Spekulatius, Tee, ein Lichtlein und Weihnachtslieder unter der brennenden Sonne Afrikas – 24. Dezember

Ich wache auf. Es ist hell. Also gut, dann steh ich halt langsam auf. Frühstück? Tee und Weißbrot mit Aprikosenmarmelade. Ja ab und an gönne ich mir mal etwas. Dann gibt es für einige Tage Marmelade. Es ist 8 Uhr. Sonnebrille auf und los. Ja ich trage immer meine Sonnenbrille. Erstens weil ich sonst nur mit zusammengekniffenen Augen herumlaufen kann und die Brille mich eben vor dieser starken Sonneneinstrahlung schützt. Und zweitens weil ich sonst nur Sand in meinen Augen hätte. Jedes Gefährt wirbelt eine unglaubliche Sandwolke auf.
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Über Felder und kleine Pfade mache ich mich auf den Weg in die Klinik. Ein kleines Mädchen kommt angerannt und schnappt meine Hand. Es strahlt mich an. Hinter ihr kommt ein geschätzt 6 jähriges Mädchen. Es trägt ein einjähriges Kind auf dem Rücken. Alltag. Hier in Langbinsi. Die Kinder laufen mit mir ein gutes Stück mit bis die große sagt, dass es jetzt reicht. Oder so ähnlich. Selbstverständlich habe ich nichts verstanden. Ich laufe weiter.
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Am Fußballfeld ist wieder viel los. Das erste Spiel hat bereits begonnen.
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Ein Sprung zur Seite. Fast hätte der Eselskarren mich überfahren. Auch wenn hier kaum Autos unterwegs sind muss man immer die Augen offenhalten. In der Klinik angekommen empfängt mich Imma beim Putzen. Wow. Ja auch Männer können putzen. Ich tausche nur die Kühlpacks für die Kühlbox mit den Zäpfchen aus und beginne mit der gewohnten Arbeit. Gewicht und Temperatur messen. Lena misst wie immer den Blutdruck von den erwachsenen Patienten. Viele Kinder sind auch heute wieder da. Aber deutlich weniger Patienten als am Montag. Eine ältere Frau mit einem Stock als Krücke. Bitte auf die Waage. Oh, der Fuß ist dick. Seeeeehr dick. Kann sie überhaupt darauf stehen? Ich helfe ihr auf die Waage und löse dann ihre Hände vom Tisch. „Is ok!“, Gewicht notiert und zu Lena geschickt. Sie soll sich setzen. Lena legt die Armbinde für das Blutdruckgeraet an. Dann zögert sie. Das sieht nach Windpocken aus. Lieber nicht. Bei Windpockenpatienten messen wir keine Temperatur. Sind ja eh immer Kinder, also fällt Blutdruck eh weg. Aber wir messen Temperatur deshalb nicht, weil das mit dem desinfizieren nicht sooo wirklich geht. Wir haben eine Dose, in die wir in Desinfektionsmittel getunkte Watte stecken. Nach jedem Patient kommt das Thermometer dort rein. Ja besser als nix. Aber man muss nichts provozieren. Jetzt war da diese Frau. Wir schicken sie weiter und bearbeiten die nächste. Während Lena der nächsten Frau den Blutdruck misst, frage ich sie, ob sie nicht die Binde desinfizieren sollte, weil die andere Frau die kurz am Arm hatte. Windpocken. Ansteckend und so. Sie schaut mich an und sagt „nach dieser Patientin“. Ich lache, ok. Sie sagt „die hat den Stuhl angefasst, den Tisch berührt, das müsste ich genaugenommen alles desinfizieren“ – ich lache noch mehr. Dann stelle ich fest „aaaah, ich hab sie berührt, also angefasst um ihr auf die Waage zu helfen und so!“ Jetzt lacht Lena „und wer hatte noch keine Windpocken?“. Ja, ich weiß! Iiiich. Jetzt lachen wir beide. Ich weiß, dass ihr alle die Hände vorm Kopf zusammenschlagt und uns als verantwortungslos beschimpft. Aber ja, das ist hier eine andere Welt. Hier wird anders gearbeitet. Hier sind andere Voraussetzungen gegeben und andere Prioritäten werden gesetzt. So ist das eben. Wir als Volontäre ohne viel Geld können kaum was bewirken. Hier wird nicht mit Desinfektionsmittel hinter einem geworfen. Damit muss behutsam umgegangen und gut überlegt werden wann es eingesetzt wird. Lachend arbeiten wir weiter. Die Patienten schauen uns beide an. Gott sei dank versteht uns hier keiner. Was war die Temperatur nochmal? 35 Komma drei oder fünf? „Drü!“ – danke! Ja, Lena spricht mit mir fleißig schweizerdeutsch. Funktioniert problemlos. Meine beiden Schwestern in Mampong haben mich darin ja schon gut trainiert. Ich fühle mich wohl.
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Die Frau mit den Orangen kommt. Wir nehmen beide eine. Lena geht rein und kommt mit dem Desinfektionsmittel wieder raus während ich schon dabei bin die Orane zu essen. „Du auch?“, äh, ich esse schon. „Sag’s do glei“, ja sorry kennst mich doch. Neue Patienten kommen und die Orange muss warten fertig ausgepresst zu werden. So vergeht auch der heutige Arbeitstag. Um 12 Uhr schließen wir und machen uns auf den Weg zu Amdia. Eine Kollegin von Lena macht für uns Fufu. Lena stampft auch. Sieht komisch aus. Nicht so rhythmisch wie bei den Ghanaern. Aber ich sage nichts. Ich habe es nicht mal probiert. Wir kaufen noch Cola und Sprite, weil wir uns komisch vorkommen nur von ihnen zu essen. „Oh you do a party?“ Nein, wir haben nur etwas zu Trinken gekauft. Aber ja ich weiß, Cola gibt es bei euch nur zu besonderen Anlässen. Zu teuer. Wir genießen gemeinsam das fein gestampfte Fufu mit der scharfen Soße und den zähen Putenfleisch Stücken. Ja das Fleisch ist hier immer zu lang gekocht. Aber ist mir lieber so. Dann weiß ich wenigstens, dass es nicht zu kurz gekocht ist. Ich esse es bedenkenlos. Ich frage Lena was ihre Familie heut macht. Sind ja Christen. Aber weil die Namensfeier für das Baby noch nicht stattgefunden hat, darf die Mutter das Haus nicht verlassen und somit wird nix gemacht. „Willst du mit zu mir kommen? Hab Tee und Spekulatius!“ -„Klingt gut“, sagt Lena. Wir bedanken uns für das Essen und machen uns auf den Weg. Ich bin den Weg jetzt einige Male gelaufen, aber jedes Mal komme ich woanders raus. Es sieht einfach alles gleich aus.
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Ich komme immer ans Ziel, aber über unterschiedliche Wege. Heute kommen wir mal von oben ans Haus. Cubra begrüßt uns. Surazu ist nicht im Haus. Während wir auf ihn warten essen wir mit Raphia und der anderen Schwester Spekulatius und sitzen in meinem Zimmer vor dem Ventilator. Danach frage ich Surazu, der von seiner Farm gekommen ist, ob er mit uns und Cubra Tee trinken und Kekse essen möchte. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Auch Cubra kommt kurz, eht aber wieder. Auch die Kinder schickt Surazu heraus. Sie sollen den Hof kehren. „Den ganzen Hof“ fragt Lena entgeistert. Ja den ganzen Hof, die beiden sind vielleicht 4 und 5 Jahre alt. Frauen und Kinder haben hier nichts zu suchen. Also so beim Zusammensitzen. Wir Weiße sind da selbstverständlich eine Ausnahme. Also gut, dann genießen wir die Zeit eben mit Surazu. Wir trinken Pfirsichtee, genießen die zimtigen Spekulatiuskekse und unterhalten uns über alles mögliche während aus meinem Handy Weihnachtslieder klingen. Bei dem Wetter heißen Tee trinken war keine gute Idee, mir ist noch heißer. Lena stimmt mir zu. Surazu macht lachend den Ventilator an. Die Ghanaer klagen hier täglich über die „cold season“. Wir sprechen hier von Tagestemperaturen über 36 Grad im Schatten. Aber für die Einheimischen ist es kalt. 90% der Patienten, die ich gemessen habe, hatten eine Körpertemperatur von 33 bis 35 Grad. Wenn ich ein Kind angefasst habe, das 36 Grad hatte, dachte ich es hat Fieber, weil es sich im Vergleich so heiß angefühlt hat.
So sitzen wir hier also am 24. Dezember. Kurz nach 18 Uhr wird Lena von einem Kollegen aus der Klinik mit dem Motorrad abgeholt. Ich gehe duschen und Surazu lacht. Um diese Uhrzeit würde er nicht mehr duschen. Zu kalt. Wir haben 30 Grad.
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Danach gibt es für mich Indomie. Yeah, ich liebe dieses scharfe Nudelgericht, das meine Gastmutter mit Ei zubereitet.
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Ich lege meine Matratze auf die Veranda und zünde ein Teelicht an. Quasi mein Tannenbaum. Oder Adventskranz. Oder beides zusammen. Es leuchtet so schön. Zu hause leuchtet ein Licht nie so klar. Logisch, es ist ja auch nie so dunkel wie hier. Drei meiner Schwestern albern auf meiner Matratze umher. Ich gebe ihnen noch ein paar Kekse. Nein bitte nicht auf meine Matratze bröseln. Und eigentlich auch nicht draufsetzen. Ihr seid ziemlich staubig und sandig. Aaaah. Ja ok, egal. Ich schreib jetzt in mein Tagebuch. Was spüre ich an meinem Bein? Ich drehe mich um und muss lachen. Alle drei Mädchen liegen links und rechts von mir auf der Matratze und schlafen. Haha so schnell kann es gehen. Sie liegen so friedlich da. Während der Fuß von ser einen auf meinem Fuß liegt und die andere ihren Arm auf meinen Rücken legt, tippe ich die letzten Zeilen heute und lächel. Es war ein schöner Tag heute. Ein schöner 24. Dezember in Afrika. In Ghana. Im kleinen Langbinsi.

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Veröffentlicht in Ghana

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