Abstecher in hohen Norden des Landes – 16.-18. November

Ich sitze im Bus eingequetscht zwischen Menschen und der Fensterstange. Meine rechte Schulter fühlt sich blau an, so oft wie ich bei dem Geholper gegen die Stange geknallt bin. Es geht wieder nach Hause aus dem schönen Norden.
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Von der Herfahrt habe ich noch Schrammen am Schienbein. Die Sonne taucht am Horizont auf und es wird mit einem Schlag Tag. Ich fahre an kleinen Dörfern vorbei. Lehmhäuser. Hier gibt es nix anderes. Die Häuser unterscheiden sich nur an den Dächern. Manche sind ohne Dach, manche mit Strohdächern und andere haben Wellblechdächer. Nackte Kinder laufen vor den Häusern herum. Wir verlassen das Dorf und kommen an einem Teich vorbei. Wow, voll mit Seerosen. Er leuchtet quasi weiß durch die vielen Blumen. So viele Blumen habe ich noch nie in Ghana gesehen. Wir fahren durch die trockene Landschaft. Vertrocknetes Grasland aus dem sich immer wieder einzelne Bäume erheben. Eine völlig andere Landschaft im Vergleich zu den saftig grünen Wäldern aus der Ashanti-Region. Esel. Hier gibt es sehr viele Esel. Im Süden des La des habe ich keinen einziges gesehen. Hier laufen sie herum wie Hühner, Ziegen und Schafe. Kühe sind hier auch zu finden genau wie Schweine. Im nächsten Dorf sehe ich viele Menschen tanzen. Viele Frauen mit Kopftuch. Ja, der Norden Ghanas ist zu 90% muslimisch. Was heißt das? Frauen tragen Kopftücher und Männer kleine Mützen auf dem Kopf. In Tamale, der größten Stadt im Norden, sieht man Frauen mit Kopftuch in wunderschön bunten, hautengen Kleidern auf dem Motorrad durch die Stadt fahren. Hier auf dem Land sieht man die Frauen mit denselben Kleidern auf Fahrrädern durch die Dörfer fahren. So wird der Islam hier gelebt. Christen und Muslime leben friedlich nebeneinander. Jeder respektiert den anderen. Und keiner wird ausgegrenzt. Auch ich werde akzeptiert. Nur in 3/4-Hose, die Knie sollen bedeckt sein. Das ist alles was sie von uns Weißen verlangen. Die Frau neben mir nimmt ihr Kopftuch ab und wickelt es neu um ihren Kopf. In der Öffentlichkeit. Kein Problem hier. Tradition und Moderne wird hier kombiniert.
Jetzt zur Aufklärung. Nach dem Ausflug in Mole Park wollten Tamara, Rabea und ich noch zwei Tage in Tamale verbringen. Jedoch haben sich unsere Pläne geändert. Die Zusammenkunft von allen Volontären aus dem ganzen Land im Nationalpark haben meiner Zeit in Ghana eine Wendung gegeben. Hier wurden Erfahrungen ausgetauscht und jeder hat von seinen Projekten berichtet. Rabea hat sich im Pool mit einer anderen Schweizerin unterhalten, die ganz im Norden des Landes, 50km vor der Grenze zu Burkina Faso, arbeitet. Rabea meinte dann, dass sie das perfekte Projekt für mich gefunden hat. Es wartet quasi auf mich. Da muss ich hin, sagt sie. Hierbei handelt es sich um eine Schule in dem kleinen Ort Langbinsi, 150km nördlich von Tamale (für alle, die es auf der Karte nachschauen möchten). Es ist eine Schule für Kinder, die das Schulgeld für die öffentlichen Schulen nicht zahlen können. Die Schule wurde von unserer Organisation gegründet und die Kinder werden ausschließlich von Volontären unterrichtet. Die Organisation zahlt zwar auch eine Lehrerin, die ist aber nie da und wenn sie da ist, sitzt sie nur am Handy. Es handelt sich also um 20 Kinder zwischen 3 und 14 Jahren, die vormittags in diese Schule kommen und nachmittags arbeiten müssen. Die Volontäre, die aktuell noch dort arbeiten, haben Türen und Fenster für diese Schule, Materialien und Uniformen für die Kinder gekauft. Allerdings sind diese drei Mädchen nur noch 2 Wochen da und dann kommt vielleicht jemand im Januar. Bis dahin würde es also keine Schule für die Kinder geben. Alle, die mich kennen wissen, dass ich meine Entscheidung in dem Moment getroffen habe, als mir dies erzählt wurde. Die aktuellen Volontäre haben gesagt, dass ich mir das alles erst einmal anschauen soll, weil es doch ein ganz anderes Leben hier im Norden ist. Und, weil sie der Meinung sind, dass ich das alleine nicht stemmen kann. Aber liebe eine Person, als gar kein Lehrer. Aber ich habe zugestimmt und gesagt ich komme mit hoch. Tamara und Rabea wollten mich begleiten. Hierfür haben wir die zwei Tage genommen, die wir eigentlich in Tamale verbringen wollten. Wir sind mit den Volontären zusammen aus dem Molepark nach Tamale und dann mit dem Trotro über Walewale nach Langbinsi gefahren. Was mir sofort aufgefallen ist, sind die guten Zustände der Straßen rund um Tamale. Die Erklärung hierfür liegt weit in der Vergangenheit zurück. Als Ghana noch Goldküste hieß und unter anderem britische Kolonie war, wurde der Süden des Landes von den Kolonialmächten industrialisiert. Das heißt alle Straßen im Süden wurden von den Kolonialmächten gebaut und seitdem nur ab und an ausgebessert. Bis in Norden sind die Kolonialmächte aber nie gekommen und so haben die Ghanaer selbst die Straßen im Norden bauen müssen und das erst vor einigen Jahren. Deshalb sind die so neu und in guten Zuständen. Zudem kommt hinzu, dass im Norden erheblich weniger Menschen leben und damit auch viel weniger Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind.
Eigentlich wollten wir möglichst schnell aus Tamale herauskommen, weil es nachts in Langbinsi wirklich gefährlich ist, allerdings gab es Probleme an der Trostation in Tamale. Wir hatten einen Trofahrer gefunden, der uns, 10 Volontäre, nach Walewale fahren wollte. Wir hätten etwas mehr gezahlt, aber wir hätten den Wagen für uns gehabt und wären sofort losgefahren. Das haben einige andere Männer mitbekommen und dann ging das Chaos los. 20 Männer versammeln sich um unseren Wagen und diskutieren laut miteinander. Es hat auch nicht geholfen, dass eine von uns ihnen 10 mal gesagt hat, dass wir es eilig haben, weil wir sonst in der Nacht fahren. Das Ende vom Lied war, dass wir in ein anderes Trotro, einen Bus mit etwa 35 Sitzplätzen und 10 Leuten auf dem Dach, umsteigen mussten und durch diese Aktion 1 Stunde Zeit verloren haben. Diese Zeit verlieren wir im Süden immer im Verkehr in den Großstädten, hier gibt es aber wesentlich weniger Fahrzeuge, deshalb kommt man hier eigentlich schneller aus den Innenstädten heraus. In Walewale angekommen war es dann schon stockfinster als wir in ein anderes Trotro umsteigen mussten. Mit diesem waren wir nur 10 Minuten auf dem Schotterweg unterwegs, als die Scheinwerfer schlapp machten und wir im Dunkeln standen. Das ist hier kein Spaß, denn hier ist es nachts sehr gefährlich. Man muss immer mit Überfallen rechnen, wenn man in kleinen Gruppen draußen ist. Zum Glück mussten wir nicht raus aus dem Bus, sondern konnten zwar langsam und mit wenig Licht weiterfahren. Das Licht fiel immer wieder aus und wenn man kein Licht hat, dann ist es hier wirklich dunkel. Ich habe dann nicht mal mehr die Straße gesehen. Aber der Fahrer hat es irgendwie immer geschafft auf der Straße zu bleiben. Irgendwann sind wir dann auch in Langbinsi angekommen und der Gastvater hat uns abgeholt. Es gab noch ein gutes Abendessen bevor wir drei große Matratzen herausgeholt haben und draußen, im Hof, unter dem leuchtenden Sternenhimmel eingeschlafen sind. Nachts wird es hier recht kalt, da reicht mein dünner Seidenschlafsack nicht, aber mit einem Tuch darüber und Tamara an meiner Seite, konnte ich schlafen.
wpid-img-20141118-wa0000.jpg unser Nachtlager
Das Haus meiner zukünftigen Gastfamilie besteht aus einer großen Lehmmauer, die das Grundstück umrahmt. Innerhalb dieser Mauer, im Hof, spielt sich das ganze Familienleben ab. Dort wird geschlafen, gegessen und geduscht. Die Dusche ist einfach eine Mauer von drei Seiten, die vor anderen Blicken schützt und einem Eimer Regenwasser. Das Wasser ist sogar verhältnismäßig warm, da die Tonne in der Sonne steht und es tagsüber sehr heiß wird (40 Grad im Schatten). In den Zimmern steht eigentlich nur das Gepäck, weil man es dort einschließen kann. Betten gibt es zwar auch, aber drinnen wäre es zu heiß zum Schlafen. Gekocht wird ebenfalls draußen. Eine kleine Mauer begrenzt den Küchenbereich. Eine Toilette ist außerhalb von der Hofmauer, es ist ein plumsklo mit angeblich vielen Spinnen und ab und an einem giftigen Skorpion. Deshalb machen alle das kleine Geschäft einfach hinter dem Haus an der Mauer. Viel mehr gibt es zu der Unterkunft nicht zu sagen. Drinnen wohnen Kobra, die Gastmutter, und Surazu, der Vater. Er hat noch eine weitere Frau, die auf seiner Farm mit den Kindern von beiden Frauen lebt.
Nun zum Projekt. Gestern haben wir alle gemeinsam unterrichtet. Zunächst laufen wir die paar Meter zur Schule, wo die Kinder schon freudig auf uns zuspringen. Dann wird ein „Assembly“ durchgeführt. Eines der ältesten Mädchen leitet es. Dann gehen alle in ein Zimmer. Die anderen Volontäre haben Zahnbürsten mitgebracht. Wir erklären den Kindern was es ist und was man damit macht. Jeder bekommt eine Zahnbürste und etwas Zahnpasta. Alle putzen gemeinsam die Zähne. Das ist nun das neue morgendliche Ritual. Anschließend werden die Kinder in Klassen eingeteilt. Die alten Volontäre haben mir die „Babyklasse“ (3 Kinder zwischen 3 und 6) gegeben, weil sie nie wissen was man mit denen machen kann. Angeblich können sie bis 10 zählen. Zählen ja. Aber mit den Zahlen können sie nichts verknüpfen. Weder die geschriebene 1 mit dem Wort „one“, noch das Wort mit der Anzahl an Steinen.
wpid-img-20141118-wa0013.jpg ich in der Babyklasse
Die erste Stunde habe ich damit verbracht, mit meinen Fingern die Zahl zu zeigen, die sie sprechen und mit Kieselsteinen die Zahlen auf den Boden zu legen. Es ist ein leeres Zimmer. Eine Tafel ist an der Wand und die aktuellen Volontäre haben einiges an Materialien gekauft. Wir sitzen auf dem Boden. Angeblich sollen seit 3 Wochen Stühle und ein Tisch geliefert werden. Sagt unsere Organisation. Aber das heißt nix hier in Ghana. Es ist Pause. Alle rennen raus. Mit zwei Wassertonnen, einem Stuhl und einem Erdhaufen werden die Tore augestellt. Jetzt wird Fußball gespielt. Auch die Mädchen spielen mit. Marie, die Belgierin fragt mich, ob ich mitspiele, ich sage ja. Sie spielt auch mit. Die anderen 4 von uns sitzen im Schatten und schauen zu. Dort sind 40 Grad. Ich schaue auf meine Schuhe. Verdammt, ich hätte heute morgen doch meine Turnschuhe anziehen sollen. Dieser Kieselboden tut barfuß echt weh und in Flip-flops Fußball spielen? Ach was soll’s, die Kinder hier spielen auch alle in Flip-flops, also kann ich das auch. Vielleicht ist es sogar besser so. Dann spiele ich mit den gleichen Voraussetzungen. Ich habe es eh viel besser als sie. Allein deshalb, weil ich mehr als ein Set Kleider habe. „Auntie, goalkeeper“, natürlich wisst ihr was meine Position ist. Das Spiel beginnt. Nach etwa 10 Minuten im Tor und 2 Minuten als Feldspieler schieße ich das 2:1 für mein Team und gebe auf. Zu heiß. Marie hat schon vor mir aufgehört. Keine Ahnung woher die Kleinen die Kraft nehmen bei den Temperaturen zu rennen, aber mir ist es definitiv zu heiß.
wpid-img-20141118-wa0016.jpg leine Pause vom Lernen
Nach dem Spiel gibt es noch Kekse, Äpfel und Cola für die Kinder bevor es wieder in die Klassen geht. Alles von den anderen Volontären selbst gezahlt. Ich hole drei Papiere, Bleistifte, Kreide und setze mich auf den Boden. Ich mal mit der Kreide auf den Boden, was die Kleinen nachzeichnen sollen.
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„Auntie, auntie“, rufen sie sobald sie etwas auf’s Papier gebracht haben. Bei den einen sieht es besser, bei den anderen schlechter aus. Lernpotential ist auf jeden Fall da. Um 12 Uhr ist Schluss. Es gibt erneut eine Versammlung und die Kinder singen und tanzen, bevor es nach hause geht. Dort werden sie den restlichen Tag arbeiten müssen. Ein größeres Mädchen kommt und ich verabschiede mich von ihr
– „see you“
– „no, you will leave tomorrow“
– „but I will come back in two weeks“
– „sure?“
– „of course!!“
Sie strahlt und umarmt mich. Ja, ich habe mich definitiv entschieden. Hier kann ich wirklich helfen. Hier werde ich wirklich gebraucht. Auch, wenn es schwer wird, aber diese Kinder brauchen mich wirklich!

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Veröffentlicht in Ghana

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