Fahrt nach Accra – 27. November

Eine Freundin im Krankenhaus in Accra bringt mich dazu das erste Mal in Ghana alleine zu reisen. Ja der Grund ist recht traurig, aber dennoch möchte ich über diese Reise berichten.
Es geht um Anne (ja nicht verwirrt sein, es gibt noch andere Menschen mit meinem Namen), die ich in der Orientierungswoche in Accra kennengelernt habe. Sie kommt aus Holland und hat in Swedru, im Süden Ghanas, als Volontär gearbeitet. Sie ist nun seit fast einer Woche in Accra im Krankenhaus. Mit welchen Beschwerden kam sie? Müdigkeit, Gedächtnisverlust, Schwindelgefühl und sie fühlt sich schwach. Nach 5 Tagen bekam sie dann die Diagnose Entzündung im Gehirn und eingeklemmter Nerv im Nacken. Daraufhin hat sie mir erzählt, dass sie heimfliegt. Allerdings benötigt sie einen Arzt der sie begleitet. Und der ist angeblich nicht zu finden. Auf jeden Fall habe ich heute morgen den Entschluss gefasst sie zu besuchen, nachdem sie mir diese Nachricht geschickt hat:
„I’m still very tired and weak. And very stressed and restless inside. About everything. It takes a lot of time to go home and i feel so lonely“ und nachdem ich ihr meinen Besuch angekündigt hatte, hat diese Nachricht meinen Entschluss verfestigt: „I hope to see you tomorrow. Yesterday I cry a lot. But now when I hear that you’ll be coming maybe there is a little smile!“
Nach der Morgenschicht im Waisenhaus bin ich heimgegangen und hatte es plötzlich eilig. In 10 Minuten habe ich meine Tasche gepackt, das Brot von meiner Gastmutter mitgenommen und mich auf den Weg gemacht. Es war ein bisschen lächerlich, dass ich mich so beeilt habe, wenn man auf die Zeit blickt, die ich für die Reise benötige. Da kommt es auf paar Minuten mehr oder weniger wirklich nicht drauf an. Aber ich hatte es aus welchem Grund auch immer eilig. Ich bin auch nicht wie sonst in die Stadt gelaufen, sondern habe ein Taxi genommen, hab dann mein Ticket gekauft und mich ins Trotro gesetzt. Hektisch um mich geschaut – ich brauche Proviant, viiiiiel Proviant. Da, die Frau mit den Donats auf dem Kopf. Ich winke ihr zu und sie kommt zu mir. Zwei bitte. Was noch? Eier, wo ist jemand mit Eiern? Da der Junge, ich zeige auf ihn und er kommt an mein Fenster. Zwei bitte. Ok, das sollte fürs erste reichen. Einiges habe ich ja schon in meiner Tasche. Wir fahren los, es ist 11 Uhr. Ich schaue um mich. Oh, das ist das erste Mal, dass ich allein reise. Ganz allein. Naja bis jetzt kein Unterschied für mich. Muss mich genau wie sonst auch um alles kümmern. Wird schon. Durch die bewaldeten Hügel geht es die Straße bergab Richtung Kumasi. Vertraute Umgebung für mich mittlerweile.
In Kumasi bitte ich einen Taxifahrer mich an die Asafo VIP-bus-station zu fahren. Durch den dichten Verkehr dauert es ein wenig, aber dann sehe ich die roten Busse. Ich zahle, steige aus und schaue suchend um mich. Ich warte auf den Moment, wenn alle Busfahrer sich um mich schlagen. Na? Peeeeeng. Haha, wie immer. „Where do you go?“ fragen etlicher Männer zeitgleich, während sie auf mich zurennen. „Accra“ antworte ich. Bevor ich das Wort ausgesprochen habe, packt mich ein Mann am Arm, hakt sich bei mir ein und zieht mich mit. Ich frage ihn erst Mal wieviel es kostet. 20 Cedi? Wow das ist billig. Das ist die Hälfte vom Preis, den Mavis, meine Gastmutter, mir gesagt hat. Ich stimme ihm zu und er erwidert „I love you“. Jaja ich weiß, ihr liebt mich alle. Aber wenn ihr euch schon so um mich reißt, dann hab ich auch nen Extrawunsch frei oder? „Please, can I have a seat on the window?“ „Of course“ erwidert der Mann, zieht mich in den Bus und weist mir einen Platz zu. „Thank you!“ Der Bus ist schon relativ voll. Das ist gut, denn dann muss ich nicht mehr so lange warten. Eine Frau kommt in Bus und verkauft Eier. Zwei bitte! Kurze Zeit später fahren wir ab. Es ist 13:30 Uhr. Ok, ich werde definitiv im Dunkeln in Accra ankommen. Passiert.
Neben mir sitzt ein Mann, der mehr Platz braucht. Ja schon ok. Ich brauche nicht viel Platz. Eine Frau steht im Gang und fängt an zu sprechen. Oh nein. Fragt mich nicht worüber sie spricht. Es ist fast jedes Mal jemand im Bus, der sich dorthin stellt, erst lange redet und anschließend Bonbons verkauft oder Medizin. Wie man es nennen soll. Ich glaube es ist eine Art Prediger. Wenn ihr mich fragt verkauft er ein Allheilmittel. Habe mich das letzte Mal mit dem unterhalten. Naja so halb. Weil englisch konnte er nicht wirklich und ich konnte ihn in Twi nicht mehr fragen als „Wie geht es dir?“ Habe ihm aber gesagt, dass ich keine Bonbons brauche. Meine Nimm-2-Bonbons sind auch Allheilmittel. Tamara und Rabea haben sich totgelacht. Auch die anderen im Bus mussten lachen. Ja immer was los hier. Aber heute habe ich nix zu reden. Die Frau spricht ziemlich laut. Also Kopfhörer rein, Musik voll aufdrehen und zum Fenster rausschauen. Mittlerweile ist die Landschaft mir vertraut geworden. Wald. Überall Wald. Zwischendurch kleine Ortschaften. Hühner. Ja die laufen auch überall herum. Aber hier ist nichts. Nur Wald. Kein Haus. Von wo kommen diese zwei Hühner? Keine Ahnung, leben die hier wild? Haha, ich fange an mir über verrückte Sachen Gedanken zu machen. Ja mir ist wirklich langweilig. Mit meinen beiden Schweizerinnen hatte ich immer was zu lachen. Ich schaue auf die Uhr. Oh Gott, erst eine Stunde vergangen. Das kann ja was werden.
Aaah was ist das? Was hängt an dem Baum? Gebratene Flughunde? Oder so ähnlich sieht es aus. Verkauft wohl der Mann, der dort im Schatten sitzt. Iiigiit.
Einige Minuten später sehe ich einen Mann an der Straße stehen. Er hält Tiere in seiner Hand. Tote Tiere. Noch im Fell. Fragt mich nicht was für Tiere. Will der die verkaufen? Gott sei dank sind wir nur vorbeigefahren. Einige Meter später sehe ich Kinder. Sie entdecken mich schnell im Bus und winken. Ich winke zurück. Sie lächeln. Manchmal habe ich das Gefühl ich sitze allein in dem Reisebus. Weil alle entdecken mich sofort. Ich leuchte wahrscheinlich. Aber dann höre ich die Mitfahrer klatschen. Ok doch nicht allein. Predigt zu Ende? Ja, jetzt verkauft sie ihre Pillen. Nee, ich will keine. Ich schaue wieder zum Fenster hinaus.
Wir steuern einen Rastplatz an. Puh, endlich aufstehen und frische Luft schnappen. Ich komme von den Toiletten zurück. Ähm, welches war mein Bus? Hier sind 7 gleichaussehende Busse. Aaaaaah Hilfe. Moment, mein Ticket, da steht doch das Autokennzeichen. Ja und da ist auch der Bus. Ich steige ein. „Oh I think you are wrong!“ hält mich der Mann neben dem Busfahrer fest. Jetzt bin ich verwirrt. Ich blicke in den Bus. Selbstverständlich erkenne ich niemand. Die sehen doch alle gleich aus. Aber die Leute müssten mich doch kennen. Überall stürzen sie sich auf uns Weiße, sobald sie uns entdecken. Keiner im Bus sagt was. Danke. Ich erinnere mich an das Ticket und zeige es ihm. Oh, ok du bist doch richtig. Komisch, und keiner erinnert sich an mich. Ich laufe durch den Bus und erkenne dann auch meinen Sitznachbar. Und da ist auch meine Tasche! Wir fahren wieder los. Ein Film wird eingelegt. Oh nein bitte nicht. Die sind so doof diese Filme. Und laut. Und ich versteh doch eh nix. Die Leute im Bus lachen immer wieder. Keine Ahnung was an dem Film so lustig ist. Ich schaue raus. Hier wird gebuddelt. Wahrscheinlich soll die Straße erneuert werden. Sie ist in einem ziemlich schlechten Zustand. Große Erdhügel neben der Straße. Ich entdecke zwei Kinder, die auf einem hinabrutschen. Es erinnert mich an die Kinder bei mir zu Hause, die Schneehügel hinunterrutschen. Ja sie machen dasselbe. Nur eben nicht im Schnee, sondern im Matsch. Wir fahren nun schon ziemlich lange. Immer wieder fängt es an zu regnen. Auf einen Schlag wird es dunkel. Ich habe keine Ahnung wie weit wir noch von Accra entfernt sind.
Wir kommen zum Stehen. Rechts von uns sind jetzt auch Autos. Keine Ahnung von wo die kommen. Männer stehen auf der Ladefläche. Sie drehen sich in meine Richtung und winken. Ich muss lachen und winke zurück. Der Bus fährt einige Meter vor und dann kommt der Lastwagen wieder mit den Männern. Sie winken wieder. Ich lache. So geht das eine ganze Weile. Ich entdecke Blaulicht. Der Mann neben mir klärt mich auf, weil ich im Dunkeln nichts sehe. Ein Lastwagen ist umgekippt und auf einem Auto gelandet. Ja Unfälle passieren hier viele. Vor allem im Dunkeln. Wir fahren wieder schneller. Ich glaube, wir sind nun nicht mehr weit von Accra. Wir halten. Einige steigen aus und verlassen den Bus. Jemand klopft an meine Scheibe. Ich schaue raus. Ein Junge winkt und lacht. Ich winke zurück.
Wir erreichen nun Accra. Der Bekannte, der mich in Accra abholen wollte geht nicht an sein Handy. Typisch. Zuverlässig waren die Ghanaer noch nie. Höchstens im Heiratsanträge geben. Aber wenn es drauf ankommt, sind sie nicht erreichbar. Wer es nicht auf die Reihe kriegt eine Frau im Dunkeln wie versprochen abzuholen, der braucht mich nicht weiterhin anzurufen. Ich komme auch allein klar.
Wir sind an der Station. Es ist stockdunkel. Überall laufen Menschen herum. „Where do you go? Kumasi?“ Nein, von da komme ich gerade. Ich suche ein Taxi. Ein Mann führt mich zu einem Wagen. „Please, can you bring me to this hospital?“ frage ich den Taxifahrer. 30 Cedi verlangt er. Das ist mehr als ich für die 6 Stunden Busfahrt von Kumasi bis nach Accra gezahlt habe. Erst versuche ich den Preis auf 20 zu reduzieren, aber der andere Mann fragt mich, ob ich weiß wo das Krankenhaus ist. Selbstverständlich nicht. Er sagt, es ist weit weg. Und es ist ein großes Verkehrsaufkommen. Ja das stimmt. Ach egal. Ich will jetzt einfach nur dort ankommen. Ich stimme ihm zu und wir fahren los. Durch dunkle Viertel und über holprige Straßen. Er meint wir müssen einen großen Bogen machen, weil wir in der Innenstadt gebaut wird. Nach einer halben Stunde stehen wir in einer Sackgasse. „Sorry“, ja du bist ja witzig. Wir fahren zurück und eine andere Straße entlang. Der Taxifahrer hält an. Endlich. Geschafft!
Ich betrete das Krankenhaus und stehe 2 Minuten später bei Anne im Zimmer. Sie sitzt auf ihrem Bett und strahlt. Ich laufe auf sie zu und umarme sie. Geschafft!

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