Spaghetti al dente für die Familie – 29. Januar

Am letzten Markttag haben Marie und ich Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Spaghetti eingekauft.
Denn heute kochen wir für die Familie. Wir hoffen, dass 1,5 Kilo Spaghetti reichen, denn man weiß ja nie wer hier zum Essen auftaucht. Wenn es „europäisches Essen gibt. Wenn zwei Salamingas kochen.
Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich angestarrt werde, wenn ich mit dem Fahrrad durch das Dorf fahre, weil die Ghanaer nicht glauben können, dass ich Fahrrad fahren kann. Ja Fahrräder sind ein Fortbewegungsmittel für die Armen. Nur für die Armen. Wieso sollte ich also Fahrrad fahren können? Aber die Einheimischen denken auch, dass wir Weiße nicht selber kochen. Dass wir Köche haben, die das für uns machen. Und dass die Regierung mich dafür bezahlt, dass ich hier arbeite. Und dass in Europa Geld auf Bäumen wächst. Und dass Europa und Amerika Nachbarstädte sind. Und was weiß ich was sie sonst noch alles von uns denken.
Heute gegen 17 Uhr meinte Surazu dann, wir sollen anfangen. Fragt mich nicht wieso diese Uhrzeit, weil hier nichts nach der Uhr geschieht, aber er meinte wir sollen anfangen.
image Unsere „Küche“
Marie und ich sitzen auf zwei Plastikstühlen. Mitten im Hof. Jede von uns eine Schüssel in der Hand. Marie bereitet die Zwiebeln vor. Ich den Knoblauch. Gar nicht so einfach ohne Schneidebrett. Ohne das richtige Messer. Auf dem Schoß. Schon mal Zwiebeln in der Hand kleingeschnitten? Oder den Knoblauch? Nein, nicht durch die Knoblauchpresse. Mit dem Brotmesser in der Hand kleingeschnitten. Ist alles möglich. Wenn auch etwas umständlicher. Surazu, unser Gastvater kommt vorbei und fragt ob wir alle Zwiebeln hineintun? „Of course!“, es liegen 7 dicke Zwiebeln da. „Nooo, tell Marie that you put only two inside!“ sagt er aufgebracht zu mir. Wir lachen beide. Wir wissen, dass deren Mägen solches Essen nicht gewöhnt ist. Zwiebeln und Knoblauch. Nicht in ihrem Speiseplan zu finden. Aber wir lieben beide Saraksmus und ziehen ihn noch etwas damit auf. Unsere Mägen sind die Liter Öl, die ihr beim Kochen verwendet auch nicht gewohnt, aber verarbeiten müssen sie es trotzdem. Drei Zwiebeln schneiden wir trotzdem hinein. Marie und ich, wir lieben nämlich beide Zwiebeln. Danach schneide ich die Tomaten. „Did you wash your hands?“ fragt mich Marie. „Of course!“ „With soap?“ Natürlich nicht. Was für Seife. Übertreiben müssen wir es wirklich nicht. Schon mal geschaut wo wir hier kochen? Mitten im Dreck. Mit den Füßen führe ich Krieg mit den Hühnern, die versuchen ihren Teil abzubekommen. Ich glaube es ist besser, dass ich sonst nie sehe, wie unser Essen vorbereitet wird und wer darin schon seine Nase hatte.
image „Local medicine“
Surazu kommt mit einem Sack voll Wurzeln in den Hof. „Surazu what is this?“ „This is my medicine! African medicine!“ Da bevorzuge ich meinen Tee. Also wirklich. Ich bin ja echt niemand, der Tabletten schluckt. Aber ob dieses Gebräu, was er aus den Wurzeln zubereitet, wirklich hilft bezweifle ich stark. „Herbal medicine“ wird es hier genannt. Und trällert es täglich aus dem Radio.
Nagjad unsere Gastschwester bringt von draußen eine Bank. Für uns? Als Tisch? Natürlich nicht. Für die Zuschauer. Nachbarn und Bekannte setzen sich drauf, um uns zuzuschauen. Um mit eigenen Augen zu sehen wie die beiden Salamingas kochen. Schon Faszinierend, oder? Das Wasser kocht. Wir werfen die Spaghetti hinein. Die Zutaten für die „Soße“ sind fertig. Marie geht zu ihrer Wäsche, die wartet aufgehängt zu werden. Ich kümmere mich darum, dass die Spaghetti nicht zu lange kochen. „Al dente“ gibt es in Ghana nicht. Hier wird alles gefühlt eine Stunde gekocht. Auch Nudeln werden zerkocht. Selbst in großen Hotels habe ich nur weiche Nudeln gegessen. Vielleicht ist es gut, dass hier alles lange gekocht wird. So sterben alle Bakterien ab. Aber bei den Nudeln ist es nicht unbedingt nötig. Kubra, meine Gastmutter, kommt mit einem Nudelsieb. Wusste gar nicht, dass sie so was hier haben. Irgendwie kommt sie auch nicht damit klar, dass wir ihre Küche betreten. Ihre „Küche“. Küche kann man es eigentlich nicht nennen. Aber wir nutzen zumindest ihre Utensilien. Sie packt den Topf und schüttet die Nudeln in das Sieb. STOOOOPP. Zu spät. Ein Haufen Nudeln auf dem Boden. Ich muss lachen. Marie schaut herüber. „Really?“ Ja, natürlich. Die Schwester von Kubra nimmt einen Teller und schiebt die Nudeln darauf. Bisschen mit Wasser abwaschen und passt. That’s Ghana.
image Kochen – ein Hühnerhaufen um mich herum.
Danach darf ich wieder alleine kochen. Alle Zutaten in den Topf und vermischen. Einfacher gesagt als getan. Der Topf ist quasi randvoll und ich habe nur eine Schöpfkelle als Werkzeug zum Mischen. Kubra lacht. Ja lach mich nur aus. Ich krieg das schon hin. Neben mir zwanzig Hühner, die versuchen an mir vorbei in den Topf zu gelangen. Aber ich bleibe hartnäckig. Heute nicht. Nur die Reste, die auf dem Boden liegen könnt ihr nehmen. Das sind genügend für euch.
image Genug für alle
Irgendwann bin ich dann der Meinung, dass alles gut vermischt ist. Ich verteile das Essen. Und gebe unserer Gastschwester eine extra große Portion. Die bekommt nämlich sonst nur einen Bruchteil von dem was auf unseren Tellern landet. Die Gäste bedanken sich sogar mit „thank you“. Das ist hier was besonderes. Meine Kinder in der Schule sagen es mittlerweile automatisch. Aber sonst niemand. Wenn Surazu etwas von mir will, dann muss ich mich zurückhalten nicht „please“ zu fordern, wie ich es bei meinen Kindern mache. „Give me painkiller!“ Oder „toothpaste!“ Naja, andere Welt, andere Bräuche, anderer Umgangston.
Cubra kommt zu mir „Anna salt!“ Du hast selber Salz im Haus. Aber natürlich ist mein Tupperware Salzstreuer interessanter. Ich gehe ins Zimmer und hole ihn heraus. Kubra schüttet allen noch einen Haufen Salz auf den Teller. Nein, uns bitte nicht. Weißt du, dass so viel Salz nicht gesund ist? Ihre Schwester kommt mit einer Schüssel voll Öl. Jeder bekommt noch jeder Öl dazu. Öl übrigens auch nicht… Aber was ist hier schon gesund? Und seit wann esse ich gesund? Eben, aber so viel Salz und Öl brauche ich trotzdem nicht!
So kam es dazu, dass die Ghanaer Spaghetti al dente zum Abendessen hatten. Mit mehr Salz und zusätzlichem Öl hat es auch allen gut geschmeckt. Und mir? Mmmmh, dieser Geschmack nach Zwiebeln. Ahhh, wie ich es vermisst habe. Und Knoblauch. Vielleicht lassen uns die Tiere diese Nacht in Ruhe bei dem was wir ausatmen. Aber jetzt genieße ich erst mal meine Spaghetti. Und den Geschmack von saftigen Tomaten.
image Frische Tomaten

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