Mitarbeit in der Klinik in Langbinsi – 22. Dezember

Es sind Schulferien. Also kann ich nicht unterrichten. Aber Lena, meine schweizerische Freundin, muss arbeiten. Sie arbeitet als Krankenschwester in der Klinik in unserem Dorf. Ihr denkt jetzt an ein Krankenhaus, aber das ist es nicht, eher eine von Krankenschwestern geführte Krankenstation. Es gibt keine Ärzte. Patienten die schlimmere Verletzungen/ Krankheiten haben, werden ins nächste Krankenhaus verwiesen. 1 Stunde Fahrt. Diese Stunde ist schon einigen zum Verhängnis geworden.
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Heute morgen mache ich mich auf den Weg dorthin. Lena zu besuchen und schauen wie es dort aussieht. Sie meint das ist ok. Malariazeit ist vorbei, also sind nicht mehr so viele Patienten da. Also hat sie Zeit für mich.
Es ist schon ganz schön heiß, ich habe Durst. An einem Stand am Straßenrand kaufe ich ein Wasser. Zweieinhalb Cent sind das für einen halben Liter Wasser im Plastik. Gekühlt.
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Da vorne muss die Klinik sein, da laufen viele Menschen herum. Eine Aufschrift an der Wand „keep the Klinik clean“ bestätigt meine Vermutung. Auf einer Art Veranda sitzen viele Menschen. Viele Kinder darunter. Ich laufe daran vorbei. Da geht es in einen Innenhof. Noch mehr wartende Menschen. Ich zögere. Soll ich da rein? Ich gehe hinein und setze mich auf eine Bank. Nach einiger Zeit kommt Imma, er arbeitet zusammen mit Lena und hat schon mal was mit uns unternommen, und sagt mir, dass Lena etwas besorgen ist. Kurz darauf erscheint sie auch und geht in ein Konsultationszimmer.
wpid-dsc_0478.jpg das Behandlungszimmer
Ich folge ihr. Sie räumt Materialien in einen Schrank. Noch keine Patienten im Raum. Sie erklärt mir das Verfahren. Zuerst muss der Patient seine Krankenkassenkarte am Empfang zeigen, dann wird seine Patientenakte herausgeholt und ein Zettel ausgefüllt. Mit dieser Mappe geht der Patient dann von der Veranda in den Innenhof und legt sie dort auf einen Tisch. Dort werden Gewicht, Körpertemperatur und der Blutdruck gemessen. Dann kommt die Mappe in eines der Behandlungszimmer und dort werden die Beschwerden aufgenommen und Medikamente verschrieben. Die können die Patienten dann an einer anderen Stelle abholen.
wpid-img_7825.jpg unser Arbeitsplatz
Wir gehen in den Innenhof. Auf dem Tisch sind jetzt einige Akten angekommen. „Wir können anfangen, wenn du willst“ sagt Lena. Wir? „Ja, du misst das Gewicht und die Temperatur und ich dann den Blutdruck“.
wpid-img_7826.jpg Waage für Kleinkinder
Na dann mal los. Erste Akte in die Hand genommen. „J a, die lachen mich oft aus, weil ich die Namen falsch ausspreche.“ Na gut, Name vorgelesen, jemand fühlt sich angesprochen, perfekt. Hierher bitte. Auf die Waage. Lena „ja ich spreche auch immer englisch mit ihnen, auch wenn ich weiß, dass sie mich nicht verstehen, aber ich muss ja mit ihnen reden“. Alles klar. Gewicht notiert, Thermometer dem Patient unter den Arm geklemmt, zu Lena um den Tisch herum geschickt. Next please. „The baby or you?“ Die Frau nimmt ihr Kind vom Rücken. Lena erklärt mir, dass die kleinen Kinder an der hängenden Waage gemessen werden. Die Mütter haben selbst eine Tasche für ihr Kind. Wenn sie keine haben, dann fragen sie die anderen Mütter. Sie hängt die kleine rein, ich lese das Gewicht ab, gebe ihr zu verstehen, dass sie ihr Kind wieder nehmen kann und klemme das Thermometer unter den Arm der Kleinen. Den Arm von der Mutter lege ich drüber. Gewicht notiert. Piep, piep, piep. 38,4? Lena und jetzt? „Ab 38 Grad geben wir Zäpfchen“. Lena holt aus der Kühlbox vor uns ein Zäpfchen.
wpid-img_7829.jpg Kühlbox mit Zäpfchen
– Wie schwer war es?
– 5 Kilo.
– Dann geben wir ein Halbes.
Sie schneidet die Hülle durch und gibt es der Mutter.
Ich notiere die Körpertemperatur und fahre fort „Supp para 125mg“. Paracetamol ist das Zäpfchen. Die Mutter scheint es zu kennen, geht in die Ecke und gibt ihrem Kind das Zäpfchen während ich den nächsten Patient auf die Waage schicke. Routine. Nicht nur für die Krankenschwestern, sondern auch für die Patienten. Und bald auch für mich.
Namen aufrufen. Datum notieren. Auf die Waage schauen. Gewicht notieren. Thermometer einklemmen. Temperatur notieren. Erwachsene zu Lena schicken zum Blutdruck messen. Kinder zurück auf den Platz schicken. Nächsten aufrufen.
– Du solltest versuchen die Patienten nicht zu berühren. Ich schaue Lena entgeistert an.
– Ja ich mache es auch nicht, aber die anderen.
– Und wie soll ich das Thermometer einklemmen ohne die zu berühren?
– Die anderen halten es mit zwei Fingern und warten dass der Patient sich frei macht.
– Aber das tun sie nicht richtig. Oder halten es nicht fest genug!
– Ja versuch halt einfach dich nicht im Gesicht zu berühren.
– Ok.
Falls ihr euch fragt, ob wir mit Handschuhen arbeiten – nein. Lena bringt die ersten Akten in die beiden Behandlungszimmer. Zwei Männer sitzen dort und arbeiten als Krankenschwestern. Sie rufen die Patienten dann nochmals auf, tasten sie ab, hören sich Beschwerden an und verschreiben die Medikamente.
Ich mache weiter. Ein Mädchen. 20kg. Körpertemperatur 39,4 Grad. Dann bekommt die zwei Zäpfchen. Fragt mich nicht was das zweite war. Vergessen. Wir geben es dem Mädchen. Sie ist mit dem Bruder da. Lena erklärt ihm wofür das Zäpfchen ist. Er schaut uns mit großen Augen an. Er blickt hilflos um sich. Eine Frau nimmt das Mädchen und übernimmt die Aufgabe. Next please. Eine 70 jährige Frau. Bitte auf die Waage. Dauert 5 Minuten. Ist nicht sooo hoch die Waage, das schaffst du schon. Nein nicht an meinem Stuhl abstützen. Waas 40kg? Das Gewicht hatte doch vorher ein Kind. Lena ist nicht verwundert. Die essen alle zu wenig. Die Älteren wiegen alle so wenig. Aber so viele Ältere hatte ich noch nicht. Mmmh. Aber stimmt. Die meisten Frauen, die ich hier messe, haben ein Gewicht zwischen 40 und 50/55, selten bis 60. Und es sind definitiv mehr Frauen als Männer da. Ja viele kommen auch nur wegen ihren Kindern.
Eine Mutter nimmt ein Mädchen vom Arm und stellt es auf die Waage. Es schwankt und die Mutter möchte es gerade hinstellen, sie kippt weg. Ich sage „is ok, is ok“. Lena schnappt die Mappe, springt vom Stuhl auf und schickt die Frau sofort in ein Behandlungszimmer. Da ist die kleine bewusstlos geworden. Ich arbeite weiter. Lena kommt zurück und sagt, dass die vor zwei Tagen noch 12kg hatte, jetzt habe ich 10 notiert. Durchfall, Erbrechen, nix gegessen. Kein Wunder. „Kriegt die jetzt eine Infusion?“ „Wahrscheinlich“.
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Ich mache weiter. Ein Baby. Einen Monat alt. Die Mutter packt die Kleine in ihr Kopftuch und ich hänge das Tuch ein. Lena sagt, ich soll auf den Kopf aufpassen. Ich gehe vorsichtig mit meinen Händen weg, lese das Gewicht ab und gebe der Mutter das Baby zurück. Thermometer einklemmen und Temperatur notieren. Einige Zeit später halte ich sogar ein zwei Tage altes Baby in der Hand. 3kg. Wiegt quasi nichts. Aber schon krank?
Lena bringt von Zeit zu Zeit die Akten in die Behandlungszimmer. „Imma hat gemeint wir sind so schnell. Du arbeitest genau so schnell wie ich. Ja Deutsche sind auch so Arbeitstiere wie die Schweizer“ Kann sein. Ich gebe mir Mühe. Oder ich schlafe halt nicht sie die Ghanaer bei der Arbeit.
Weil wir gerade keine Akten mehr vor uns haben zeigt mir Lena die Räume. 3 Behandlungszimmer. 2 Zimmer mit Betten für Patienten, die eine Infusion brauchen. Maximal 24 Stunden dürfen die bei uns liegen, dann müssen wir sie weiterverweisen. Aber gerade ist unser Krankenwagen kaputt. Da ist der Empfang, da sind alle Akten. Sie zeigt mir das Labor. Da ist das Mikroskop. Seit einem Monat können wir aber nicht mikroskopieren, weil die Plättchen fehlen. Werden einfach nicht nachgekauft. Ihr Gastvater ist der Leiter der Klinik und leider sehr egoistisch und korrupt. Das meiste Geld steckt er selbst ein und es fehlt meist am Nötigsten, weil nicht rechtzeitig nachgekauft wird. Dabei meint Lena, dass er genug Geld haben müsste bei so vielen Patienten, die sie täglich abarbeiten.
Der Mann im Labor testet gerade eine Probe auf Typhus. Ein Tröpfchen verfärbt sich rosa, eins blau. Er schwenkt die Platte hin und her. Positiv. Siehst du es? Da die Pünktchen? Natürlich – nicht. Ich sehe einen blauen und einen rosa Tropfen. Das wars auch schon. Wir gehen weiter. Das Entbindungszimmer. Eine Frau sitzt im Vorraum, zwei Männer gegenüber. Die Krankenschwester erklärt uns, dass sie gestern entbunden hat. Ein Junge ist es. Auf dem Rückweg werfen wir noch einen Blick in das Zimmer mit den Medikamenten bevor wir wieder weiterarbeiten. Bis kurz vor eins arbeiten etwa 80 Patienten ab. Dann gehen wir in die Mittagspause. Ich gehe heim, denn ich habe meiner Familie nicht erzählt, dass ich so lange wegbleibe.
wpid-img_7831.jpg Schafalarm – nichts besonderes hier in der Klinik
Am Nachmittag laufe ich mit Lena noch über den Markt. In Langbinsi ist alle drei Tage Markt. Wir kaufen Kleinigkeiten und schlendern herum. Ich schaue an Horizont. Oh nein, die Sonne ist untergegangen. Oder im Dunst verschwunden. Aber mein Gefühl sagt auch, dass es Zeit zum Gehen ist. Ich habe keine Uhr bei mir. Hier in Langbinsi richte ich mich ziemlich nach der Sonne. Wenn ich aufwache und es hell ist stehe ich auf. Wenn die Sonne am Horizont steht, ist es Zeit für mich, mich auf den Heimweg zu machen. Denn wenn die Sonne untergegangen ist, ist es noch genau eine halbe Stunde hell bevor man nichts mehr sieht. Und im Dunkeln ist es hier gefährlich.
Deshalb Lena, bis morgen!

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Veröffentlicht in Ghana

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