Umzug in Norden Teil 2 – Fahrt von Tamale nach Langbinsi – 9.Dezember

Ich liege auf meiner Matratze. Über mir der weite Sternenhimmel Ghanas. „you know, around 2am the weather will change, it will be very cold“ – na dann bin ich mal gespannt. Bei dem vielen Schwitzen heute, kann ich mir Kälte gar nicht wirklich vorstellen.
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Heute morgen begleitet mich Andrea (meine norwegische Freundin, die seit 8 Wochen in Tamale im Krankenhaus arbeitet) zum SYTO Office, wo Larmi, meine neue Betreuerin schon auf mich wartet. Jeder von uns mit einem Rucksack auf dem Rücken, laufen wir durch Tamale und sie berichtet über die Stadt Tamale, die sie liebgewonnen hat. Während wir das Krankenhausgelände durchqueren (in dem sie arbeitet), bemerkt sie „Now I really feel like a tourist“. Ja mit unseren Rucksäcken wirklich. Aber nicht mit deinen Sprachkenntnissen. Denn Andrea ist in der Lage mit den Einheimischen in der lokalen Sprache zu kommunizieren. Also zumindest ein bisschen. Konnte ich in Mampong auch, dort war es Twi. In Tamale wird aber ein anderer Dialekt gesprochen. Und in meinem neuen zu Hause wieder ein anderer. Ich fange dann morgen mit Lernen an.
Nicht nur die Größe unterscheidet Tamale (500.000 Einwohner) von der mir bekannten Großstadt Kumasi (1,5 Millionen Einwohner), sondern auch das Erscheinen. Weniger Trotros und Taxis – mehr Motorbikes, weniger Verkehr – mehr Ampeln, weniger Wolken – mehr Staub, weniger Weiße Menschen – mehr verschleierte Frauen. Statt den schreienden Trofahrern hört man hier den Muezzin aus der Moschee schreien. Ja Tamale ist größtenteils muslimisch. Das heißt, man sieht bildhübsche, verschleierte Frauen im hautengen Kleid Roller fahren. Nennt sich fortschrittlich in Ghana.
Die Sonne brennt. Ich hatte es schon fast vergessen wie heiß es hier ist.
Im Büro angekommen, begrüßt mich Larmi, die mich das letzte mal vor 4 Wochen gesehen hat, mit den Worten „oh you get fat since Mole, your family in Mampong really treated you well. They gave you good food, that’s very good!“ danke für die netten Worte, jetzt fühle ich mich wie ein Walross. Ja, ich weiß, dass mir mein Sport fehlt. Und ja in Ghana steht ein kräftiger Körperbau für Wohlstand, wobei man nur Frauen sieht, die kräftiger sind. Ich weiß nicht wieso, aber die Männer sind alle eher durchtrainiert.
Sie spricht mit mir noch kurz über dies und das und sagt mir, dass die beiden Mädchen, die im Januar in mein Projekt kommen sollen, storniert haben. Habe ich mir fast gedacht. Fast 70% aller Volontäre stornieren in den letzten Monaten ihre Projekte wegen Ebola. Obwohl hier im Land noch kein einziger Fall verzeichnet wurde. Ich verstehe es nicht. Und die Ghanaer noch weniger. Und sie leiden darunter, weil viele aus dem Ausland wegbleiben. Ohne Grund. Naja wie auch immer. Dann werde ich mich halt allein durchschlagen.
Ich sage ihr noch wieso ich unbedingt wechseln wollte und sie versichert mir „in Langbinsi you are really needed. They always need volonteers, because there are no teachers. And the children are getting more and more, now there are around 30 volonteers.“ Na dann freue ich mich schon! Nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt und einem Supermarktbesuch (habe diesmal sogar was kaufen können, obwohl ich überfordert war – Marmelade und eine Cola für die Fahrt) bringt mich Andrea zur Trostation. Ich kaufe mir ein Ticket und zahle für das Gepäck mehr als für mich und verabschiede mich von Andrea. Meine beiden Rucksäcke werden auf dem Dach festgebunden. Ich suche mir einen Fensterplatz und brate in der Sonne. Habe ich schon erwähnt wie heiß es hier ist? Nicht? – Seeeeeehr heiß!
Nach nur einer dreiviertel Stunde ist das Trotro voll und wir verlassen Tamale. Es ist ein größeres Tro, als die, mir denen ich in Kumasi unterwegs war. Größer heißt aber nicht mehr Platz, sondern nur mehr Menschen. Die Tasche zwischen meinen Füßen, mein Körper zwischen Wand und dem Mann neben mir eingequetscht, kann ich mich quasi nicht bewegen. Ich schaue aus dem Fenster und genieße den Fahrtwind. Heiß ist es trotzdem. Neben mir sitzt ein Mann und einen Platz weiter sitzt eine junge Mutter mit zwei Kindern. Selbstverständlich auf ihrem Schoß. Mehr Platz ist nicht. Der Mann neben mir hält seinen Rucksack auf dem Schoß. Ich schaue auf meinen Schoß. Da ist nix. Ich biete der Frau an ein Kind abzunehmen. Sie strahlt mich an und gibt mir sofort den älteren Jungen. Er sitzt ruhig und bewegt sich kaum. Sein kleiner Bruder macht aber ein Theater. Die Mutter gibt ihm die Brust. Hier im Wagen, zwischen zwei Männern sitzend. Alltag in Ghana.
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Der Junge auf meinem Schoß sagt etwas zu seiner Mutter, die daraufhin versucht mit dem Fahrer zu kommunizieren. Wir halten. Sie nimmt den Jungen von meinem Schoß und gibt ihn dem Mann am anderen Fenster. Er öffnet das Fenster weit, hält den Jungen direkt davor und – ich muss lachen. Der kleine musste auf’s Klo. Das wird jetzt schnell zum Fenster raus erledigt. Läuft hier in Ghana. Ich würde wahrscheinlich nicht mal ein Tröpfchen hinausbekommen bei den vielen Blicken und der verkrampften Position. Der Junge wird mir wieder zurückgereicht. Sein linkes Hosenbein ist etwas nass. Passiert. Wir fahren weiter während ich mich noch über die Situation amüsiere.
Der kleine Bruder von dem Jungen auf meinem Schoß, vielleicht 1 Jahr alt, hält sowohl seine Mutter, den Mann zwischen uns, als auch mich auf Trapp. Er greift nach meiner Sonnenbrille. Seine Mutter ist nicht begeistert. Sie hat wahrscheinlich Angst, dass ich von ihr Geld verlange, wenn die kaputt ist. Dabei ist es eine billige 3€-Brille von Mallorca. Naja, muss ja nix provozieren und nehme meine Brille wieder.
DSC_0358 die Landschaft im Norden
Mir ist heiß, mein Hintern schmerzt und ich kann mich nicht bewegen. Nicht mal Platz um meine Zehen zu bewegen. Könnt ihr euch das vorstellen? Vermutlich nicht. Andrea hat wohl Recht, als sie sagte, wir können unseren Freunden zu Hause zwar erklären, dass ein Tro eine Art Kleinbus mit mehreren Sitzreihen hintereinander ist und ihnen Fotos zeigen, aber dennoch werden sie nicht verstehen wovon du redest. Du musst in einem Trotro gesessen sein, um zu wissen es ist.
Nach 2 Stunden Fahrt kommen wir in Walewale an, wo mich der Trofahrer netterweise direkt vor dem Trotro nach Langbinsi absetzt. Dieses ist quasi leer. Oh nein, dann muss ich lange warten. Ich kaufe mir zwei Orangen und trinke den Saft. Es ist unglaublich heiß in der Sonne – und im Tro kein bisschen kühler. Mir läuft der Schweiß von der Stirn. Warten ist mein neues Hobby. In Deutschland war ich gestresst, wenn ich auf jemand 5min warten musste.
Hier habe ich das Warten gelernt. Ich weiß, dass ich über eine Stunde warten muss bis das Tro sich füllt und dennoch sitze ich entspannt auf meinem Sitz. Ein Mann fragt nach dem Platz neben mir. Ja der ist frei. Die Männer vor mir unterhalten sich. Sagt der eine zum Fahrer “ I don’t understand your language. Gut dass das ein Ghanaer zum anderen sagt und nicht ich. Blöd wenn man über 60 völlig unterschiedliche Dialekte in nur einem Land hat.
Tatsächlich verlassen wir eine Stunde später Walewale. Ich fühle mich schlecht, weil ich jetzt Angst habe im Dunkeln anzukommen. Ich wollte zumindest das erste Mal im Hellen ankommen. Aber wie sagt der Mann neben mir. Du hast es nicht immer selbst in der Hand. So ist es wohl. Mein Gastvater muss mich eh abholen, wegen meinem Gepäck. Im Dunkeln kann man hier nämlich nicht allein herumlaufen. Ich wollte ihn anrufen, aber der Motor ist zu laut. Der Mann neben mir fängt eine Konversation mit mir an „you are so friendly“. Oh schön, dass ich nach so einer langen Fahrt immer noch eine positive Ausstrahlung habe. Wir sprechen über mich, über unsere Leidenschaft zum Fußball, meinen Lieblingsverein Bayern München und seinen Lieblingsspielern Neuer, Lahm, Schweinsteiger und Müller. Der versteht was vom Fußball, haha. Ich versuche meinen Gastvater anzurufen verstehe quasi nichts, was aber nicht an der Sprachbarriere liegt.
Ich erkenne die ersten Häuser von Langbinsi. Ich glaube hier muss ich raus und bitte den Fahrer anzuhalten. Das Gepäck im Straßengraben liegend sehe ich Surazu, meinen neuen Gastvater auf dem Fahrrad auf mich zukommen. Er begrüßt mich, nimmt meinen zweiten Rucksack auf das Rad, hält ein vorbeifahrendes Motorrad mit Ladefläche an und sagt mir, ich soll einsteigen. Holpernd fahren wir über den staubenden Sand, zwischen vertrockneten Gräsern hindurch.
Ich sehe das Haus – wir sind da. Und ich habe es geschafft – einen Wimperschlag bevor es dunkel wird anzukommen

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Veröffentlicht in Ghana

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