Letzter Arbeitstag in der Woche und Fahrt ins Wochenende – 12. Dezember

Ich wache auf. Die Luft ist diesig. Wolken am Himmel? Nein, einfach nur Staub in der Luft. In dieser Jahreszeit ist es staubtrocken und jeden Morgen sieht man das an der Luft. Aber der Dunst verfliegt in den ersten Morgenstunden, so dass man danach wieder klare Luft hat. Klar naja, klar ist relativ. Sandstaub fliegt immer umher, wenn es so trocken ist.
Ich frühstücke. Zwei Jungs kommen in den Hof und rufen „auntie good morning“. Es sind zwei meiner Schüler. Die Schüler, die an unserem Haus vorbeilaufen kommen jeden Morgen herein, sagen guten Morgen und gehen dann in die Schule. Sie sind immer sehr früh dran. Meistens bin ich gerade am Frühstücken. Wie heute.
wpid-img_7551.jpg mein Zimmer
Ich schließe mein Zimmer ab und laufe los. Kaum bin ich an der Häuserwand vorbei, entdecken die Kinder mich und rennen auf mich zu. Alle umarmen mich. „Auntie, african dress!“, „auntie – nice hair“ begrüßen sie mich. Miftaw bringt mir einen Stuhl „auntie please sit down“. Es gibt in der Schule keine Tische oder Stühle, aber die Kinder nehmen jeden Morgen 3 Plastikstühle von unserem Haus mit und tragen sie zur Schule. Für die Lehrer. Und am Mittag werden die wieder zurückgebracht. Wenn ich herumlaufe setzt sivh auch mal ein Kind auf den Stuhl. Aber wenn ich mich auf den Boden setze und Aufgaben korrigiere oder einfach nur dasitze, springt immer irgendein Kind auf und bringt mir einen Stuhl. Die Lehrerin darf nicht auf dem Boden sitzen. Stört mich zwar nicht hier auf dem Boden zu sitzen, aber die Kinder. Also gut ich setze mich. Heute alleine? Die ersten beiden Tage kamen die anderen beiden wahrscheinlich nur deshalb zum Unterrichten, damit ich nicht gleich weglaufe, wenn ich merke ich bin allein. Ja wird schon irgendwie. Erstmal Zähneputzen. Ich hole den großen Behälter mit Wasser und die Zahnpasta aus dem Büro. Büro, Lehrerzimmer, ist alles zu hoch für den Raum, in dem ein Regal und einige wenige Materialien stehen. Aber im Prinzip ist es das – mein Lehrerzimmer.
„It’s time to brush your teeths“ sage ich, während ich mich auf den Stuhl setze und Deckel vom Wasserbehälter wegnehme. Oh mein Gott ist das Wasser dreckig. So sieht das Wasser normalerweise aus, wenn ich mich geduscht habe und der ganze Sand, der sich an einem Tag auf mir gesammelt hat mit dem Wasser wegfließt. Aber dieses Wasser trinken die Kinder. Naja, sie nutzen es schon sein Jahren und leben immer noch. Ich schöpfe mit einer Tasse Wasser in die Plastikbecher. „In one line please“. Vergiss es, so bekommst du nichts. Stell dich hinten an, wie alle anderen auch. Ich drücke jedem Kind einen Becher mit Wasser in die Hand und drücke Zahnpasta auf ihre Zahnbürste. Dann laufen sie nach hinten ins Gras. Alle fertig? Dann die Becher bitte hier stapeln.
Assembly – auf geht’s. Surazu kommt. Na immerhin. Zu zweit ist das Ganze noch machbar. Während die Kinder ihre Lieder singen und das Gebet sprechen bereite ich in den beiden ersten Klassen die Tafelanschriebe vor.
Dann fange ich bei den Kleinen an, denn die Größeren können kurz warten. Wörter und Bilder sind an der Tafel. Ich lese vor und zeige dabei auf die passenden Bilder. Avugi und Falila sollen das abschreiben und malen. Tommy, Nicholas und Aicha müssen die Anfangsbuchstaben in eine Reihe schreiben. Sie können noch nicht alle Buchstaben perfekt. Godwin und Mariam (seit ich da bin ist sie das erste Mal da) sollen den Stift in die Hand nehmen und in ihr Heft kritzeln. Die müssen erst Mal lernen mit einem Stift umzugehen.
Ich gehe zu den Größeren. Alle bitte rauskommen. Wir laufen unter den nächsten Baum und ich erkläre ihnen die Worte Baumstamm, Ast, Blätter und Wurzeln. Sie wiederholen die Worte einige Male. Ich frage sie ab. Dann gehen wir wieder ins Zimmer. An der Tafel ist ein Baum skizziert und beschriftet. Wir sprechen erneut gemeinsam die Worte. Daneben steht ein kurzer Text. Ich lese vor, denn vorlesen funktioniert irgendwie nicht richtig. Ich bin noch am Wissensstände feststellen, aber ich glaube die hier können nur Buchstaben abschreiben und aneinander reihen. Sie sollen einen Baum malen, ihn beschriften und den Text dazu schreiben. Ich gehe wieder zu den Kleineren. Den Jüngsten helfe ich ein bisschen beim Kritzeln, beim Stift in der Hand halten. Dann bringe ich Buntstifte. Sie dürfen ihre Ergebnisse verschönern. Danach dürfen auch die Größeren ihren Baum mit bunten Farben ausmalen bevor es in die Pause geht. So vergeht die Zeit.
Ich gebe ihnen den Fußball, bereite die Tafeln für die Mathestunde nach der Pause vor und korrigiere die Hausaufgaben von den Großen. Das ist der Tagesablauf. Morgens Englisch, dann Pause mit Sport und danach Mathematik. Ich bin fertig mit Vorbereiten und gehe raus. Mit dem Schuh ziehe ich eine Linie in den sandigen Boden. Die Kinder schreien und kommen angerannt. Sie wissen schon was kommt. „Volleyball-Übung“ oder wie man es nennen will. Alle stellen sich in einer Linie auf. Ich fange links an und werfe den Ball dem ersten Kind zu. Je nachdem wie gut das Kind ist, wirft es mir den Ball zurück oder pritscht ihn. Wenn ich ganz rechts angekommen bin, schreien alle und klatschen und ich renne zurück zum ersten Kind. Ihr könnt euch denken was ihr wollt. Ich sehe die Übung als wichtig an, denn die Kinder lernen
1) dass jeder dran kommt auch ohne zu drängeln
2) wie man einen Ball wirft/pritscht (motorische Entwicklung)
3) dass jeder es gut macht egal wie – keiner wird ausgelacht
4) dass wir alle eine Einheit sind, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Geborgenheit. Ist besonders wichtig, weil viele von ihnen Elternteile verloren haben und selbst schon oft Vater-/Mutterrollen übernehmen, obwohl sie noch sehr jung sind.
Und rennen tun die Kinder eh genug. Sobald ich ihnen den Ball gebe rennen sie los und spielen Fußball. Und nicht wie bei uns in Deutschland. Da sieht man auf den Schulhöfen meistens nur die Jungs am Ball. Hier spielen alle gemeinsam – Jungs wie Mädchen. Viele von ihnen haben auch einen langen Schulweg, denn einige kommen aus dem Nachbardorf. Aber eines haben alle gemeinsam – sie freuen sich auf die Schule. Und wollen etwas lernen.
Ein Mädchen hat ein Springseil. Ich beobachte sie und den Jungen, mit dem sie sich abwechselt, eine Weile. Gar nicht so schlecht. Besser als die Gleichaltrigen in Europa. Die werden immer besser in Elektronik bedienen, aber schlechter in motorischen Fertigkeiten. Darf ich auch mal? Ich nehme das Seil, werfe die Flipflops weg. Ja ich habe mich mittlerweile an diese kleinen Kieselsteine gewöhnt und kann darauf problemlos barfuß laufen oder springen. Ich hüpfe los und überkreuzt und beidbeinig. Alle Kinder schreien „auntie“. Jetzt wollen alle meine Sprünge nachmachen. Es wäre toll, wenn ich Seile für alle hätte. Ich muss welche in der Stadt suchen.
In der Mathestunde passiert nichts Außergewöhnliches. Außer, dass Surazu zwei meiner Kinder bestraft, die sich draußen geschlagen haben. Und ich liebe seine Art Kinder zu bestrafen. Einfach aus dem Grund, weil er nicht schlägt. Die anderen Volontäre meinten ich müsste immer den Stock in der Hand halten, weil die nix anderes kennen und nur so hören, aber ich kam noch nicht mal auf Idee einen zu nehmen. Die beiden Mädchen müssen jetzt ihre Hände an die Ohren halten und Kniebeuge machen. Vor der restlichen Klasse. Ganz schön peinlich. Und schmerzhaft, denn er lässt sie ziemlich in der Bewegung. Ok vielleicht zu lange, denn die eine weint nach 15min, aber das ist auch ganz schön anstrengend. Ich glaube, sie haben aber daraus gelernt.
Nach der Schule packe ich meine Tasche und laufe los. Surazu begleitet mich noch auf den ersten Metern. Er erklärt mir, dass das zu ihrer Tradition gehört. Wenn jemand „auf Reise geht“ begleitet man die Person noch einige Schritte vom Haus weg. Schöne Tradition. „See you on sunday!“
Ich fahre nach Tamale. Andrea, die Norwegerin, ein letztes Mal sehen bevor sie Ghana verlässt.

In Langbinsi bekomme ich noch Recht schnell ein Trotro, welches auch für ghanaische Verhältnisse ziemlich leer ist. In Walewale steige ich dann in ein kleineres um, welches mich nach Tamale bringen soll. Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung direkt hinter dem Fahrer. Eingequetscht zwischen Wagenwand und einer Frau neben mir. In jeder Reihe sind 4 Leute. Auf dem Dach 10 Schafe angebunden, deren Hufe man sofort hört, wenn der Fahrer beschleunigt oder abbremst. Ich hänge, nach vorne gebeugt, über meiner Tasche. Nicht gerade die angenehmste Position für eine zweistündige Fahrt. Die Fußsohlen brennen, weil ich die Beine schon eine Stunde keinen Millimeter bewegt habe. Mein Rücken schmerzt, weil er in einer nicht geraden angenehmen Position verdreht ist. Meine Hand kribbelt, weil wohl irgendwo ein Nerv eingeklemmt wird. Meine Lippen brennen, weil die Sonne sie verbrannt hat. Ich kann aber meinen Labello nicht aus der Tasche holen, weil habe ich schon gesagt, dass ich mich nicht bewegen kann?
Kleiner Einblick in eine Trotro-Fahrt im Norden Ghanas.
Ich habe sie überlebt (die Schafe auch) und ich habe keine Schäden davongetragen. Alles halb so wild. Auch, wenn man in dem Moment alles auf der Welt verflucht.
Beschwert euch also nie mehr, dass eine Stuttgarter U-Bahn voll ist. 😀

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Veröffentlicht in Ghana

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