Mein Wochenende in Langbinsi – 10.+11.Januar

Ich sitze hier in meinem Zimmer und beobachte fasziniert wie man mit einem Messer ein Loch in die Wand machen kann. Einfach mit einem Messer. In eine Außenwand. Unglaublich. Naja, wenn man weiß woraus die Häuser hier erschafffen werden ist es kein Wunder. Sand und Wasser. Man nimmt den Sand, der hier den Boden bedeckt und das Wasser aus dem Brunnen. Mehr braucht man nicht. Daraus werden Brocken gehauen und die dann aufeinandergesetzt. Fertig ist das ghanaische Lehmhaus.
20150115_134154 Wand gebaut aus Sand und Wasser
Und nun zu meinem Zimmer. Surazu (mein Gastvater) meinte letzte Woche zu mir, dass er dieses Wochenende ein Badezimmer in mein Zimmer bauen will. „With a pipe.“ Ihr könnt euch meinen Blick bestimmt vorstellen. Zweifelnd und ungläubig. „A bathroom in my room?“ Surazu sieht meine Zweifel und erklärt mir, dass sie das in jedem Haus hier machen werden. Als ich immer noch skeptisch dreinblicke nimmt er mich mit in sein Schlafzimmer. Aaaaah, jetzt verstehe ich. Keine schlechte Idee. Unter „Pipe“ verstehen sie hier etwas komplett anderes. Kein Wasserrohr. Keine Leitung aus der Wasser fließt. Lediglich ein Loch in der Wand. Der Abfluss. Und ansonsten kann ich ganz normal duschen mit meinem Eimer Wasser. Nur eben nicht draußen, wo ich nur halb verdeckt bin hinter der Mauer, sondern in meinem Zimmer. Dann friere ich vielleicht nicht mehr so beim Duschen. Ich versuche ja immer vor Sonnenuntergang zu duschen, da sind dann noch um die 30 Grad, aber frieren tu ich trotzdem. Meine Gasteltern erhitzen sich immer das Duschwasser. Ich sträube mich noch. Ich kann doch bei 30 Grad nicht mit heißem Wasser duschen! Lieber friere ich. Ja das bin halt ich.
20150115_140246 meine Frisur für 3 Wochen
Nun zu meinem Wochenende. Samstag morgen habe beschlossen meine Haare aufzumachen. Ich habe Zeit und es sind nur 21 Zöpfe. Werde ich schon hinkriegen. Ich setze mich auf die Veranda, stelle den Mülleimer neben mich und fange an. Ich bin beim zweiten Zopf als Surazu aus dem Wohnzimmer herauskommt, mich sieht und sofort Nagjad ruft. War ja klar. Seine älteste Tochter muss alles im Haus machen. Und für die Volontäre erst Recht. Also kommt Nagjad zu mir. Ich verstehe mich gut mit ihr, auch wenn sie kaum englisch kann. Nonverbale Kommunikation ist manchmal amüsanter als man denkt. Aber lange bleibt sie nicht. Bald ruft meine Gastmutter nach ihr. Sie muss Teller abwaschen gehen. Sie entschuldigt sich. Ich lache und sage „is okey, no problem“. Wie gesagt, ich hab keine Eile. Nagjad kommt immer mal wieder und öffnet ein zwei Zöpfe bevor sie wieder gerufen wird. Sie sammelt die Strähnen des unechten Haars. Fragt mich nicht was sie damit vorhat. Blonde Haare sind hier auf jeden Fall etwas Besonderes. Manchmal haben mich auf der Straße Frauen angesprochen und gesagt, dass sie meine Haare toll finden. „Cut it and give it to me“, wie ich schon erwähnt habe, der Umgangston ist hier ein anderer. Aber ja sie wollten meine Haare haben. Ob sie wissen, dass blond bei ihnen ziemlich komisch aussehen würde?
20150111_095444 Ja, ich bin verrückt. 
Nach vier Stunden ist auch der letzte Zopf offen. Und der erste blonde Afro geboren. Mein Gott so ein Volumen hatte ich noch nie in den Haaren. Beim Haare kämmen muss ich die Haarbürste dreimal leeren, weil so viele Haare drinstecken. Es sind sicher nicht nur die Reste der künstlichen Haare, von meinen eigenen fallen auch etliche aus. Für den restlichen Tag laufe ich so herum. Aber den Hof verlasse ich nicht. Am Nachmittag verschanze ich mich noch für einige Stunden in meinem Zimmer. Verband öffnen, Wunde atmen lassen und danach neuen Verband anlegen. Der Bluterguss hat sich ziemlich verteilt auf dem Oberschenkel. Die Schmerzen sind aber sichtlich weniger geworden. Was mir immer noch Sorgen bereitet ist die offene Wunde. Bin gespannt, ob die hier irgendwann zuwächst. Nach langer Zeit werden die Haare mal wieder richtig gewaschen. Nach dem Duschen ist der Tag auch schon zu Ende.
20150115_134135 mein Nachtlager
Für die Nacht gewappnet mit einem Stapel an Decken und Kleidung, lege ich mich draußen auf meine Matratze.
Am Sonntag soll der Mann kommen, der mein „Badezimmer“ bauen soll. Also verbringe ich den Tag im Hof. Mit den Geschwistern spielen und sonstigen Schabernack machen. Gegen Mittag sitze ich auf dem Stuhl auf meiner Veranda, während Nagjad meine Haare flechtet. Sie sind wieder spiegelglatt und ohne jegliches Volumen. Für die Kinder hier unendlich faszinierend. Die könnten stundenlang mit ihren Händen durch meine Haare fahren und staunen. Aber auch meine Haut untersuchen sie gerne. Vor allem die Stelle auf meinem Arm mit den vielen kleinen Leberflecken fasziniert sie. Beim ersten Mal habe ich versucht ihnen zu erklären was es ist. „Look it is like-“ und ich suche einen Leberfleck auf ihrer Haut. Nur leider Fehlanzeige. Afrikaner haben keine Leberflecken. Na gut, dann kann ich es dir nicht erklären. Genauso wenig wie die Ghanaer blaue Flecken kennen. So etwas haben sie nicht. Oder wenn sich ihre Haut bei einer Verletzung tatsächlich verfärben sollte, dann sieht man es nicht. Der Mann, der meine Wunde hier in Langbinsi in der Krankenstation das erste mal gesäubert hat, war so geschockt. Quasi mein ganzer Oberschenkel war grün und blau und rot. Der Bluterguss und die Prellung haben sich halt bemerkbar gemacht. Für mich nichts Verwunderliches. Ich fand zu dem Zeitpunkt die offene Stelle schlimmer anzusehen. Aber für ihn war das harmlos. Nur die Farbe kannte er nicht. So verschieden sind die Welten. Täglich fällt mir immer wieder so etwas auf. Es sind meistens Kleinigkeiten. Schon mal Gedanken gemacht wie die hier ihre Nägel schneiden? Ihr wollt es lieber nicht wissen. Mit einer Rasierklinge. Ich kann da nie zuschauen. Halten sie diese kleine, oft verrostete, Klinge in der Hand und schneiden damit den Nagel ab. Und ich packe mein XL-Schweizer Taschenmesser aus und klappe die Nagelschere auf. Hier mache ich es nur, wenn mich niemand sieht. Dieses Taschenmesser vereint schon echt viele nützliche Dinge. Mein wertvollster Gegenstand – gleich hinter meiner Kamera.
Wo war ich stecken geblieben? Sorry fürs Abschweifen. Ich sitze also auf dem Stuhl auf meiner Veranda und hänge meinen Gedanken nach. Eh, was ist da unter mir? Da liegt jemand! Och Raphia, hast dir keinen gemütlichen Platz gefunden? Raphia, vielleicht 4 Jahre alt, liegt zusammengekümmert auf dem harten Betonboden. Zwischen den Stuhlbeinen von meinem Plastikstuhl und der aufgestellten Matratze hat sie einen Platz zum Schlafen gefunden. Habe gar nicht gemerkt, dass sie so müde war.
20150115_133853 Raphia beim Mittagsschlaf
Am Nachmittag kommt dann der Mann, der mein „Badezimmer“ machen soll. Ich setze mich raus zu den Erwachsenen und lausche ihren Gesprächen. Nagjad kommt mit drei Töpfen und setzt sich unter dem Baum in den Sand. Die Töpfe sind rußverschmiert und schwarz von oben bis unten. Innen Essen angebrannt. Kein Wunder, denn die Töpfe werden immer direkt auf das glühende Holz gelegt. Neben ihr ist die Wassertonne, die die Männer zum Bauen verwenden. Es wird ein neues Zimmer gebaut.
20150115_135443 Surazu mischt Sand und Wasser.
Fragt mich nicht wofür. Vor allem sind noch 4 Zimmer ohne Dach. Aber ja – das ist Ghana, fragt einfach nicht. Das Wasser in der Tonne ist auf jeden Fall dreckig. Ich laufe zu ihr und schaue womit sie den Topf schrubbt. Sie nimmt Sand. Ach, wieso soll ich nichts tun, während die kleine den ganzen Tag arbeitet. „Can I help you?“ -„yes, pearl water?“ Was? Du schrubbst mit dem Plastik von den Wassertüten? Was anderes habt ihr nicht? Ich hab was besseres. Ich habe mir auf dem Markt so ein weiches Gitter gekauft. Ich weiß nicht wie ich es nennen soll. Die Ghanaer benutzen es beim Duschen. Ist echt gut, um den Dreck abzuschrubben.
20150115_141932 Wasch- und Putzlappen in einem
Ein kleines Stück habe ich abgeschnitten und verwende es um mein Geschirr zu säubern. Damit müsste ich auch den Topf sauber bekommen. Ich laufe zurück und setze mich neben Nagjad auf den Hügel. Den Topf in der Linken, schrubben mit der Rechten. Nagjad lacht. Aber nicht darüber wie ich es mache. Sondern darüber, dass ich, eine weiße Frau, im Dreck Töpfe schrubbt. So wie sie. Mit Sand. Alle anderen Erwachsenen, die unter dem Baum sitzen drehen sich um. Ich achte nicht auf sie und konzentriere mich. So einfach ist das gar nicht. Der Topf ist irgendwann von oben bis unten braun. Sand und Wasser macht Matsch. Und wo war jetzt der Ruß? Am Ende bekomme ich den Topf doch noch sauber und Nagjad lobt mich sogar „is good Anna!“ Mein kleiner Glücksmoment am heutigen Tag. Mit kleinen Dingen macht man die Menschen hier glücklich.
20150115_133648 Bau einer „Dusche“
Nach meinem Abendessen ist auch mein Zimmer fertig. Der Boden der Dusche wurde sogar zementiert. Surazu klärt mich auf „tomorrow next you can use it“. Alles klar, Dankeschön!
Ich dusche hier ja wirklich nie mit „sauberem“ Wasser oder das was ihr darunter versteht. Aber das was heute in dem Eimer vor mir ist würde sogar ich als braun bezeichnen. Heute haben die Geschwister wieder Wasser gebracht. Es sieht aber aus als hätten sie noch Sand hereingeleert. Naja, Seife auf den Körper und abschrubben. Wasser ist Wasser. Und wirklich, meine Familie trinkt dieses Wasser! Ich kaufe mir auch nicht das teure Wasser aus den Flaschen, aber das in den Plastiktüten. Ein halber Liter kostet so für mich gerade mal zwei Cent. Das kann sich meine Familie aber nicht leisten. Deshalb wird diese braune Brühe getrunken. Ja ok, ich nehme es auch zum Zähneputzen, aber ich trinke es ja nicht. Zähneputzen war dann trotzdem etwas komplizierter. Hab mir das Wasser in meinem Becher zu lange angeschaut. Augen zu und durch würde ich mal sagen 😀
Und damit bitte ich euch heute daran zu denken, was ich hier erzählt habe, wenn ihr das nächste Mal den Wasserhahn aufdreht. Ihr könnt den Hahn aufdrehen und es fließt glasklares Trinkwasser heraus. Immer. In der Nacht. Am Tag. Am Morgen. Am Abend. Nehmt es nicht als etwas Selbstverständliches hin, sondern als ein Privileg. Es gibt Orte auf der Welt, wo nicht mal das gekaufte Wasser solch eine gute Qualität, wie das Leitungswasser in Deutschland, hat.
Danke

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Veröffentlicht in Ghana

3 Gedanken zu “Mein Wochenende in Langbinsi – 10.+11.Januar

  1. Oh ja, gutes Wasser ist ein großer Luxus ! Das Wiener Wasser zum Beispiel kommt direkt aus dem Hochgebirge und schmeckt besser als alles was in Flaschen verkauft wird. Und Zugang zum Wasser gehört ja auch zu den häufigsten Gründen für Konflikte und Kriege.

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    1. Ja, das stimmt!
      Ich sehe es nur im Kleinen, aber auch bei mir in der Schule schlagen die Kinder sich um das Wasser. Es ist echt traurig, dass dieses lebenswichtige Gut so ungleich auf der Welt verteilt ist. Die einen verschwenden es die anderen haben kaum was..

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