Mit einer Rakete ins neue Jahr gestartet – 2015

Ich wünsche all meinen Lesern alles Gute im neuen Jahr und hoffe, dass ihr besser ins neue Jahr gestartet seid als ich. Wobei ich das nicht zu laut sagen darf. Mir geht’s gut, denn ich lebe noch. Klingt hart, aber das sagen die Ghanaer zu mir, wenn ich anfange zu jammern. Ihr habt gesagt ich soll vorsichtiger sein, sonst passiert mir was. Nur ab und an nicht alles riskieren. Ich habe nie alles riskiert. Auch wenn es für euch oft riskant und waagemutig vorkam. Ich hatte bisher jederzeit alles im Griff und im Überblick. Keine unbedachte Handlung, die mich an falsche Menschen gebracht hat. Ja mein Bauchgefühl schützt mich bis jetzt gut. Aber nun ist doch passiert. Allerdings hätte dies auch in jeder deutschen Stadt passieren können. Ihr versteht Bahnhof? Dann fange ich nochmal von vorne an.
Ganz vorne im Jahr 2015.
Mein letzter Bericht über meine Reise an der Küste endet etwa am 31.12.2014 gegen 22 Uhr. Zu dem Zeitpunkt haben die Artisten am Strand eine Pause eingelegt und ich beschlossen nochmal in mein Zimmer zu gehen, denn ich war ziemlich müde von dem Marsch am Vormittag.
Ich ziehe mein schönes ghanaisches Kleid aus und lege eine bequeme Hose an. Als hätte ich etwas geahnt. Gehe ich nochmal runter oder lege ich mich schlafen? Schlafen wäre toll, aber dann meinen alle ich hätte ein beschissenes Silvester gehabt. Mir doch egal was die anderen denken. Ich hatte einen schönen Tag. Aber zum Feuerwerk geh ich trotzdem nochmal runter. Nur für ein paar Fotos. Paradoxerweise mag ich es Feuerwerke zu fotografieren, obwohl ich das Feuerwerk eigentlich nicht mag. Ist mir viel zu gefährlich. Letztes Jahr war ich in Oslo. Mit einer Freundin mitten in der Menschenmenge vor dem Rathaus. Obwohl es verboten war hat jeder zweite eine Silvesterrakete in der Menge gestartet. Das hat solche Ausmaße angenommen, dass ich mit meiner Freundin nach kurzer Zeit abgehauen bin. Ein Wunder, dass damals nichts passiert ist.
Ich laufe also 10 vor 12 runter an Strand und stelle ich abseits unter eine Palme. Etwas abgeschirmt von ein paar Liegestühlen vor mir beobachte ich wie die Hotelangestellten Raketen in Sand stecken. Dann geht es los. Direkt am Wasser starten die ersten Raketen. Überall rennen Menschen durch. Haben die denn keine Angst. Aaah irgendwie wird das heut nix mit den Fotos. Zwischen die Palmenblätter durch fotografieren? Ein Versuch ist es wert.
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Aaah – ein Schlag auf meinem rechten Oberschenkel und direkt danach ein Feuerwerk neben mir. Zwischen mir und der Palme. Es ist der 1. Januar 2015 um 00:05 Uhr. Ich registriere noch nicht was passiert ist. Eine Rakete hat mich getroffen? Ich muss schreien. Ich schrei. Und fall um. Und fang an zu weinen.
Fragt mich nicht, ob der Stoß der Rakete mich umgestoßen hat oder ich einfach so umgefallen bin. Ich weiß es nicht. Ich stand auf jeden Fall unter Schock. Die ersten Minuten. Die erste Stunde. Vielleicht auch länger. Der erste, der reagiert hat, ist ein Hotelgast. Ich glaube, er hat mich gefragt, ob die Rakete mich getroffen hat. Ja hat sie. Und wo? Da am Bein. Da spüre ich was. Noch stehe ich zu sehr unter Schock, um Schmerzen zu spüren. Er redet etwas von „toothpaste“. Zahnpasta? Ich soll Zahnpasta draufschmieren? Aber erst soll ich aufs Klo gehen und ihm sagen, ob da was ist. Ich gehorche. Ah was ist das? Ein riesen roter Fleck. Ich geh wieder raus und sage dem Mann, dass es nicht blutet. Er schickt einen Hotelangestellten in die Bar um Zahnpasta zu holen. Ich merke, dass der völlig überfordert ist und erkläre dem lieben Hotelgast, dass ich ins Zimmer geh, ich habe Zahnpasta. Er fordert dann den Angestellten auf mit mir mitzugehen. Der bedient erst noch gefühlt 87 Leute bevor er bei mir ankommt. Die Hälfte des Weges hab ich schon geschafft. Er schließt für mich das Zimmer auf und dann sage ich, er kann jetzt gehen, denn ich muss mich ausziehen.
Wunde desinfiziert und Zahnpasta auf die Schwellung geschmiert. Irgendwie im Unterbewusstsein geschafft. Dann auf das Bett geschmissen und ins Kissen gegriffen. Nein ich bin wirklich nicht zimperlich, aber solche Schmerzen. Ich glaube, ich hatte noch nie solche Schmerzen. Ich spüre mein Bein nicht mehr. Zehen bewegen. Alles noch in Takt. Ich wiederhole das in der ersten Stunde noch einige Male bis ich verstehe, dass die Schmerzen den restlichen Fuß einfach betäuben und ich deshalb nichts mehr spüre. Die Schmerzen übertrumpfen alles. Was jetzt? Im Heulkrampf schreibe ich sämtliche Krankenschwestern an, in dem Wissen, dass die alle am Feiern sind, aber hoffentlich eine zurück schreibt. Verdammt kenn ich viele Krankenschwestern.
Eine Stunde dauert es bis ich die Moskitostiche im anderen Bein wieder spüre. Verdammt, die jucken immer noch. Der Schmerz im rechten Bein hat also entweder nachgelassen oder ich habe mich lediglich daran gewöhnt. Ich tippe eher auf zweiteres. Fazit aus den Unterhaltungen mit meinen Freunden: Arzt wäre gut, aber es geht auch so. Na gut. Also jetzt in der Nacht gehe ich hier sicher in keine Krankenstation. Und auch morgen nicht. Wenn, dann muss ich nach Accra. In die Hauptstadt. In allen anderen „Kliniken“ im Land ist das Infektionsrisiko zu hoch. Hier herrschen andere hygienische Bedingungen. Nicht gerade optimale Bedingungen für eine Wunde. Noch bin ich der Meinung, dass sie nicht wirklich offen ist. Ich beschließe erst mal zu schlafen, was sich komplizierter darstellt als gedacht. Die Schmerzen überwiegen noch.
Nach einer kurzen und schlaflosen Nacht humpel ich ans Frühstücksbuffet, wo ich gleich mal mit der ghanaischen Lebensweise vertraut werde. Ich hatte beschlossen auf das übliche „how are you?“ heute mit „not fine“ zu antworten. „What happened to you? Oh sooooorry!“ Steckt euch euer sorry sonst wo hin. Es waren eure Raketen. Und keiner hat sich wirklich um mich gekümmert von euch. In Deutschland würdet ihr jetzt verklagt werden. Aber naja wer behauptet schon ich wäre in Deutschland.
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Nach dem Frühstück humpel ich nochmal ans Meer und genieße den Ausblick, während ich beschließe meine Reise weiter nach Westen abzubrechen und nach Accra ins Krankenhaus zu fahren. Wahrscheinlich die erste vernünftige Entscheidung von mir seit ich in Ghana bin würden viele von meinen Verwandten sagen. Kann sein. Ja desinfizieren kann ich selbst und auch verbunden habe ich die Wunde. Aber ein Blick von einem Arzt darauf wäre dennoch gut. Der Taxifahrer, der mich vom Hotel an die Trostation bringt reagiert auf meine Aussage, dass es mir nicht gut geht ensetzt. Wieso nicht gut? Hallo? Ich kann noch laufen, es gibt viele die nie laufen können. Ich soll glücklich sein. Ok, ok, ist ja gut, du hast Recht, stimme ich ihm bei, während ich bei der Fahrt über die nicht asphaltierte Straße die Zähne zusammenbeiße und gar nicht an die anschließende Fahrt im Tro denken möchte.
Während der ersten Trofahrt von Axim nach Takoradi wächst in mir das Gefühl, dass ich mit Glück ins neue Jahr gestartet bin. Glück deshalb, weil die Rakete nicht in mein Auge, sondern nur an meinen Oberschenkel geraten ist. Alles Ansichtssache. Einstellungssache. Hilft auf jeden Fall. Die Psyche hilft dem Körper beim Heilen von physischen Verletzungen. Mit dieser Einstellung steige ich in Takoradi mit schmerzverzerrtem Gesicht in ein Tro Richtung Accra ein. Auf der fünfstündigen Fahrt nach Accra beschließe ich, meine Mutter zu bitten in Kontakt mit meiner Krankenversicherung zu treten, in dem Wissen, dass sich ab dem Zeitpunkt einige Menschen große Sorgen um mich machen und es ihnen vermutlich damit schlechter geht als mir selbst. In Accra angekommen, habe ich mich entschieden in das Krankenhaus zu gehen, indem meine Freundin lag und welches ich schon kenne. Privatklinik. Ein Taxifahrer bringt mich hin.
Der Weg bis zur Ärztin ist erstaunlich kurz. Registrierung und Zahlung am Empfang. Gewicht und Blutdruck messen in einem Behandlungszimmer (verdammt ich habe wirklich 10kg in Ghana zugenommen). Und schon bin ich bei der Ärztin. Ein Fragebogen liegt vor ihr, den sie mit mir abarbeitet. Ob ich mit Kranken in Kontakt gekommen bin? Hä, was willst du wissen? Sie wiederholt die Frage noch ein paar Mal, weil sie denkt, ich kann kein englisch. Keine Ahnung, ob die Menschen mit mir im Tro krank waren. Hab sie leider nicht gefragt. Was willst du hören? Ob ich mit Menschen aus Sierra Leone und so weiter in Kontakt gekommen bin. Ach das will sie wissen. Nein. Wobei, von wo soll ich das wissen? Es steht normal nicht das Herkunftsland auf der Stirn geschrieben.
Ob ich Fieber hab? Nein.
Kopfschmerzen? Nein.
Ob ich müde bin? Jaaaa, hab schließlich kaum geschlafen!
Ob ich Schmerzen hab? Jaaa.
Dann zeig mal. Na endlich will jemand die Wunde sehen.
Naja sehen, sie beugt sich etwas über ihren Tisch und blickt kurz auf mein Bein.
„Is that all your problem?“
Hä was?
„Is that all why you are here?“
Ja. Jetzt weiß ich wieder wieso ich nicht ins Krankenhaus wollte. Solche Patienten wie mich nehmen die hier normal nicht auf. Zu harmlos. Ghanaer haben schlimmere Verletzungen, wenn sie ins Krankenhaus gehen. Habe ich ja selbst in der Zeit vor Weihnachten erlebt, als ich in einer Krankenstation geholfen habe.
„Do you have painkiller like Paracetamol?“
Ja, hab ich.
„Do you need something stronger?“
Um Gottes Willen nein. Ich nehme ja nicht mal das. Schmerztabletten – so was Unnötiges. Zumindest wird es meiner Meinung nach zu früh vergeben. Ja, ich hätte auch Ibu, aber ich weiß jetzt schon, dass ich es nicht nehmen werde. Hab die erste Nacht ohne überlebt und schlimmer wird es nicht. Die Ärztin hat mir noch eine Tetanus, Antibiotikum gegen Infektionen und Verbandszeug verschrieben. Achja und ich soll sie nächsten Tage nicht so viel laufen. Fuß hochlegen. Oh, ob ich das kann?
Mit dem Zettel ins nächste Zimmer gehumpelt. Hier wird verbunden. Eine etwas desinteressiert dreinblickende Krankenschwester hat sich mir gewidmet. „What happend? Oh soooorry.“ Ja, schon gut. Verbinde das einfach, dann bin ich zufrieden. Sorry ist das Lieblingswort der Ghanaer. Gleich nach „how are you“.
Du stolperst? „Sooorry“.
Dir fällt ein Stift runter? „Sorry.“
Du hast Bauchschmerzen? „Sorry“.
Die Trofahrt war lange? „Sorry“.
Du hast Schmerzen? „Sorry“.
Du wurdest von einer Silvesterrakete getroffen? „Sooorry“
Naja, nach dem langgezogenen Sorry hat sie meine Wunde gesäubert und noch dreimal sorry gesagt, weil sie mein schmerzverzerrtes Gesicht gesehen hat. Danach war ich auch schon fertig. Und nun?
Den Taxifahrer nach einem Guesthouse in der Nähe gefragt. Ich bin hier im teuren Viertel Accras. In der Nähe vom Flughafen. Das weiß ich. Deshalb frage ich erst gar nicht nach einem Hotel. Für 5 Cedi möchte er mich hinfahren. Na dann. Zwei Straßen weiter hält er auch schon an. Ich soll es mir erst mal anschauen. Rucksack im Auto? Er stellt den Motor ab. Na dann. DAS ist ein Wunder. Ghanaer stellen NIE den Motor ab. Wirklich nie. Selbst wenn sie zwei Stunden hinter einer Straßensperre stehen. Also bin ich reingegangen – ins Guesthouse. Das günstigste Zimmer? 300 Cedi (85€)? Veräppeln kann ich mich selber! Dann geh ich wieder. Mich wieder ins Taxi gesetzt. Das nächste war dann wesentlich günstiger. Zwar immer noch teuer, aber ich war zu müde zum Weitersuchen. Die Fahrt heute war anstrengend. Der Hotelier bringt mich ins Zimmer. Ach man, ich muss die Tabletten nach dem Essen nehmen, also muss ich noch was essen. Gibt es hier ein Restaurant im Guesthouse? Nein? Oh nein. Ich kann aber nicht mehr laufen. Bin müde, mein Fuß tut weh und ich will schlafen. „I can bring you something!“ -„Really?“
Also hab ich mein Abendessen auf mein Zimmer geliefert bekommen. Was für ein Service. Und sogar einen Fernseher habe ich im Zimmer! Und er läuft auch.
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So kam ich das erste Mal zum Ruhen. So richtig zum Ruhen. Am ersten Januar spät abends eingecheckt und der Rückflug nach Tamale ging am 3. Januar. Am zweiten Januar habe ich also den ganzen Tag nix gemacht außer auf meinem Bett gelegen. Achja und Wäsche gewaschen. Musste das mit dem fließenden, sauberem Wasser ja ausnutzen. Und Wäsche waschen ist nicht das, was ihr darunter kennt. Keine Waschmaschine wo ich schnell die Schmutzwäsche reinstopfe. Nein, schön von Hand waschen, auswringen und aufhängen. Das wars aber auch schon. Soo lang dauert das auch nicht.
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Am 3. Januar habe ich mir dann nochmal ein leckeres Frühstück in einem Café gegönnt bevor ich wieder ins Krankenhaus bin. Ja so etwas wie eine Bäckerei und ein Café gibt es hier in diesem Viertel tatsächlich.
Im Krankenhaus hat mich dann eine männliche Krankenschwester in Empfang genommen. Zunächst sah es professioneller aus. Er hat sogar einen Mundschutz angelegt. Aber dann? Fragt der mich nach meiner Email Adresse. Hallooo? Ich bin hier im Krankenhaus. Nicht auf der Straße. Und das hier ist kein Taxifahrer, Tourguide oder Hotelangestellter. Bei denen ist das normal. Das bin ich gewohnt, dass die mich nach meiner Handynummer fragen. Aber HIER im Krankenhaus? Ich muss lachen. Zu komisch die Situation. Ich versuche mir das in Deutschland vorzustellen und muss noch mehr lachen.
Wieso ich lache fragst du? Weil du mich grad nach meiner Mailadresse gefragt hast. Ja, das ist Ghana.
Typisch Ghana war auch nachher die Situation im Flugzeug. Ich habe mich nicht darum geschlagen als erste ins Flugzeug zu steigen, denn dann hätte ich ewig stehen müssen. Also betrete ich als letzte das Flugzeug. Ich war in dem Wissen ich habe einen Sitzplatz, es gab allerdings freie Sitzplatzwahl. Ich laufe durch den Gang bis nach vorne. Kein Platz mehr, nach hinten bitte. Ich drehe um und stehe wieder vor einer Stewardess. Kein Platz. Regelt das bitte unter euch – hier ist mein Ticket. Nachdem zwei Männer aufgestanden sind und ihren Platz gewechselt haben, ist auf unerklärliche Weise auch für mich ein Platz frei geworden. Da kann ich nicht sitzen? Ja wegen deinem Fuß. Oh man, dann überlegt es euch früher. Ich soll nach vorne an den Notausgang, weil ich sonst zu langsam bin? Also gut. Einen Sitzplatztausch später haben wir es dann.
Auch die weitere Fahrt über Land vom Flughafen Tamale bis nach Langbinsi verläuft reibungslos. Zwar etwas gequetscht im Tro, aber geht schon. Im Dunkeln laufe ich dann den Weg hoch von der Straße bis zum Haus und werde von Cubra, meiner Gastmutter, freundlich begrüßt. „No good, Anna“, sagt sie als sie mich humpeln sieht. Ich muss lachen. Mit dem nächsten Satz „Surazu I’m coming Nalerigu“ teilt sie mir mit, dass Surazu, mein Gastvater, in Nalerigu (sprich: Nalergo) ist und später kommen wird. Ja wir zwei verstehen uns. Indomie gibt es zum Abendessen bevor ich mich schlafen lege.
Den Sonntag verbringe ich liegend auf meiner Matratze im Freien.
Montag gehe ich dann in die Klinik. Verband wechseln. Surazu organisiert das Partei-Motorrad und fährt mich hin. Auch wenn ich Motorräder früher gehasst habe. Hier sind sie Gold wert. Man legt lange Fußmärsche in kürzester Zeit zurück. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Daran, in Flipflops und ohne Helm oder sonst irgendeinen Schutz mich hinten auf das Zweirad zu schwingen. Alles völlig normal. Festhalten? Bloß nicht! Dann wird man hier ausgelacht. Das gehört sich nicht. Aber jeder zweite, der in die Klinik kommt, hatte einen Motorbikeunfall – wen wundert es. That’s Ghana.  Aber wenn wir an Bodenwellen vorbeikommen halte ich mich trotzdem unauffällig hinten am Gefährt fest.
In der Klinik angekommen, kommt Jamal mir entgegen. Er arbeitet dort. Kennt mich schon aus der Zeit, in der ich dort geholfen habe. „What happened? – oh sooorry!“ Ja, schon gut. Ich laufe an allen Wartenden vorbei und verschwinde im Behandlungszimmer. Dort ist schon eine Krankenschwester mit einem Patient. Und Lena putzt gerade die Geräte. Ich setze mich auf den Stuhl in die Ecke. Jamal legt die Handschuhe an und widmet sich meiner Wunde. „Not bad“, ja ich weiß, ich hoffe nur, dass sie auch heilt. Das war es dann auch schon. Nichts gezahlt.
Am Dienstag habe ich das mit dem Verband wechseln selber übernommen. Mich in meinem Zimmer eingeschlossen, in dem Glauben, dass ich so möglichst viele Erreger draußen halte und ich meine Wunde zwei Stunden atmen lassen kann. Danach meine Hände mit so viel Desinfektionsmittel wie noch nie gesäubert und mein Bein selbst wieder verbunden.
So werde ich jetzt vorgehen. Jeden zweiten Tag in die Klinik zum Anschauen gehen und den anderen Tag die Wunde im Zimmer, in meiner selbsternannten, nicht sterilen Quarantäne, atmen lassen und anschließend den Verband selbst anlegen. In der Hoffnung, dass die Wunde irgendwann heilt. Eigentlich ist sie nicht soo schlimm. Aber hier, in der mit Staub und Sand vermischten Luft, ist alles anders.
Ah da kommt ein Huhn ins Zimmer. Wolltest du assistieren? Sorry, du bist zu spät. Bin schon fertig. Komm das nächste Mal früher!
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Die offene Wunde möchte ich euch nicht zumuten.
Ich möchte mit diesem Artikel kein Mitleid hervorrufen. Ich wollte euch nur nicht nur von meinen schönen Tagen berichten und meinen Aufenthalt dadurch verfälschen. Diese Zeit gehört einfach zu meiner Zeit hier in Ghana hinzu. Ich habe die Hüllen fallen gelassen und euch alles bis auf das kleinste Detail beschrieben. Meine erste Situation seit ich mein zu Hause in Deutschland verlassen habe und ich weinen musste. Ja, es war schmerzhaft. Und ist es immer noch, wenn ich längere Zeit liege. Aber es gibt Schlimmeres. Wie gesagt, mir geht es gut. Mir fehlt es an nichts (außer vielleicht frischer, sauberer Luft).
Danke, dass ihr auch diesen Artikel bis zum Ende gelesen habt.

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Veröffentlicht in Ghana

5 Gedanken zu “Mit einer Rakete ins neue Jahr gestartet – 2015

  1. wir sind sehr froh dass es dir gut geht und wünschen dir gute Besserung und keine Raketen mehr in diesem Jahr:D wir lesen alle sehr gerne deine tollen Berichte. Liebe Grüße

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