See you – Ghana time!

Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich bereits im Flieger Richtung Ostafrika. Ich schaue zum Fenster heraus.
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Ich sehe die Wolkenberge am Horizont und verfolge den Küstenstreifen auf der Erde. Wir fliegen direkt an der Küste entlang. Von West- nach Ostafrika.
image Ein letzter Blick auf Ghana.
Es ist 8 Uhr. Die Post öffnet ausnahmsweise Mal pünktlich. Ein letztes Paket heimschicken. Hier kann ich nur Pakete bis 2 Kilo senden. Meins hat 3 Kilo. Und jetzt? Am Flughafen ist auch noch eine Poststelle. Na gut. Dann halt später.
Vorher muss ich noch den ärztlichen Bericht aus dem Krankenhaus holen. Meine Versicherung braucht den. Am Samstag konnte ich ihn nicht bekommen. Ein Taxi stoppen. „Nyaho hospital“
„come in“
„How much?“
„How much do you want to pay?“
Are you for real???
„15 Cedi!“
„Good, let’s go“
Beim Einsteigen sage ich zu Marie „he doesn’t know the way“. Ist nicht das erste Mal, dass ein Taxifahrer unser Ziel nicht kennt. Manchmal hilft es nicht mal ihnen die korrekte Adresse zu geben, weil sie die Straßennamen nicht kennen. Marie sagt „we will be so early at the airport!“ Bist du dir sicher? Wir aind noch nicht da! Aber bei diesem Taxifahrer einzusteigen zeigt sich bald als fatale Entscheidung. „Do you know the way from here?“ Ich schaue aus dem Fenster. Nichts kommt mir bekannt vor. Marie fühlt sich genau wie ich. Wir haben absolut keine Ahnung wo wir sind. In diesem Viertel waren wir noch nie. „Do you know Nyaho?“ frage ich den Taxifahrer. Es ist ein Viertel Accras. Dort wo das Krankenhaus steht. Nein? Ist das dein Ernst? Es ist nicht weit vom Flughafen. Mehr kann ich dir auch nicht sagen. Daraufhin fragt der Taxifahrer Passanten nach dem Weg. Und ruft einen Freund an. Angeblich weiß er jetzt den Weg. Aber wir stehen jetzt im Stau. Baustelle. Aufregen bringt nichts, jetzt kann ich auch nichts ändern.
Es ist 9 Uhr. Um 12 Uhr geht mein Flieger. Ich muss noch den Bericht im Krankenhaus abholen und zur Post. Haha wird lustig.
Um 9:20 Uhr stehe ich an der Rezeption im Krankenhaus. Die Frau erkennt mich wieder und bittet mich Platz zu nehmen. „Wait small!“ Ihr mit eurem „small small“. Dieser Ausdruck ist so ghanaisch. Er steht für „klein, kurz, in kleinen Schritten“. Und wird für alles verwendet.
– Wait small (warte kurz)
– Think small small (denke ich kleinen Schritten)
– You need to see Ghana, development ist going small small (Entwicklung in kleinen Schritten)
– try small (probiere ein bisschen)
– Do you have small small time? (Hast du kurz Zeit?)
– …
So sitze ich 40 Minuten später, es ist mittlerweile 10 Uhr und in 2 Stunden hebt mein Flieger ab, immer noch im Krankenhaus. Marie wird ungeduldig. Sie fragt erneut nach. „It’s almost ready!“ Natürlich. Um 10:20 Uhr halte ich den gewünschten Umschlag tatsächlich in meinen Händen. Und jetzt ein Taxi zum Flughafen. Zum Glück stehen direkt vor dem Krankenhaus welche.
„To the airport please.“
„Sit!“
„How much?“
„15 Cedi!“
Haha nie im Leben. „5!“
„Ten Cedi!“
Ok wir nehmen ein anderes Taxi. Ich habe es ja nicht eilig. Mit einer Handbewegung stoppe ich ein vorbeifahrendes Taxi. Das selbe Spiel von vorne.
„How much?“
– 8
– 5
– 7
– 6
Und einsteigen. Marie lacht. „Sometimes it’s like pingpong“.
Wir erreichen den Flughafen. Schalter 8 bis 11 ist für Addis Ababa. Ich packe meinen Rucksack in die Hülle und laufe zum Schalter. 17 Kilo hat mein Rucksack. Ja, ich transportiere 1 Kilo Wasser darin. Aber er ist trotzdem schwer. „To heavy dor travelling“ stellt Marie fest. Ja, ich weiß. Aber ich hab schon so viel heimgeschickt. Und wenn ich die Sonnencreme und Aftersun Flaschen leere wird er schon leichter. „Did you changed your date?“ Ähm nein. Marie lacht. „I think you will never leave Ghana!“ Ja, das glaube ich auch. Die Frau am Schalter ruft einen Mann zur Hilfe. Was ist jetzt das Problem? „What is your final destination?“ Daressalam. Eigentlich hatte ich einen Flug nach Äthiopien und dann am Abend von dort weiter nach Tansania (Daressalam). Dieser Nachtflug wurde aber gestrichen, weshalb ich eine Nacht Aufenthalt in Addis Ababa haben sollte. Mein Reisebüro hatte mir dort noch ein Hotel reserviert. „Do you need to do something in ethiopia?“ Ähm Nein. „There is a flight this evening. You want to take it?“ Wieso nicht. Umbuchung. Wir stehen weitere 15 Minuten am Schalter. Mmmh, vielleicht war es doch keine gute Idee. Mein Rucksack bekommt noch eine rote Schlaufe „fast transport in ADD“. Ohoh, ob das gut geht. Ich habe in Addis genau eine Stunde Umsteigezeit, wenn ich alles richtig verstanden habe. Schließlich bekomme ich doch noch meine beiden Boarding Karten und Marie und ich verlassen in Windeseile den Flughafen. Ab zur Post. Marie hate sich in der Zwischenzeit schon umgehört, wo die Post ist. So finden wir sie jetzt relativ schnell. „Can I please send a package to Germany? Is it possible to make it fast, because my flight is in one hour!“ Typisch Weiße. Immer alles schnell schnell. Ja sorry für die Bestätigung eurer Klischees in diesem Fall, aber ich bin echt spät dran. Der Beamte versucht sich tatsächlich zu beeilen. Aber zuerst wird das Paket von dem anderen Kunden verpackt. USA. Dann bin ich dran. Es ist 11:15 Uhr. Meine „boarding time“ beginnt um 11:25 Uhr. Läuft. Ich zahle und fülle die Quittung aus. Mein restliches Geld gebe ich Marie. Marie möchte auch ein Paket schicken, deshalb bleibt sie noch im Büro. Wir sind nicht die Menschen für Abschiede. Ich scherze noch, dass wir uns später im Hostel sehen. Sie glaubt nicht, dass ich meinen Flug noch bekomme. Die „boarding time“ hat mittlerweile angefangen. Und weg bin ich. Wieder zurück in den Flughafen. Den Weg zu den Gates kenne ich schon. Ich bin ihn schon mit Tamara gelaufen. Die Frau möchte meinen Pass. Und meinen Impfausweis. Ich bin total unvorbereitet. Natürlich ist alles ganz unten in meinem Rucksack. Ein Haufen bildet sich auf dem Boden. Handy. Tablet. Tagebuch. Stifte. Kissen. Landkarte. Und wo ist der Ausweis? Ah da, endlich. Alles wieder einpacken. Aber was für eine Kamera ist das jetzt? Wieso so ein Ebola-check. Ich sehe mich in infrarot Farben auf dem Bildschirm. „Take off your glasses“ steht auf dem Bildschirm. Ah, meine Sonnenbrille. „Look into the camera“ fordert mich jetzt der Bildschirm auf. Was sonst noch? Der Punkt leuchtet grün. Na Gott sei Dank. Die Frau schaut in meinen Impfausweis und lässt mich weiter. Dann muss ich noch ein Formular für die Einwanderungsbehörde ausfüllen. 5 weiteren Leuten meinen Pass zeigen. „When do you come back?“ Auch wenn du eine Militäruniform trägst, diese Frage muss ich nicht beantworten. Die äthiopischen Stewardessen düsen an mir vorbei. Wieso ich weiß, dass es keine ghanaischen sind? Sieht man! Oder sehe ich – mittlerweile.
Safety-control. Schuhe bitte ausziehen. Ah, das schon wieder. Nichts in meinem Rucksack, was Aufsehen erregt. Glück gehabt. „You look beautiful!“ Ich drehe mich um. Ein Ghanaer in Uniform spricht zu mir. Haha ja ich werde euch Ghanaer vermissen. Euch und eure Freundlichkeit. „Are you from the America?“ Schon wieder? Nein, immer noch nicht von USA. Vielleicht muss ich aber meine Staatsbürgerschaft ändern. So oft wie ihr mich das fragt. Und noch ein Stopp. „Drug control?“ Viel Spaß beim Durchsuchen meines Rucksacks. Chaos ist da drin. Ach du willst nicht reinschauen? Nur fragen ob ich welche habe? Ähm nein. Danach ein letztes Mal den Pass zeigen und geschafft. Ich habe kaum Zeit, um mich in der Wartehalle hinzusetzen und zu verschnaufen, da ist der Bus auch schon da. Und wir fahren zum Flugzeug. Ein nicht so großes wie beim Hinflug. Ethiopian Airlines hat sich jetzt wohl angepasst. An die wegen Ebola wenigen Fluggäste in Westafrika. Denn das Flugzeug beim Hinflug war zu 3/4 leer. Aber auch jetzt ist der Platz neben mir leer. Und einige weitere im Flieger. Das Flugzeug ist zur Hälfte leer. Mit einer halben Stunde Verspätung heben wir dann in Accra ab. Die Ghanaer im Flugzeug haben dicke Daunenjacken an. Ah, ich habe meinen Jogginganzug im Rucksack, den ich aufgegeben habe. Naja, ich hoffe es wird nicht zu kalt. Top und kurze Hose müssen reichen.
image Ich fliege mit etiopian Airlines.
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Ein letzter Brand in Ghana, den ich sehe.
Vor mir sehe ich das Meer. Der Strand vor Accra. Wir drehen. Und fliegen an der Küste entlang nach Westen.
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Wolkenberge erstrecken sich über das Land. Sie sehen faszinierend aus.
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Unter mir kann ich das Voltadelta erkennen. Dort war ich erst vor einigen Tagen.
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Kurz darauf wieder die Küste unter mir. Ist das Togo? Oder schon Benin? Ich schaue in die Ferne und bewundere die Wolken.
image Küste in Westafrika.
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Mein Mittagessen im Flugzeug. Deutscher Kräuter-Frischkäse und deutsche Butter!
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Was für faszinierende Monate liegen doch hinter mir. Ich habe im Waisenhaus angefangen zu arbeiten. Habe mich zuerst mit der fremden Kultur auseinandergesetzt bevor ich mir bewusst geworden bin wie schädlich Freiwilligenarbeit in einem Waisenhaus ist. Ich habe festgestellt, dass die Kleinkinder schon alle Entwicklungsstörungen aufzeigen. Weil sie dauernd Bindungen zu Volontären aufbauen und sich dann von ihnen wieder trennen müssen. Im Monatstakt verabschieden sich Volontäre von ihnen. Es ist für die Kinder so, als würden sie jeden Monat auf’s Neue ihre Mutter verlieren. Kein Wunder also, dass sie gestörte Verhaltensweisen aufzeigen. An diesem Punkt kam dann die Schule im armen Norden in mein Zentrum. Zunächst war es nur ein Besuch, doch die Kinder, das Dorf und meine neue Gastfamilie hatte ich schon nach den ersten Stunden ins Herz geschlossen. So kam es dann, dass ich 3 Wochen später im kleinen Langbinsi, im heißen, trockenen Norden Ghanas, meine Arbeit als Lehrerin aufnahm. Zunächst noch überfordert mit den 30 Namen und den verschiedenen Leistungsniveaus der Kinder, doch mit der Zeit hat sich alles eingespielt. So auch die Rituale des Zähneputzens und des Danke und Bitte Sagens.
Dann kamen die Weihnachtsferien. Damit auch meine Reise in der „western region“ an der Küste entlang. Zu Fuß. Mit meinem Gepäck auf dem Rücken. Im Sand. Ich habe die Zeit unendlich genossen. Allein. Und dennoch nicht allein. Ich habe so viele Menschen auf dem Weg kennengelernt. Und unglaublich interessante Gespräche geführt.
Schlussendlich hat diese Reise in Axim mit einem Unfall in der Silvesternacht ein abruptes ende genommen. Durch eine Silvesterrakete, die meinen Oberschenkel getroffen hat, war ich im Laufen eingeschränkt. Und hatte eine offene Wunde. Nicht gerade die beste Voraussetzung für den dreckigen Norden. Doch mit etwas Geschick und so viel Desinfektionsmittel wie ich in meinem Leben noch nicht verwendet habe, habe ich die Wunde gepflegt und nach einem Monat war sie endlich geschlossen. 30 Tage hat es gedauert. Doch es zählt nicht wielange, es zählt nur, dass sie verheilt. Jetzt, zweieinhalb Monate später ist die Wunde immer noch deutlich zu sehen, aber sie schmerzt nicht mehr und ist, wie gesagt, geschlossen.
In der zweiten Januarwoche ist dann Marie aus Belgien zurückgekehrt und damit hat eine neue Phase begonnen. Eine Zeit, in der ich viel gelacht habe. Eine Zeit, in der ich viel entspannt habe und innerlich zur Ruhe gekommen bin.
Wenn ich auf meine Zeit in Ghana zurück blicke, dann habe ich unglaublich viel gelernt. Ich habe gelernt mit Kulturunterschieden umzugehen, mich in einer Männerwelt als Frau zu behaupten (oder zumindest nicht unterdrücken zu lassen), zu entspannen und nicht immer nur zu hetzen. Ich habe gelernt, dass es wichtigeres als Uhren gibt. Uhren stehlen uns nur die Zeit. Ich habe 4 Monate ohne einen Wecker gelebt. Nicht einmal für meinen Weiterflug heute habe ich mir einen Wecker gestellt. Ich stehe auf, wenn ich aufwache. Und mein Körper weckt mich früh genug. Ich war eine Person, die zwar als jemand mit endloser Geduld galt, wenn es darum geht mit Kindern zu arbeiten oder jemandem etwas beizubringen, aber total ungeduldig war, wenn der Bus 2 Minuten zu spät kam. Die Kinder in Ghana haben zwar manches Mal meine Geduld ausgereizt, dafür kann ich jetzt 3 Stunden in einem Trotro warten ohne innerlich vor Ungeduld Stress zu platzen. Was ich heute nicht erreiche, mache ich eben morgen.

Ich danke für all die Erfahrungen, um die ich hier in Ghana reicher geworden bin.

Wenn ich an Krokodile denke, werde ich nicht mehr an die eingesperrten Tieren in der Stuttgarter Wilhelma denken, sondern daran wie sich die Haut von ihnen anfühlt und daran wie lange sie bewegungslos daliegen können.

Wenn ich an Esel denke, werde ich nicht mehr an Bilder aus dem Bilderbuch denken, sondern an die Eselskarren, die ich überholt habe, weil sie so langsam sind. Ich werde mich an das Geräusch zurück erinnern, das Esel wirklich von sich geben.

Wenn mir jemand von hungernden Kindern in Afrika erzählt, sehe ich nicht irgendwelche dunkelhäutigen Kinder vor mir, sondern Kinder aus meiner Schule. Kinder, die mich darum beten Essen zu geben. Ich werde Gesichter vor mir sehen, die mich um Wasser, Brot, eine Zahnbürste, einen gebrauchten Rucksack oder Kleidung fragen. Sie haben dasselbe Alter wie die, die in Europa das neueste Ipad wollen und dich verfluchen, wenn du ihnen zum Geburtstag ein Buch schenkst.

Wenn ich den Bus verpasse und eine halbe Stunde warten muss, dann werde ich an all die Stunden denken, die ich an Ghanas Trostationen sitzend und wartend verbracht habe.

Wenn jemand von der Kraft der afrikanischen Sonne spricht, dann werde ich an die Momente denken, in der ich in der sengenden Hitze unterwegs war.

Wenn mir jemand von den Sternen erzählen will, dann denke ich an den strahlenden Sternenhimmel unter dem ich wochenlang geschlafen habe.

Und ich habe das freundliche, friedliche Ghana in mein Herz geschlossen. Darum sage ich zum Abschluss: SEE YOU!
„Ghana time“ – You never know when, but it will happen.
One day, I will come back!

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