Bongoyo Island – 8. März

Heute wird nocheinmal entspannt. Den Ozean genießen und der Hektik der Stadt entfliehen. Mit dem Taxi fahre ich Slipway, wo das Boot ablegt und mich auf die Insel Bongoyo bringt. Etwa eine halbe Stunde Fahrt dauert es, bis man die Landzunge vor sich entdeckt.
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Eine Sandbank erstreckt sich ins Meer hinein. Einige Sonnenschirme sind zu erkennen. Und ein Restaurant. Mehr gibt es auf der Insel nicht. Es wurde klugerweise als Nationalpark bezeichnet, damit man 10$ „entry fee“ verlangen kann.
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Ein kleiner Spaziergang zu Beginn über die Insel? Vielleicht finde ich eine einsame Bucht für mich. Arg viel weiter als bis zum Restaurant komme ich aber nicht. „Do you want to go the forest?“ Nein, ich will nur etwas herumlaufen.
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„Oh that’s not possible. You need a guide. If not, some fisherman will rob you!“ Ist das jetzt euer Ernst? Ich bezahle 10 Dollar Nationalparkgebühren, darf den Wald aber nicht betreten? Ihr geht mir mit euren Guides echt auf den Nerv. Guide für die Stadtführung, Guide für Delfine gucken, Guides für eine Wanderung und für jeden erdenklichen Spaziergang den es gibt. Es gibt keine Aktivität, für die ihr keinen Guide habt. Ich brauche keinen Guide, denn ich habe zwei gesunde Füße und einen guten Orientierungssinn. Aber ich möchte euch nicht wieder provozieren. Beim letzten Wasserfallbesuch habe ich gelernt, wozu ihr in der Lage seid, wenn man euch als Guides ablehnt und ignoriert. Ich glaube nicht, dass es auf dieser Insel Fischer gibt, aber ich traue es euch auch zu, einfach mir zu folgen und mich zu überfallen. Aus Trotz. Heute habe ich keine Lust dazu. Vor allem, weil ich meine Kamera dabei habe. Aber verabscheuen tu ich euer Verhalten trotzdem. Dann entspanne ich heute halt mal zwischen den anderen Touristen. Bis jetzt sind es eh nur 15.
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Blick aus dem Wald auf die Sandbank und das Festland Tansanias am Horizont.
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Ich lege mich auf mein Handtuch in den Schatten eines Strohsonnenschirms. Kurz darauf kommt ein Mann vorbei. Trinken? Nein, ich habe mein Wasser selbst mitgebracht. 2000 Schilling für den Schirm. Haha träum weiter. Ihr verlangt 10$ für die Fahrt, ist in Ordnung. Aber wofür habe ich die anderen 10$ bezahlt? In den Wald darf ich nur mit Guide, der weitere 50$ dafür möchte. Ich darf auf der Sandbank sein, aber nicht mal den Sonnenschirm nutzen? Du kannst mich mal. Dann nehme ich halt den natürlichen Schatten. Bäume gibt es genug. Kannst lange warten bis du noch mehr Geld von mir bekommst. Ich rolle mich zur Seite und liege in der Sonne. Der Mann entfernt sich.
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Nachdem ich mich beruhigt habe, packe ich meine Sachen und gehe in die kleine Bucht nebenan. Ein großer Baum spendet Schatten. Und schöner ist es hier sowieso.
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Ein Tier beobachtet mich auch noch.
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Aber ansonsten bin ich ganz alleine und kann die Natur und die Aussicht genießen.
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Zum Mittagessen bewege ich mich dann doch ins Restaurant. Bitte eine Portion Pommes. „Plain chips?“ Ja, nur Pommes.
Die Pommes stehen 2 Minuten später auf meinem Tisch. Doch dann kommt der Kellner mit zwei Spießen Kalamares. Ich wollte schon sagen, dass ich die nicht bestellt habe, als er seinen Mund aufmacht „it’s for you, you only need to pay the chips!“ Na gibt es denn so was? Seit wann verteilt ihr Geschenke? Ich bedanke mich und genieße die Meerestiere.
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Frischer geht es wirklich nicht. Ein Mann kommt von einem Boot mit einer Kiste Meerestieren, die er direkt in die Küche trägt. Dort wird der Hummer, Fisch und die Kalamares direkt auf den Grill geworfen und fertig ist das BBQ am Strand. Selbstverständlich stehen 10 Köche in der Küche und 5 Kellner hüpfen zwischen den 10 Touristen herum, aber das ist Afrika. Zwei schlafen immer, drei telefonieren und der Rest arbeitet in einem Tempo, in dem man den Sprung von einem vom Tourismus geprägten Land zu einem technologisch entwickelten Land in 100 Jahren nicht schaffen kann. Mit dieser Arbeitsmoral ist einfach nichts zu erreichen. Es fehlt an Effektivität, an Produktivität, Disziplin und vor allem an Willenskraft etwas verändern zu wollen. Solange sich hier nichts tut, werden sie noch lange den Touristen das Geld aus den Taschen ziehen und versuchen sich als Guides, Souvenirverkäufer, Taxifahrer oder Maler über Wasser zu halten. Alles keine Berufe, mit denen man ein Land vorwärts bringt. Tut mir Leid, aber das ist die Wahrheit. Besser gesagt, das ist meine Meinung.
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Die Flut kommt schnell und stürmisch, weshalb ich auf die Landzunge zu den anderen Touristen flüchte. Ich lege mein Handtuch in die Sonne und frage zwei ältere Herren, die sich auf deutsch unterhalten, ob ich meinen Rucksack bei ihnen in Schatten stellen kann.
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Eigentlich wollte ich nur meine Kamera vor der prallen Sonne schützen. Nur ein bisschen Schatten klauen. Aber schon war ich im Gespräch mit zwei Geschäftsreisenden.
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Und plötzlich habe ich mich mit Rüdiger, dem Deutschen, über die Bar in Hohenheim unterhalten, die im Sommer so ein schönes entspanntes Plätzchen bietet. What? Ja, so klein ist die Welt. Er hat jahrelang in Möhringen gewohnt, kennt meinen kleinen Ort, in dem ich wohne und hat einen Neffen, der in dem verdammt kleinen Kaff Wolfschlugen Handball spielt, wo ich auch Handball spiele. Die Welt ist manchmal winzig klein. Mittlerweile wohnt er in Baden-Baden. Der andere Mann ist Holländer und arbeitet seit einigen Jahren in Hamburg für ein Unternehmen, das die Wasserversorgung für Dar es Salaam in den nächsten Jahren aufbauen soll.
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So vergeht die Zeit und der Aufruf für das letzte Boot in Richtung Festland ertönt. Ich mache noch ein paar Schnappschüsse, ein Selbstporträt in Windeseile und springe auf das Boot.
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Möwen stürzen ins Wasser auf der Suche nach einem Fisch und meine Haare flattern im Wind, während hinter mir die Sonne immer tiefer sinkt.
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Ich stelle fest, dass der Holländer auch mit mir im Boot heute morgen saß und ich an seinem Marco Polo Shirt eine arrogante Haltung festmachen wollte. Weg mit den Vorteilen. Plötzlich unterhält sich genau dieser Mann, in seinem Golf Shirt, mit der mit low-budget Reisenden.
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Das Viertel, in dem das Boot anlegt, ist voll mit teuren Hotels. Der Yachthafen direkt vor der Türe. Die Hotelzimmer gibt es ab 100$ aufwärts. Meine Unterkunft kostet 6€ die Nacht. Dazwischen liegen Welten. Aber Rüdiger fand die Gespräche mit mir so unterhaltsam, dass er mich unbedingt zum Abendessen beim Sonnenuntergang im teuren Hafenrestaurant einladen wollte.
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Und die Gespräche waren auch wirklich interessant. Der Holländer leistet mit seinem Wasserunternehmen Entwicklungsarbeit auf der ganzen Welt und hat schon viele Ecken dieser Erde gesehen. Auch der Deutsche war schon in vielen arabischen Ländern dieser Welt, wo er ganz interessante Dinge erlebt hat. Dinge erzählt, von denen ich noch nie gehört habe. Sichtweisen aufzeigt, an die ich noch nie gedacht habe. Und dann bin da noch ich, die gerade eben das erste Mal auf großer Reise ist. Das erste Mal den europäischen Kontinent verlassen hat. Aber auch schon meine Erfahrungen mit Entwicklungsarbeit, ob gut oder schlecht sei dahingestellt, gesammelt habe. Andere Ansätze, andere Erlebnisse. Aber interessant alle Mal.

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