Neues Jahr, neue Kraft – meine Arbeit in der Schule 2015

05. Januar:
Es ist 5 vor 8. „You tell me when you want to go to the clinik, then I call a motorbike“ sagt Surazu, mein Gastvater zu mir. Ähm erst mal geh ich in die Schule. Was? Heute ist keine Schule? Schön, dass ich das so früh erfahre. „Some of them will come and clean the school.“ Was man so alles erfährt. Dann lass uns jetzt in die Klinik fahren.

06. Januar:
Der wirklich erste Schultag im neuen Jahr. Ich humpel die 50 Meter von unserem Haus in die Schule. Die Kinder sind schon informiert über meine Verletzung und stürmen nicht wie sonst auf mich, so dass ich umfalle. Das freut mich. Wäre heute sonst schmerzhaft geworden. „How is your leg?“ Ist noch dran, danke für die Nachfrage mir geht’s gut. Aber mitspielen tu ich heute trotzdem nicht. Zu der Freude von meinem Fuß ist heute natürlich keiner von den anderen „Lehrern“ aufgetaucht. So muss ich zwischen drei Klassenzimmern hin und her hüpfen. Aber es gibt Schlimmeres. Die Kinder haben sich heute wirklich angestrengt und gut gelernt. Surazu kam einmal kurz vorbei. „The children are all quiet and they are all busy, how do you do this?“ fragt er mich lachend, bevor er mich wieder allein lässt und verschwindet. Ja, es ist alles eine Frage des Umgangs. Und der Erziehung. Und eventuell vom richtigen Moment. Glaubt nicht, dass 20 Kinder über 4 Stunden bei mir ruhig dasitzen und lernen. Aber 2 Stunden vielleicht. Und damit bin ich zufrieden. Man soll nicht mehr erwarten, wie man selbst erreichen kann. Sich kleine Ziele setzen. Oder wie sagen die Ghanaer so gerne? „Small small“. Alles läuft hier in kleinen Schritten. Wenn man nicht lernt die kleinen Erfolge zu zählen, dann geht man hier gnadenlos unter.

07. Januar:
Ich sitze auf dem Boden in der Klasse mit den Kleinsten und spitze einen Bleistift. Nicholas (3 Jahre alt) schreit neben mir „auntie, auntieeee sharpener“ und streckt mir seinen spitzen Bleistift entgegen. Nicholas, dein Stift ist gespitzt, den muss ich nicht spitzen! „Sharpener“, nein, schau der schreibt. Ich nehme seinen Bleistift und male einen Kreis in sein Heft. Und jetzt schreibe das A, du kannst das, ich weiß es! Ich drehe mich um und wende mich Godwin zu. 2 Minuten später… „Auntie, auntie sharpener!“ Nicho- was hast du gemacht Nicholas? Bitte nicht. Wirklich nicht dein Ernst? Ich schaue in sein Gesicht – doch sein Ernst. Er hat den Stift abgebissen und die Spitze gegessen. Damit ich seinen Stift spitze. Einen Dickschädel hat der Junge echt und dumm ist er auch nicht. Aber glaub ja nicht, dass ich den dir jetzt spitze. Ich gebe ihm einen anderen Bleistift und lasse ihn das A schreiben. Geht doch. Und gegessen wird zu Hause mein Freund, haben wir uns verstanden?
Ja, das ist nicht das erste Mal, dass ich das erlebe. Wenn man mich in der Hochschule gelehrt hat, dass Kleinkinder alles mit dem Mund erkunden, dann bekommt das „alles“ hier dennoch eine andere Bedeutung. Vor allem ist Nicholas eigentlich aus dem „alles-in-den-Mund-stecken-Alter“ heraus. Es ging ihm wirklich nur darum, dass ich seinen Stift spitze. Spitzer sind hier etwas ganz Besonderes. Ich habe auch nur einen. Deshalb bleibt der bei mir und die Kinder müssen zu mir kommen, wenn ihr Stift nicht mehr schreibt.
Gegessen hat das ein oder andere Kind aber auch schon einen Buntstift. Das hat dann wohl eher etwas mit Hunger zu tun. Die Kinder schlagen sich auch um die „leeren“ Zahnpastatuben, die ich wegwerfe. Nachdem ich alles aus der Tube gequetscht habe, ist sie eigentlich leer. Aber die Kinder bekommen immer noch etwas aus der Tube heraus. Das wird dann auch gegessen. Ich will nicht wissen was und wieviel die Kinder täglich zu Hause zu Essen bekommen. Viel wird es nicht sein und nahrhaft definitiv nicht.

08. Januar:
„Auntie Leila“, das ist die andere Frau, die ab und zu kommt und mir hilft. Sie unterrichtet dann die Ältesten. Ich bin eigentlich ganz glücklich mit ihr. Ich kann den Kindern nicht alles erklären. Dafür verstehen sie einfach zu wenig englisch. So bitte ich dann Leila das ein oder andere mit ihnen durchzumachen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie dort etwas Nachhilfe brauchen.
Heute erscheint aber auch ein Mann. Selbstverständlich habe ich schon in allen drei Klassen die Tafelanschriebe vorbereitet. Zähneputzen und Versammlung mit ihnen auch schon gemacht. Was willst du hier? Unterrichten? Dann mach bitte das mit den Mittleren, ok? Noch eine andere Frau taucht auf. Sie begrüßt mich, aber das war es auch. Fragt mich nicht was sie will. Ich mache meinen Unterricht mit den Kleinen jetzt.
Während ich mit ihnen das Zahlenpuzzle lege kommen die Kinder aus mittleren Klasse nach und nach zu mir und wollen, dass ich ihre Aufgaben korrigiere. Was macht denn euer Lehrer? Nichts? Ja, das denk ich mir. Die sehen diese Schule eh nur abschätzig an. Es ist einfach hier Geld zu verdienen ohne was zu machen. Die Kinder kriegen eh keine Bildung. So nicht mit mir. Glaub ja nicht, dass du mit deiner Bewerbung bei unserer Organisation punkten kannst. Ich werde denen sagen wer hier richtig arbeitet und wen sie einstellen können und wen nicht. Einen Nichtstuer brauchen wir hier nicht. So eine war schon die letzte Lehrerin.
So bin ich am Ende vom heutigen Tag gestresster als am ersten Schultag dieses Jahr als ich ganz alleine unterrichten musste. Manchmal ist es einfach besser wenn man weiß woran man ist. Oder wie meine Dozentin an der Hochschule gesagt hat „lieber weniger Personen, dafür besseres Personal“. Wie Recht sie hat.

09. Januar:
Das Wasser in den Behältern ist leer. Also schicke ich die ältesten vier Mädchen zum Wasser Holen. In der Zeit während die anderen Kinder eintrudeln, kommt auch Leila und die andere Frau. In den beiden größeren Klassen habe ich die Tafelanschriebe schon beendet als ich feststelle, dass die neue Frau das Alphabet an die Tafel bei den Kleinen schreibt. Was zum-? „What are you doing?“ Wenn du hier helfen willst, wie wäre es dann einfach mal mit mir zu sprechen? Welche Klasse könnte ich unterrichten? Was können die schon? Was ist der Wissensstand? Aber einfach in die Klasse laufen und das Alphabet anschreiben? Wenn das hier weiter so geht, dass jeden Tag jemand anderes aufkreuzt und macht was er will, dann machen die Kinder jeden Tag dasselbe. Ist ja schön und gut, dass die das Alphabet lernen müssen. Aber Natascha sollte erst mal lernen einen Stift richtig zu halten und Avugi kann das Alphabet schon perfekt. Merkst du? So einfach ist das gar nicht! Eine Klasse zu unterrichten ist etwas umfangreicher als einmal auftauchen, sich hinstellen und etwas erzählen. Glaub nicht, dass die Kinder so etwas mitnehmen. Es erfordert zunächst das Erfassen der Wissensstände. Von jedem einzelnen Kind. Das ist ein langer Prozess. Wenn du das gemacht hast, dann kannst du mit der Vorbereitung anfangen. Für jede Klasse. Und eventuell für einige Kinder speziell, weil sie zwischen den Klassen stehen. Danach kannst du den Unterricht nachbereiten. Aufgaben korrigieren und festhalten was die Kinder neu gelernt haben. Dann wieder den nächsten Tag vorbereiten. Verstehst du? So vermittelt man Bildung. Bildung ist ein PROZESS. Bildung baut aufeinander auf. Auf das Wissen, das schon vorhanden ist, kommt neues hinzu. Im Optimalfall wird es miteinander verknüpft. Das würde ich ihr am liebsten alles sagen. Stattdessen sage ich nur „I prepared something for the small ones, but you can do the middle class.“ Du willst aber die Kleinen machen? Gehts noch? Sind wir hier bei wünsch-dir-was? Ich weiß, dass ich in einigen Wochen hier weg sein werde und mich nicht so aufspielen brauche. Aber wenn ich hier nicht seit einiger Zeit unterrichten würde, jeden Tag, ob jemand anderes Lust hat oder nicht, ich bin immer da, dann würde hier niemand kommen. Kein Kind. Kein einziges. Also nimm dein Handy (sie telefoniert wie die meisten Ghanaer am liebsten bei der Arbeit) und geh in das andere Zimmer. Danke.
Ich setze mich auf den Boden. 7 Kinder zwischen 3 und 8 Jahren setzen sich im Kreis um mich herum. Jeder bekommt ein anderes Heft mit einer eigenen Aufgabe. Die meisten widmen sich sofort ihrem Heft, den anderen gebe ich Hilfestellung oder einfach nur das Gefühl ihnen zuzuschauen. Magid? Was machst du hier? Ich soll es korrigieren? Aber du hast du eine Lehrerin? Du willst aber, dass ich es korrigiere? Das zählt für dich mehr? Na siehst du, nicht mal die Kinder akzeptieren dich. Wie willst du so unterrichten? Dabei ist das so einfach die Akzeptanz der Kinder zu erlangen. Wenn die Kinder dich nicht akzeptieren kannst du reden was du willst, bei den Kindern bleibt nichts hängen. Also korrigiere ich die Aufgabe von Magid und auch von den anderen und gebe ihnen neue Aufgaben. Dann könnt ihr euch auch gleich hier hinsetzen. Nicht reden, einfach Aufgabe lösen.
Das mit dem Korrigieren habe ich sicher nicht eingeführt. Aber aus irgendeinem Grund brauchen die Kinder das. Enorm. Sie brauchen das Häkchen oder das „f“ hinter jeder Zeile und am Ende die Zahl mit dem Ergebnis wie zum Beispiel 10/12. Ich gebe es ihnen. Wenn es sie motiviert,  dann bitteschön.
Nach dem Unterricht verteile ich Kekse und Bonbons an die Kinder, die ein Freund von meinem Gastvater mitgebracht hat. Jedes einzelne Kind sagt „thank you“. Das ist hier nichts Selbstverständliches. Erwartet nicht, dass ein Erwachserer sich bei euch bedanken wird, wenn ihr ihm eine Tablette oder sonst etwas gebt. Umso wichtiger ist es für mich, das „danke“ und „bitte“ den Kindern einzutrichtern. Zum jetzigen Stand sieht es auch gut aus. Zum Schluss fühle ich mich gezwungen meinen beiden Helferinnen auch etwas zu geben. Die fremde Dame langt sofort in die Tüte und greift mit voller Hand zu. Ja so haben wir es gerne. Nichts arbeiten aber wenn man dir was gibt? Da greifst du gleich zu. Aber mir in die Augen schaut sie nicht. Danach holt sich auch Leila einige Bonbons aus der Tüte. Ich nehme einen. Als ich die Türe vom Büro abschließe, kommt Leila und sagt „thank you“. Ich muss lächeln. Wenigstens sie, von der anderen habe ich nichts anderes erwartet.
Kaputt, gestresst und genervt laufe ich nach hause. Zum Glück habe ich Surazu, meinen Gastvater. Der hat für alles ein offenes Ohr und die Hand über der Schule. Er ist entsetzt über das was ich ihm erzähle und stimmt mir zu in meinem Handeln. Er sagt, er wird meiner Organisation sagen, dass sie Leila anstellen sollen und er wird mit der anderen Frau sprechen und ihr sagen, dass sie nicht mehr kommen soll. So jemand brauchen wir nicht. Danke.
Schon fühle ich mich wieder besser. Das musste einfach gesagt werden. Aussprechen tut immer gut.

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Veröffentlicht in Ghana

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