Grenzgang im Niemandsland zwischen Ghana und Burkina Faso – 17.+18. Januar

Dieses Wochenende sind meine Tage 100 und 101 in meinem Reisetagebuch. Dafür habe ich beschlossen mal wieder einen kleinen Ausflug zu machen. Nach Bolga und Paga zu der berüchtigten Krokodilsbrücke.
Also mache ich mich am Samstag gegen halb 8 zur Trostation in Langbinsi auf. Da heute „Bolga-market day“ ist gibt es Trotros, die direkt nach Bolga fahren. Ohne umsteigen und erneuter Wartezeit in Walewale. Dafür warte ich anderthalb Stunden in Langbinsi bis der Wagen losfährt. Aber so schlimm ist das nicht. Ich beobachte das Treiben an der Station. Ich beobachte wie der Mann neben mir nocheinmal aufsteht und etwas kaufen geht und mit einem Huhn unter dem Arm zurückkommt. Ja, es lebt noch. Füße zusammengebunden. Jetzt zwischen unseren Füßen. Ja und währenddessen verstreicht die Zeit und wir fahren los. Für die Strecke nach Walewale brauchen wir schon über eine Stunde, was echt lang ist für diese Strecke. In Walewale stoppt es kurz, damit wir uns bei den Frauen mit Essen und Trinken versorgen können. Danach beginnt die unbekannte Strecke für mich. „Straight to the north“ führt die Straße auf gutem Asphalt Richtung Bolga.
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Die Landschaft wird immer trockener. Wow. Dieses endlose Flachland. Komplett ausgetrocknet. Kein grün mehr auf den Bäumen. Tatsächlich. Und diese dunklen Steine zwischendrin. Es sieht faszinierend aus. Ah und hier haben vereinzelt Bäume noch grünes Laub in der Krone. Aber wie machen sie das? Von wo nehmen sie das Wasser? Die Umgebung ist komplett ausgetrocknet. Alles in einem Farbton.
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Einige Zeit wird es wieder etwas grüner. Was ist das? Ein Flussufer. Daher kommt das grün. Verständlich. Und daneben ein kleiner Teich. Viele Seerosen.
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Wir passieren eine Zahlstation. Am Straßenrand ein Stand neben dem anderen, der Zwiebeln kauft. Verhältnismäßig große Zwiebeln. Wer kauft all diese Zwiebeln. Wir passieren die Zahlstelle zu schnell. Ich bekomme nur ein verwackeltes Bild auf die Reihe. „Welcome to Bolgatanga“, wirklich? Sind wir schon da?
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Das sieht aus wie der Markt. Ich steige auch hier aus.
Frauen mit Schüsseln voll mit Reis, Bohnen, Mehl und sonstigen Zutaten sitzen auf den Boden. Daneben einige Stände mit Fisch. Gebratenem Fisch. Er ist komplett schwarz. Diesen Fisch gibt es im ganzen Land zu kaufen. Er ist relativ günstig. Und prägt die Gerüche auf den Märkten. Ich laufe weiter durch das turbulente Marktgeschehen und springe zweimal vor einem entgegenkommenden Motorbike zurück. Eine Kuh, die gemütlich über den Markt schlendert bedient sich an einer Schüssel mit Mehl. In einer Nebengasse kaufe ich mir 5 Orangen. Auch hier laufen einige Kühe hindurch. Das ist etwas spaziell aus dem Norden. Im Süden sieht man kaum Vieh. Auch auf dem Land nicht. Hier im Norden sind recht viele Rinderherden unterwegs. Wobei einige davon wirklich mehr einem Skelett ähneln. Ich erreiche die Hauptstraße. „Where?“, sprich in Sätzen, wenn du was von mir willst. Und nein bei unfreundlichen Leuten steige ich aus Prinzip in kein Taxi. Aber ich werde eh laufen. Ihr seid mir zu stressig. Ich passiere den Taxiplatz und frage einen Mann nach dem Weg zum „Comme çi comme ça“ Hotel. Marie, eine belgische Volontärin, war letztes Jahr bis Anfang Dezember in Langbinsi in meinem Projekt. Für Weihnachten ist sie heimgeflogen und nach Silvester wiedergekommen. Ich treffe sie hier in Bolga. Wir wollten das Wochenende gemeinsam verbringen und dann zusammen zurück fahren. Sie hat mir erklärt, dass sie im Skin Guesthouse ist. Direkt hinter diesem Hotel. Es war eine kleine Odysee dort anzukommen, aber nicht weil es weit enfernt war, sondern weil man einen großen Umweg laufen muss. Ich frage einige Passanten und erreiche schlussendlich das Guesthouse. „Salut, comment ça va?“ Verschlafen macht sie mir die Tür auf und brabbelt auf französisch los. Antworten fällt mir etwas schwer, weil ich die Worte in englisch im Kopf habe, sie ins Deutsche übersetzen muss und dann ins französisch wechseln. Nach einigen Sätzen realisiert sie, dass sie französisch spricht, entschuldigt sich und wir führen die Konversation in englisch fort. Ja vor meiner Reise war ich in französisch sicherer. Aber nach einigen Monaten in Ghana ist mein englisch besser geworden und das französisch fällt mir zunehmend schwerer. Marie ist mit dem Nachtbus von Accra nach Tamale gekommen, deshalb war sie noch etwas müde. Am Nachmittag gehen wir zusammen nochmal über den Markt und in einen Supermarkt einkaufen. Marmelade für unser trockenes Weißbrot, das wir jeden Morgen in Langbinsi zu essen bekommen. An der Trostation fragen wir einen Taxifahrer wann am nächsten Morgen Trotros nach Paga fahren. „When do you want to leave? I can bring you there!“ Ja das denk ich mir. Wieviel wäre denn ein Taxi nach Paga? „Eighty!“ Haha kannst du vergessen. Auch wenn ich es auf die Hälfte herunterhandeln würde, wäre es noch zu viel. Aber Tros fahren dorthin? „Yes!“
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Am nächsten Morgen wache ich wie gewohnt um 6 Uhr auf. Um 7 wird auch Marie wach und fragt mich, ob es für ein Problem wäre alleine loszuziehen. Ich muss lachen selbstverständlich nicht. Und fast habe ich es mir gedacht. Sie ist gerne etwas faul und verbringt den Tag lieber im Hotelzimmer. Also mache ich mich nach dem Frühstück auf den Weg zur Trostation. „Where are you going?“ fragt mich ein Taxifahrer. Ich will ein Tro nach Paga. „I can take you there, 7 Cedi!“ Moment „Seven?“?? Man muss hier mit den Preisen immer aufpassen. Manchmal benutzen sie die alte Währung und nutzen sie Missverständnisse um im Nachhinein mehr zu verlangen. Ich glaube er meint 70 und frage erneut deutlich nach „seven?“. Ich glaube jetzt denkt er ich bin völlig bescheuert und holt sein Geld heraus. Er zeigt mir einen 5-Cedi-Schein und einen 2-Cedi-Schein. Tatsächlich. Das gibts doch nicht. Und wie wollte der Mann uns gestern abzocken? Unglaublich. Ja, als Salaminga muss man wirklich immer aufpassen. Die Weißen werden hier an jeder Ecke abgezockt. Der Mann erklärt mir dann, dass es 7 Cedi pro Person ist. Wenn ich also fahren will muss ich 28 Cedi zahlen. Welches ist dein Auto. Eins in der hinteren Reihe. Klar, du möchtest nicht warten bis du an der Reihe bist. Ich sehe auf einem Taxi das Schild „Paga“. Hier starten die shared Taxis. Wieso denken die Ghanaer immer wir Weiße können nicht warten oder wollen nicht wie die Einheimischen warten? Ich laufe kurz an die Station, wo Tros in das Nachbardorf von Paga fahren. Leider gerade voll. Also wieder zurück zu den Taxis. Eins füllt sich gerade. Kaum sitze ich, fahren wir auch schon los. Na geht doch. 50 Kilometer liegen vor uns. Wir verlassen Bolga auf einer guten Asphaltstraße. Ja hisr im Norden gibt es erstaunlicherweise die besseren Straßen. Das liegt aber einzig und allein daran, dass die Briten nur den Süden des Landes kolonialisiert haben und die Straßen dort immer noch aus dieser Zeit stammen. Und Instandhaltung ist nicht gerade ein Wort, das Ghanaer kennen. Die Straßen hier im Norden werden erst seit kurzem asphaltiert und ausgebaut. Deshalb sind sie noch so neu und gut in Stand.
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Uns kommen viele Fahrzeuge entgegen. Diese Straße ist so gut besucht, weil sie direkt nach Burkina Faso führt (wie ich später erfahre). Wir überholen ein Motorbike. Hinten sitzt ein Mann und hat eine Ziege auf dem Schoß. Ich muss lachen. Einige Meter später hat ein Mann eine Schüssel auf dem Fahrradsattel. Was sitzt darin? Ein Schaf. Selbstverständlich. Was sonst? Kurze Zeit später noch ein Schaf auf dem Sattel. Die spinnen echt die Ghanaer.
20150118_171318 Motokings
Wir überholen auch einige Motokings. Das sind Motorräder mit einer Ladefläche. Dort werden Reissäcke, Kühe oder Menschen transportiert.
20150118_172443 20150119_225951 Frauen auf den Motorbikes
„You need to go out here“ sagt der Taxifahrer. Ah was? Ok, hier die 7 Cedi und danke nochmal. Wo bin ich hier? Ich schaue auf die andere Straßenseite und lese „crocodile pond“. Ok, hier ist es ja. Ich überquere die Straße.
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Ein Mann nimmt mich in Empfang. Selbstverständlich ist das hier eine kleine Touristenabzocke. Aber ja, ab und an schaue ich mir auch die touristischen Ziele an. Lena hat mir über diesen Ort schon erzählt. Ich habe die Fotos gesehen. Lena sitzend auf einem Krokodil. Mir ist das einfach nicht in Kopf gegangen wie so etwas funktioniert. Für mich sind Krokodile gefährliche Tiere, die immer alles fressen was sich bewegt. Wie funktioniert das? Wieso kann ein Mensch diesem Tier in freier Wildniss so nahe kommen? Ich kann es nicht verstehen. Ja ich weiß, dass die Krokodile danach ein Huhn zu fressen bekommen, aber trotzdem, es sind immer noch wild lebende Tiere und keine Dressurpferde oder so etwas in der Art. Deshalb wollte ich mir selbst ein Bild davon machen. Nach einer kurzen Einweisung nimmt mein Guide ein Huhn aus dem Käfig und wir gehen auf den See zu. Während ich ihn dies und jenes frage laufen wir an Eseln vorbei und kommen an das Ufer.
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Am anderen Ufer füllt ein Junge Wasser in einen Behälter auf einem Eselskarren. Die Krokodile leben hier in friedlichem Nebeneinander mit den Menschen. In diesem See gehen Kinder baden und durchqueren ihn ohne Probleme. In diesem See, der nicht besonders groß ist leben bis zu 200 Keokodile! 200, das ist verdammt viel. Ich bin davon überzeugt, dass mich eins fressen würde, wenn ich hindurchschwimmen würde. Deshalb braucht ihr euch diesmal keine Sorgen machen. Ist mir etwas unerklärlich die Situation. Ich bewundere die Seerosen. Der Guide erklärt, dass die Tiere in dieser Zeit etwas faul sind. Es ist so heiß und der Wasserstand ist sehr tief. Er schüttelt das Huhn etwas, so dass es fleißig gackert. Damit möchte er die Tiere also locken. Er zeigt auf etwas am Rand. Ah, da liegt ja ein Krokodil! Und daneben noch eins! Nur zwei Meter neben uns liegen zwei kleine Krokodile am Ufer. Bewegungslos. Deshalb sind sie mir nicht gleich aufgefallen. „You didn’t see them?“
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Nein, ach da sind ja noch mehr. Da auf dem Wasser. Und da vor uns. Verdammt da sind ja schon einige. Weil sie so bewegungslos daliegen habe ich sie erst gar nicht bemerkt. Hier im See gibt es ganz verschiedene Größen von Krokodilen. Diese hier gehören zu den Kleineren.
20150119_221541 Das Krokodil in der einen, das Huhn in der anderen Hand.
Der Guide packt ein Krokodil am Schwanz und scheucht es damit etwas an Land. Oh mein Gott. Das Krokodil hat das Maul weit aufgerissen. „Why do they do this?“ Sie atmen frische Luft ein. Danach können sie bis zu 10/12 Stunden unter Wasser bleiben. Faszinierend. Stell dir vor, du brauchst so lange nicht atmen!
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„Go there“, wer ich? Oh, ok. Ich gebe meinem Guide die Kamera in die Hand, lege sie Tasche ab und bewege mich langsam und im Bogen auf das Krokodil zu. „You can touch it?“ Natürlich. Ich berühre die Haut. Und hebe den Schwanz hoch. Das Krokodil zuckt nicht mal. Unerklärlich. Die Haut fühlt sie so faszinierend an. Nicht an der Seite berühren, nur auf dem Rücken. Alles klar. Ich beuge mich etwas vor und streiche mit der Hand über den Rücken des Tieres. Ich soll es nicht streicheln? Dann hat es das Gefühl ein Artgenosse kommt und dann dreht es sich um. Oh, nein, das will ich nicht. Ich lege die flache Hand auf den Rücken des Tieres und drücke ein bisschen. Die Haut gibt kaum nach. Ich schaue auf die Zähne des Tieres. Ziemlich spitz.
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Und das Maul ist immer noch aufgerissen. Ich stehe hier und halte ein Körperteil von einem Krokodil in der Hand. Von einem wilden Tier. Es passiert nichts. Und ich habe keine Angst. Verstehe ich nicht.
Ich beobachte das Tier noch einige Zeit von vorne.
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Mache Bilder von einer Seerose und stehe quasi neben ihm. Als wäre es ein Hund. Nein Moment, vor Hunden hab ich Angst. Ich stehe hier neben dem Krokodil, als wäre es harmloses Tier. Ein Esel oder so. Und glaube es immer noch nicht, dass in diesem kleinen See bis zu 200 Krokodile leben. Einige doppelt so groß wie mein Krokodil hier. Da kommt eine Viehherde am anderen Ufer an. Die Tiere laufen ins Wasser und trinken. Ich muss an die Serengeti denken. Wo die riesigen Herden an Antilopen jedes Jahr bei der Tierwanderung Flüsse durchqueren, wo Krokodile schon auf sie warten und eins nach dem anderen fressen. Und hier? Nichts. Unerklärlich. Es ist als ob in Ghana alle friedlich und gastfreundlich sind. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Krokodile. Mit diesen Gedanken verlasse ich den See.
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Der Guide erklärt mir, dass die Viehherde aus Burkina Faso kommt. Die kommen auf dem Weg in Süden hier entlang. Die Tiere werden nach Kumasi oder Accra gebracht. In großen „Trucks“.
– Wie weit ist es hier bis zur Grenze?
– Nicht weit.
Danke, ich hasse eure nichtssagenden Antworten. Sind es noch 10 Kilometer?
– Less then one Kilometer!
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Na, dann kann ich ja bis zur Grenze laufen. Ich verabschiede mich von meinem Guide nachdem ich ihn bezahlt habe und laufe an der Straße entlang. Viele LKWs stehen am Straßenrand. Einige Passanten kommen mir entgegen. „Bonjour“, lächelnd antworte ich ihnen. Es ist toll mal eine andere Sprache zu hören, die man auch versteht. Aus „how are you“ wird „Comment ça va?“ Ja, ich nähere mich tatsächlich der Grenze. Alle Nachbarländer Ghanas sind frankophone Länder. Französisch ist also Amtssprache. Ich sehe eine Schranke. Ok, da wird wohl mein Spaziergang zu Ende sein. Menschen laufen hin und her. Ok, vielleicht auch nicht. Ich stoppe vor der Schranke. Schaue nach links und rechts, aber keiner ruft nach mir. Dann überquere ich mit einem Schritt die Linie. Muss komisch ausgesehen haben. Ich laufe weiter. Eine Gebäude. „Ghana immigration office“ steht in großer Schrift darauf. Ok, ich bin also immer noch in Ghana. Ich verlasse die Straße und laufe daneben den Menschen hinterher. Drei Männer in Militärskleidung sitzen im Schatten vor einem Häuschen. „Where are you going? Come!“ Oh nein, ich wollte keine Probleme. Ich will nur gucken. Ich will nur die Grenze sehen! Ich weiß, dass man hier Männern in Uniform, also Soldaten oder Polizisten, nicht trauen soll. Es gibt Männer, die sich als Polizisten verkleiden, Autos im Sinne einer Polizeikontrolle anhalten und sie dann ausrauben. Aber zu spät. Der Mann ist schon aufgestanden und fragt mich nach meinem Anliegen. Ich will nur gucken. Die Grenze sehen. Ich soll mitkommen. Ich weiß, dass mein Pass bei meiner Organisation in Accra liegt. Grenzübergang no way! Ich folge ihm in das Büro. Sein Vorgesetzter fragt mich, ob ich nach Burkina Faso will. Nein, ich will nur die Grenze sehen. „Only Sightseeing? No problem!“ Alles klar, danke. Wir fragen noch „the boss“, wie mein Soldat ihn nennt und verlassen dann das Gebäude. Er heißt Dominik, oder Kofi. Kofi heißt „friday-born“. Das hab ich mir schon gemerkt. Wir kommen zu der Grenze und stehen vor zwei uniformierten Männer. „Can we cross the border just for walking a bit?“ We cool ist das denn? Fragt er das extra für mich? Kein Problem antwortet der andere. Er möchte meinen Pass aber als Pfand. Ah verdammt. Ich hab nicht mal meine Kopie dabei. Hab die Tasche im Guesthouse gelassen, als Marie meinte, dass sie nicht mitkommt. Da wäre mein Pass gewesen. Ich überlege und mir fällt ein, dass ich meinen internationalen Studentenausweis immer bei meiner Kreditkarte habe. Ja, ich bin kein Student mehr und auch an keiner Uni mehr eingeschrieben. Aber diesen Ausweis konnte ich für ein Jahr beantragen. Der Mann akzeptiert ihn. „Really?“ Ich glaube es nicht. Ich laufe mit einem Soldat an der Seite über die Grenze und überquere diese mit einer Student-ID-Card. Ich mache schon wieder Sachen. Zuerst laufen sir durch das Niemandsland, wie Kofi es nennt. Es ist ein Dorf. Man kann hier sowohl mit Cedi als auch mit der Währung aus Burkina Faso zahlen. Der Soldat ist verwundert als ich einem Passanten auf französisch den Gruß erwider. Ja ich kann französisch sprechen. Er kann nur ein bisschen. Obwohl er hier an der Grenze arbeitet. Erst seit 3 Jahren, aber trotzdem. Er sagt sie haben hier Kollegen aus jedem Teil Ghanas, so dass immer einer da ist, der mit den Betroffenen in der lokalen Sprache sprechen kann oder eben in englisch oder französisch. Gar nicht so dumm. Wir grüßen ein paar Soldaten und überqueren die Grenze.
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Ich bin in Burkina Faso. Faszinierend. Dabei hatte ich von anderen Volontären gehört, dass es gar nicht so einfach ist in die Nachbarländer zu reisen, weil man schwer ein Visum bekommt. Unerklärlich. Und ich laufe hier einfach ohne Pass auf die andere Seite. Ich stelle mir vor, ich wäre dunkelhäutig gewesen. Die Soldaten hätten mich nicht beachtet. Ich hätte bis zur Grenze gehen können und das wäre es gewesen. Aber so, als weiße Frau, leuchtend wie ein Stern am dunklen Nachthimmel, hat mich dieser Soldat sofort bemerkt und verbringt jetzt seine Arbeitszeit damit, mit mir durch das Dorf in Burkina Faso zu laufen. Ich würde jetzt „that’s Ghana“ sagen, aber Marie verbietet es mir, weil ich es zu oft sage. Aber sie stellt so doofe Fragen auf die es in Ghana keine Antwort gibt, deshalb bekommt sie immer die Antwort „that’s Ghana“. Aber zurück zum Thema. Ich bin in Burkina Faso. Wäre cool hier was zu kaufen. So als Erinnerung. Man kann hier auch mit Cedi zahlen? Wir steuern einen Shop an. Kofi holt etwas aus dem Kühlschrank. Das muss ich probieren. Joghurt? Wenn du meinst. Ich esse eigentlich nie Joghurt, aber Milchprodukte gibt es in Ghana nicht. Zumindest bekomme ich keine. Deshalb probiere ich jetzt den Joghurt. Der Soldat holt Geld heraus und zahlt. Wow. A real gentleman! Faszinierend. Wir laufen wieder zurück und unterhalten uns über dies und jenes. Ich möchte eventuell noch das Sklavencamp besichtigen. Er ist traurig, dass er nicht mitkann, weil er arbeiten muss. Wir überqueren wieder die Grenze und ich bekomme meinen Studentenausweis zurück. Ich bedanke mich nachher auch nocheinmal bei seinem Vorgesetzten. Kofi bittet mich auf eine Bank im Schatten zu sitzen. Er sucht ein Motorbike. Was hat er vor? Really? Da steht er vor mir und will mich zum Sklavencamp bringen. Ich steige wie selbstverständlich auf. Dann los. Ich dachte er muss arbeiten. Aaaaber „that’s Ghana“. Ich muss lachen. Über eine nicht asphaltierte Straße fahren wir zum Camp.
20150118_192231„Ecotourimus“ im Sklavencamp?
Dort führt uns ein Guide herum. Es ist echt interessant. Kofi war noch nie da, obwohl er seit 3 Jahren hier arbeitet. Die Sklaven wurden hier aus den nördlicheren Ländern gesammelt und dann in Süden gebracht, um aus Cape coast oder einem der anderen Hochburgen, die ich an der Küste gesehen habe, nach Europa oder Amerika verschifft zu werden. Felsen prägen die Landschaft hier im Camp. Wir steigen auf eine Anhöhe. Trink- und Essensplatz.
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Eine Vertiefung im Felsen. Hier gibt es immer Wasser. Deshalb wurde dieser Ort für das Camp ausgesucht. Etwas weiter sind wie Schüsseln in den Fels geschlagen. Die Teller der Sklaven. Sie mussten sie selbst mit einem heißen Stein erschaffen. 4 bis 5 Personen haben aus einer gegessen. Die schwächsten bekamen nichts ab. Wir laufen ein Stück weiter. Hier wurde Unterhaltung für die Sklaven gemacht. Damit sie in einer guten Verfassung sind. Sonst bekommt man ja nicht viel für sie. Unterhaltung heißt, hier wurde getrommelt und getanzt. Getrommelt? Ja, hier stehen zwei Felsen in einer bestimmten Konste und darauf wurde mit runden Steinen getrommelt. Zwei Männer kommen hinzu und beginnen mit dem Guide zu trommeln.
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Tatsächlich. Ein wunderschöner Klang haben diese Felsen. Ich bekomme Gänsehaut. Die Hitze steht an diesem Ort. Durch die Felsen ist es hier noch heißer. Die kahlen Bäume spenden spärlich Schatten. Es muss ein schrecklicher Ort gewesen sein. Der Guide zeigt uns noch den Ort wo die Sklaven für Zucker, Mehl oder einen Spiegel, wenn sie in guter Verfassung waren, verkauft worden.
20150118_191510 Verkaufsplatz
20150118_192143 der Friedhof
Das Ende ist der Platz wo die Totem begraben worden und wo der „punishment rock“ steht.
20150118_192202 Punishment rock
Dort mussten die Männer zur Strafe den ganzen Tag mit den Händen auf dem Rücken sitzen und in die Sonne starren. Mit offenen Augen. Am Abend waren die meisten tot. Wer dreimal auf den Stein musste, konnte sich beim dritten Mal von seinen Freunden verabschieden. Es würde der sichere Tod sein. Man kann diese Strafe dreimal nicht überleben. Mit diesem grausamen Ritual verlassen wir das Camp.
20150118_190549 Die Landschaft um das Camp herum.
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Kofi zahlt die Gebühr für die Führung und fährt mich zurück zur Grenze. Dort ist die Taxistation, um wieder zurück nach Bolga zu fahren. Ich kaufe noch eine Cola für die Fahrt (auch die darf ich nicht zahlen) und verabschiede mich von meinem privaten Guide. Faszinierend. Er hat mich hier herumgeführt und kein einziges Mal fiel das Thema Heirat. Dass so was hier in Ghana noch möglich ist. Ja er wollte meine Nummer und ja ich hab sie ihm gegeben. So viel wie er für mich getan hat, konnte ich dann nicht Nein sagen.
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Im Taxi sitze ich hinten mit zwei Frauen und einem Mann neben mir. Die beiden Frauen haben jeweils noch ein Kind auf ihrem Schoß. Das nennt sich hier „das Taxi ist voll“.
Angekommen in Bolga steige ich aus dem Taxi aus und der Mann, der vorne saß, fragt mich „give me your number“. Ok, es war keine Frage, es war eine Aufforderung. But really? Du hast kein Wort mit mir gesprochen. Wieso willst du meine Nummer? Why not? Du fragst wieso ich sie dir nicht geben will? Vielleicht frage ich lieber dich wieso ich sie geben sollte? Für mich gibt es keinen ersichtlichen Grund dafür. „Are you afraid that your husband will beat you?“ What? Hast du grad gefragt was ich verstanden habe? Ah – „yes!“ Du akzeptierst meine Antwort? Wow! Ich glaube den Satz werde ich mir als Ausrede merken. Ich geb dir meine Nummer nicht, weil mein Mann mich sonst schlägt. Es ist unrealistisch für mich, dass ich schon lachen muss. Aber mit dieser Situation realisiere ich erneut in was für einer anderen Welt ich hier lebe. Schlagen gehört hier zum Alltag. Nicht nur in den Schulen, sondern auch zu Hause.
Auf dem Rückweg kaufe ich noch einige Orangen und während ich mein Geld heraushole hält ein Motorrad neben mir. Eine Frau sitzt darauf. Bis hier nichts Ungewöhnliches. Aber was? Sie trägt einen Minirock. Also wirklich Mini. Ich muss dreimal hinschauen. Hier im konservativen Norden eine dunkelhäutige Frau auf einem Motorrad in so kurzen Kleidern? Ich glaube es nicht. Nicht mal in Accra sieht man so was. Und ich bedecke hier immer meine Knie. Kaum fährt die Frau los, kommt ein anderes Motorrad mit einer Frau hinten drauf, die ein genauso abartig kurzes Kleid trägt und Highheels trägt. Really? Ich muss träumen, das kann nicht wahr sein.
20150126_183019 Marie und ich im Tro auf der Rückfahrt

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