Die andere Seite meines Lebens in Ghana – oder: du wirst immer eine Salaminga bleiben

Die Schattenseite meines Lebens in Ghana. So hätte ich es auch nennen können. Ich möchte euch nichts vorenthalten. Und euch nichts vortäuschen. Es ist nicht das Paradies auf Erden. Auch wenn ich viel Schönes bisher berichtet habe. Ein paar Dinge möchte ich dennoch an die Ghanaer loswerden:

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Ihr lacht, wenn ich in eurer Sprache spreche (die paar Worte, die ich kann).
Aber ihr lacht auch, wenn ich euch nicht verstehe, weil ihr wie ein Wasserfall redet.

Ihr lacht, wenn ich mit euch verhandeln will. Dabei ist das eure Art Dinge zu verkaufen. Ihr habt keine fixen Preise und verlangt von uns eh immer einen viel zu hohen Preis. Wenn ihr das tut, dann lasst uns wenigstens auf eure Art einzukaufen. Und verhandelt mit uns. Wenn ihr bei eurem Preis verharrt, dann laufen wir weiter und das bringt euch auch nichts!

Ich lacht, wenn ich den Saft einer Orange trinke, dabei mache ich es wie ihr! Ah nein, ichnhabe meine linke Hand zur Hilfe genommen. Mit der linken Hand isst man nicht. Sie ist unrein. Mit links isst man nicht, grüßt man nicht, tippt niemanden an. Mit rechts nimmt man das Wechselgeld entgegen, die Cola oder das Ticket. Ja, ich weiß es, aber es umzusetzen ist nicht so einfach wie ihr denkt. Es handelt sich immer um Situationen, in denen ich aus Reflex handle. Das umzuprogrammieren ist nicht so einfach. Aber ich gebe mir mühe.

Ihr lacht, wenn 100 Kinder hinter mir „Salaminga“ rufen. Wisst ihr aber wie man sich fühlt, wenn man über Monate hinweg auf seine Hautfarbe reduziert wird? Ich weiß, dass ich das Wort „Neger“ wegen des Missbrauchs dieses Wortes in der Vergangenheit nicht verwenden darf. Aber diese Zeit habt weder ihr noch ich erlebt. Und es ist nun mal der parallele Begriff zu „Obruni“ oder „Salaminga“. Und so rufen alle hinter mir. Ich weiß, ihr ruft mich so, weil ihr meinen Namen nicht kennt. Aber muss man denn ständig hinter mir rufen?

Um weiter zu machen:
Ich kaufe eure Stoffe, gehe zu euren Schneiderinnen und dennoch lacht ihr, wenn ich die neue Hose anprobiere. Danke, heißt das sie steht mir nicht? Aber nein, wahrscheinlich lacht ihr, weil man hier als Frau keine Hosen trägt.

Ihr nennt mich fett ohne zu wissen, dass das in meiner Heimat eine Beleidigung ist. Ich nehme euer Kompliment lächelnd entgegen, denn ich versuche mich anzupassen und eure Kultur zu verstehen. Sie zu leben. Aber einfach macht ihr es mir nicht. Mein Selbstbewusstsein hilft mir meistens darüber zu stehen, aber ihr könntet es uns Weißen in eurem Land einfacher machen, wenn ihr auch versucht uns zu verstehen.

Ihr fordert mich auf euch Geld zu geben, Essen, Trinken. „Salaminga buy something for me“. Und seid beleidigt, wenn ich es nicht tue. Dabei arbeite ich über Monate hinweg in eurem Land ohne einen Cent zu bekommen. Und ich mache es gerne. Aber nur weil ich weiß bin heißt es nicht, dass ich jedem von euch alles kaufen kann. Und wisst ihr eigentlich, dass ich über viele Jahre gespart habe, um hierher zu kommen? Nein, das wisst ihr nicht, denn weiter als bis zum nächsten Morgen denkt ihr nicht. Tut mir Leid, aber das habe ich erlebt, auch wenn es hart klingt. Geld wird ausgegeben sobald man es hat. Gearbeitet, wenn ich Lust habe. Ob dann in einem Monat genug Geld zum Leben da ist weiß keiner. Interessiert keinen, denn es ist ja in ferner Zukunft. Und so weit denken wir hier nicht.

Wenn ihr arbeitet und mir etwas anbietet, dann gebe ich euch gerne Geld und kaufe etwas. Aber einfach so? Damit ihr nicht arbeiten müsst? Nein, denn ich musste für mein Geld auch arbeiten. Und nein, bei uns in Europa wächst kein Geld auf Bäumen.

Ich bin müde mich rechtfertigen zu müssen. Dafür, dass ich einem Unbekannten kein Geld gebe. Wie hat Lena es gestern gesagt? „Why should I buy something for you? I don’t know you!“ Was antwortet die Frau gegenüber „I’m Latifa“. Ich musste kurz lächeln. Aber Lena fand es nicht lustig.

Ihr predigt die Bibel, seid vom Glauben überzeugt und könnt es nicht verstehen wieso ich nicht an Gott glaube. Aber ihr möchtet mich heiraten, nachdem ihr 2 Minuten mit mir geredet habt? Ihr habt eine Frau? Das soll kein Problem sein? Dann lest die Bibel bitte nocheinmal. Ich glaube wir haben unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung. Sorry, aber ich muss eine Person lange kennen bevor ich mir vorstellen kann mit ihr zusammenzuleben. Eine Beziehung ist etwas was von beiden Seiten geprägt ist. Wieso ich noch nicht verheiratet bin? Weil halt. Diskutieren bei dem Thema macht keinen Sinn.

Und ich finde es wirklich schade, denn mit den meisten von euch habe ich mich so gut unterhalten. Über alles Mögliche. Aber dann kommt dieses Thema. Immer. Ich kann den Wecker danach stellen. Und das wird dann nicht kurz angesprochen und das wars. Nein danach kann man nichts vernünftiges mehr sprechen. Aber das finde ich so schade. Und eure „you have to visit me“-Sprüche könnt ihr euch sparen. Ich mag unhöfliche Menschen nicht. Und Menschen, die mir vorschreiben wollen was ich tun muss. Tut mir leid, aber dann müssen sich unsere Wege hier trennen. Wenn ihr herausgefunden habt was ein höfliches miteinander umgehen oder eine Freundschaft prägt, dann komme ich gerne wieder.

Ihr sagt ihr habt die Zeit und wir die Uhren. Das stimmt. Ja ich habe hier in Ghana das Warten gelernt. Auf alles muss man warten. Auf das Tro. Auf das Essen. Auf das Wechselgeld. Auf den Rückruf. Aber wenn ihr etwas von mir wollt, dann könnt ihr nicht warten. „Now“ ist die einzige Antwort, die ihr dann kennt. Ach ja, da kommen wir zum nächsten Thema.

Danke und bitte. Es ist echt nicht die höflichste Art und Weise wie ihr mit mir sprecht. „You have to..“, „you must..“ und „give me..“ sind die Sätze, die aus eurem Mund sprudeln sprudeln. Danke und bitte gibt es in eurem Vokabular nicht. Wenn ich aber so mit euch sprechen würde, dann würde ich rausgeschmissen werden. Ich bin weder geizig noch unwillig zu helfen. Aber ein Bitte und ein Danke kann so viel ändern. Auch meinen Gesichtsausdruck.

„I need your painkiller“. Ja ich gebe euch gerne meine Tabletten, denn ich will sie eh nicht einnehmen, aber abgesehen von dem fehlenden Bitte – ich bin keine Krankenschwester! Tabletten soll man nicht nach Lust und Laune einnehmen. Geht ins Krankenhaus! Und nicht erst dann, wenn die Lungen schon versagen. Dann ist es zu spät. Dann braucht ihr auch nicht hoffen, dass die europäischen Krankenschwestern euch noch helfen können. Ihr kennt Malaria. Ihr kennt die Symptome. Ihr wisst wie man es bekämpft. Dann geht sofort ins Krankenhaus, dann bekommt ihr die Tabletten. Aber lasst eure Kinder nicht so lange daheim bis sie nicht mehr laufen können. Dann ist es zu spät. Dann kann ihr niemand mehr helfen. Dann muss wieder ein Kind in den Armen meiner deutschen Kollegin in Krankenhaus sterben. Ja ist eine Krankenschwester. Aber irgendwann ist es zu spät. Dann kann keiner mehr helfen. Und es ist so unnötig. Ein weiterer unnötiger Tod. Nur weil ihr zu lange gewartet habt. Ihr habt fast alle eine Krankenversicherung. Ihr habt ein Gesundheitssystem. Es ist nicht das beste. Aber es existiert. Und die meisten Krankheiten werden problemlos behandelt. Also geht ins Krankenhaus und lasst euch helfen! Damit keine weiteren Kinder in den Armen von Krankenschwestern an Malaria sterben müssen. Danke.

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Ich weiß, dass ich nie eine von euch sein werde und das will ich auch gar nicht. Aber manchmal würde ich mir einfach ein bisschen mehr Mitgefühl, Verständnis oder Entgegenkommen wünschen. Das messen mit zweierlei Maß macht müde. Ihr macht es einem nicht immer so einfach. Viele Tage sind anstrengend, ermüdend und kraftraubend. Es erfordert viel Feingefühl und Verständnis, um den Tag mit euch zu verbringen. Man benötigt eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein, um mit euren Kommentaren klarzukommen. Trotz all dem, was ich hier aufgelistet habe, liebe ich das Land immer noch und bin allen dankbar, die dazu beigetragen haben, dass ich eine so tolle Zeit hier hatte. Ich danke allen, die freundlich waren und bei denen ich immer willkommen bin. Eure Gastfreundschaft ist unschlagbar! Ich bin dankbar für alle Erfahrungen, die ich hier gemacht habe – ob gut oder schlecht – alle machen mich stärker. Und sie haben mich glücklicher gemacht. Ich weiß nun, dass es nicht arg viel mehr wie Wasser und etwas zum Essem benötigt, um glücklich zu sein. Das war die wertvollste Erfahrung, die ich bisher hier machen durfte. DANKE!

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Veröffentlicht in Ghana

5 Gedanken zu “Die andere Seite meines Lebens in Ghana – oder: du wirst immer eine Salaminga bleiben

  1. Ich hab mir schon gedacht, dass es diese Seite wohl auch geben muss. Vieles kann man den Leuten wahrscheinlich nicht verübeln, sie haben weder den Durchblick noch die interkulturelle Kompetenz …. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass du oft an deine Grenzen stößt. Trotzdem ist es sicher insgesamt eine extrem gute und wichtige Erfahrung.

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  2. Pas toujours facile les barrières culturelles. Bravo pour tes efforts d’intégration tout en sachant rester toi-même.
    Nous t’embrassons bien fort et te souhaitons de belles fêtes de fin d’année.

    Jeff, Agnès, Laetitia, Emilien et Élise

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  3. Te lire est toujours un plaisir même si certains messages sont moins „rigolos“ que d’autres ! Bon courage à toi, continue d’être aussi forte, passe un JOYEUX NOËL et de bonnes fêtes ..
    Sébastien, Franziska, Lucie et Marie.
    ( que de messages en FRANÇAIS sur ce blog 😄 )

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