Die Zeit vergeht wie im Flug – 23. Januar

Die Zeit vergeht immer schneller. Zumindest habe ich das Gefühl, dass sie rennt. Schon wieder habe ich eine schweizerische Weggefährtin verabschieden müssen. Und habe festgestellt, dass auch meine Tage in Langbinsi gezählt sind. In zwei Wochen werde ich das letzte Mal in die Schule gehen. Danach bleiben mir noch 10 Tage in Ghana zum Reisen bevor mein Flug an die Ostküste Afrikas geht.
Gestern hat Lena eine kleine Abschiedsparty gemacht. Auf die Frage hin, ob ich ihr beim Vorbereiten etwas könnte meinte sie „Nein, gibt nicht viel vorzubereiten“. Da diese Antwort auch von mir hätte kommen können, habe ich mich auf den Weg gemacht. Unterwegs habe ich noch einen Eselskarren überholt. Ich wusste gar nicht, dass Esel soooo langsam sind. Lena habe ich dann in der Klinik angetroffen. Selbstverständlich habe ich ihr noch kurz geholfen bei der Patientenaufnahme und war einfach geschockt, wenn die Frauen, die mit Kleinkindern vor uns standen, das Geburtsjahr 1994 oder 1995 auf dem Papier stehen hatten. Sie sind jünger als ich, aber man sieht es ihnen einfach nicht an. Vermutlich haben sie trotz ihrer jungen Jahre schon mehr schlimme Dinge erlebt, als ich jemals erleben werde.
Die Party fand im Hof von der Klinik statt. Wir haben ein paar Stühle und Bänke aufgestellt und Orangen, Bananen und Getränke auf einen Tisch gestellt. Ich habe dann noch einige Luftballons aufgeblasen und an die Säulen befestigt. Am Anfang hat Hamdia, eine gute Freundin von Lena, Lena gezwungen den Leuten alles zu servieren. Getränke und Essen. Lena ist nur hin und her gerannt. Bis ich genug davon hatte. Lena setz dich hin, die Leute können aufstehen und sich bedienen. „Aber Hamdia-„, ist gut regel ich. 2 Minuten später saß Lena schon in ein Gespräch vertieft auf einem Stuhl. So war das gedacht. Genieß deinen Abschied. Meine Diskussion mit Hamdia war dann etwas komplizierter. Hamdia meinte dann nämlich die Gäste bedienen zu müssen, weil sie meinte sonst würden einige nichts bekommen, weil sie nicht aufstehen werden. DANN IST DAS HALT SO. Ist ihr Problem. Lena hat allen einmal was gebracht und Lena hat das alles gekauft und alle eingeladen. Die Leute werden ja wohl in der Lage sein sich zu bedienen und wenn sie es nicht sind, dann sind sie selber Schuld. Also hab ich Hamdia dazu verdonnert sich etwas für sich selbst zu nehmen und sich hinzusetzen. Kaum saß sie, brüllte ein Mann nach ihr. Sie wollte schon aufspringen, aber das hab ich für sie übernommen. „If you want something you can go there“. Der Mann, Sonnenbrille auf, lässiger Look, war es wohl nicht gewohnt so eine Aussage zu erhalten. Zunächst hat er nur gelacht, aber nachdem ich meine Aussage betont und keine Anstalt gemacht habe ihm etwas zu bringen, ist er aufgestanden und hat sich etwas geholt. Geht doch. Ich weiß, dass hier Welten aufeinander prallen. Ich weiß, dass ich in einer anderen Kultur lebe. Ich weiß, dass es hier andere Traditionen gibt. Aber ich muss nicht alle Gepflogenheiten unterstützen. Ich muss sie nicht alle leben. Ich darf den Leuten hier auch etwas von meiner Kultur mitgeben. Und dazu gehört auch, dass eine Frau nicht der Diener vom Mann ist. Wir Frauen haben ja doch das Essen und Trinken für die Männer vorbereitet. Aber zumindest bedienen können sie sich selbst. Das ist wirklich das Mindeste! Ja ihr seht, ich stoße immer wieder auf Konfrontation. Ich nehme aber nicht alles einfach hin. Das kann ich nicht. Lena war mir im Endeffekt auch unglaublich dankbar. Auch wenn die „Party“ nicht mit einer Party in Deutschland oder der Schweiz zu vergleichen war (wobei sich ja auch dort Partys gewaltig unterscheiden können), so war Lena am Ende doch glücklich. Glücklich über ihren Abschied. Auch wenn er ihr wirklich schwer fällt. Das habe ich vor allem am nächsten Tag bemerkt. Da habe ich meinen letzten Nachmittag mit ihr verbracht. Zuerst saß ich nur neben ihr, während sie gewaschen hat und danach sind wir gemütlich durch das Dorf spaziert. Und haben stundenlang gequatscht. Ja wirklich stundenlang. Es ist einfach toll mit ihr gewesen. Einfach. Unkompliziert. Auf einer Wellenlänge.
Ja, ich werde unsere gemeinsamen Nachmittage vermissen.
Ja, ich werde den schweizerischen Dialekt vermissen.
Ja, ich werde die Gespräche mit unseren vielen „husbands“ vermissen.
Ja, ich werde unseren gemeinsamen Tage in der Klinik vermissen.
Ja, ich werde unsere gemeinsamen Markttage vermissen.
Ja, ich werde das viele Lachen vermissen.
Ja, es war eine schöne Zeit mit Lena.
20150123_222821 Lena und ich an Weihnachten
Lena wird Anfang Februar nach Südafrika fliegen und von Kapstadt nach Johannesburg reisen. Irgendwie verbinden alle Schweizerinnen, die ich hier getroffen habe, mit mir in erster Linie eine Sache. Die Reise nach Südafrika. Entweder vor oder nach Ghana. Nur alle zu verschiedenen Zeitpunkten. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen stolper ich durch die Dunkelheit nach Hause. Ja, es ist spät geworden und die Sonne ist lange nicht mehr zu sehen. Und ja, ich habe meine Taschenlampe selbstverständlich vergessen. Im Dorf ist das noch kein Problem, dort sind Straßenlaternen. Aber, da wir am Rand wohnen muss ich durch die schwarze Nacht stapfen. Und nein, ich nehme mein Handy nicht als Lichtquelle, weil hier jemand schon einem Volontär das Handy aus der Hand reißen wollte. Lieber stolper ich und laufe neben dem Weg durchs Feld, weil ich den Pfad nicht sehe. Angekommen bin ich trotzdem. Und verdammt es ist erst 19 Uhr. Und schon stockfinster. Wirklich stockdunkel. So dunkel ist es nie in Europa. Über mir – nur die Sterne.
That’s Ghana.

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Veröffentlicht in Ghana

6 Gedanken zu “Die Zeit vergeht wie im Flug – 23. Januar

      1. Danke ! Ist ja ein blödes hobby, aber mir gefallen halt die Fähnchen.
        Ich habe mich übrigens immer gewundert wie oft du trotzdem internet hast. Läuft das über WLAN ?

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      2. Ist aber interessant. Kann man irgendwo bei wordpress sehen? Alle Fahnen auf einmal?
        Ja, ich war auch verwundert wie gut das mobile Netzwerk hier verbreitet ist. Am Anfang habe ich alle Berichte in Internetcafés hochgeladen. Allerdings habe ich meinem Handy eine ghanaische Simkarte (Vodafone) und kann mit dieser auch ins Internet. Vodafone hat hierbei eine recht gute Landesweite Netzabdeckung. Nur in sehr seltenen Fällen hatte ich absolut kein Netz. Und vor einem Monat bin ich darauf gestoßen in meinem Handy den mobilen Hotspot (WLAN) einzuschalten und mit meinem Tablet darauf zuzugreifen. So kann ich jetzt quasi immer und überall Berichte hochladen.

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      3. Sicher eines von vielen Vorurteilen, dass man egal wo in Afrika nur unter großen Schwierigkeiten wenn überhaupt ins Netz kommt.

        Das Fahnendings kann man sich über ein Textwidget in den wordpressblog hereinholen. Ich liebe es :))

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      4. Haha ja wahrscheinlich. Es gibt vor allem deshalb so viele Vorurteile, weil dieser Kontinent meistens als ein Land zusammengefasst wird. Dabei sind die Länder hier genauso unterschiedlich wie auf jedem anderen Kontinent auch 😀
        Ah ok, danke, dann muss ich mal auf die Suche gehen…

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