Beerdigungszeremonie eines Chiefs – 8. Januar

„Do you want to come with me to a funeral?“ Mit dieser Frage meines Gastvaters Surazu fing es an. Selbstverständlich will ich mit. Darf ich denn? Ist das in Ordnung, wenn ich da als Außenstehende hingehe? Und was muss ich anziehen? Muss ich etwas Schwarzes anziehen? Ich kann anziehen was ich will? Na gut.
Mein Gastvater hat ein Motorrad organisiert und nachdem ich am Nachmittag noch Wäsche gewaschen habe, sind wir losgefahren. Habe mich für mein gelbes Kleid aus der Ashanti-Region entschieden. Möglichst nicht noch mit der Kleidung auffallen. Nicht aufzufallen ist ja praktisch unmöglich als Weiße hier im Norden. Wir fahren durch den Sand auf kleinen Pfaden durch das Dorf hindurch und verlassen Langbinsi auf der Straße, die direkt nach Togo führt, wie Surazu mich aufklärt. Was ist das bitte? Es sieht aus wie ein Damm, aber das kann es ja nicht sein. „This is a dam“, ist es das was ich unter dem Wort verstehe? Dahinter wird Wasser gestaut. Tatsächlich? Interessant. Dachte hier gibt es kaum Wasser. Gut, wirklich groß ist der Damm auch nicht. Aber bisschen Wasser lässt sich da schon sammeln. Wir fahren an roten Felsbrocken und abgestorbenen Bäumen vorbei. Im nächsten Dorf sehe ich schon die Menschenmassen. Um einen großen Baum herum. Kaum steige ich vom Motorrad ab, knallt es. Oh mein Gott. Das habe ich ja ganz vergessen. Die schießen hier ja mit Gewehren in die Luft. Damit wird der Tote geehrt. Hab zwar mein Silvester-Trauma noch nicht ganz überwunden, aber hier muss ich jetzt durch. Trommeln prägen den Geräuschpegel. Wir laufen auf die Menschenmenge zu. Surazu spricht für mich mit den Männern im Kreis und sagt mir dann, dass ich auch in den inneren Kreis darf und Fotos machen kann so viele ich will. So viel zum Thema nicht auffallen. Der Mann bittet alle eine Gasse für mich zu machen. Danke, wäre echt nicht nötig gewesen. Trommeln um mich herum. Viele Männer mit unterschiedlichen Trommeln.
20150110_162306 unterschiedliche Trommeln
Zwei Frauen mit Rasseln. Ein Mann mit einer Gongi (oder so ähnlich hat es mir Surazu erklärt). Es sieht aus wie eine Uraltversion einer Geige. Irgendein Streichinstrument eben.
20150110_201038 traditionelle Musikinstrumente
Ein Mann spielt auf einer Flöte. Zwischendurch immer wieder ein Knall von einem Gewehr.
20150110_201156 die Dorfältesten und andere Gäste
Im Kreis sitzen einige Männer auf dem Boden und die Musiker tanzen durch den Kreis. Menschen vom Vorplatz drängen in den Kreis. Hilfe, wohin jetzt? Alle werden aber wieder zurückgedrängt. Der Kreis muss für die Tänzer und Musiker frei bleiben.
Bänke werden gebracht, die die Menge zurückhalten sollen. Die Trommeln machen einen unglaublich tollen Sound. Den Musikern wird immer wieder Geld zugesteckt. Ein anderer Mann sammelt das ganze Geld wieder ein. Ist das für die Angehörigen des Toten? Der Mann mit der Gongi steht vor mir. Zusammen mit einer Frau mit einer Rassel macht er tolle Musik. Er lacht. Er strahlt. Beide strahlen mich an. Er lächel zurück. Jemand steckt dem Mann einen Cedi in sein Musikinstrument. Ein Mann, in der Mitte vom Kreis, tanzt wild. Er dreht sich hin und her. Sein Gewand wirbelt herum.
20150110_201648 Er tanzt und wirbelt herum.
Die Trommler weichen ein paar Schritte zurück, so dass er mehr Platz hat. Ich drehe mich um. Überall sind Menschen versammelt. Zwischen den Häusern. In dem Innenhof neben uns versuchen sie über die Mauer zu schauen. Und der Kreis um die Musiker wird von einer richtigen Menschenwand umgeben. Ich kenne ja Beerdigungen mit vielen Menschen. Aber das hier übertrifft alles was ich bisher erlebt habe. Aber nicht nur die Anzahl der Menschen. Selbstverständlich auch die Art und Weise der Zeremonie. Es wird gelacht, getanzt und gesungen. Das Leben des Toten wird gefeiert. Ich erlebe nur einen kleinen Auschnitt der Beerdigungszeremonie. So eine Zeremonie dauert hier Tage. Und wie mir Surazu später erklärt hat, wird dieser Chief erst nächstes Jahr begraben. Das ist nicht unüblich hier. Oft werden die Toten Monate aufbewahrt bevor sie begraben werden. Manchmal auch Jahre. Hängt ganz von der Region, der Religion und dem Reichtum der Person ab.
20150110_201507 Tradition und Moderne.
20150110_201725 Die Jugend und ihre Handys.
Apropos Surazu – wo ist der eigentlich? Weiß? Ich schau mich um. Nein, er ist nicht weiß. Er hatte aber was weißes an. Das hilft mir nicht. Ich sehe nur eine dunkelhäutige Menschenmasse. Ihn kann ich da nicht erkennen. Naja, aber er wird mich bestimmt sehen. Erstens stehe ich im Kreis der Auserwählten und zweitens bin ich weiß. Ich würde gerne wissen wie das wirkt. Leuchte ich wirklich? Springe ich aus der Menge so offensichtlich heraus? Selbstverständlich bin ich hier die einzige weiße Person.
Die Männer mit den Gewehren laden nach und zielen erneut in die Luft. Paradoxe Situation. Meine Mutter hat mich erst gestern gefragt, ob ich etwas von Paris mitbekommen habe. Ich habe gesagt, ja ich weiß, dass Paris in Frankreich liegt. Was soll ich denn erfahren haben? Bin hier im Hinterland in einem afrikanischen Land. Kein Fernseher und im Radio wird nur über das Dorf gesprochen. Ja, ich habe Internet, aber ich habe besseres zu tun, als das Internet nach Schlagzeilen abzusuchen. Das interessiert hier eh keinen. Die Menschen hier wissen zum Teil nicht mal, dass das Land in dem sie leben Ghana heißt. Oder was ein Land überhaupt ist. Deshalb brauch ich all das im Moment auch nicht zu wissen. Und von Nigeria? Das ist ein Land nicht weit von hier. Meine Mutter hat mich daraufhin über den Terroranschlag in Paris und das Massaker in Nigeria aufgeklärt. Und jetzt? Stehe ich in einer Menschenmenge voller Muslime. Oder Muslime und Christen? So genau weiß ich es nicht. Die Muslime werden auf jeden Fall in der Mehrzahl sein. 10 von ihnen mit großen Gewehren.
20150110_201616 Da knallt es – im richtigen Moment abgedrückt. 
Es knallt immer wieder und ich zucke zusammen. Aber trotzdem ist alles friedlich. Das liebe ich hier wirklich. Das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen. Keinen stört die Religion des anderen. Nur wenn Weiße kommen und meinen sie haben keine Religion und glauben nicht an Gott, das können sie nicht verstehen. Akzeptieren tun sie uns trotzdem. Sie akzeptieren mich sogar auf einer traditionell wichtigen Zeremonie. Sie bieten mir Einblick in ihr Leben. Und lassen mich daran teilhaben.
Zurück zur Zeremonie. Ein Mann mit einem großen Gewand tritt in die Mitte und bewegt sich im Takt der Trommeln. Leute treten in Kreis, verneigen sich vor ihm und kleben ihm Geld an die Stirn. Ein anderer Mann sammelt erneut das ganze Geld ein. Auch das, was auf den Boden fällt. Ich nutze die Gelegenheit, in der einige der Dorfältesten aufstehen und schleiche mich an ihnen vorbei. Zur Häuserwand. Da stehe ich besser. Bin niemandem im Blickfeld.
20150110_162519 Chief-Vertreter
Der Mann in der Mitte ist ein Chief-Vertreter aus der nächst größeren Stadt, wie ich später von Surazu erfahre. Er kniet sich hin und macht mit seinen Händen Gesten auf dem Boden. Danach stehen wieder die Trommeln im Mittelpunkt. Ich habe das Gefühl die Menge verteilt sich. Jemand tippt mich am Arm. „Come“, hä was? Achso, du bist es. Mein Gastvater zieht mich auf den Vorplatz. Also hier findet jetzt das Geschehen statt. Männer in Gewändern tanzen. Was halten die in der Hand? Was sind das für Büschel mit denen sie in der Luft wedeln? Pferdehaare.
20150110_201429 Pferdehaare als Wedelobjekt
Aaaahja. Alles klar. Hab hier im Norden noch nie ein Pferd gesehen. Aber es muss wohl welche geben. Peeeeeng. Ich zucke zusammen und springe reflexartig einen Meter nach hinten. Surazu lacht. Alle um mich herum lachen. Ja ihr könnt lachen. Wieso müsst ihr hier mit Silvesterknallern feiern? Wirklich? Nein, Surazu meint es ist nicht dieselbe, die mich getroffen hat. Das ist mir egal. Knallt und ist laut.
20150110_201445 Knallkörper
Die stecken da an das Holz Tierfedern und zünden das dann an. Oder so ähnlich erklärt er es mir. Vermutlich werden Knallkörper verwendet. Es raucht unglaublich. Zwischen diesen Knallkörpern schießen die Gewehre in die Luft. Bei jedem Knall zuckt mein Bein. Meine Wunde schmerzt. Und neben mir steht der lachende Surazu. Das ist echt nicht witzig.
20150110_201411 Es raucht unglaublich. 
Bevor wir die Zeremonie verlassen, besuchen wir noch seine Schwester. Sie wohnt in so einer traditionellen Lehmhütten-Ansiedlung. Verschiedene Räume. Tiere und alles was zur Familie gehört. In einem Hof. Moment in so einer wohne ich ja auch. So besonders ist das gar nicht für mich. Aber für euch. Holz wird angezündet, auf den Boden gelegt und der Topf draufgesetzt. Kochen nennt man das. Alltag.
20150110_201537 Tiergehege im Innenhof
Die Sonne ist schon untergegangen als wir uns auf den Rückweg machen. Autos kommen uns entgegen und wirbeln so viel Sand auf der Straße auf, dass ich die Augen schließen muss. Surazu wird langsamer. Ja er sieht wohl auch nichts. Oder fast nichts. Er fährt ja schließlich. Irgendwas muss er sehen. Ich blinzel. Iiiih Sandschleuder ins Auge. Ok ich gebs auf. Mit geschlossenen Augen sitze ich entspannt auf dem Motorrad. Faszinierend. In Deutschland habe ich mich Jahre geweigert auf einem Motorrad mitzufahren. Nur einem guten Kumpel habe ich genug vertraut, so dass er mich einmal mitgenommen hat. Aber hier? Hier steige ich bei wildfremden Männern wie selbstverständlich auf das Motorrad auf. Ohne spezielle Kleidung, ohne Helm. Es geht nicht anders. Ich will in die Klinik und ein Freund von Surazu verlässt das Haus? Er nimmt mich mit. Noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Ich denke nicht mal darüber nach. Es ist einfach selbstverständlich. Ich denke höchstens darüber nach, dass der Mann nicht die kürzeste Route nimmt. Ja mittlerweile kenne ich mich in Langbinsi ganz gut aus. Es ist ja auch nur ein kleines Dorf. Aber doch so groß, dass alle drei Tage der Markt stattfindet.
Bevor ich mich schlafen lege, zeige ich Surazu noch die Bilder und er klärt mich über die Tradition und die dazugehörigen Bräuche auf. Interessant. Sehr komplex. Und kompliziert. Und ab und an nicht nachvollziehbar.
Das ist Ghana.

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Veröffentlicht in Ghana

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