Fahrt ins „Hippo santuary“ Wechiau – 24. Januar

Heute morgen sind Hannah und ich in Tamale zur Trostation gelaufen um ein Tro nach Wa zu nehmen. Ohne Probleme kommen wir dem Abfahrtsplatz für Wa an und sind ganz überrascht was für einen neuen Bus wir bekommen. Wir zahlen die 21 Cedi und steigen ein. So komfortabel die Sitze. Dass es sowas hier in Ghana, hier im armen Norden des Landes überhaupt gibt. Faszinierend. Es ist 6 Uhr. Ich steige aus, um Proviant zu kaufen. Es ist nämlich noch relativ wenig los an der Station und kaum jemand läuft herum und verkauft Essen direkt an den Tros. In der Tankstelle auf der anderen Straßenseite finde ich erst meine Cola. Cola ist wichtig auf meinen Reisen. Wenn mir schlecht wird, ist die Cola das einzige was mich retten kann. Ich laufe noch ein paar Runden in der Station, um gekochte Eier zu kaufen, die erstaunlicherweise nirgends zu finden sind. Am Eingang finde ich dann eine Frau und bestelle gleich mal 5. 5, weil ich weiß, dass ich dann keine Probleme mit dem Rückgeld haben werde. 5 Eier kosten genau 3 Cedi. Ich frage die Frau wieviel eins kostet, sie sagt „six thousand“, ja das ist die alte Währung. Die meisten Menschen rechnen noch in der alten Währung. Also kostet ein Ei 60 Pessoes. Wie erwartet. Ich sage ihr „5 please, so it is 3 Cedi“. Ich sehe in ihre Augen und weiß sofort, dass ich nicht so viele hätte bestellen dürfen. Ich wiederhole „yes, it’s true, 5 eggs are 3 Cedi“. Sie schaut mich skeptisch an und sagt „4 Cedi“. Oh come on please! „One egg is 60, I want 5 eggs, so it is 5 times 6 and it’s 30!“ Die Frau schaut mich ungläubig an. Und es liegt diesmal nicht daran, weil sie kein englisch kann. Ok, ich versuche es erneut. Ich zeige jeweils auf sie Eier und rechne ihr vor: „one egg is 60, two eggs are one twenty, three eggs are one eighty, four eggs are two fourty and 5 eggs are 3 Cedi“. Bei „one egg is sixty“ hat sie mir noch zugestimmt. Das war es aber auch. Dennoch sieht sie erst so aus, als würde sie mir jetzt glauben. Doch dann fragt sie ihre Nachbarin. Ich verstehe nur „six thousand“ und „five“. Die andere Frau wiederholt diese Zahlen, sieht aber nicht so aus, als wüsste sie den Preis für 5 Eier. Eine weitere Frau wird befragt. Die sieht noch etwas älter aus. Auch sie wiederholt zunächst die Zahlen, sagt dann aber „3 Cedi“. Gott sei Dank! Schlussendlich kann ich meine 5 Eier tatsächlich für 3 Cedi kaufen. Was ein Akt das war. Und es ist nicht das erste Mal, dass ich hier so etwas erlebe. Mit einem Ei oser zweien bekommt man kein Problem. Da kennen die Frauen den Preis. Aber bei mehreren wird es schon schwerer. Ich verstehe es nicht. Die verkaufen ihr ganzes Leben lang nur Eier und können den Preis nicht ausrechnen? Wenn die Zahl 6 zu schwer ist, dann verkauf die Eier einfach für 50 Pessoes!!! Ich weiß, dass viele von ihnen nie eine Schule besucht haben oder nur kurz, aber um das Wechselgeld rauszugeben müssen sie auch rechnen können. Und da gibt es nie Probleme!
So vergeht die Zeit und ich stelle erstaunt fest, dass schon eine Stunde vergangen ist seit wir in den Bus eingestiegen sind. Hannah befürchtet, dass wir noch länger warten müssen. Ich sage nur „aber wir haben einen guten Bus!“ Wir lachen. Ein guter Bus ist für eine lange Fahrt von etwa 5 Stunden, die wir vor uns haben, viel wertvoller als eine kurze Wartezeit. Eingequetscht in einem fast auseinanderfallenden Trotro kann eine 5-stündige Fahrt wirklich anstrengend und unerträglich werden.
Auch die zweite Stunde vergeht relativ schnell. Doch dann wird es anstrengend. Neben uns ist der Lautsprecher der Station, aus dem in einer unerträglichen Lautstärke die Namen der Städte gerufen wird wohin Tros fahren. Ununterbrochen. 50 Sekunden schreien, dann 10 Sekunden Musik. Und diese 10 Sekunden sind wie ein Segen. Aber die 10 Sekunden vergehen viel zu schnell. Und das Gebrüll wird echt unerträglich. Die Verkäufer passieren mittlerweile das zehnte Mal unseren Bus und nein wir kaufen immer noch nichts. Hannah sagt, dass sie schon nicht mehr sitzen kann. „Aber wir haben einen guten Bus!“, wir lachen. An das Fenster neben Hannah kommt ein Mann, der Kopfhörer verkauft. Er bleibt einfach stehen. Ich frage Hannah, ob sie Kopfhörer hat und wir kramen beide unsere Kopfhörer aus der Tasche und halten sie ihm gleichzeitig vor die Nase. Die Nachricht ist angekommen. Er geht weiter. Wir müssen lachen.
Das Gebrüll wird immer anstrengender und die Sonne brennt durch das Fenster. Ich stelle fest, dass ich hier in Ghana noch nie so lange warten musste. Hannah sagt nur „Aber wir haben einen guten Bus!“ Ich muss lachen.
Vier Männer fangen neben uns an die tonnenschweren Säcke auf das Dach zu hieven. Damit wächst in uns die Hoffnung, dass es doch bald losgeht. Der Ticketverkäufer steigt in den Bus ein um einer Person den Platz zu zeigen (ja hier gibt es sogar zugewiesene Sitzplätze) und ich sehe, dass er nur noch ein Ticket in der hand hält. Kurze Zeit später ist auch das letzte Ticket verkauft und weitere 15 Minuten, in denen alle Leute einsteigen, fahren air tatsächlich los. Es ist 9 Uhr. Wir haben tatsächlich 3 Stunden warten müssen. „Stell dir das mal in Deutschland vor! Ich drehe daheim schon durch, wenn ich die U-Bahn verpasse und 10 Minuten warten muss. Und wir haben hier einfach mal 3 Stunden gewartet und ja die letzte Stunde war anstrengend, aber in Deutschland hätte ich das nie überlebt!“ Hannah antwortet „Die hätten schon längst Ersatzbusse geschickt!“ Ich muss so loslachen. Ersatzbusse. Allein dieses Wort ist so fremd in dieser Welt. Da merken wir wie fern von unserer Heimat sind.
Wir fahren auf einer kilometerlangen schnurgeraden Straße entlang. Links von uns trockenes Gras. In der Ferne eine Rauchwolke von einem Feuer. Rechts von uns trockene Büsche. Alles in einem Farbton. Farbe? Trocken. Und die endlose Weite. Alles flach. Kein Dorf weit und breit. Strommasten verlaufen entlang der Straße. Wir passieren den weißen Volta. Unten am Ufer waschen Frauen die Kleider und legen sie auf den flachen Felsen zum Trocknen. Diese Brücke war kaputt als ich aus dem Süden kam und ich musste auf Motorbikes umsteigen, um sie passieren zu können. Lächelnd blicke ich auf diese Zeit zurück. Ein Mann tippt uns auf die Schulter. Hannah soll das Fenster schließen. Maaaaan, es sind an die 40 Grad draußen und du frierst? Ich werde sie nie verstehen die Ghanaer.
Am Straßenrand eine riesige Rinderherde. Der Busfahrer hupt schon mal im Voraus, damit auch ja keines der Tiere auf die Straße läuft. Mit hoher Geschwindigkeit fahren wir an der Herde vorbei. Die Tiere sehen nicht wirklich so aus, als wäre irgendwo Fleisch an ihrem Körper. Haut und Knochen. Was man damit wohl anfangen kann? Angeblich werden die Tiere in Süden verkauft.
20150125_185506 Füße vertreten in der Pinkelpause
Wir fahren immer wieder an Wasserlöchern vorbei. Dort waschen Frauen Kleider. Und wo trocknen sie die Kleidung? Auf der Straße! Sie legen die Kleider am Rand auf den Asphalt. Ein etwa 2 Meter breiter und 20 Meter langer Kleidungsstreifen säumt hier auf dieser Brücke den Straßenrand.
Es ist mittlerweile 12:30 Uhr und die Hitze im Bus ist unerträglich. Sogar der Krieg mit dem Mann hinter uns hat aufgehört. Er hat immer das Fenster zugeschoben nachdem wir es geöffnet haben. Ich glaube mittlerweile ist die Temperatur auch für ihn zu hoch. Wir kommen an eine Zahlstation. Der Fahrer reicht das Geld durch das Fenster hindurch. Danach reicht er seine leere Fantaflasche dem Beifahrer. Der wirft diese mit einer eleganten Armbewegung zu seinem Fenster hinaus. Gleichzeitig wirft die Frau neben mir eine Plastiktüte in die Natur. Ich glaube das ist die einzige Sache an die ich mich nie gewöhnen werde und auch nicht will. An das den-Müll-in-die-Natur-werfen. Nein definitiv nicht. Auch wenn von mir ab und an etwas liegen bleibt, weil es keine Möglichkeit gibt einen Mülleimer zu finden. Unmöglich. Wirklich unmöglich. Und ich kann nicht an Ort und Stelle meinen Müll verbrennen. Deshalb bleibt auch von mir ab und an was liegen. Aber ich fühle mich dabei schrecklich. Aber in die Natur werfe ich nur Orangen und die Reste von anderen Früchten.
Um 14 Uhr erreichen wir Wa tatsächlich nach genau 5 Stunden (Tamale – Wa 300km). Mit der Wartezeit in Tamale saßen wir also insgesamt 8 Stunden im Tro. Klingt verdammt lang? War auch lang! Vor allem, weil es so heiß war. Unerträglich heiß.
„You want to go to Wechiau? Come with me!“ fordert uns ein Mann auf. Of course not. Ich habe dich nur gefragt WO die Trotros nach Wechiau abfahren. Ich kann genau wie die Einheimischen mit einem Trotro fahren und brauche kein Taxi. Eine Frau hilft uns und sagt wir müssen nur an die Straße gehen. Was ist denn das da? Ein interessantes Gebäude. Lass uns das mal schnell anschauen. Kaum nähere ich mich der Mauer auf zwei Meter Abstand pfeift ein Mann hinter uns. War ja klar. Wir drehen uns um und laufen zu ihm. Ein Mann und eine Frau sitzen unter einem Dach. Polizisten. Auf dem Tisch vor ihnen liegt ein großes Gewehr. „You need a permission!“
„Oh sorry, but I just wanted to know what kind of building this is!“
„It’s a palace, the chiefs palace!“
„Ah ok, thank you.“
Ich spreche kurz mit Hannah als der Polizist ergänzt „you need to pay!“ Ähm sorry, aber ich habe nie ein Wort davon geredet dort hinein gehen zu wollen. „But thank you.“ Wir drehen uns um und holen unsere Kamera heraus um ein Foto zu machen. „You are not allowed!“ Ach come on, nerv nicht. Also gehen wir 5 Meter bis wir aus seinem Blickfeld sind und ich zoome das Gebäude mit meiner Kamera heran. Geht auch so.
20150125_191118 The chief’s palace
Anschließend laufen wir an die Straße, wo die Frau aus dem Bus schon wartet. Mit ihr steigen wir in das nächste Tro ein. Aber nur für etwa 200 Meter. Dann sagt sie „go there, I’ll pay for you“. Oh danke und schon fährt das Tro wieder weiter. Wir laufen durch eine enge Gasse und landen in der Trostation. Wir fragen uns durch und erreichen die Wechiau-Station. Eine unfreundliche Frau verkauft uns die Tickets und wir warten eine weitere Stunde im Tro bevor wir eine Stunde auf der ungeteerten Straße nach Wechiau fahren. Die Sonne brennt, das Thermometer zeigt über 40 Grad und das Wasser läuft an mir herunter. Ich sage Hannah, dass ich gar nicht mehr genau weiß was Lena über den Rest gesagt hat. Wo wir hin müssen und so. Hannah sagt nur „oh ich hab mich um nichts gekümmert. Ich hab nur gedacht du machst das schon.“ Danke für das Vertrauen.
20150125_185637 eine große Wasserstelle
20150125_185805 Ein Baum mit Blüten? Unglaublich aber wahr!
In Wechiau angekommen laufen wir die Straße entlang und erreichen das „Office“. Hier endet der entspannte Teil des Tages. Jaja, ihr hört richtig. 10 Stunden in Trotros sitzen habe ich gerade eben als „entspannt“ bezeichnet. Denn im Office erwartet uns ein deutsch-ghanaisches Paar (sie deutsch, er Ghanaer), das mich an den Rand des Wahnsinns treibt. Die beiden wollen auch in das „Hippo-sanctuary“ und deshalb beschließen wir ein Motoking gemeinsam zu nehmen. Doch die Frau hat enorme Probleme mit den Preisen (oder mit sich selbst und ihrem Selbstwertgefühl) und hämmert auf den armen Guide ein wie ein Feldherr auf seine Arbeiter. Ich ergreife das Wort und sage nur, dass ich den Preis für zwei Volontäre zahlen möchte. Ende der Diskussion. 85 Cedi, ja passt. Das sind gerade mal 20€ für den Eintritt in das Schutzgebiet, die Fahrt hin und die Übernachtung. Für zwei Personen. Ich weiß echt nicht was ihr Problem ist. Wir gehen ins Dorf und kaufen das Abendessen ein. „We’ll join you“. Ja, aber dann kommt und hört auf zu diskutieren. Bitte. Es ist echt peinlich! Hannah und ich gehen aus dem Gebäude heraus und wollen uns am liebsten im Boden vergraben. Wieso immer diese Deutschen, die überall für Probleme sorgen müssen. Sich aufspielen. Endlos um den Preis diskutieren. Ja ich verhandel auch gerne, aber wenn nix zu verhandeln ist, dann akzeptiere ich es. Und ja ich weiß, dass wir hier oft abgezockt werden. Aber das musst du akzeptieren. Es ist ein anderes Land und die Leute versuchen nur Geld zu verdienen. Es ist fair, wenn wir mehr zahlen für den Eintritt als Ghanaer, denn wir verdienen mehr. Und hör bitte auf so geizig zu sein. Wegen einem Euro eine halbe Stunde zu diskutieren. Es ist echt peinlich. Und mein Moment wo ich mich mal wieder nicht als Deutsche fühle, sondern als Rumänin. Minderheit aus Rumänien. Was auch immer. Aber steckt mich bitte nicht in einen Topf mit dieser Frau.
Schlussendlich haben wir das Motoking in Richtung der Lodge genommen. Zwei Holländerinnen haben sich noch angeschlossen. Die Fahrt bis zur Lodge ging nochmal fast eine Stunde.
20150125_190828 die Unterkunft
Dort hat dann der Guide für uns Jollof Rice gekocht. Ein Mann hat gekocht. Ich glaube das ist das erste Mal, dass ein Mann hier in Ghana für mich kocht. Faszinierend. Am Ende hat er sogar die Teller abgewaschen. Unglaublich. Es passieren manchmal Dinge, die gibt es eigentlich gar nicht.

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Veröffentlicht in Ghana

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