Kakum Nationalpark – 10. Februar

Ursprünglich wollte Marie mit mir bis zu meiner alten Gastfamilie nach Mampong mitkommen und dann wieder zurück in Norden fahren. Dann meinte sie, sie kommt mit bis Accra und bleibt dort eine Woche. Schlussendlich ist sie mit mir mit nach Cape Coast und von dort weiter bis in Kakum Nationalpark. Wenn man uns sieht, denkt man wir können uns nicht leiden. Aber eigentlich kommen wir ganz gut klar miteinander. In manchen Dingen unterscheiden wir uns total, in anderen sind wir uns ziemlich ähnlich. Wie zum Beispiel das mit dem Sarkasmus. Als dritte Person neben uns beiden, kann es sehr schwer sein. Sarkasmus und Irnoie prägen unsere Sätze. Zudem necken wir uns gegenseitig ununterbrochen. Starten eine Wasserschlacht oder werfen sonstige Gegenstände auf uns. Kurz gefasst: wir lachen viel.
Und so sitzen wir im Taxi in Richtung Nationalpark und unterhalten uns schon eine Weile mit dem Taxifahrer als er uns plötzlich fragt (wobei, es war eher eine Behauptung als eine Frage):
„You are from America, I know it! You look like it.“
Marie und ich sind sprachlos für einen Moment.
„Yes we are.“ Sagen wir dann zeitgleich ohne uns abgesprochen zu haben.
„Yeah I know it. It’s a really nice country. They are really civilised!“
Marie: „Yeah, it’s the best country in the world! Only sometimes we use too ofter guns!“
„Once I was in Switzerland, they are so unfriendly!“
Marie: „Yes, we know people from there, it’s true.“
Ich versuche nicht wegzubrechen vor lachen. Wie kommt der auf die Idee, dass wir von Amerika kommen? Marie meint zwar, dass ich keinen deutschen Akzent im Englisch habe und sie hat auch nicht wirklich einen französischen Akzent, aber trotzdem. Wir sprechen nicht wie die Amerikaner. Wir sehen nicht gerade aus wie Amerikaner. Blonde Haare, blaue Augen. Naja, für ihn wohl schon. Für uns ein neues Spiel. Geschichten ausdenken.
image Das Baumhaus
Im Nationalpark angekommen führt uns ein Guide vom Touristenzentrum zu unserem Schlafplatz. Wir haben uns für das Baumhaus entschieden. Also marschieren wir 10 Minuten durch den Regenwald. Dann stehen mitten im Wald zwei Duschen und Toilettenhäuschen vor uns. Wirklich? Dusche nach oben offen, aber das Wasser kommt aus dem Duschkopf. Faszinierend. Mitten im Wald. Von diesem Ort laufen wir noch zwei Minuten durch den Wald bevor wir unter dem Baumhaus ankommen. Ok, Toilette und Dusche schön und gut, aber wieso so weit weg? Ich werde definitiv in der Nacht nicht aufs Klo gehen.
image Die Dusche
In etwa 15 Meter Höhe ist die Platform wo wir schlafen. Oben angekommen sind wir klitschnass. Die Feuchtigkeit hier ist schrecklich hoch. Es ist zwar nicht so heiß wie im Norden, aber durch die Feuchtigkeit schwitzt man deutlich mehr. „You are sweating on your face? You are never sweating at all, so it means a lot“. Sagt Marie zu mir. Ja, auch ich schwitze jetzt.
„I will come at 7!“ sagt der Guide und lässt uns allein. Ich gehe auf die Terasse und blicke mich um. Wow. Tolle Sicht. Mitten im Wald.
Die Dusche mitten im Wald ist ein Traum. Sooo schön kühl. Und wir können beide gleichzeitig duschen, weil es zwei Duschen gibt. Was für ein Luxus.
image Abendstimmung
Um halb 9 kommt der Guide und verzieht sich in eines der Zimmer. Wir schlafen nicht in den Zimmern, denn dort ist es wie in der Sauna. Im Vorraum nur fast.
Um 1 Uhr weckt mich der Guide. Nachtwanderung. Marie wollte nicht mit. Sie beschwert sich schon, wenn ich mich auf der Plattform nur bewege, weil die dann hin und her wankt. Sie hat Höhenangst. Aber dafür schlägt sie sich echt gut. Und sie ist mit mir hier hoch. Auch wenn aie mich dafür pausenlos verflucht. Aber damit kann ich leben.
Ich setze meine Stirnlampe auf den Kopf, schalte das Nachtlicht an (rot) und laufe hinter dem Guide die Treppen herunter. Er hält eine richtige Taschenlampe in der Hand. Mit dem Rotlicht sehe ich quasi nichts. Also schalte ich das normale Licht an. Wow ist das hell. Ich dimme mein Licht und starre auf den Boden. Ich bin klitschnass. Nach einer Minute laufen. Ich hatte Marie vorausgesagt, dass es in der Nacht abkühlen wird. Aber no way. Es ist immer noch heiß und stickig. Aaah was war das? Es hat mich an meiner Schulter gestreift. Ah nur eine Liane. Zum Glück. Wir steigen unter umgefallenen Baumstämmen hindurch und laufen auf und ab in Wald. Ich fühle mich wie in der Sauna. Ich war zwar noch nie in einer Sauna, aber so muss es sich anfühlen. Nur mache ich das 1 Stunde lang. Der Guide leuchtet immer nach links und rechts. Er sucht Tiere. Aber es ist Trockenzeit, die Tiere hören uns von weitem und verschwinden. Laub bedeckt den Boden, wie im Herbst in Europa. Nur sind die Bäume trotzdem grün. Wir laufen längst nicht mehr auf einem Pfad, sondern querfeldein durch den Wald. Dauernd zucke ich zusammen, weil Lianen und Äste mich berühren. Ich kämpfe gegen einen Insektenschwarm, der sich im Licht meiner Lampe vor meiner Stirn versammelt hat. Wir bleiben stehen und lauschen. Zu dem permanenten Zirpen, zurren, pfeifen und kreischen kam ein neues Geräusch hinzu. Eine Fledermaus huscht über unsere Köpfe hinweg. Es ist stockdunkel. Obwohl es Vollmond ist, fällt kein Licht auf den Waldboden. Ohne Lampe sehe ich nicht mal meine eigene Hand vor dem Gesicht. So stapfe ich schwitzend dem Guide hinterher und lausche den Tiergeräuschen. So vielfältig. So viele verschiedene Tiere. Ein Vogel schreckt im Gebüsch neben uns auf und fliegt in die Höhe. Ich atme schwer. Ich höre das Pfeifen meiner Lungen. Quasi das erste Mal seit ich in Ghana bin, dass sich mein Asthma bemerkbar macht. Die Feuchtigkeit ist einfach nicht auszuhalten. Zurück im Baumhaus trinke ich erst mal einen halben Liter Wasser. Jetzt die kalte Dusche wäre ein Traum. Aber ich laufe ganz sicher nicht alleine im Dunkeln den Weg zurück zur Dusche. Wenn ich wieder oben bin, wäre ich eh wieder verschwitzt. Ich reiße mir die Kleider vom Leib, trete auf die Terasse und lausche in die Nacht hinein. Affen kreischen nicht weit von mir. Mein Atem geht immer noch schwer. Eine weitere Stunde brauche ich um etwas abzukühlen (was nicht gelingt) und wieder einzuschlafen.
Am nächsten Morgen bin ich um 6 hellwach. Nassgeschwitzt. Aah schrecklich. Diese Schwüle! Ich dusche erneut, sooo gut, soo schön kühl! Und mache mich dann mit dem Guide auf den Weg zum „Nature walk“. Er erklärt mir wo der schwarze Pfeffer wächst, wieso der ghanaische Kakao der beste ist (er wird nur nur unter der Sonne getrocknet und nicht wie andernorts am Feuer), welche Baumstämme sich als Fufu- und welche sich als Bankustampfer eignen, welcher Baum sich zu Färben von Kleidung eignet und aus wessen Flüssigkeit man einen Tennisball erschaffen kann. Er zeigt mir den Baum, der Musik macht und spielt mir vor. Die Nachricht, die mir dieser Baum weitergibt? „Protect yourself!“ Mit seinen Stacheln hält er Feinde fern und auch wir Menschen, sollen uns vor unseren Feinden selber schützen. Schlauer Baum.
image Der Baum, auf dem Kakao wächst.
image Der Baum, aus dem Tennisbälle entstehen.
image Der Baum, der die Kleider färbt.
image Der Baum, der Weihrauch hervorzaubert.
image Der Baum, der sich selbst schützt.
Das Ende des Spaziergangs ist ein Fluss. Naja ein Fluss ist es vielleicht in der Regenzeit. Jetzt ist es nicht mehr als ein Rinnsal. In der Regenzeit ist der dicke Felsen dort auch unter Wasser. Wahnsinn. Unvorstellbar. Und hier wo du stehst ist dann ein Wasserfall, den man bis ins Camp hören kann. Unglaublich.
image
Der Felsen links im rechten unteren Bild steht in der Regenzeit unter Wasser.
Über das Camp zurück, laufen wir zum Highlight des Nationalparks. Dem Canopy Walkaway. Hängebrücken in luftiger Höhe des Regenwalds. Bis auf 40 Meter hinauf gehen sie. Am Hang starten sie. Ein paar Stufen hoch auf eine Platform und schon stehe ich auf der Hängebrücke. Kaum 20 Zentimeter breit und mit Netzen seitlichen gesichert. Der Guide wartet am Boden auf mich.
image Die Hängebrücke
Ich laufe über die erste, über die zweite und stehe auf der dritten Brücke. Die Netze sind grün vom vielen Regen und das Holz unter meinen Füßen knarrt. Es ist eine lange Brücke. Sie schaukelt hin und her.
image Die Konstruktion des Canopy Walkaways.
Am Ende der Brücke ist eine kleine Platform um einen Urwaldriesen herum gebaut. Auf 40 Meter Höhe. Was heutzutage alles möglich ich. Drei Männer mit Megaobjektiven stehen dort und beobachten Vögel. Wahnsinn diese Aussicht.
image Regenwald weit und breit.
Wie weit man sehen kann. Weit und breit nur Wald. Und Tiere. Ich höre viele Vögelstimmen.
image Mitten im Regenwald in luftiger Höhe.
Auf der nächsten Brücke bleibe ich in der Mitte stehen. Uuh, die schaukelt mehr als ich dachte. Jetzt weiß ich wieso immer nur eine Person darauf stehen darf. Aber beim Laufen merkt man das Schaukeln nicht so sehr, wie jetzt, wenn ich innehalte. Ich schaue nach unten. Es ist verdammt weit bis zu dem Blätterdach der normalen Bäume. Der Boden? Nicht zu sehen. Nirgendwo. Die Kronen der Bäume versperren die Sicht. Ja, ich bin verdammt hoch oben. Noch ein Blick über den grünen Regenwald und weiter geht der Weg über die Brücken. In der Mitte reicht mir das Schutznetz nur noch bis zur Hüfte. Es knackt und knarrt ohne Ende. Ob diese Konstruktion hier gewartet wird? Manche Brücken sehen nicht danach aus. Dennoch erreiche ich wieder festen Boden unter meinen Füßen. Der Guide erklärt mir, dass sie alle 3 Monate einige Materialien austauschen und alle 6 Monate alles wechseln. Ganz glaube ich es nicht, aber zumindest wird es gewartet. Den deutschen TÜV würde die Brücke hier sicher nicht bestehen, aber wer braucht den schon in Afrika? Ich bin glücklich, dass die Ghanaer das hier errichtet haben, denn es war ein atemberaubendes Erlebnis. Jetzt freue ich mich aber über meine kalte Dusche. Denn ich bin schon wieder klitschnass von der Luftfeuchtigkeit. Die dritte Dusche innerhalb von 10 Stunden. Oben im Baumhaus angekommen bin ich schon wieder verschwitzt. Marie lacht mich aus. Lach nur, aber du bist nicht we iger nass. Beeil dich, dass wir hier schnellstens weg kommen. Ich ertrage diese Schwüle nicht mehr.
image Links: Bambus
Im Camp nehmen wir noch ein Frühstück zu uns, während wir auf unseren Taxifahrer warten.
Auf dem Rückweg geht unser Spiel weiter. „Do you have Facebook?“ fragt mich der Guide. Ich schaue ihn entgeistert an und Marie ergreift das Wort „No, she doesn’t like facebook!“
„Too dangerous“ füge ich hinzu.
„But you can block people, if you want!“ Versucht mich der Taxifahrer aufzuklären.
„Really? I don’t trust them.“ spiele ich weiter.
„Oh for sure. The bad men, you can block them in Facebook! This is very easy.“ Erklärt er.
„But you know, in our country in the USA, the companys check our facebook profile before they employ us. And they can see everything in your profile. The pictures, your friends…“ fügt Marie hinzu.
„You know the NSA can check everything“ erkläre ich nun dem Taxifahrer. „That’s why I prefer writing letters. I don’t like all these electronical things.“
„Really?“ schaut mich der Taxifahrer entgeistert an.
So führen wir unser Spiel fort, während wir wieder in Richtung Cape Coast fahren. Tschüss Regenwald.
Über Accra wollen wir jetzt in die Volta-Deltaregion gelangen.

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