Zu Fuß von Princesstown nach Axim – 31. Dezember

Nachdem ich gestern die Geschichte mit dem geplanten Überfall miterlebt hatte, habe ich mir für meine heutige Tour einen Guide organisiert. Ich möchte an der Küste weiter nach Westen laufen und bis nach Axim kommen. Alex, der Guide, meint wir brauchen 4 bis 5 Stunden. 6:30 Uhr Start. Es ist noch nicht so heiß um diese Zeit.
An diesem morgen erwache ich um halb 5 von einer lauten Stimme. Wie ich diese Kirchen hier hasse. Und die Ghanaer und ihre Mikrofone. Vermutlich sitzen 30 Leute in der Kirche. Wäre also problemlos ohne Mikrofon machbar. Aber nein, wir brauchen ein Mikrofon das so stark ist, dass damit eine Arena bei voller Lautstärke übertönt werden kann. Und dann müssen wir noch schreien. Sonst ist es zu leise. Die Fischer auf dem Meer müssen die Kirche ja auch mitbekommen. Das heißt für mich auf der Festung, dass ich jedes Wort aus dieser Kirche höre. Nicht leise, sondern so laut, dass ich aufwache. Und das muss was heißen, denn die letzten Tage haben mich so geschlaucht, dass ich nachts wie ein Stein schlafe. Es sei denn jemand schreit in mein Ohr. Ist ja auch normal, dass man um 4 Uhr mit der Kirche beginnt und zwei Stunden erst mal nur spricht. Predigt oder was weiß ich. Ah Moment, nicht spricht sondern schreit! Also Ohropax von drinnen holen. Ich sollte einfach immer mit den schlafen. Kirchen gibt es überall. Und wenn es nicht die Kirche ist, dann die Hähne!
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Um 6:30 Uhr steht dann der Guide schon auf der Burg. Unglaublich. Pünktlicher Ghanaer. Muss ich glaube ich gleich mal in meinem Tagebuch notieren. So etwas gibt es eigentlich nicht. Ich schnalle mir meinen Rucksack um und los geht’s. Hinunter ins Dorf und dann über den Friedhof an das Flussufer. Ein Boot soll uns hinüber bringen. Einige Fischerboote sind unterwegs. Ein Größeres steuert auf uns zu. Ich soll meine Schuhe ausziehen. Joggingschuhe war wohl doch das falsche Schuhwerk heute. Aber von meinem Flipflop Tag habe ich Blasen bekommen. Nicht wegen der Strecke an der Küste, im Sand bin ich eh barfuß gelaufen, aber wegen der Stunde, die ich auf der Straße gelaufen bin. Da hätte ich wechseln müssen. Wie auch immer. Jetzt habe ich die Zehen verklebt. Und laufe barfuß in das Flussdelta hinein. Seichtes Ufer. Da kommt auch schon das Boot. Ein halbierter, ausgehölter Baumstamm. Perfekt für ein Flussdelta. Liegt flach auf dem Wasser und läuft somit an seichten Stellen nicht auf Sand. Ich setze mich. Es schaukelt. Mir fahren langsam. Neben uns ein toter Fisch. Ein Mann greift ihn aus dem Wasser. Auf der anderen Seite steige ich aus und noch ein halb toter Fisch wird aus dem Wasser geholt. Kurze Zeit verstehe ich es. Ein Knall. Wow was war das? Alex klärt mich auf. Eine Dynamitsprengung. Damit werden die Fische im Fluss getötet und anschließend eingesammelt.
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Wir laufen durch den Sand auf die andere Seite. Ans Meeresufer. Ich laufe nah am Wasser. Er oberhalb von mir. Ich drehe mich um. Die Sonne steht schon am Horizont. Ist aber nur hinter einer Wand verschwommen zu sehen. Nein, es sind keine Wolken am Himmel. Vielleicht habt ihr schon bemerkt, dass auf meinen Bildern in der letzten Zeit kein blauer Himmel zu sehen ist. Es liegt an der Jahreszeit. Hamattan wird es hier genannt. „Dry season“, im Norden fällt absolut kein Niederschlag. Im Süden deutlich weniger als in der Regenzeit. Noch prägender für diese Zeit ist der Sand in der Luft. Aus der Sahara weht der Wüstensand herüber und sorgt dafür, dass der Himmel weiß aussieht und man nicht sehr weit schauen kann. Während wir so daherlaufen spüre ich die letzten Tage. Meine Waden schmerzen als ob ganze Muskelbündel gerissen wären. Aber sobald ich den Kopf hebe, vergesse ich all den Schmerz. Die Landschaft entschädigt. Es ist so unglaublich schön. Ich beobachte die brechenden Wellen. Es sieht so mächtig aus. Kraftvoll. Das Meer.
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Wir müssen ein Stück durch den Wald, weil jetzt Felsen kommen. „Do you have shoes like that?“ fragt der Guide, während er auf seine Flipflops zeigt. Natürlich, antworte ich und hole sie aus dem Rucksack. Wir laufen auf einem schmalen Pfad entlang. Meine Beine bekommen ein paar weitere Kratzer ab. Wir kommen in ein Dorf. Alex kauft ein Stück Brot. Die Hälfte ist für mich erklärt er. Oh danke! Über einen Hügel erreichen wir den nächsten Strandabschnitt, wo ich beschließe zu Frühstücken. Ich stelle meinen Rucksack unter eine Palme und setze mich auf die Abbruchkante im Sand. Der Strand ist hier steiler und man kann sehen, wo das Wasser Land ins Meer gerissen hat.
Wir laufen weiter. „Look there“ – was ist da? Ah ein Schildkrötenpanzer! Stimmt hier an der Küste gibt es auch Schildkröten! Ich laufe wieder direkt am Wasser. Dort wo der Sand nass ist und ab und an eine Welle meine Füße umspült. Ich mache gerade ein Foto als eine Welle kommt und ich bis an Po nass werde. Krass. Die Wellen hier sind echt nicht zu unterschätzen. Wir laufen wieder durch ein Dorf. Kinder spielen mit Springseilen.
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Alle rufen „boffrey“. Oder so ähnlich. Es ist das lokale Wort für „Weiße“. Ich verstehe immer „my friend“ – klingt gut! Im nächsten Dorf kommen 10 Kleinkinder im Sand auf mich zugelaufen. Der erste schnappt meine Hand und grinst die anderen Kinder an. Am Ende vom Dorf bleiben sie stehen und winken mir. Wir laufen an zwei Minibuchten vorbei. Dann kommt wieder ein Stück im Wald. Der Guide möchte meinen Rucksack tragen. Na wenn du unbedingt willst. Ich habe zwar sehr minimalistisch gepackt, die Waage am Flughafen hat 11 Kilo angezeigt. Aber jetzt sind noch zwei Liter Wasser zusätzlich drin, sowie meine Kamera. Und schon sind wir bei fast 15 Kilo. Klingt wenig, aber es drückt einen tief in Sand. Der Guide legt ein ordentliches Tempo vor. Sorry, aber ich laufe hier keinen Marathon. Wir sind früh genug gestartet, wir müssen nicht hetzen. Ich kann gar nicht genug Fotos machen. Die Landschaft wechselt ständig. Erst Palmenwald. Dann hohes Gebüsch. Hohe Bäume. Erst jetzt merke ich es. Lianen hängen immer wieder vor meinem Gesicht. Das sieht stark nach Regenwald aus. Ich blicke nach oben. Nur grün. „It’s coastel rain forest“ erklärt der Guide daraufhin.
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Ich schaue ein wenig mehr nach links und rechts. Grün auf allen Etagen. Und viele Geräusche. Der Mann bleibt plötzlich stehen und zeigt nach oben. Ich sehe etwas hinter Blättern verschwinden und höre Gekreische. Affen. Und weiter gehts. Wenn man sich hier Zeit nehmen würde, würde man bestimmt viele Tiere entdecken. Ich lausche den unterschiedlichsten Vogelgezwitscher. Ich weiß wieso ich lieber alleine reise. Da macht man nicht nur Pausen wann mam will, sondern gibt auch das Tempo vor. Aber hier im Wald ist ein Guide wichtig. Ich hätte den Weg nicht gefunden. So laufe ich ihm hinterher.
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Was hängt denn da? Gibt es denn so was? Ein Bayern Trikot. Mitten im Regenwald. Unglaublich. Es gibt nichts was es nicht gibt.
Irgendwann ist auch dieses Stück Wald zu Ende und wir kommen wieder ans Meer. Ein Fluss mündet ins Meer. Ich laufe durch. Wow ist das Wasser kühl! Mein Freund ist der Rucksack schwer? Merkste mal was. Ich lasse ihm den Rucksack noch ein Stück, denn seine Geschwindigkeit hat sich merklich reduziert. Gut so. Dann kann ich mehr gucken. Hier am Strand ist nicht soo viel Abwechslung wie im Urwald.
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Kokospalmen. Mangobäume. Ein See. Ein Fluss. Am Ufer – Mangroven. Trotzdem genieße ich es. Wir legen eine Pause ein. Wasser trinken. Mittlerweile ist ganz schön heiß. Und tief einatmen. Die Landschaft. Die Geräusche. Die Meeresluft. Es stellt sich heraus, dass das der letzte Strandabschnitt ist. Dort vorne! Ist das eine Lodge? Ja. Bestimmt teuer, natürlich. Naja, aber ich glaube hier ist ok. Den Weg bis Axim rein schaffe ich allein und ich möchte hier erst noch entspannen. Und ins Meer. Ein Hotelangestellter bringt mir sofort eine Liege und ein Handtuch. Ich mache mich doch auf den Weg zur Rezeption. Was ist das billigste Zimmer das ihr habt? 180 Cedi – das ist verdammt viel. Abendessen und Frühstück inklusive. Ok, ach für Silvester kann man sich doch was gönnen! Und so kam die mit Rucksack bepackte Wandererin an ein Luxuszimmer im Axim Beach Hotel.
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Jetzt sitze ich hier. An einem Tisch im Sand. Wellenrauschen im Hintergrund. Im Vordergrund: Trommeln. Und tanzende Frauen. Nach dem leckeren Abendessen Buffet hat die Show gestartet. Vier Männer die trommeln. 4 Frauen die tanzen. Und ein Mann, der sich verbiegt und krümmt und Sachen mit seinem Körper macht, die physiologisch gar nicht möglich sind. Ein Schlangenmensch. Oder wie man die Menschen ohne Knochen auch immer nennt. Liegestützen auf den Händen. Der Körper liegt waagrecht in der Luft. Ok DAS ist krass.
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So sitze ich jetzt hier, bohre meine Füße in den Sand und lasse das alte Jahr mit Trommelgeräuschen und Wellenrauschen ausklingen.
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Veröffentlicht in Ghana

3 Gedanken zu “Zu Fuß von Princesstown nach Axim – 31. Dezember

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