Säuberungsaktion mit anschließender Brandstiftung – 30. Januar

Manche Schultage sind besondere Tage. Da findet kein herkömmlicher Unterricht statt, was aber nicht heißt, dass die Kinder nichts lernen.
Ich trommle die Kinder zum Zähneputzen zusammen. „All in one line“, mittlerweile funktioniert es eigentlich ganz gut, aber gedrängelt wird trotzdem. Ist, glaube ich, angeboren. Sueba (12) kommt um die Ecke. „Good morning Sueba!“ Ein leises Gemurmel kommt zurück. Ich erkenne nichts von der fröhlichen, mich immer anlächelnden, wissbegierigen Schülerin wieder, die auf dem Fußballplatz alle Jungs stehen lässt. „Are you okey?“ Nach zwei Sätzen weiß ich, dass sie krank ist. Sie beschwert sich aber nur über Kopfschmerzen. Ich lasse Marie allein mit den Kindern und laufe mit Sueba zurück zum Haus. Setz dich auf den Stuhl vor meinem Zimmer. Ich hole mein Thermometer und messe ihre Körpertemperatur, da sie sich sehr heiß anfühlt. 35,6. Mmh, doch nicht so heiß. „Only headache?“ Mmmmh. Ich hole ein Glas Wasser und eine Tablette Paracetamol. Nimm die und trinke das Wasser. Sueba hängt im Stuhl. „You go home and sleep!“ Sueba richtet sich mit aller Kraft auf und versucht mit ihrer schwachen Stimme „No, I go to school“ zu sagen. Sie steht auf und klammert sich an mich. Mein liebes Kind, ich schätze es sehr, dass du gerne in die Schule kommst und wissbegierig am Unterricht teilnimmst, aber das wird dir heute nicht gelingen. Mein Gastvater kommt und ich spreche mit ihm. Sueba soll sich in seinem Zimmer schlafen legen. Sie weigert sich zwar, legt sich aber hin und ist in der nächsten Sekunde weg. Also gut, dann zurück in die Schule! Vor dem Haus entdecke ich Wusah. Auch nicht gerade strahlend. Im letzten Artikel über die Schule hatte ich von ihm und seinen Geschwistern erzählt. Er ist das Oberhaupt in der Familie. Der Vater gestorben. Die Mutter weit weg Geld verdienen und der neue Mann der Mutter kümmert sich nur um das gemeinsame Kind, Godwin, den jüngsten. Die drei aber überlässt er sich selbst. Wusah spricht aber relativ gut englisch. Aber er kann mir nicht erklären wieso die anderen beiden nicht mit ihm zur Schule gekommen sind. Ungewöhnlich. Eigentlich kommen alle gern in die Schule. Er murmelt und flüstert ganz leise. In der Schule angekommen bitte ich Bride, der Mann, der manchmal beim Unterrichten hilft, Wusah nach dem Fehlen der Geschwister zu fragen. Bride lacht „they are hungry!“ Are you kidding me? Du findest das lustig? Marie und ich, wir halten beide nicht viel von ihm als Lehrer, weil er weder verantwortungsbewusst noch ein Vorbild den Kindern ist. Aber diese Reaktion war völlig daneben. Ich gehe zu Wusah. Du hast heute nichts gegessen? „No, I have no money!“ Ich sehe, dass Marie mit den Kindern eine Säuberungsaktion gestartet hat. Der Müll auf dem Gelände wird in einem Eimer gesammelt. Dann kann ich nochmal fehlen. Ich schnappe mir Wusah und laufe wieder zum Haus. Er sieht jetzt, dass ich ihm helfen will und spricht mit mir. Seit zwei Tagen haben die drei nichts gegessen. Der Mann kam nicht. Stimmt gestern waren die drei auch nicht in der Schule. Ich hole mein Geld. Du gehst jetzt ins Dorf und kaufst für jeden von euch Essen für einen Cedi! „Thank you! And then I come back!“ Wenn du willst, aber erst Essen! Wasser hat er gemeint haben sie. Wasser ist unserem Dorf eigentlich kein Problem. Es gibt viele Brunnen. Meine Gastmutter spricht noch mit Wusah. Soweit ich folgen kann, sagt sie ihm, dass er Banku kaufen soll und wo. Dann verabschiedet er sich. Amina kommt. Sie will Streichhölzer. Ich gebe ihr welche und laufe mit ihr zurück. Die Kinder sind fertig mit Müll einsammeln. Nicht, dass kein Plastik mehr zu sehen wäre. Das ist unmöglich. Aber auf dem Boden vor der Schule und auf dem Fußballplatz liegt nichts mehr.
image Die Kinder bereiten die Müllverbrennung vor.
Der Müll wurde bereits auf drei Haufen verteilt und die Kinder legen Haufen von den trockenen Grashalmen darauf. Bride, der Lehrer, steht an einem Haufen und zündet ihn an. Alle Kinder um ihn herum. Die Flammen lodern auf. „Away from there“ schreie ich. Alle springen zurück.
image Bride entzündet die Müllhaufen.
Zwei von den größeren Mädchen zünden mithilfe von Stöcken auch die anderen Haufen an.
image Der Müll verbrennt.
Das Feuer lodert auf. Ich rufe alle Kinder zu mir. Auf den Fußballplatz. Wo kein Gras ist. Wo nichts brennen kann. Die Kinder freuen sich an den Flammen.
image Das Feuer gerät außer Kontrolle.
Der Wind verstärkt sich und ein Windstoß entflammt eine riesen Fläche. Ich schlage die Hände vor dem Gesicht zusammen. Alle Kinder lachen. Einige laufen auf das Feuer zu. Ich rufe sie zurück. Die Flammen fressen sich schnell durch das trockene Gras. Seit Monaten kein Regen. In Europa wäre das wohl Brandgefahr Stufe 5 oder so. Wir verbrennen Müll und entflammen eine ganze Grasfläche. Die Kinder denken, dass ich Angst vor dem Feuer habe und lachen mich aus. Ich finde es einfach nur traurig. Nicht, weil sie keine Angst haben, sondern weil sie nicht mal Respekt vor dem Feuer haben. Es ist wirklich gefährlich. Der Wind beschleunigt das Feuer im Vorwärtskommen. „Do you think this tree will survive?“ fragt mich Marie. „Maybe“ antworte ich lachend. Auch, wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich lachen oder weinen soll. Die Kinder laufen immer wieder in Richtung der Flammen. „All of you come here and stand next to me“ schreie ich wütend.
image In sicherer Entfernung vom Feuer.
Endlich stehen wirklich alle neben mir. Ich nehme einen langen Stock, sammel noch den Müll ein, der noch nicht verbrannt ist und lege ihn auf die noch glühenden Haufen. Die Kinder verteilen sich langsam und sammeln Steine. Oder Erdklumpen. Was auch immer. Sie beginnen das Fußballfeld abzustecken. Ab und zu läuft jemand über die abgebrannten Flächen. Barfuß. Und dann lachen sie, wenn ich die Kinder schreiend zurück scheuche. Bride, der Lehrer, macht nichts. Außer lachen. Hallo du bist Ghanaer. Du weißt wie ihr das mit den Feuern immer macht. Meinst du nicht, du solltest versuchen, dass das Feuer nicht auf die große weite trockene Fläche links übergreift? Naja, er wird schon wissen wie es geht.
image Den restlichen Müll im Feuer verbrennen.
Ich sammel fleißig weiter Müll ein. Ein Bein von einem Plastikstuhl. Verbrennen? Was denn sonst? So ist es weg. Uuuuuh. Wie das schmilzt. Und wie das riecht. Bää. Später noch eins. Und was ist das? Ein Verband. Wahrscheinlich der Verband mit dem ich Rafiw verbunden habe. Oh man. Ab ins Feuer damit. Auf der einen Seite hat die Straße das Feuer gestoppt, auf der anderen immer noch nicht. Kleine Flammen züngeln sich durch das Gras. „Away!“ schreie ich erneut, da wieder ein paar Kinder sich den Flammen genähert haben. Miftaw schlägt mit einem Stock auf die Flammen. Ok, wenn die Kinder jetzt schon vor dem Lehrer versuchen das Feuer zu stoppen, dann muss ich jetzt eingreifen. Bride sitzt gemütlich auf dem Stuhl im Schatten. Marie organisiert das Fußballfeld. Wirklich? Du kannst einfach nur dasitzen während hier das Feld abbrennt? Er macht mich so wütend.
Ich verscheuche Miftaw und mache mich in den Kampf gegen die Flammen auf. Mit einem Stock versuche ich die Gräser zu entfernen und einen kleinen Weg zu erschaffen. 10 Zentimeter breit. Kein trockenes Gras dort. Wenn ein Windstoß kommt hilft dennoch alles nichts mehr. Zum Glück verschont mich der Wind und die Flammen versiegen so langsam in der Erde. Puuuh Glück gehabt. „Little fire girl you did it!“ ruft Marie mir lachend entgegen. Ja lach nur.
image
Das Feuer gestoppt bevor er sich durch die nächste Ebene fressen konnte.
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Die Fläche, die wir durch die Müllverbrennung abgebrannt haben. Toilette und Baum stehen noch.
In der Zwischenzeit haben die Kinder das Feld mit Steinen begrenzt und die Linien sind auch fast gerade.
image Das neue Feld entsteht.
Hamdia bohrt ein Loch in die Erde, um die Stange zu versenken. Womit? Mit einem Messer. Oh man.
image Mit dem Messer ein Loch in die Erde bohren.
Marie holt den Fußball, während ich mich um die beiden noch glühenden Haufen kümmere. Jetzt mit dem neuen Fußball hier spielen? Oh oh, das Plastik wird gleich mit verglühen.
Die Kinder rasten förmlich vor Freude aus, als sie den neuen knallgrünen Fußball sehen. Noch bleibt er bei uns. „In 10 minutes you can play with it“ rufe ich ihnen zu und versuche die glühenden Haufen zum Abkühlen zu bringen.
Dann starten wir auch schon. Marie als Schiedsrichter, ich erst Mal als Linienrichter. Abwarten, wie fair wir die Teams aufgeteilt haben. Nach kurzer Zeit steht es 2:0. Die Emotionen kochen hoch.Zum Anspiel stehe ich auf dem Platz. Beim hintenliegenden Team. Ein, zwei Ballkontakte, ein Pass, .Tor. Mein Team jubelt. Jetzt kochen die Emotionen auf der anderen Seite. Hey, ihr seid immer noch in Führung! Ich ziehe mich zurück und mache das was ich gut kann. Dumm im Tor herumstehen. Marie verteilt fleißig gelbe Karten an die Mädchen, die Fußball mit Handball verwechseln. Drei Elfmeter für uns. Ein weiteres Tor für uns. 2:2. Die Emotionen sind kaum zu bremsen. Die Kinder diskutieren mehr als sie spielen. So macht das keinen Spaß. Trinkpause! Halbzeit!
Danach führe ich eine neue Regel ein. Kein Wort auf dem Platz! Ihr sprecht nicht. Ich spreche nicht. Nur Marie darf sprechen! Wir wechseln die Seiten. Falila plappert los. Runter vom Feld. Die anderen Kinder pressen die Lippen zusammen. Ich versuche mich mit meinem Team zu verständigen wer ins Tor geht. Miftaw steht drin. Und los. Wow, ohne sprechen spielen die Kinder viel besser! Ein tolles Spiel entwickelt sich. Einwurf auf der anderen Seite. Ich schnappe den Ball und treffe den Kopf von Naim. Tor! 3:2 „This was a great goal!“ ruft Marie. Wir bleiben still und klatschen uns ab. Sprechen ist ja nicht erlaubt. So pendelt das Spiel hin und her. Ich habe den Ball und schieße. Auf das Tor. Wow, gut gestoppt von Gifty, der Torhüterin! Auch wenn sie etwas gerutscht ist auf den Kieselsteinen. Marie läuft zu ihr. Sie lacht. „Look at her, she tries to cry without a voice!“ Gifty versucht trotz Schmerzen keinen Ton von sich zu geben. „We need you doc Anne!“ Oh, wohl doch schlimmer. Sie blutet am Knie. Kein Wunder bei diesem Boden. Ich laufe zu ihr, nehme sie auf den Arm und laufe zum Haus. Das Knie wird gesäubert und verbunden. Gifty gibt immer noch keinen Ton von sich. Marie lacht. Jetzt lächelt auch Gifty wieder. Wird schon wieder Kleine! Du bist eine ganz große Torhüterin! Und Torhüter sind hart im Nehmen das weiß ich.
Damit geht der Schultag zu Ende. Die Kinder haben gelernt, dass Müll in den Mülleimer gehört, dafür steht jetzt ein großer lilafarbener Eimer in der Schule. Und sie haben sich darin geübt Regeln zu gehorchen. Der Schiedsrichter hat das Sagen. Somit muss nicht diskutiert werden wer Recht hat. Und sie haben sich geübt in leise sein. Ohne Sprache zu kommunizieren. Ist möglich. Ich glaube so ein Spiel werden wir nächste Woche mal in einer Pause wiederholen.
Marie und ich machen uns danach auf den Weg nach Tamale. Etwas „Großstadt“ am Wochenende. Geteerte Straßen. Bankautomaten (auch wenn, die ersten 4, die wir angesteuert haben „no cash“ angezeigt haben). Ein europäisches Abendessen in einem Restaurant. Eine Dusche mit fließendem Wasser von oben. Einen „Supermarkt“, wo man mehr als Reis und Mehl einkaufen kann. Und sonstige Kleinigkeiten. Etwas Luxus eben.

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Unser Tro wird für die Fahrt von Walewale nach Tamale vorbereitet. Da zieht wohl jemand um. Ein paar Seile und fertig!

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Luxus: das Essen bei Mama Nafiza (Gastmutter in Tamale). Jollof Reis mit Salat und einem Ei. SAALAT. Mit Sauce!  Und einem Ei! Soooo gut! (Und scharf)

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Veröffentlicht in Ghana

3 Gedanken zu “Säuberungsaktion mit anschließender Brandstiftung – 30. Januar

    1. Drei Tage später haben die Kinder Müll auf der anderen Straßenseite verbrannt und eine große Grasfläche damit abgebrannt. Irgendwann hat das Feuer aber auch gestoppt. Irgendwie ist das hier normal.
      Habe ihnen aber erklärt, dass der Müll nur noch mitten auf dem Fußballfeld verbrannt wird. Weit weg von all dem trockenen Gras.

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