Alltag in Langbinsi – 11. Dezember

Diese Nacht war sehr stürmisch. Nicht dass es angefangen hat zu regnen und ich nass geworden bin, aber der Wind war so laut, dass ich mir Ohropax geholt habe.
DSC_0385 Nicholas und ich
Ich bin gerade mit meinem Frühstück fertig geworden, da kommt Nicholas, der Nachbarsjunge, und wartet auf mich, um mit mir zur Schule zu laufen. Nicolas hat ein Buch und eine Zahnbürste in der Hand. Das ist gut, denn wir putzen immer gemeinsam vor dem Unterricht die Zähne. Wurde neu eingeführt. Ich gehe noch einmal in mein Zimmer und hole einen Rucksack für Nicholas. 5 Kindern kann ich welche geben. Das erste hab ich gefunden. Nicholas nimmt meine Hand und wir laufen los. Kaum haben wir die Hälfte des Weges geschafft, kommen uns die ersten Kinder entgegen und rufen „aunti, aunti“. Dann entdecken sie Nicholas‘ neuen Rucksack, staunen und berühren ihn. Und ich dachte das ist ein hässlicher Rucksack, wieso soll ich 5 davon aus Deutschland mitschleppen. Ich hätte wahrscheinlich auch 50 davon losbekommen. Wir kommen an der Schule an. 3 Kinder sitzen nebeneinander und haben ihre Hefte in der Hand. Sie machen ihre Hausaufgaben für heute. Besser jetzt als gar nicht. Nach und nach kommen auch die anderen Schüler. Alle kommen zu Nicholas, der auf meinem Schoß sitzt, und bestaunen seinen Rucksack. Miftah meint, er braucht auch einen neuen, weil seiner kaputt ist. Er zeigt mir das Loch. Ich sage ihm, dass man das nähen kann. Selbstverständlich wollen alle jetzt einen Rucksack von mir. Aber die meisten haben einen, sie sollen damit zufrieden sein.
Es ist Zeit zum Zähneputzen. Ich hole die Zahnpasta und die Kinder stürmen zu mir mit ihren Zahnbürsten, die so braun sind wie der Boden. Ja sie schmeißen die einfach so in ihren Rucksack oder sie fällt ihnen in den Dreck. Ich würde so eine nicht mal zum Waschbecken putzen verwenden. Aber naja, besser als gar keine. Die Kinder rennen zum Zähneputzen ins Gras. Da kommt Asuma! Wie ich mich freue. Gestern hätte sie noch beide Pole mit ihrer Körpertemperatur zum Schmelzen bringen können, aber heute lächelt sie mich sogar an, als ich ihren Namen rufe. Die 500mg Paracetamol, die ich ihr gestern gegeben hatte (ja ich weiß, das ist viel für ein 3-jähriges Kind, aber ich habe es nicht geschafft die Tablette zu halbieren) haben doch gewirkt. Ich bin glücklich, denn ihre Körpertemperatur hat mir Sorgen bereitet. Asuma hat keine Zahnbürste. Amina auch nicht. Also muss ich am Samstag in der Stadt mindestens zwei kaufen.
Nach dem Assembly verteilen die Kinder sich dann auf die drei Klassen. Die Lehrerin nimmt die ältesten. Ich gehe wieder zu den jüngsten. Heute sind es 8. Eine Neue ist da. Zumindest für mich ist sie neu. Ihr Name? Fragt mich doch nicht. Als ob ich mir in Deutschland Namen merken kann. Und dann hier? Mit den ungewohnten Wörtern? Keine Chance. Aber ich gebe mir mühe! 7 kann ich schon. Der Rest kommt noch – irgendwann.
Heute habe ich mir das Thema Baum vorgenommen. Die Wörter Baum, Stamm, Ast und Blätter schreibe ich an die Tafel und male einen Baum. Fragt mich nicht, ob sie mich verstehen. „Do you what it is, a tree?“ alle nicken. Eine zeigt nach draußen. Da steht ein Baum. Immerhin. Sie sollen jetzt einen Baum zeichnen, wer kann auch die Wörter abschreiben. Die Kleinsten machen einfach nur Striche. Auch gut. Jemand aus der Klasse nebenan kommt. Ich soll seine Hausaufgaben machen. Also hat die Lehrerin dort nicht hereingeschaut. Sie ist nur bei den 5 Ältesten. Ich lasse die Kleinen mit ihrer Aufgabe allein und gehe ins Zimmer nebenan. Die Hausaufgaben werde ich in der Pause korrigieren. Ich schreibe ihnen 5 Sätze an die Tafel. Bitte abschreiben. Ja, ins Englisch-Heft. Wenn was ist, kommt rüber. Ich gehe wieder zu den Kleinsten. Ich nehme Asuma auf meinen Schoß und lege ihr den Stift in die Hand. So hält man den. Mit ihr zusammen mache ich Kreise. Danach sie allein. Striche. Immerhin kommt überhaupt etwas zu Papier. So vergeht die Zeit. Immer ruft jemand „aunti“ und möchte sein Ergebnis zeigen. Die Größeren kommen. „Aunti, break?“, ja aber gebt mir eure Hefte zum Korrigieren. Ich gebe ihnen den platten Fußball und lehne mich draußen an die Lehmwand, Rotstift in der Hand und einen Stapel Hefte auf dem Schoß.
Später rufe ich alle Kinder zusammen. In einer Linie aufstellen. Nebeneinander. Ich werfe den Ball, ihr zurück. Die Größeren Pritschen ihn zurück. Einer nach dem Anderen. Am Ende angekommen, ich renne zurück zum Anfang. Alle klatschen und schreien. Das Ganze von vorne. Ich wiederhole die Übung noch einige Male, bevor ich den Kindern den Ball wieder gebe. Jetzt könnt ihr Fußball spielen. Das war jetzt meine Sportstunde. Volleyball für heute.
Nach der Pause lösen die Älteren die Rechenaufgaben, die ich ihnen in ihre Hefte geschrieben habe. Die Kleinen sollen zählen. Ich muss erst mal ihre Wissensstände kennen, in englisch und Mathe, dann kann ich fördern. Ich notiere die Zahl, bis zu der sie zählen können. Danach gebe ich ihnen Buntstifte. Kreativität fördern. Ihr dürft malen. Alle setzen sich im Kreis um die Buntstifte. Tische und Stühle wären schon etwas Tolles. Vielleicht könnten sie sich dann besser konzentrieren. Aber ich muss das jetzt so hinkriegen. Geht schon. Ich gehe ins Zimmer nebenan und korrigiere wieder ihre Rechenaufgaben. Jetzt kenne ich ein bisschen besser ihre Kenntnisse. Ich schreibe Rechnungen an die Tafel. „Aunti, homework?“, ja das sind eure Hausaufgaben, bitte abschreiben. Danach ist die Schule zu Ende.
Die Kinder müssen am Nachmittag zu Hause helfen. Arbeiten. Was auch immer. Wenigstens einen halben Tag Bildung pro Tag. Besser als nichts.
DSC_0373
Nach dem Mittagessen laufe ich ins Dorf. Haare flechten lassen. Beschäftigung suchen. So viel gibt es hier nicht zu machen. So jetzt stillsitzen. Es zieht etwas. Ein junger Mann kommt dazu und unterhält sich mit mir. Ob ich ihn kenne? Weißt du lieber Mann, wenn ich an dir vorbeilaufe, dann siehst du mich und erkennst mich sofort, weil ich die einzige Weiße hier bin. Wenn ich aber ins Dorf laufe, dann sehe ich Hunderte von schwarzen Menschen und nochmal soviele grüßen mich. Es fällt mir eh schon schwer eure Gesichter zu unterscheiden. Verstehst du was ich meine? Ja, er hat mich verstanden. Vielleicht erkenne ich ihn das nächste Mal, da ich mich jetzt mit ihm unterhalten habe.
DSC_0381 Mädchen erobert die Welt
Flechtpause, die Frau muss ihrem Kleinkind zu trinken geben. Zeit für ein Zwischenfoto.
DSC_0376
Ja eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Arbeit.
Nach 2 Stunden ist sie fertig mit meinen Haaren. „Ala?“, das heißt so viel wie „how much?“. Die Frau sagt etwas und der Mann übersetzt. Ich soll ihr was geben, wenn ich was hab. Na gut, im Geldbeutel gekramt und 4 Cedi (1€) gegeben. Sie ist glücklich, ich auch – danke!
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Ich laufe noch in die Stadt, um zwei gekochte Eier und 4 Orangen zu kaufen. Ich möchte mir Orangensaft pressen, wenn ich daheim bin. Auf dem Rückweg kommt ein Mädchen, begrüßt mich und nimmt meine Hand. Ist das eine meiner Schülerinnen? Wenn ich das wüsste. Sehen doch alle gleich aus. Ich glaub schon. Sprechen tut sie nicht wirklich. Zumindest keinenglisch. So wie Cubra, meine Gastmutter. Unsere Konversationen sind dennoch immer lustig.

Am Morgen nach dem Aufstehen:
– Dasuba (guten Morgen)
– Nnaaa
Sie brabbelt weiter auf Mampruli was ich logischerweise nicht verstehe. Ich versuche es zu lernen, aber die Sprache ist so fremd. Und ich hatte grad erst Twi angefangen…
Ich lache. Sie lacht. Wir beide lachen.

Wenn ich im Hof sitze und sie vorbeiläuft:
– Anna? (Ghanaer können am Wortende kein „e“ aussprechen, deshalb bin ich hier Anna)
– Cubraaa
– Aheiiin
Lachen.

Oder wenn sie auf dem Boden liegt und ich sie sehe.
– Cubra sleeping?
– No sleeping.
Lachen

Oder wenn ich etwas falsch mache. Wie zum Beispiel meinen Teller wegräumen will, was nur sie machen darf:
– No good Anna!
– No good?
– No good!
Lachen.

Oder wenn ich nicht alles aufesse, weil sie wieder eine übergroße Portion mir gegeben hat:
– I’m full, thank you.
– Anna no full!!
Doch bin ich und wir lachen wieder.

Surazu, mein Gastvater, spricht gut englisch und hilft mir sowohl in der Schule beim Arbeiten, als auch beim Mampruli Lernen. Mit ihm kann ich mich gut unterhalten.
Nach dem Abendessen richte ich meine Matratze, diesmal auf der Terrasse, da ist es windgeschützter. Ich will ja nicht wegfliegen.
DSC_0389 Mein Bett
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Das ist die Terasse vor meinem Zimmer wo ich schlafe.

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Veröffentlicht in Ghana

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