„Dinner in the dark“ oder das Leben ohne Strom und fließend Wasser

Schon mal Essen im Dunkeln gehabt? Damit meine ich kein Abendessen unter freiem Himmel. Da ist es immer noch hell. Ja glaubt mir. In Europa strahlen die Städte viel zu viel Licht aus, als dass es mal wirklich stockdunkel ist. Hier in Afrika ist das Alltag. Stromausfall. Oder wie man hier sagt „light is gone“. Nein, man spricht nicht von der gesamten Elektrizität, sondern nur vom Licht, denn Licht ist das Wichtigste am Strom. Ja ohne Strom läuft auch kein Computer. Aber so was braucht man hier nicht. Ja ohne Strom läuft auch kein Kühlschrank. Aber der wird in der Zeit mit Strom so stark aufgedreht, dass er nach 10 Stunden ohne Strom immer noch kühlt. Ja ohne Strom kann man keine Handys laden. Deshalb sollte man sein Handy immer dann laden, wenn es Strom gibt und nicht dann, wenn der Akku leer ist. Ist noch nicht so meine Stärke. Das Problem ist nämlich, dass man sich nicht nach der Uhr richten kann. Gestern wurde der Strom um 7 Uhr morgens abgedreht, heute um 18 uhr abends, morgen vielleicht um 12 uhr mittags und danach? Man weiß es nicht. Das ist Afrika. Unvorhersehbar, unberechenbar und zu jeder Zeit aufregend!

Aber es gibt noch ein zweites Phänomen, das genauso unberechenbar ist wie der Stromausfall. Fließendes Wasser. Das Wasser, das aus dem Hahn, dem Duschkopf und der Klospülung kommt. Kommen sollte. Eigentlich haben wir hier in unserem Haus in Mampong fließendes Wasser. Aber nur eigentlich. Aber das Wasser kommt genauso unzuverlässig wie der Strom. In welchem Zusammenhang die beiden stehen, weiß ich noch nicht. Bin aber am Forschen. Das Wasser fällt normal ein bis zwei Stunden nach dem Stromausfall weg. Und kommt auch erst einige Stunden nachdem wir wieder Strom haben wieder zurück.

Die erste Frage, die wir stellen, wenn wir abends heimkommen lautet „is the water running?“ Denn die Sache mit dem Strom können wir selber feststellen. Sitzt unsere Familie im Dunkeln auf dem Sofa oder scheint die Lampe. Denn es wird hier ziemlich schnell dunkel. 17:45 Uhr geht die Sonne unter und 18:15 Uhr ist es stockdunkel. Aus diesem Grund arbeiten wir auch nur bis 17:45 Uhr, oder spätestens bis 18 Uhr. Aber das kann man nie vorhersehen. Es hängt immer davon ab, wann die Mamas (so werden die angestellten Frauen im Waisenhaus genannt) das Abendessen für die Kleinkinder bringen. Heute waren sie spät dran. Das Problem daran ist nicht nur, dass wir anschließend im Dunkeln heimlaufen müssen, sondern wir nichts mehr bei der Arbeit sehen, wenn wir keinen Strom haben. So wie heute. Wir waren nur vier Volontäre und das Essen kam erst gegen halb 6. Wir haben die Betten schon vorbereitet und Pampers sowie Schlafanzüge und Decken hineingelegt. Die Kinder füttern war noch kein Problem. Wir hatten Licht. Wir haben also alles gesehen. Beim Essen machen wir auch keinen Zeitdruck, denn sonst kommt alles wieder raus. Aber beim anschließenden Wickeln haben wir Fließbandarbeit gemacht. Zwei ziehen die Kinder aus, die Mama wäscht und cremt die Kinder und zwei andere bringen sie in die Betten und ziehen ihnen Pampers und Body an. Eine davon war ich. Ich lege gerade Fedarus ins Bett und plötzlich macht es KLICK. Licht aus. Och nee. Ich sehe nichts. Da ist die Pampers. Wo ist der Verschluss. Fedarus nicht wegkrabbeln! Und dann fangen die Probleme an. Rabea ruft „wen habe ich?“ Ja versucht mal ein Kind im Dunkeln zu identifizieren. Ja ich erkenne sie mittlerweile relativ gut an ihrem Schreien und Lachen, aber dazu muss ich sie erst mal kriegen.
Problem 1: Welches Kind habe ich?
Problem 2: Wo ist sein Bett?
Problem 3: Wo ist die Windel?
Problem 4: Wie muss ich den Body anziehen?
Problem 5: Befestige das Moskitonetz!
Sind all diese Probleme gelöst, dürfen wir gehen. Zunächst kein Problem, denn wir laufen auf der Hauptstraße, also auf Asphalt. Aber dann biegen wir ab und laufen auf der unebenen Sandstraße. Dauernd geht es auf und ab. Jeder stolpert mal. Aber mittlerweile kennen wir die Straße gut und wissen wann wir wo die Straßenseite wechseln und wo tiefe Gräben sind. Wir sind da. Mavis sagt uns, dass wir Wasser haben. Ich gehe in mein Zimmer und die Probleme gehen weiter.
Problem 6: Wo sind meine Handtücher?
Problem 7: Ich sehe nichts, wo ist meine Taschenlampe?
Mittlerweile hat meine Taschenlampe eine festen Platz. Das ist äußerst wichtig für solche Tage. Spart unendlich viele Nerven. Eigentlich sollte alles einen festen Platz haben, aber das ist schwer. Taschenlampe gefunden, Handtücher gepackt. Ich stelle die Taschenlampe in der Dusche in eine Ecke. Sie leuchtet an die Decke und gibt etwas Licht. Wasserhahn aufdrehen. Toll. Kaltes Wasser. Und das ist nicht ironisch gemeint. Bei diesen Temperaturen gibt es nichts Schöneres als eine kalte Dusche.
Problem 8: Shampoo in die Hand tun, ich sehe nicht wieviel herauskommt
Alles andere ist in der Dusche kein Problem. Ich habe ja heute Wasser von oben. Aus dem Duschkopf. An anderen Tagen gibt es halt die Eimerdusche. Mittlerweile auch Routine. Auch kein Problem damit meine Haare zu waschen. 3min und fertig. Eimer fast leer.
Dann gehen die Probleme aber im Zimmer weiter. Ich habe keine Lust die Taschenlampe die ganze Zeit in der Hand zu halten, also lege ich sie auf das Bett.
Problem 9: Ist das der Moskitospray?
Problem 10: Wo ist die Öffnung?
Das sind alles Kleinigkeiten, aber im Dunkeln werden sie zu einer Herausforderung. Ich taste am Sprühkopf nach der Öffnung. Routine. Mittlerweile.
Problem 11: Wo ist vorne und hinten am T-Shirt.
Ja ihr sagt euch jetzt ich hab doch eine Taschenlampe, aber so viel Licht gibt die auch nicht und manchmal lasse ich sie aus und spare die Batterie für Situationen, wenn ich sie wirklich brauche.
Problem 12: Wieso ist meine Jogginghose nicht auf dem Bett dort wo sie immer liegt? Taschenlampe in die Hand. Ah auf dem Rucksack liegt sie ja. Ich bin angezogen.

Das Essen kommt. Mavis bringt mir einen Teller. Vorsichtig legt sie mir in Hände und wartet, bis sie spürt, dass ich ihn festhalte. Ich leuchte kurz mit der Taschenlampe auf den Teller. Yam mit Salat. Ich nehme die Gabel in die Hand und esse. Für ein „Dinner in the dark“ zahlt man in Deutschland 80€ erklärt mir ein Kumpel. Hier ist es umsonst. That’s africa.

Tagebuchschreiben. Ich lege mich auf das Sofa. Ja einen Tisch gibt es nicht an dem man Schreiben kann. In der linken Hand die Taschenlampe in die rechte Hand den Stift. Es fängt an zu winden. Es blitzt. Ein Sturm kommt. Ja heute war es sehr heiß und jetzt regnet es in Strömen. Es trommelt auf das Dach.

Das ist mein Alltag. Meine täglichen Herausforderungen. Das ist mein Leben in Ghana.

wpid-img_6086.jpg
hier gehe ich immer duschen

wpid-img_6088.jpg
unser großes Badezimmer

wpid-img_6087.jpg
das Wohnzimmer im Hellen

wpid-img_6089.jpg
das Schlafzimmer von meinen Geschwistern

Advertisements
Veröffentlicht in Ghana

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s