara-Bahnhof. Ist mir jetzt doch zu weit. Taxi? So viel schneller ist das auch nicht. Wir stecken im üblichen Verkehrschaos in Dar fest. Nach einer dreiviertel Stunde hält der Fahrer dann direkt vor dem komplett leeren Bahnhof. „I can wait for you ‚til you bought the ticket“. Nein danke, zurück werde ich laufen. Ist billiger und gesünder. Komischer Bahnhof. So leer. Aber logisch, dass er leer ist, wenn kein Zug fährt. Der Tazara Zug fährt einmal am Dienstag und einmal am Freitag. „Booking office“, da muss ich hin. Bin mal gespannt, ob das wirklich am Samstag offen hat. Tatsächlich da ist jemand. Das war das positive für heute. Die negative Nachricht ist, dass es keinen Schlafwagen mehr im nächsten Zug für mich gibt. Selber Schuld, wenn man nicht plant und kurzfristig etwas buchen möchte. Dann nehme ich einen Sitzplatz. Aber bitte am Fenster! 3. Klasse. Ja, ist ok. „But it is not good for you to have only a seat, maybe the conductor can give you later a bed.“ Was die Einheimischen können, werde ich auch überleben.
Wieder draußen ignoriere ich die Taxifahrer und laufe an die Straße. Immer gerade aus. Hier kann ich mich nicht verlaufen. Höchstens an der Kreuzung überfahren werden, aber mittlerweile bin ich selbstbewusst und komme gut mit dem Linksverkehr klar. Und kann die vierspurige Straße problemlos überqueren.
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An manchen Stellen ist kaum was los, dafür rasen die Autos wie verrückt und das Überqueren ist nicht weniger gefährlich. Wenige Meter weiter stehen sie dann.
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Mitten auf der Kreuzung steht immer ein Polizist. Mutiger Kerl, der den Verkehr regelt.
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Was ist das denn? Dieses Zeichen kenne ich doch. Ein Subway? Wirklich? Sieht nach einem Shopping Zentrum aus. Da schaue ich doch gleich mal vorbei.
Wow, ich laufe mit aufgerissenen Augen, die mir gleich aus dem Kopf springen, an den teuren Läden vorbei. Und was ist das da? Ein Kino? Tatsächlich. Was es alles gibt. Spieleecke. Sieht aus wie ein Erlebnispark.
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Rolltreppen? Wie lang stand ich nicht mehr auf Rolltreppen? Völlig unnütze Erfindung. Wo sind die Treppen hoch?
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Und jetzt zum Subway bitte. Ein halbes Baguette. Mit „pressed Beef“ bitte. Wow, die haben Schinken. Und Salami. „Do you like cheese?“ Und wie ich Käse liebe! Wow, ich könnte alles nehmen. Eigentlich bin ich nicht so der fast food fan. Abdr jetzt liebe ich Subway. Für das knusprige Baguette mit Körnern. Für den Schinken. Den Käse. Für den frischen Salat. Gurken. Tomaten Zwiebeln. SAURE GURKEN. Einfach alles. Soo lecker.
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Zum Mitnehmen bitte. In dieser klimatisierten Halle hole ich mir sonst eine Erkältung. Wieder auf der Straße, laufe ich an Bettlern und anderen auf der Straße lebenden Männern vorbei. Einer lebt im Baum. Ein paar Bretter befestigt und eine Plane herum gespannt. Einfallsreich. Einen Kilometer weiter finde ich ein ruhiges Plätzchen neben der Hauptstraße. Ich setze mich auf den Bordstein von einem Parkplatz und genieße mein Baguette.
image Fußgängerzone
Auf dem Heimweg überquere ich noch Bahngleise. Die ersten sehen aus, als würde dort seit langem kein Zug mehr fahren.
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Die nächsten sehen noch gepflegt und genutzt aus.
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Die Baugerüste faszinieren mich immer. Holzgestelle. Nicht mehr.
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Frauen, modern gekleidet. Im Shopping Zentrum ist mir eine komplett verhüllte Frau besonders aufgefallen. Nicht, weil ich ein Stück Haut sehen konnte. Nein. Sondern, weil sie High Heels getragen hat.
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Abwasser und Abfall wird hier kombiniert.
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Am Straßenrand begegne ich einigen bekannten Marken.
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Eine weitere bekannte Marke, die derzeit das Stadtbild von Dar prägt, ist die österreichische Firma Strabag. Sie bauen die Infrastruktur für das neue öffentliche Verkehrssystem genannt „fast city bus transport“. Eigene Spuren in der Stadt. Eigene Haltestellen. Ein Megaprojekt.
Am Abend sitze ich draußen und entspanne als ein Pärchen ankommt und die Dame an der Rezeption nach dem Weg zum Hafen fragt. „I can show you the way!“ rufe ich bevor die Frau auch nur reagieren kann. Ich habe eh nichts zu tun. So begleite ich die beiden zum Hafen. Zu Beginn ist mir noch gar nichts aufgefallen. Ich unterhalte mich mit dem Mann über ihre Reiseroute und alles Mögliche, als er sagt „today is not a good day, look at my wife“. Wooow, mit ihrem Blick hätte sie mich auch umbringen können. Bisschen freundlicher vielleicht? Ihr seid im Urlaub, in einem wunderschönen Land, alles entspannt. Was ist das Problem. Ihr kamt heute von Arusha und wolltet direkt weiter nach Sansibar. Aber es fährt nichts mehr. Die letzte Fähre sollte später fahren. Puuuh, sonst noch Probleme? Damit müsst ihr rechnen. Ihr seid in Afrika. Da kann man nicht alles planen. Und wenn man alles plant, dann muss man damit rechnen, dass nicht alles wie geplant laufen wird. Man verliert mal hier mal da einen Tag. Und sie ist jetzt sauer auf dich? Verstehe ich nicht. Ach weil du das Busticket gekauft hast und der Bus zu spät ankam. Natürlich ist dann der Mann Schuld. Nein verstehe ich nicht. Vor allem sind 10 Stunden von Arusha nach Dar echt schnell. Andere haben 13 gebraucht, also seid froh! Wir hätten um 2 ankommen sollen. Ist das jetzt dein Ernst? Dann schweig lieber, mit so einer Einstellung brauchst du nicht durch Afrika zu reisen. Du machst dir deine Reise kaputt und die deines Partners auch. Aber ich schweige lieber. Und stelle mal wieder fest wie schön es ist alleine zu reisen. Niemand stresst mich. Niemand sagt mir wann ich wo sein muss. Niemand ist schlecht gelaunt und zieht mich damit herunter. Einfach alles entspannt.
Am Schalter im Büro der Fährlinie geht das Theater wieder los. Da steht was von einer Überfahrt in 45 Minuten. Das Schnellboot gibt es nicht mehr. Und ach und sowieso. Ich erkläre alles was ich weiß und ziehe mich dann zurück. Macht das unter euch aus. Der Mann ist zwar noch relativ gelassen, aber drückt jetzt seiner Frau die Pässe und das Geld in die Hand und sagt „mach was du willst!“ Uiui, hier dampft es aber. Ich habe in den Streitgesprächen mal wieder versucht die Sprache zu erraten. Es klingt nach einer slavischen Sprache. Nicht falsch. Die beiden kommen aus Serbien, leben aber seit 5 Jahren in New York.
Abendessen? Ich habe keinen Hunger sagt die Frau immer noch genervt und wütend. Jetzt entspann dich Mal. Ich führe die beiden in das Restaurant, das die Schweizer gestern nicht betreten wollten. „Greec salad“? Mit Feta Käse? Den nehm ich. „Sparkling water“ bestellt die feine Dame und bekommt ein stilles Wasser. „You do not have sparkling water? Then I take nothing!“ Puuh, es reicht langsam. Sprudel bekommst du hier einfach nirgends. Ich bekomme meinen griechischen Salat ohne Käse, beschwere mich aber nicht, denn ich weiß ja, dass ich in Afrika bin. Der Salat hat trotzdem geschmeckt.
Ich dachte immer, dass ich mir zu wenig Zeit für die Strecke Daressalam Kapstadt genommen habe. Aber die beiden toppen alles. Von Nairobi bis Kapstadt in 5 Wochen. Straffes Programm. Wäre mir zu stressig. Ist es ihr angeblich auch. So gestresst wie sie ist. Ich bewundere nur den Mann. Wie entspannt er ist. Er kennt wohl seine Frau schon ziemlich lang. Ich wünsche den beiden noch viel Spaß. Und etwas Ruhe.

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