Zweiter Tag in der Klinik – 23. Dezember

Heute bin ich früher losgegangen. Auf dem Fußballplatz ist reger Betrieb. Viele Menschen stehen jetzt schon am Rand, 8 Uhr morgens, und schauen dem Spiel zu.
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Es wird zur Ecke gepfiffen. Ich muss lachen. Der Linienrichter hält einen Ast mit Blättern in seiner Hand. Soll die Fahne sein. Ich laufe weiter. In der Klinik stehen schon viele Leute im Wartezimmer. Lena putzt jeden morgen erst mal das Behandlungszimmer. Macht sonst niemand hier. Dabei weht es jede Nacht Sand in die Zimmer. Ja die Fenster sind nicht wirklich zu schließen. Sie gibt mir zwei Handschuhe. Am Brunnen füllt sie den Eimer mit Wasser und anschließend putzen wir das Zimmer mit zwei Gazestreifen. Kaum sind wir fertig, kommt Imma (Krankenschwester) in das Zimmer gestürmt. Hinter ihm ein Mädchen und ein Mann. Erst nachdem das Kind auf dem Stuhl sitzt entdecke ich das Blut. Das Oberteil ist völlig rot und am Hals klebt Blut. Aber die eigentliche Wunde ist am Auge. Dort klafft eine riesige offene Platzwunde hervor. „Motorbike accident“. Schon wieder. Das sind hier die häufigsten Unfälle. Lena fragt mich ob ich assistieren will. Kann ich das? Ich hab doch keine Ahnung. Klar, hier zieh die Handschuhe an. Lena legt das Mädchen auf das Bett, Imma bereitet alles für den Eingriff vor. Erst die Spritze. Örtliche Betäubung. Ich halte die Beine, Lena den Kopf, eine andere Krankenschwester den Oberkörper. Keine Chance, sobald das Mädchen die Spritze entdeckt hat, zappelt und schreit sie wie am Spieß. Wo ist der Vater. Die andere Krankenschwester geht raus und kommt mit zwei anderen Männern herein. Der Vater ist heimgegangen. Waaaaas? Lena und ich schauen uns entgeistert an, können aber keine Zeit mit unseren Gedanken verschwenden, es geht weiter. Die zwei Männer helfen beim halten. Imma versucht erneut die Spritze zu geben, bricht aber ab. Er sagt eine Arterie ist betroffen und das kann er nicht nähen. Es wird immer wieder aufgehen. Und jetzt? Ich reiche jetzt immer wieder Wattebausche. Lena tupft damit das Blut, das ins Auge läuft. Desinfektionsmittel bitte. Imma untersucht erneut vorsichtig die Wunde. Sieht echt hässlich aus. Der eine Mann schaut die ganze Zeit in die andere Richtung. Wenn ihr mich fragt, kippt der gleich um. Imma meint es geht jetzt. Sie ist jetzt zu. Ich sehe immer noch Blut. Aber dann auf ein neues. Und tatsächlich klappt es. Ein Tuch liegt auf dem Kopf vom Mädchen. Imma beginnt zu nähen. Ich reiche immer wieder Schere und Wattebausche. Das Mädchen liegt quasi bewegungslos da. Der eine Mann verlässt den Raum. Die andere Krankenschwester übernimmt seinen Part. Ich sage Lena, dass der nicht gut aussah. Als er wieder reinkommt zwinge ich ihn sich hinzusetzen. Hab keine Lust auf einen Patienten mehr. Zum Schluss wird die Wunde noch gesäubert und verklebt. Fertig. Ah nein, Bett desinfizieren. Ich geh schon mal raus. Dort wartet mittlerweile ein großer Stapel Akten. Tut mir Leid, Notfälle haben Vorrang. Bedrängt mich nicht. Ich brauche Platz zum Arbeiten. Jeder kommt dran und zwar in der Reihenfolge wie die Akten hier liegen. Ich fange an die ersten Babys zu messen und wiegen. Als Lena kommt, sagt sie nur „kein Stress an, wirklich!“ Ok, ich weiß. Ich will nur aufholen. Und bin wahrscheinlich noch etwas voll mit Adrenalin von der Situation vorher. Lena will sich setzen. Iiiiiih riesen Spinne! Hinter ihrem Stuhl an der Wand. Die ist echt eklig. Lena rennt schreiend weg. Ich muss lachen. Die Patienten lachen. Ein Mann bringt die Spinne um, so dass Lena zurückkommt. Alle lachen.
wpid-img_7832.jpg wartende Patienten
Lena hört bei den ersten Patienten keinen Puls. Der Wind ist zu stark. Ich versuche ihr den Wind abzuschirmen.
So vergeht auch der zweite Arbeitstag. Namen aufrufen. Gewicht ablesen. Thermometer einklemmen. Auf das Piepsen warten. Temperatur notieren und nächster bitte.
Auch heute halte ich ein wenige Tage altes Baby in der Hand und muss es an die Waage hängen. Die Mutter ist nur jünger als ich. Noch keine 18 ist sie. Deshalb musste ich das Kind in das Tuch wickeln. Sie wusste nicht wie.
Eine Frau, die Bananen verkauft kommt und legt uns einige auf den Tisch. Danke! Später bringt uns eine andere jedem ein Ei. Hat die Imma bezahlt? „Yes“, oh man schon wieder. Also kleiner Snack zwischendurch. Später kaufen wir noch Teigtaschen und schicken auch eine Imma. Kurz darauf kommt er aus dem Zimmer und schaut uns an. Sorry, du hast gesagt du verlierst an Gewicht, also muss du essen! Wir lachen. So macht arbeiten Spaß. Und: Lachen ist gesund. Um 12 kommen keine neuen Patienten mehr und der Empfang schließt. Um 1 schließen auch Lena und ich unsere Arbeit ab. Ich mache mich auf den Heimweg.
Nach dem Essen möchte ich waschen. Das letzte Mal durfte ich es nicht selbst tun. 4 meiner Schüler mussten Wasser holen und meine Kleidung waschen. Damals konnte ich nur durchsetzen, dass ich meine Unterwäsche selber wasche. Aber ihr könnt euch vorstellen wie schlecht ich mich dabei gefühlt habe. Ja ihr kennt mich. Nochmal mache ich das nicht mit. Nicht mit mir. Cubra sagt zunächst nichts. Vermutlich denkt sie, ich möchte nur meine Unterwäsche waschen. Ich setze mich auf die Stufe vor meinem Zimmer und stelle die beiden Eimer vor mich. Naja, das Wasser sieht nicht unbedingt sauberer aus als meine Kleidung.
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Nicht meckern, besseres gibt es hier nicht. Musik aufdrehen und loslegen. Nach einiger Zeit kommt Cubra vorbei. „No good! No good Anna!!!“ Und nein, das war nicht auf meine Waschkünste bezogen. Sie zieht die Kleidung, die auf dem Boden liegt weg von mir und ruft ihre Tochter. „Najid, Najid!“ „No Cubra, I can do this! Really!“ Rede ich auf sie ein und da ich weiß, dass sie Gesten besser versteht ziehe ich meine T-Shirts wieder zu mir. Sie ruft ihre Tochter nocheinmal und verschwindet. Ich wasche weiter während mir die beiden kleinsten Geschwister zuschauen. Danach kommt Najid. Nein, ich kann das allein, du musst das nicht machen, danke. Sie lacht und dreht um. Kurze Zeit kommt sie später und greift nach einem T-Shirt in meinem Spüleimer. NEIIIN! Sie hängt es auf und lacht. Ich lege ein anderes Shirt über den Eimer und lache auch. Jetzt tanzt Najid auf meine Musik. Wir lachen beide. Die beiden Kleinen spritze ich immer wieder nass. Sie lachen.Am Ende gebe ich ihnen die beiden Eimer mit dem jetzt wirklich schmutzigen Wasser und sie veranstalten eine kleine Wasserschlacht. Genießt es. Gerade schaut niemand zu. Zum Glück. Und zum Glück war Surazu nicht da. Sonst hätte ich es wohl nicht geschafft selbst zu waschen. Und eigentlich macht es mir Spaß. Nein, so schlimm ist es wirklich nicht.
Später sitze ich im Zimmer und plane meinen Urlaub als die 5 Geschwister hereinspazieren. Sie bedienen sich an meiner Spielzeugtüte. Jeder bekommt ein Kuscheltier. Danke sagen nicht vergessen „Thank you!“, na also ihr könnt es doch. Cubra ruft die Kinder und sie rennen aus dem Zimmer.
„Give me one, give me one!“ Äh was? Wer ist da? Wer spricht so mit mir. Ich blicke zur Tür und entdecke den ältesten der Geschwister. Hinter ihm die ganze Schar Kinder. Was willst du? Und wie sprichst du mit mir? Ihr Ghanaer predigt die höflichsten Umgangsformen, zelebriert Begrüßungsszenen über 5 Minuten und sprecht mit niemanden, der euch nicht anständig begrüßt hat. Aber mit mir kann man so sprechen. „Give me…“. Bin ja nur eine Salaminga. Natürlich. Und was wolltest du jetzt eigentlich? Und verdammt noch mal, wieso hast du ein Huhn in deiner linken Hand??? Betritt damit ja nicht mein Zimmer! „Please, can I have one like that?“ Na also, geht doch. Wieso nicht gleich so? Hab trotzdem kein Kuscheltier mehr. Bin zu gereizt. Das nächste mal von Anfang an freundlich, vielleicht finde ich dann was für dich.
Am Nachmittag treffe ich mich in der Stadt wieder mit Lena. Ich laufe die letzten Meter auf sie zu, als plötzlich ein Schaf auf mich zurennt, einen Meter in die Höhe springt und links neben mir die Straße überkreuzt. Wow, was war das? Wir lachen beide. Dann besorgen wir Kleinigkeiten und setzen uns zusammen. Eine Fanta trinken, Snacks knabbern, frittierten Kuhkäse (Käääse, ja wirklich! Nicht so einen wie ihr kennt, aber immerhin Käse! Ich hätte es nie gedacht, aber Käse war das erste was ich wirklich vermisst habe!) essen, Orangen auspressen und quatschen. Lena packt das Desinfektionsmittel aus. Ah, äh, ich hab schon angefangen zu essen. Ja ich weiß wieviel Schmutz an meinen Händen ist. Egal ich brauch es nicht, danke. Wir sitzen in der Trostation auf einer Bank und beobachten das Geschehen. Vorne werden 10 Schafe von einem Tro heruntergebracht. Alltag. Daneben klaut ein anderes Schaf gerade etwas von einem Tisch. Die Frau schlägt das Schaf, das jetzt wegrennt. Wir lachen.
So vergeht die Zeit und wir müssen uns auf den Rückweg machen. Zwischen uns liegt die Tüte mit all dem Müll. Wir haben alles sorgfältig dort hinein getan. Wir schauen uns an. Was nun? Um uns herum liegt quasi eine Müllhalde. Lena sagt „ich kann das eigentlich nicht unterstützen“. Ich auch nicht. Aber Mülleimer gibt es in Langbinsi definitiv nicht. Wenn man Glück hat findet man einen Tamale, in der Großstadt. Aber hier sicher nicht. Lena hat keine Lust ihn mitzuschleppen. Ich auch nicht. Was passiert dort? Den Volontären zuliebe hat Surazu einen Kanister vor ihr Zimmer gestellt. Und den Inhalt verbrennt er regelmäßig. Ob das wirklich besser ist? Ich glaube ja, denn dann liegtnder wenigstens nicht in der Natur. „Ich nehme den Müll mit“ sage ich und Lena bedankt sich erleichtert. Zwei ältere Männer quatschen uns noch an. Wir verabschieden uns und jeder von uns wird von einem von denen verfolgt. Doch wir laufen schneller als die. Kein Problem für uns. Auch wenn wir in entgegengesetzte Richtungen müssen. Als ich die Straße verlasse und auf den Pfad abbiege ruft jemand „Anna“. Ah, damit bin ja ich gemeint. Najid, meine Gastschwester kommt auf dem Fahrrad angefahren. Sie lacht. Auf englisch kann ich mich nicht wirklich mit ihr unterhalten. Aber wir lachen beide. Sie steigt ab und wir schieben zusammen das Rad. Jeder eine Hand am Lenkrad. Dann frage ich sie, ob sie aufsitzen möchte. „Yes“, diese Antwort bekomme ich immer. Jeder kann yes sagen ohne die Frage verstanden zu haben. Najid setzt ich aber dann auf den Gepäckträger. Mein erster Versuch loszufahren scheitert. Wir beide zusammen sind doch schwerer als gedacht. Und dieses alte Damenrad ist auch das schlechteste Fahrrad auf dem ich je gesessen bin. Wir fahren. Wenn auch sehr schlangenlinienförmig und lachend. So erreichen wir unser Haus wo Surazu lachend uns ins Empfang nimmt. „Oh, you know how to do it! Then you can use it tomorrow to go the clinic!“ Stellst du gerade wirklich fest, dass ich Fahrrad fahren kann? Achja stimmt, Fahrräder nutzen nur arme Leute. Da ich ja reich bin kann ich auf so einem nicht fahren. Tut mir leid, aber ich kann es doch.
Lachend betrete ich mein Zimmer. Es war ein schöner Tag.

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Veröffentlicht in Ghana

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