Meine Arbeit als Pädagoge in Ghana

Es ist nicht immer einfach für mich im Waisenhaus. Nicht nur weil ich hier in einer anderen Kultur bin, sondern auch deshalb, weil ich hier nicht als Volontär ohne Vorkenntnisse arbeite. Viele Volontäre, die mit mir arbeiten sind direkt nach dem Abitur hergekommen. Ich nicht. Ich bin eine Pädagogin. Habe ein Studium der Frühpadagogik hinter mir und Vieles über die Entwicklung der Kinder gelernt. Sowie über Zusammenhänge von Verhaltensweisen. Genau das wird hier zu meinem Problem. Ich bin nicht hier, um den Frauen hier zu sagen, dass alles falsch ist was sie machen. Das stimmt eh nicht und das will ich auch nicht. Aber manchmal könnte man doch etwas feinfühliger mit den Kindern umgehen. Oder auf ihre Signale achten. Oder mir wird einfach klar, wieso keines der Kinder sprechen kann. Rabea fragt mich nach meiner Erklärung dafür. Ganz einfach. Wenn ein Kind immer nur Flüssignahrung bekommt, muss es nicht kauen. Wer nicht kaut, verwendet keine Kaumuskeln. Und die Muskeln, die zum Kauen verwendet werden sind dieselben wie die zum Sprechen. Ist nun allen klar wieso keines der teilweise 2 jährigen Kinder sprechen kann? Sie bekommen nur Milch als Nahrung. Gemischt mit Getreide oder was auch immer, aber es ist immer flüssig. Was kann ich ändern? Nichts. Oder falsch. Ich kann nichts an der Beschaffenheit ihrer Nahrung ändern. Ich kann aber mit ihnen Sprachtraining machen. In der Zeit, in der nicht gewickelt oder gefüttert wird, sind wir Volontäre allein im Raum und beschäftigen uns mit den Kleinen. Ich fange nun mit Routinen an. Jeden morgen singe ich mit den Kindern ein Lied aus dem englischen Liederbuch, das ich mitgebracht habe. Ja ich weiß, ich kann nicht singen, aber ich dachte auch ich kann nicht schreiben, aber mich haben mittlerweile viele für meinen Schreibstil gelobt. Und die Kinder hören zu, wenn ich singe. Und sind ruhig. Mal sehen was ich noch erreichen kann.
Achja Sprachtraining. Ich versuche nicht nur mit dem Singen den Kindern die Sprache näherzubringen. Sie sollen selber sprechen. Mein Lieblingskind hier ist Denta. In vielen Einrichtungen in Deutschland würde man „Problemkind“ sagen, ich mag diese Bezeichnung aber nicht. Denta ist 6 Monate alt und schreit nie. Gibt nie einen Laut von sich, außer wenn sie sehr hungrig ist oder von den Müttern gewaschen wird. Aber das zählt nicht. Da schreien alle. Ich nehme also Denta, lege mich auf den Rücken, strecke meine Arme mit Denta in Luft und schaue sie an. „Aaaaah“ wiederhole ich immer wieder. Nach einiger Zeit reißt sie ihren Mund auf, aber es kommt kein Ton heraus. Tamara lacht und sagt „Denta sieht aus wie ein hängender Affe“. Lass mich Ruhe ich arbeite! Mir egal wie ich oder das Kind dabei aussieht. Ich wiederhole den Laut noch so lange, bis Denta „aaaah“ ruft. Es ist zwar ein leises a, aber für so ein kleines Wesen ist das was Großes. An diesem Tag höre ich ihr „a“ immer wieder. Ich freue mich. So sehen meine kleinen Erfolge aus.
Dann gibt es noch eine zweite Baustelle, an der ich arbeite. Die Natur. Die Kleinkinder mit denen wir arbeiten, sind 24h am Tag, 365 Tage im Jahr in diesem einen Raum. Bis sie mit etwa 3 Jahren zu den Größeren kommen. Meine erste Frage an die Volontäre aus Dänemark, die schon seit einigen Monaten dort arbeiten lautete „do they go out sometimes?“ Nein, selbstverständlich nicht. Ist den Müttern zu kompliziert. Aber wir waren zu dem Zeitpunkt 9 Volontäre. Auf 15 Kinder. Von so einem Fachkraft-Kind-Schlüssel träumt jede Krippe in Deutschland. Gut wir sind nicht Fachkräfte. Aber rausgehen könnten wir trotzdem. „The mothers don’t like it!“ Wieso? Haha als ob. Mittlerweile weiß ich, dass die Däninnen einfach zu faul dafür waren, denn ich habe bis jetzt drei mal die Angestellten gefragt, ob ich mit zwei Kindern rausdarf und noch kein Nein bekommen. Rabea hab ich auch schon rausgeschickt. Nur mit meiner Erlaubnis. Sie hat erst gezögert, ist aber begeistert zurückgekommen. Natürlich. Alles kein Problem. Die sind hier alle froh, dass wir uns um die Kinder kümmern. So schnell sagen die nichts. Ab sofort gehe ich jeden Tag mit zwei Kindern raus. Die brauchen das. Natur beruhigt. Natur kräftigt das Immunsystem.
Aber die Arbeit nicht immer so spaßig. Ich meine damit nicht Momente, wenn alle Kinder schreien. Damit kann ich umgehen. Tamara zum Beispiel ist da schneller gestresst. Ich habe aber Geduld. Ein größeres Problem habe ich damit, wenn die Mütter die Kinder füttern. Eigentlich machen das die Volontäre oder die Kinder können es allein. Gestern hatte ich Duki, die sehr krank ist, beim Füttern. Sie hat vielleicht 20ml aus der Trinkflasche genommen und dann verweigert. Komplett. Ich zwinge kein Kind zum Essen, schon gar nicht, wenn es krank ist. Ja es braucht Essen, um wieder zu Kräften zu kommen, aber wenn es den Mund zudrückt, kann ich auch nichts machen. Ein Fehler. Denn jetzt nimmt die Mutter mir Duki ab und sagt sie will es versuchen. Zu zweit, eine andere Mutter hält das anderthalbjährige Kind fest, presst sie ihr die Milch in den Hals. Duki schreit, aus vollem Leib. Ich kann nicht zusehen. Duki schaut mich mit großen Augen an. Ich kann nichts machen. Jemand gibt mir die schreiende Suria auf den Arm. Ich gehe mit ihr ins Nebenzimmer. Sie hört auf zu schreien. Ich höre aber Duki. Gurgeln, schreien, würgen. Ich möchte weg. Kann aber nirgends hin. Hier gibt es keine Türe zu schließen. Ich höre nur Duki schreien. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Wann nimmt es ein Ende. Tamara leidet genau wie ich. Sie zieht danach Duki aus, denn sie ist voll mit Milch. Ich nehme die schreiende Duki auf meinen Arm. Sie ist still. Auf einen Schlag. Ich spüre ihren schnellen Herzschlag. Sie atmet und hustet gleichzeitig. Tamara fragt mich ob ich ein Tuch brauche. Ich glaube es geht so. Duki würgt. Und raus. Über meinen Arm die ganze Milch nach draußen. Macht mir nichts, wir werden hier täglich angespuckt. Aber wieso musste das sein? Die Situation hat das arme kranke Kind unnötig gestresst. Und die Milch hat es auch nicht behalten. Immer dasselbe. Die Frauen sehen das doch auch. Verstehe ich nicht. Jeden Tag spucken fast alle von den Kleinen wieder einiges aus. Zurück zu Duki. Beim Waschen schreit sie wieder und ist erst still, als ich sie auf den Arm nehme. Duki schläft in ihrem Bett ein, während meine Hand auf ihrem Rücken liegt. Geschafft. Ich bin fix und fertig.

wpid-img_6065.jpg Meine Geschwister
Zu hause wartet mein nächstes Projekt. Die Lehrer streiken immer noch und meine drei Geschwister sitzen den ganzen Tag im Haus. Nicht mal in Hof gehen sie. Wir haben ihnen Bälle, ein Tor und einen Basketballkorb geschenkt. Steht alles in der Ecke. Jeden Tag fragt mich David als erstes „do we go for a walk?“ Ja lass mich nur kurz was essen! Ich beiße in einen Apfel und sage zu den dreien „let’s go“. Jede Mittagspause mache ich mit ihnen Spaziergänge durch das Viertel. Angefangen mit dem Spiel „Seht ihr die Palme dort vorne? Wer ist als erster dort?“

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Beim ersten Spaziergang waren sie noch zögerlich und wollten immer zurück, beim zweiten Mal hat Rejoice mit dem Spiel angefangen bevor ich das Tor hinter mir geschlossen hatte „do you see this black door?“ und weg waren sie, ich hinterher. Tamara und Rabea lieben mich für diese Ausflüge. Sie haben endlich mal Ruhe von Kindern. Mir macht es eh Spaß. Aber anstrengend ist es trotzdem. In der Mittagshitze, unter der afrikanischen Sonne Wettläufe zu veranstalten ist vielleicht nicht das Gesündeste, meiner Meinung nach aber das Beste was ich tun kann. In manchen Ecken weigert sich Rejoice weiterzulaufen. Sie meint dort wären Diebe. Was ihre Eltern ihr darüber erzählt haben weiß ich nicht. Als ich weitergelaufen bin hat sie mich mit Tränen in den Augen angefleht umzudrehen. Ich weiß zwar nicht was die Diebe außer unseren Flip-flops klauen könnten, aber ich will sie nicht so gequält sehen und bin umgedreht. Ja wir rennen in Flip-flops. Die Kinder haben mir das beigebracht. Geht auch in dem Gelände hier. Ihr einziges festes Paar Schuhe ist nämlich nur für die Schule. Also rennen wir in Flip-flops.

wpid-img_6079.jpgWettrennen zum nächsten Haus

wpid-img_6069.jpg Hier geht’s lang

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 Die Landschaft in unserem Viertel

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Eidechsen.Überall. Große, kleine, dunkle, helle. Überall. Auf der Mauer. Auf dem Auto. Auf den Steinen. Im Gras. Aber zu schnell für mich. Habe nur den Kopf erwischt.

Wie ihr seht arbeite ich nicht nur im Waisenhaus als Pädagogin, sondern auch in der Familie. Oder wie Mavis sagen würde „your sister takes you for a walk“. Spaziergang klingt gut, sie muss ja nicht wissen, dass wir rennen. Das ist nämlich verboten. Ja ich weiß, ich verstoße grundsätzlich gegen alle Regeln. Aber wenn die Regeln doof sind, was bleibt mir anderes übrig?

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Veröffentlicht in Ghana

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