Die „black stars“ sind eine Runde weiter – 27. Januar

Ich bin ja wirklich nicht leicht zu stressen. Vor allem nicht von Kindern. Meine Geduld macht so einiges mit. Aber heute haben die Kinder es tatsächlich geschafft meine Geduld zu über strapazieren. Zunächst meinte Obeda statt ihre Aufgabe zu machen die Spitze vom Bleistift abbeißen müssen. Marie meinte nur „please, again?“, ja schon wieder. In der Pause haben es dann die restlichen Kinder geschafft meine Geduld völlig auszureizen. Mit allem möglichem. Aber der Höhepunkt war das „Salaminga“ rufen. Unsere Schulkinder rufen uns immer bei unserem Namen oder eben „auntie“. Salaminga wird nur benutzt, wenn man den Namen nicht kennt. Und das ist hier ja nicht der Fall. Deshalb ist das Wort in der Schule verboten. Normalerweise ist das auch kein Thema. Aber heute hat irgendjemand damit angefangen und dann meinten es mehrere benutzen zu müssen. Natürlich wollten sie uns testen. Wie weit sie gehen können. Und einer hat zu Marie „obelo“ gesagt. Das ist ein sehr abfälliges Wort für jemand, der etwas fülliger ist. Naja, dann haben wir unsere Sachen gepackt und sind gegangen. Das ist die härteste Strafe. Keine Schule. Die Schule ist für diese Kinder Alles. Ich weiß, es ist nicht gut, wenn wir ihnen die einzige Chnace auf Bildung entziehen, aber Erziehung gehört zu Bildung hinzu. Somit auch sich an Regeln halten und andere Meinungen akzeptieren.
Naja, zurück am Haus gab es dann die härtere Strafe. Die andere Lehrerin hat Surazu erzählt was vorgefallen ist und wieso wir so genervt sind. Deshalb hat Surazu die Kinder gerufen und sie mussten eine Stunde neben uns hocken.
image Surazu findet es lustig die Kinder zu bestrafen.
Und drei von ihnen seine Lieblingsstrafe machen. Kniebeugen mit Händen an den Ohren. Ich liiebe ihn dafür. Einfach deshalb, weil er die Kinder nicht schlägt. Und schlagen ist Alltag in Ghana.
„What time is it?“ fragt Surazu.
„11“
„Ok, you will do it ‚til 12 o’clock!“ sagt Surazu lachend zu den drei Jungs.
„Really? They were bad to us, yes, but maybe not so bad!“ entgegnet Marie.
„No, you know, you need to punish them well, so that they wont do something like that again!“
„But for one hour this shit? Really? They will die!“ erwider ich.
„No, they won’t die“ sagt Surazu überzeugt und lacht.
Naja, aber zusammenbrechen? Ich weiß, dass die mehr Muskeln haben als Marie und ich zusammen, aber trotzdem. Eine Stunde? Naja, ich nähe dann mal weiter, so dass man den Rucksack wieder benutzen kann.
image Kniebeugen, der Po muss jedes Mal den Boden berühren!
10 Minuten später: Rafiw fängt an zu schwitzen. (Es sind 38 Grad im Schatten und Marie und ich, wir schwitzen nur vom Nichtstun)
15 Minuten später: Emanuel fängt an zu schwitzen. Rafiw läuft der Schweiß in Strömen herab. Marie und ich unterhalten uns darüber. Einige Kinder schwitzen nie. Miftaw gehört zu ihnen. Und andere, wie Rafiw, fangen sofort an zu schwitzen.
20 Minuten später: der Rucksack für Sueba ist fertig. Der nächste bitte!
22 Minuten später: Rafiws Kopf sieht nicht so aus, als wäre er glücklich.
25 Minuten später: ich hole meine Kamera. Das finden die drei nicht lustig. Aber Strafe muss sein. Und Surazu findet es lustig. Ich schaue mir Miftaw von Nahem an und entdecke zwei Schweißtropfen auf der Stirn. Gibt es das? Tatsächlich! Er sieht aber noch relativ entspannt aus. Im Vergleich zu den anderen beiden.
30 Minuten später: Surazu meckert Emanuel und Rafiw an, weil sie kurz im Stand innegehalten haben. Er spricht mit Miftaw (der kleinste und der, der nie schwitzt) und erlöst ihn. Aber nur, wenn er sich bei uns entschuldigt. Am Anfang habe ich nichts gehört. Da kam kein Ton aus der Kehle. Beim zweiten Anlauf kam ein kraftloses „Sorry auntie“ hervor. Entschuldigung angenommen. Du bist erlöst. Kurz darauf dürfen auch die anderen beiden aufhören. Doch weil Rafiw es nicht schafft den Mund zu öffnen, muss er 5 Minuten noch Mal machen.
Nach etwa 35 Minuten ist auch er erlöst. Ich bin beeindruckt wie lange die Kinder das durchgehalten haben. Vor allem mussten sie jedes mal bis ganz nach unten gehen. Keine Schummeleien waren erlaubt.
Als Cubra Marie’s und mein Mittagessen gebracht hat, waren nur noch Wusah mit seine kleinen Geschwister und die kleine Warahama da. Im letzten Artikel habe ich über ihn geschrieben. Er wirft zur Zeit den kompletten Haushalt. Mit 13. Auf jeden Fall haben wir Reis mit Bohnen bekommen. Nicht gerade unser Lieblingsessen. Wir sitzen draußen unter dem Baum im Schatten. Nach zwei Bissen und kurzer Wartezeit geht Marie in Innenhof und hält Wache, denn das was wir jetzt machen sieht Surazu nicht gern. Gaaar nicht. Den Kindern unser Essen geben. Ich fütter die beiden kleinen mit meinem Teller während ich den großen Dreien Marie’s Teller hinstelle. Ihr glaubt gar nicht wie schnell die unser Essen verputzt haben. Und ja sie waren zu fünft, aber wir bekommen auch immer so viel auf den Teller, dass wir hier eine ganze Familie damit füttern könnten. Die Jungs wissen, dass Surazu das nicht erlaubt, deshalb haben sie sich beeilt. Aber dennoch gegrinst und sich bedankt. So musste Wusah sich zumindest um eine Mahlzeit weniger kümmern. Immerhin. Achja und ihre Uniformen habe ich auch gleich genommen. Die sind sooo dreckig. Ja, die Mutter ist seit 3 Wochen weg und die Kinder haben wahrscheinlich kein Geld für Seife. Den waschen können sie sicher. Das machen hier meistens die Kinder. Aber ohne Seife wird es schwer. Und nein ich wollte ihnen keinen Seife geben, da Wusah ohnehin schon genug zu hat. Deshalb habe ich die Uniformen von den dreien selber gewaschen. Und oh mein Gott waren die dreckig. Ich habe so stark schrubben müssen, dass ich mir den Handballen der linken Hand aufgerieben habe. Passiert. Hab auch noch Löcher entdeckt, die ich nähen werde, wenn die Kleider getrocknet sind.
image Neue Schuhe für Warahama.
Am Nachmittag sind Marie und ich dann Fußball schauen gegangen. Im Farmhaus von Surazu. Dort gibt es einen Fernseher. Ich weiß nicht, ob so etwas in den deutschen Nachrichten kommt, aber zur Zeit ist die afrikanische Fußball-EM, „Afcon“ genannt. Afrikameisterschaft. Ghana hat das erste Gruppenspiel in der letzten Minute gegen Senegal verloren, das zweite durch ein last Minute Tor gegen Algerien (Favorit für den Pokal) gewonnen und steht nur vor dem alles entscheidenden Gruppenspiel.
Ein Mann kommt zu uns. Es stellt sich heraus, dass es einer von Surazus Cousins ist. In dieser Ecke des Dorfes sind eigentlich alle mit Surazu verwandt, denn sein Vater hat 4 Frauen und 27 Kinder und sein Großvater hatte 9 Frauen und fragt mich nicht wieviele Kinder. Ja, hier im Islam zeigt die Tradition immer noch wie reich man ist. Desto mehr Frauen und Kinder, desto reicher ist man. Auf jeden Fall haben wir uns mit diesem Mann unterhalten. Er scheint Recht gebildet zu sein, denn er spricht gutes Englisch. Und er weiß, dass Europa und Amerika zwei Kontinente sind, die weit entfernt sind. Ja, das ist hier nicht selbstverständlich. Marie wurde letzte Woche gefragt wie weit die beiden Städte Europa und Amerika voneinander entfernt sind. Marie wusste nicht was sie antworten soll. Ich glaube, ich wäre auch erst Mal überfordert sein. Aber so zeigt sich der Mangel an Bildung. Manche Kinder hier haben noch nie etwas anderes als Langbinsi gesehen. Sie haben das Dorf noch nie verlassen. Langbinsi ist ihre Welt. Mehr gibt es nicht in ihrer Vorstellung. Ja, es ist schwer sich so ein Denken heutzutage vorzustellen, aber es ist Realität. Nun könnt ich euch vielleicht denken vor wievielen Hürden täglich in der Schule stehe.
Zurück zum Thema. Irgendwie kamen wir auf das Thema Heirat. Ist ja kein Wunder hier. Das wird hier im zweiten Satz angesprochen. Und der Mann erzählt uns wieviele Frauen und Kinder sein Großvater und Vater hatten. Hab die Zahl vergessen, aber ich glaube beide hatten um die 30 Kinder. Ja, der Großvater war Chief. So etwas wie das traditionelle Oberhaupt im Dorf. Und was ist mit ihm? Bis jetzt eine Frau und 2 Kinder. „But I am supposed to have 4 wifes!“ Du bist was? „You are SUPPOSED?“ platzt es aus Marie heraus. Ja, es wird von ihm erwartet, dass er auch um die 30 Kinder bekommt und deshalb braucht er 4 Frauen. Marie und ich schütteln nur verständnislos den Kopf. Er versucht uns das damit zu erklären, dass er viele helfende Hände auf seiner Farm braucht. Wenn er nur zwei Kinder hat und die zur Schule schickt, dann hat er niemand zum Helfen. Wenn er aber viele Kinder hat, dann kann er einige in die Schule schicken und einige daheim behalten. Naja, macht für uns keinen Sinn. Aber hast du dann schon eine zweite Frau in Aussicht? Nein, aber ich muss für nächstes Jahr eine Hochzeit planen. Du planst eine Hochzeit ohne eine Frau dafür im Blick zu haben? Uuuh. Ich drehe mich um und frage Marie, ob sie sich das vorstellen kann. Nächstes Jahr zu heiraten. Mann noch unbekannt. Wir schütteln uns beide vor der Vorstellung. Aber er ist davon überzeugt. Aber du kannst doch auch einen eigenen Weg gehen? Du hast lange genug in Accra gelebt um aus diesen dörflichen Traditionen ausbrechen zu können! „No!“ Mmh, war ein Versuch wert. Ich weiß nicht, aber dieser Aspekt der muslimischen Tradition wird mir immer fremd bleiben. Polygamie.
So quatschen wir noch ein wenig über dies und das, so dass die Zeit vergeht und das Spiel beginnt. Ghana gegen Südafrika. Mittlerweile sitzen mehrere Männer im Raum. Alle starren auf den kleinen Röhrenfernseher auf dem kleinen Hocker. Nicht nur die Bildqualität ist schlecht, sondern auch die Tonqualität. Aber wir können den Ball sehen. Und wir sehen ein Fußballspiel. Die Männer geben pausenlos Kommentare ab. Marie und ich lachen. Selbstverständlich verstehen wir nichts davon. Ein Foul. Marie beschwert sich, da es eine Schwalbe war. Zeitlupe. „Uuuuuuh“ tönt es von Marie und mir gleichzeitig. Doch keine Schwalbe. Diesmal lachen die Männer. Es strömen Kinder in den Raum. Sie setzen sich direkt vor den Fernseher auf den Boden. Gewusel vor dem ghanaischen Tor. Eine Direktabnahme. Bäääm. Der Ball fliegt ins Netz. Ein Mann klatscht. Die anderen schimpfen. Fragt nicht wieso der geklatscht hat. Manchmal haben die Ghanaer eine komische Ironie. Südafrika liegt also vorne. Sieht schlecht aus für Ghana. Nur mit einem Sieg wären sie sicher durch. Der Ventilator im Raum stoppt. Uuuh ist es heiß hier drin. Gefühlt 40 Grad. Wahrscheinlich auch in Realität 40 Grad. Surazu drückt an den Knöpfen herum. Nichts tut sich. Dann tippt er die Rotorblätter mit dem Finger an. Er kommt in Schwung. Und läuft wieder auf Hochtouren. Wir lachen. „That’s only possible in Ghana“ bemerkt Marie. Die „black stars“, wie das ghanaische Nationalteam genannt wird, spielen viel zu hektisch. Der fliegt die meiste Zeit hoch über dem Platz in der Luft hin und her. Kein schönes Spiel bis jetzt. In der Halbzeit telefoniert Marie mit ihrer Mutter. „Spanish?“ fragt einer der Männer. Ich muss lachen. Nein es ist französisch meine Lieben. Das ist die Sprache, die all eure Nachbarländer sprechen.
Die zweite Halbzeit beginnt und Ghana sieht nicht wirklich so aus, als würden sie das Spiel noch drehen können. Surazu telefoniert. Eine Flanke. Der Torwart fliegt unter dem Ball hindurch. Der Stürmer köpft den Ball ins Netz. Tooooooooooor! Alle im Raum springen auf. Bis auf Surazu. Er schreit zwar mit, hängt aber noch am Telefon. Ist da doch noch was drin? Noch 12 Minuten. Würde ein Unentschieden reichen? Marie schaut nach und nein, leider nicht, weil Algerien schon 1:0 führt. Verdammt. Die meisten Bälle fliegen in das Nirgendwo. Kein Spielaufbau. Nur Gewalt. So wird das nichts Freunde. Eine Frau bringt Marie und mir das Essen. Jeder von uns hat einen Topf vor sich. Ein Topf voll mit Indomie. Familypack meint Marie. Aber für jeden ein Familypack.
„Was this your second wife?“
„No, you know her, it’s my sister!“
Sorry Surazu, aber hier ist es stockdunkel, wir starren auf die einzige Lichtquelle im Raum und dann erkennen wir selbstverständlich nichts. Im Dunkeln ist es schon so schwer überhaupt festzustellen, dass jemand vor einem steht, aber dann auch noch die Gesichtszüge erkennen? No way!
88. Minute. Wieder ein Weitschuss. Er landet allerdings nicht auf der Tribüne, sondern beim Stürmer. Der dreht sich einmal um die eigene Achse und knallt den Ball ins Tor. Tooooooor. Alle im Raum schreien. Mir bleiben die Spaghetti im Hals stecken. Es steht 2:1 für Ghana. Bringt das Ergebnis bitte über die Zeit! Natürlich. Mit Zeit umgehen können die Ghanaer. Das wissen wir. Immer alles mit der Ruhe. So holt sich der ghanaische Torwart noch eine gelbe Karte wegen Zeitspiel ab („sooo stupid!“ entgegnen Marie und ich gleichzeitig“). Doch dann haben sie es tatsächlich geschafft. Ghana zieht als Gruppenzweiter ins Viertelfinale ein. Gratuliere.
Es ist mittlerweile trotz Ventilator unerträglich heiß im Raum. Und wir stellen fest wie spät es schon ist.8 Uhr. Stockdunkel. Von einem Motoking lassen Marie und ich uns heimfahren.
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Neben dieser Mumie ist Marie heute morgen aufgemacht. Ja, das bin ich. Wir schlafen beide komplett verhüllt in unseren Schlafsäcken, weil es in der Nacht so kalt wird. Der Wind ist so nicht arg zu spüren.

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