Von Äthiopien nach Tansania – 17. Februar

Kurz vor meinem Abflug hat mich in Accra die Angestellte der Ethiopian Airlines in einen Weiterflug von Addis Ababa nach Daressalam umgebucht. So dass ich nicht wie geplant eine Nacht in Addis verbringen muss, sondern in der Nacht weiterfliegen kann.
20150217_090748 Wüstenbilder aus dem Flugzeug.
20150217_090728 Sonnenuntergang in 10km Höhe über afrikanischem Boden.
Meine Ankunft in Addis. Es ist stockdunkel. Ich betrete das Flughafengebäude. Stop. Frauen mit Mundschutz und Handschuhen sitzen hinter einem Computer. Davor eine sprechende Kamera. Ich stelle mich vor die Stellwand. „Look into the camera“ tönt aus der Kamera. „Stand still“ gehen die Befehle weiter. „Thank you“ bedankt sich am Ende die Stimme bei mir. Ich darf gehen. Und jetzt? Wohin? Wir sind eine halbe Stunde verspätet gelandet. Das heißt,  in einer halben Stunde geht mein Weiterflug. Eine Frau schickt mich den Gang entlang. Die Treppen herunter. Ein Mann kommt mir entgegen und schickt mich zurück. Hallo? Wisst ihr wo die Gates sind? Oder wieso schickt ihr mich in verschiedene Richtungen? Schlussendlich erreiche ich den Sicherheitscheck vor den Gates. „Your boarding card please – your flight is cancelled!“ Das ist jetzt nicht dein Ernst! Seit wann ist der Flug gecancellt? Seit Gestern?! Wie hat es die Dame in Accra dann vor 6 Stunden geschafft mich in einen gecancellten Flug einzubuchen? Ich muss lachen. Ja, ich habe schon über 4 Monate in Afrika gelebt, so schnell wirft mich nichts mehr aus der Bahn. Was jetzt? Ich laufe zum Schalter der Airline und bekomme einen Zettel mit Hotelname. Die Fluglinie zahlt meine Nacht in Addis Ababa. Auch nicht schlecht. Und was ist mit meinem Gepäck? Auf dem „Quick transport in ADD“ steht. Bleibt hier. Und kommt morgen nach Daressalam mit mir? Das will ich hoffen! Und jetzt Richtung Ausgang. Stoooop. Schon wieder? Ebola-check. In die Kamera schauen und still stehen. Von wo komme ich? GHANA. Immer noch Ebolafrei. Bitte den Zettel ausfüllen. Alles klar Chef. Ich verstehe zwar nicht alle Begriffe, die in der Auflistung für Krankheitsanzeichen stehen, aber ich kreuze mal überall Nein an. Bin ja gesund. Darf ich jetzt gehen? Zur Einwanderungsbehörde. Boarding Card, Reisepass und Hotelzettel vorlegen. Abwarten. Fertig. Ich verlasse das Flughafengebäude mit anderen Passagieren, deren Flüge auch ausgefallen sind. Ein Mann führt uns zu einem modernen Kleinbus. Türe zu und los. Addis sieht etwas moderner aus, als Accra. Mehr Lichter. Höhere Häuser. Viele Hotels. Und was ist das? Schienen? Sieht so aus, als würden hier auch Züge fahren. Was es alles gibt. In Ghana wird das Schienennetz  seit Ende der Kolonialzeit nicht mehr genutzt. Kein Schienenverkehr. Die Straßen sehen hier auch besser aus. Wir überqueren die Schienen, biegen zweimal ab und sind da. An der Rezeption bekomme ich eine Karte in die Hand gedrückt. 3. Stock ist mein Zimmer. Abendessen kann ich im ersten Stock trotz später Uhrzeit bekommen. Ein Mann drückt auf einen Knopf. Eine Schiebetüre öffnet sich. Ein Aufzug? Das ist ein Aufzug? Wann bin ich zuletzt Aufzug gefahren? Liegt gefühlt Jahre zurück. Kann ich nicht Treppen laufen? Einsteigen! Ok, bin ja schon drin. Wo muss ich drücken? „3“ Ich stehe vor dem Zimmer. Und jetzt? Was mache ich mit der Karte? Ich denke zurück an die Hotels, die ich in der Vergangenheit in Europa besucht habe. Einstecken? Da ist kein Schlitz. Mmh, vielleicht einfach dranhalten? Klick! Die Türe geht auf. Wow. Ein großes Bett. Ein riesen Flachbildschirm. Und eine richtige Decke! EINE RICHTIGE DECKE. Kein dünner Stoff. Also nur ein Leintuch wie überall in Ghana. Nein, eine richtige Decke mit Füllung.
Das Abendessen liegt auf meinem Teller. Ich strenge mich an mit Gabel und Messer zu essen. Und komme mit dem Mann neben mir ins Gespräch. Er kommt aus Kamerun. Seit Flug nach Oslo wurde gestrichen. Er lebt seit 20 Jahren in Norwegen. Und hat eine Frau aus Rumänien geheiratet. Aus Rumänien? Wie klein die Welt doch ist! Interessantes Gespräch entwickelt sich.
Später, zurück auf dem Zimmer, springe ich unter die Decke und grinse. Fernseher an. Premier league anschauen und die tolle Decke genießen. WAS FÜR EINE TOLLE DECKE!
Um 5 Uhr reißt mich das Telefon aus dem Schlaf. „Wake-up call“ Danke. Dachte der Transport ist um 7. Ich brauche keine 2 Stunden, um zu Frühstücken. Und ich will nicht weg von dieser Decke!
20150217_090717 Sonnenaufgang in Addis Ababa am Flughafen
Später, während ich am Flughafen warte, komme ich mit einem anderen Passagier ins Gespräch. Wir hatten uns schon gestern unterhalten, da er auch weiter nach Daressalam fliegt und denselben Flug hatte. Er ist der Präsident des nigerianischen Cricket Verbandes. Wieso nicht. Natürlich fliegt er Business class und hat auch in einem anderen Hotel geschlafen. Aber jetzt unterhält er sich mit mir. Ich habe immer noch kurze Kleidung an. Alle anderen Passagiere haben dicke Jacken an. Ja, es ist kalt. Aber ich war in Accra unter Zeitdruck. Deshalb keine warme Jogginghose für Anne. Und was noch schlimmer ist. Kein Fensterplatz. Ich mache im Flugzeug nichts lieber als stundenlang zum Fenster herausschauen. Und ab und an ein Foto schießen. Aber durch die vielen Umbuchungen ist mein reservierter Fensterplatz verloren gegangen. Dabei hätte ich vielleicht auf den Kilimandscharo blicken können! Und der Mann, der jetzt am Fenster sitzt schläft. Na toll. Und das Flugzeug ist voll. Voll mit weißen Touristen, die nach Sansibar wollen. Das Flugzeug fliegt nämlich über Daressalam nach Sansibar. Wumms. Man habe ich mich erschreckt. Das war die Landung.
JAMBO in Tansania. Willkommen heißt das. So viel verstehe ich. Die Treppen herunter und Stoooooop. Ebola-check. Mittlerweile Routine für mich. In die Kamera schauen. Still stehen. Auf das „thank you“ warten und weiter gehen. Ein Mann nimmt meinen Pass entgegen. „Where have you been the last 10 days?“ Nicht schon wieder. Immer noch Ghana. „Come with me!“ Alle laufen an mir vorbei. Ich muss wieder ein Formular ausfüllen. Angeben, dass ich mit keinen Personen aus Guinea, Sierra Leone und Liberia in Kontakt gekommen bin. Als ob jeder Mensch sein Herkunftsland auf der Stirn stehen hat. Und wieder alle Krankenheitsanzeichen verneinen. Darf ich jetzt gehen? Der Mann nimmt den Zettel. Und ließt all meine Antworten. Wirklich? Und jetzt? Nein, ich habe kein Visum. Weiteren Zettel ausfüllen. Mein Rückflug aus Tansania? Gibt es nicht. Ich gebe mal die Flugnummer von meinem Südafrika Flug an. Vielleicht checken sie die nicht und wollen nur eine Nummer dastehen haben. Wie lange ich bleibe? Ähm. Lass mal überlegen. Ich schreib mal 30 Tage hin. Ansprechpartner in Tansania? Kontaktadresse? Habe ich nicht. Ich könnte mein Hotel angeben. Ich schaue nach. Ich habe nur den Namen des Hotels. Dann gibt es keine Adresse für euch. Mit dem Zettel und 50$ im Pass gehe ich zum Beamten. Ich muss wieder in eine Kamera schauen und meine Fingerabdrücke geben. Danach warten. Mein Pass wird in ein Büro gegeben. Viele Menschen warten davor. 10 Minuten später ruft ein Mann „Ann?“ Wirklich? Ihr habt mir ein Visum gegeben? Soo schnell? Ich schaue rein. 17.05.2015. Sogar für 3 Monate. Wow. Und jetzt zu meinem Gepäck. Ähm wo ist das Gepäckband für den Flug aus Addis? Gibt es nicht mehr. Da liegt das Gepäck. Ich laufe hin. Und entdecke die leuchtende Schlaufe an meinem Gepäckstück. Wahnsinn. Mein Rucksack ist tatsächlich angekommen.
20150218_102042 Der schnelle Transport hatte dann doch 12 Stunden Zeit.
Ich verlasse den Flughafen. Männer in weißer Uniform rennen auf mich zu. „Taxi, Taxi?“ Och nee, nicht dasselbe wie in Accra. Lasst mich erstmal atmen. Ich hebe am Bankautomaten Geld ab und eine Frau versucht mir eine Safari anzubieten. Are you for real? Glaubst du wirklich, dass ich hier eine Safari buche? Am Flughafen? Wo es garantiert am teuersten ist? Nein, danke!
Jetzt brauche ich aber doch ein Taxi. Selbstverständlich ist schon wieder ein Mann neben mir, der mir eins andrehen will.
„Safari Inn!“
„50000“
„30000“
Der Taxifahrer lacht. „We have fixed Prices!“
Und ich bin Jesus. Sorry, aber damit kannst du mich nicht überzeugen. Ich habe über 4 Monate in Ghana gelebt. Ich weiß jetzt ungefähr wie es abläuft.
„Somebody should pick me up here!“
„45000“
Haha, so viel zum Thema fixe Preise. Geht doch.
„I should pay this person 30000. I will not pay more.“
„40000“
Geht doch. Damit bin ich einverstanden. 5€ heruntergehandelt. Gar nicht so schlecht für den Anfang. Der Taxifahrer erkundigt sich bei einem Kollegen nach meinem Hotel. Bitte nicht schon wieder einer, der den Weg nicht kennt. Wir laufen zum Auto. Huch was ist das? Das Steuer ist auf der rechten Seite? In Tansania ist Linksverkehr? Verdammt bin ich gut vorbereitet. Ich weiß nicht mal auf welcher Seite in Tansania gefahren wird. Naja, ich habe ja auch nicht vor mir ein Auto zu mieten. Wir fahren los. Anschnallen bitte. Ups sorry. Bin noch halb in Ghana. Sieht auf den ersten Blick etwas zivilisierter aus. Der Straßenverkehr. Und da sind Schienen! Hier gibt es Züge. Faszinierend. So breite Straßen. Und einen richtigen Mittelstreifen zwischen den Fahrbahnen. Mit Bordüre. Und Pflanzen dazwischen. Und so hohe Häuser sind in dieser Stadt. Nichts lässt sich mit den maximal zweistöckigen Häusern der Großstadt Accra vergleichen. Was ist das da vorne? Sieht aus wie Wolkenkratzer. Krass. Aber schau mal da, am Straßenrand. Dort werden gekochte Eier verkauft. Wenigstens etwas, was mir vertraut vorkommt. Wir biegen ab und kurven durch ein Viertel. Zugeparkt. Wir fahren zwei Zentimeter an einem entgegenkommenden Auto vorbei. Der Taxifahrer fragt zweimal nach dem Hotel bevor wir dann davor stehen. Geschafft. Gepäck ins Zimmer. Ein Zettel an der Türe warnt mich vor Dieben. Als Frau alleine raus nicht zu empfehlen. Witzbold. Und wenn ich es trotzdem mache, dann ohne Tasche. Es gibt raffinierte Taschendiebe. Also gut. Geld wie immer schön verstaut und wieder raus. Ich brauche eine lokale Simkarte. Ich sehe quasi nur Männer. Unter dem Auto liegen und herumwerkeln. An der Ecke sitzen und mich mit „Jambo“ willkommen heißen. Sieht aus wie ein Viertel das nur aus „Autowerkstätten“ besteht. Berührungsängste habe ich ja nicht mehr. Mich durchgefragt und schließlich verkauft mir ein Mann auf der Straße eine Simkarte. Wo kann ich Credits kaufen. „Airtime“ heißt das hier, wie ich feststelle. Ein anderer Mann verkauft mir also die Auflade-„Airtime“. Und jetzt? Ich muss die Karte doch registrieren. Wie kann ich mir ein Internet-Paket kaufen? Ein dritter Mann nimmt mein Handy nachdem ich die Simkarte einesetzt habe. Mein Pass? Oh der liegt im Hotel. Dann nimmt er einfach seinen für die Registrierung. Das ist aber nett! Während er mit meinem Handy am Shop nebenan herumwerkelt unterhalte ich mich mit den anderen beiden. Schnell kommen wir auf das Thema Ghana. Wie ich das Land sehe. Und die Leute. „Peaceful, friendly..“ „We are also friendly!“ Erwidert der eine sofort. Ja, das habe ich herausgestellt. Ich habe mich nur durchgefragt und schon wird mein Handy installiert. Dass jemand was mit meinem Handy machen will kommt nicht in Frage. Das Glas ist zerbrochen. Allgemein ist das Handy nur noch ein kaputtes Teil. Ich hoffe nur, dass es meinen Afrikatrip noch überlebt. Im zweiten Satz zeigen mir die beiden Männer, dass Tansania, oder zumindest Daressalam, nicht so friedlich ist. Ich muss mich vor Dieben schützen. Die sind ziemlich raffiniert hier. Also doch wahr was an meiner Zimmertüre steht. Die Männer erklären mir die Vorgehensweise der Diebe. Ok, für einen Spaziergang durch die Stadt werde ich meine Kamera nicht mitnehmen. 5 Minuten später habe ich mein Handy wieder. Inklusive Internet. Dankeschön. Du willst ne Cola dafür? Ja gerne. Und ich ahne schon. Eine andere Mentalität. Einer der Männer führt mich danach durch die Stadt. Zeigt mir das Viertel mit den Regierungsgebäuden, die hohen Türme der „bank of Tansania“ und den Fischmarkt, der jetzt am Nachmittag selbstverständlich abgebaut wird. Er zeigt mir wo ich Tickets für die Fähre nach Sansibar kaufen kann und wo die deutsche Botschaft ist. Auf den ersten Blick alles gleich wie an meinem ersten Tag in Ghana. Ein Einheimischer führt mich durch seine Stadt. Aber eben nur auf dem ersten Blick. Denn der Tansanier möchte am Ende Geld dafür. Die Ghanaer haben mich kostenlos durch das ganze Land geführt. Egal wo ich war, überall hat man mir geholfen. Bedingungslos. Und keiner hat etwas gefordert. Höchstens vielleicht meine Handynummer. Aber das ist ja ok. Ja, anderes Land und andere Mentalität. Der Mann möchte mir eine richtige Stadtrundfahrt für morgen verkaufen. 40$. Sonst geht es dir gut? Ich bin kein lebender Bankautomat. Dann erkunde ich die Stadt lieber auf eigene Faust. Danke.
20150218_102054 Ein Blick aus dem Hotelfenster.
Die Währung überfordert auch noch völlig. Obwohl ich den Wechselkurs kenne. Ich habe meine letzten Monate in Ghana nur noch in Cedis gerechnet. Nicht mehr in Euro umgerechnet. Jetzt versuche ich von Schilling (Währung in Tansania) in Cedi umzurechnen. Und alles ist verdammt teuer.
Vielleicht muss ich mein Kapital Ghana abschließen. Sonst werde ich in Tansania nie ankommen. Aber es ist nicht so einfach. Ich habe dort Monate verbracht. In der Kultur gelebt. Da ist es zwangsläufig normal, dass ich jetzt alles neue hier mit meinem letzten zu Hause vergleiche. Ich werde mich dennoch anstrengen. Die ersten Floskeln habe ich mir auf Swahili, der Sprache Tansanias, schon eingeprägt. Morgen dann weiter.

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