Umzug in den Norden Teil 1 – Fahrt von Mampong nach Tamale – 8. Dezember

In meinem Tagebuch steht heute „Tag 60“. Unglaublich aber wahr, ich bin jetzt schon seit 60 Tagen weg aus Deutschland. Die Zeit ist wie im Flug vergangen, aber gleichzeitig habe ich auch schon unglaublich viel erlebt…

Zunächst mal danke SYTO (meine Organisation vor Ort) für deine große Hilfe. Jetzt weiß ich wieder wieso ich mir so ungern helfen lasse. Einfach aus dem Grund, dass ich dann nicht weiß ob etwas richtig gemacht wird. Deshalb mache ich am liebsten meine Sachen selbst. Hätte ich auch diesmal machen sollen. Selbst erkunden wie ich in Norden komme, anstatt die Info von meiner Organisation zu glauben, dass es einen VIP-Bus nach Tamale gibt. Und auch darauf verzichten von meiner Gastmutter nach Kumasi begleitet zu werden. Nicht dass ich sie darum gebeten hätte, aber naja sie bestand darauf. Deshalb bin ich eine Stunde später als geplant aus Mampong weggekommen. Fragt nicht wieso – Ghanaer halt!
Ja ich bin nun endlich auf dem langersehnten Weg in den hohen Norden Ghanas. Nachdem ich drei Wochen auf die Zusage von SYTO warten musste, habe ich am Freitag, als ich am Strand lag, Bescheid bekommen, dass ich Montag wechseln kann. Ja etwas kurzfristig. Vor allem weil ich unterwegs war.
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Sonntag Morgen bin ich heimgekommen und habe meine Rucksäcke gepackt und mit meiner Familie sowie denen im Waisenhaus gesprochen. Das einzige was die sagen konnten, war dass ich nicht mit ihnen weihnachten feier, obwohl ich es ihnen versprochen hatte. Ja Pläne ändern sich manchmal. Das sollten sie am besten wissen, denn hier wird ja nicht weiter als bis morgen geplant, aber naja. Sie sollen sich nicht so anstellen, sie werden weihnachten feiern im Vergleich zu mir. Denn ich werde an Heiligabend im muslimischen Norden sein. Da ich eh nicht gläubig bin, werde ich aber damit gut klarkommen. Erst recht bei den Temperaturen, da kommt man eh nicht in Weihnachtsstimmung.
Naja wie auch immer. In Kumasi hat meine Gastmutter mich in ein Taxi gesteckt und für mich verhandelt. Nicht genug, dass sie mich an einen Ort schickt wo ich keinen Bus nach Tamale bekomme, sondern der Preis war auch höher als, wenn ich ihn ausgehandelt hätte. Aber naja. Da sitze ich also. Der Taxifahrer wird an der Busstation zu einer nächsten geschickt und dort wird ihm gesagt, dass hier auch kein Bus fährt. Er macht den Motor aus und fragt mich was nun. Äh Hallo, fahr bitte einer Station von wo ich nach Tamale komme, ist schließlich nicht meine Schuld, dass du nicht weißt, von wo Busse nach Tamale fahren. Ein bisschen blabla später liegen meine Nerven am Boden, weil ich jetzt eine weitere Stunde Zeit verloren habe. Ich frage ihn, ob er weiß wo ich einen Bus bekomme und sage ihm, dass er mich dorthin fahren soll. Da er immer noch verweigert sage ich „I’ll give you more money, but please start because I have to hurry up!“ Bruuumm. Na endlich. Ja, mit Geld bekommt man was man will. So fahre ich die Strecke zurück, während mein Taxifahrer sich ebenfalls als Bayern-Fan outet und mir erklärt, dass ich nur ein Trotro bekommen kann, da keine Busse hochfahren. Achja da kommst du jetzt drauf?
Ich schaue aus dem Fenster und rufe STOPP! Neben mir steht ein Bus, der nach Tamale fahren soll. Kaum halten wir, stehen 20 Männer um mich rum und Fragen mich wohin ich will. „Tamale“ sage ich und schon greift einer nach der Tasche auf meinem Schoß. Langsam mein Freund, mein Gepäck trage ICH! Und ich entscheide wo ich einsteige! Verstanden. Ok, der Bus ist leer. Der fährt wohl erst in der Nacht, aber das Trotro daneben sieht voll aus. Da soll noch ein Platz sein? Das sieht sogar nach ghanaischen Verhältnissen voll aus, aber wenn ihr meint. Ok, vielleicht nimm doch meinen zweiten Rucksack. Zwei sind einer zu viel. Wer kam auf die blöde Idee einen Rucksack mit Hilfsgütern mitzunehmen? Kann mich nicht erinnern.
Ich steige ins Trotro und quetsche mich in die letzte Reihe, während ich verfolge wie ein Rucksack vorne verstaut wird und einer in den „Gepäckraum“ kommt.
Wir fahren los. Hüpfen auf und ab auf den kaputten Straßen von Kumasi. Ich lasse nun alles hinter mir, was ich mir in den letzten zwei Monaten hier aufgebaut habe. Nicht nur Beziehungen, sondern vor allem meinen Orientierungssinn in der Millionenstadt Kumasi, wo ich zuletzt fast nur noch zu Fuß unterwegs war.
Neue Herausforderungen warten auf mich. Ich freue mich.
Ok, vier Rücken passen definitiv nicht nebeneinander in dieses Trotro, irgendjemand muss sich immer vorbeugen. Das wird ja eine interessante Fahrt. Tasche auf meinem Schoß. Es ist heiß. Doofe Klimaanlage. Ich will offene Fenster. Aber diese Fenster sind nicht zum Öffnen.
Krach – ich drehe mich um und sehe, dass die hintere Tür sich einen Spalt geöffnet hat. Auch einige Ghanaer drehen sich um. Ok DAS macht mir Angst. Wenn sogar die einheimischen sich umdrehen! Ich hoffe nicht nur ich, sondern auch mein Gepäck kommt heil in Tamale an.
Die Frau neben mir hat gerade eine Tonne Bananen gekauft. Ja wir haben eine lange Fahrt vor uns. Wenn sogar Ghanaer Proviant kaufen. Eine Banane ist für mich – danke!
Ich schaue zum Fenster raus. Die dichten, grünen Wälder der Ashanti-Region weichen und werden von der trockenen, von Termitenhügeln und Lehmhäusern geprägten Landschaft der Northern-region verdrängt.
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Wir halten am Rastplatz, ich trinke den Saft einer Orange. Im Ghana-Style. Selbstgepresst. Dann geht die Fahrt weiter.
Mir wird kalt. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Klimaanlagen hasse? Auf jeden Fall weiß ich jetzt wieso ich einen Schal nach Afrika mitgenommen habe. Ich packe mich ein und verfluche die Klimaanlage erneut.
An der Straße stehen bestimmt 100 Motorbikes. Was machen die da? Wir kommen zum Stehen. Unser Fahrer öffnet die Türe und die Männer stürzen sich auf den Wagen. Was geht hier ab. Die ersten steigen aus dem Wagen aus. Ich bleibe erstmal sitzen. Alle rufen durcheinander. Was ist hier los? Alle erheben sich. Kann mich hier bitte jemand aufklären? „The bridge is broken and closed ‚til 6 o’clock in the morning“. Alles klar, wenn’s sonst nix ist. Und jetzt? Ich steige aus. 5 Männer rufen gleichzeitig „let’s go“, sorry aber ich kann mich nicht aufteilen. Und vor allem wohin? Wohin wollt ihr mich zerren. Ich sammle meine beiden Rucksäcke und frage den Trofahrer. Ja, ich soll mit denen fahren. Können die schwimmen oder was? Naja ich lass mich überraschen. „I get 5 Cedi for your lagguage“, ähm ich hab dir 35 Cedi gezahlt, dass du mich nach Tamale fährst und nicht in der Pampa aussetzt. „It’s not my fault“, ja meiner auch nicht, nimm dein Geld hier. Der Tro organisiert noch 3 Fahrer, die mich und mein Gepäck mitnehmen sollen und verhandelt den Preis. Danke.
Jemand nimmt meinen Rucksack. Stopp mein Freund. Nicht DU! Ich steige auf ein Motorbike und versuche mein Gepäck auf den anderen beiden Bikes zu verfolgen. Wir fahren an der Autoschlange vorbei. Ich muss lachen. Gott sei dank bin ich in der Voltaregion schon auf den Dingern gesessen, sonst hätte ich hier dumm geschaut. Und zum Glück ist mir dies nicht am Anfang meiner Ghanazeit passiert, sonst wäre ich wohl ziemlich überfordert – jetzt lache ich nur! Wir quetschen uns an der Schranke durch. Plötzlich sind die beiden mit meinem Gepäck weg. Mein Fahrer hält an und läuft zurück. Wenn sie wöllten, könnten sie die einfach mitnehmen. Ja die Wertgegenstände habe ich bei mir, wie Kamera, Tablet, Bankkarte, aber in den Rucksäcken ist dennoch genug was sie zu Geld machen könnten. Sie tauchen wieder auf. Beide auf einem Bike, aber mit beiden Rucksäcken. Na immerhin. Ein Schild „pont est fermé de 14pm à 6am“, also stimmt es. Moment, das war ja französisch. Komisch. „White Volta“ auf dem anderen Schild. Wir fahren über die Brücke. Der Fluss sieht eher braun wie weiß aus. Aber ist ja alles relativ im Leben. Wir fahren an den Arbeitern vorbei. Neben uns ein tiefes Loch. Menschenmassen überqueren die Brücke. Auf der anderen Seite halten wir vor größeren Trotros. „Tamale“, ja immer noch. Mein Gepäck wird auf den Wagen gehoben. Ja auf dem Dach wird hier im Norden quasi alles transportiert, sogar Menschen. Das habe ich schon bei meinem letzten Besuch hier festgestellt. Ich steige ein. Nach einigen Minuten fahren wir schon los. Der Mann neben mir meint, dass wir in 20 Minuten in Tamale sind. Ich schreibe meiner Freundin aus Norwegen, die auf mich wartet, dass ich in 30min da sein werde. Eine Stunde später erreichen wir den Rand von Tamale. Der Bus hält und ein Mann steigt ein, also er steht in der offenen Tür. Der Bus fährt wieder los. Ach das ist der Geldeintreiber. Nochmal 5 Cedi. Die heutige Fahrt war teuer. Fast 20€ für die ganzen Transporte. Ja klingt für euch wenig, hier ist das aber verdammt viel.
Irgendwann komme ich tatsächlich in Tamale an und nehme das Taxi, wie von Andrea verordnet zur Shell-station, wo sie auch schon auf mich gewartet hat. Jeder von uns nimmt einen Rucksack und wir laufen los. „Salaminga“ rufen die Kinder hinter mir. Ja, das ist das neue „Obruni“ (weiße). Hier wird eine neue Sprache gesprochen!
Da sind wir, Tor auf und geschafft!
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Etwas verschwitzt, aber glücklich

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Veröffentlicht in Ghana

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