Von der Küste ins Landesinnere in die Ashanti-Region – 15. Oktober

Heute geht es für Rabea (Schweizerin) und mich erst nach Kumasi ins Landesinnere und dann weiter zu unserer Gastfamilie nach Mampong. Wir sind im selben Projekt.

Wir sitzen im Bus nach Kumasi. Die einzigen Weißen. Muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Es steigen zwei Mütter mit ihren Kleinkindern ein. Ich habe die Kleinen während der 5-stündigen Fahrt kein einziges Mal gehört. Wieso denn auch. Wenn die Mutter entspannt ist, ist auch das Kind entspannt. Wieso sollte es schreien.

Palmen. Überall Palmen. Große, kleine, Fächerpalmen, Bananenstauden. Alles buntgemischt. „It is so green“ sagt Rabea erstaunt. Sie hat Recht. Links und rechts von uns ist nur Wald. Regenwald? Vielleicht. Manchmal ragen einzelne Bäume aus dem Blätterdickicht heraus. Dünne lange Stämme mit einer kleinen Krone.

Hupen. Andauernd. Wir überholen einen Lastwagen – tut tut. Hupen ersetzt das Blinken, aber auch in anderen Situationen wird die Hupe betätigt. Ein Mann läuft am Straßenrand – tuuut. Ein Bus kommt entgegen und wir grüßen ihn – tut tuut tuuuut. Wir scheren aus und überholen ein motorisiertes Zweirad – tut. Ein Auto kommt vom Straßenrand auf unsere Spur – tuuuuuuuut. Ein Bus kommt entgegen – tut tuuuut tut tut. Unserem Busfahrer macht es Spaß! Er lacht. 5 Stunden lang höre ich nur Hupen. Ich kann es nicht mehr hören. Ich hasse Hupen. Ich glaub ich kann nie wieder eine Hupe betätigen. Schrecklich.

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Immer wieder hört der Asphalt auf. Rote Schotterpiste. Überall Staub. Wir hüpfen auf und ab. Wir fahren durch Dörfer. Überall Straßenstände. Zuerst vor allem Benzin und Autoersatzteile. Dann kommen viele Stände mit Obst und Gemüse. Ich schau zum Fenster raus und bewundere die Landschaft. Ich schlafe ein und wache mitten in Kumasi wieder auf. Stadtverkehr. Neben uns Männer auf Inlineskates. Hängen sich an die Autos dran. Springen auf einen Wagen auf. Hängen sich wieder dran. Ein Mann hat nur am linken Fuß einen Rollschuh. Er hat etwas in der Hand? Will er Autos waschen? Während dem Fahren? Verrückt.

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Kurze Einweisung im Büro unserer Organisation, dann geht es weiter.

Wir gehen mit unserer Gastmutter zum Taxi. Im Kofferraum ist bereits ein großer Karton. Unsere Gastmutter will ein anderes Taxi. Aber der Fahrer meint es geht. Er packt meine beiden Rucksäcke in den Kofferraum. Also zur Hälfte. Die andere Hälfte hängt heraus. „It’s ok!“ Natürlich. Wir sind in Afrika. Wieso sollte man einen Kofferraum schließen, wenn man mehr einpacken kann, wenn er offen ist? Na dann. Rabea’s Rucksack kommt zwischen uns. Wir fahren durch die Innenstadt. Naja fahren ist was anderes. Vielen Menschen laufen über die Straße vor und hinter uns. Ich habe das erste Mal wirklich Angst um mein Gepäck. Aber wieso? Ghanaer sind freundliche Menschen. Es ist ein friedliches Land. Man stiehlt nicht. Das ist verpönt. Jeder, egal wie arm, bettelt nicht, sondern versucht etwas zu verkaufen. So dass ein Tausch stattfindet. Materialien gegen Geld. Auch wenn es nur alte Autoreifen sind. Oder eine Dienstleistung. Sie waschen dein Auto, während du im Stau stehst. Es gibt wirklich alles. Aber keine bettelnden Menschen. Ich bin sprachlos.

Der Taxifahrer hält an. Unsere Gastmutter seigt aus. Sie sagt, sie geht Klopapier kaufen. Wir sollen aussteigen. Wieso? Fahren wir nicht mit dem Taxi nach Mampong? Der Taxifahrer schmeißt unser Gepäck aus dem Auto. Vor unsere Füße. Wir stehen am Straßenrand. Ein Gepäckberg vor uns. Hinter uns die Straßenstände. Vor uns der Feierabendverkehr. Rabea fragt mich, was wir hier machen. Weiß ich doch nicht! Wohnen wir hier? Nein Rabea, wir sind mitten in Kumasi, wir müssen nach Mampong. „But how?“ Von wo soll ich das wissen? Ich versuche uns nur gut zuzureden. Unsere Gastmutter kommt. Wir sollen das Gepäck tragen. Sie nimmt unser Handgepäck. Wir unsere Rucksäcke. Wir laufen. Durch die Menschenmassen. Treppen runter. Stop. Sie spricht mit Männern. Einer zeigt auf sein Auto. Oh jetzt verstehe ich. Wir fahren mit einem Trotro nach Mampong. Ein Minivan mit Platz für 12 Leute. Meist sind mehr drin. Wir müssen warten bis der Van voll ist. Eine halbe Stunde? Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Es ist heiß. Wann ist der Van endlich voll? Wir fahren los.

Wir fahren durch die Slums. In Europa würde man es „Flussbett“ nennen, hier nennt man es Straße. Wir fahren langsam. Fallen von links nach rechts im Van. Und von rechts nach links. Manchmal hüpfen wir. Die Fahrt durch die Slums dauert eine Stunde. Blechdächer. Verrostete Blechdächer. Überall. Ziegen laufen durch die Straßen. Kinder in jedem Alter. Am Straßenrand. Aber keine Angst. Die Kinder hier wissen wo ihr Aktionsradius ist. Wo sie spielen dürfen und wo nicht. Kein Kind rennt auf die Straße. Kein einziges. Und keines fällt in die Straßengräben. Die Straßengräben sind hier relativ tief, betoniert und schmutziges Wasser vermischt mit viel Plastik fließt hindurch. Aber wie gesagt, kein Problem für die Einheimischen, da stolpert niemand herein. Das ist nur unserer Mitreisenden Deutschen in Accra passiert. Aber nicht den Kindern. Ein 1,5 Jahre altes Mädchen im rosa Kleid. Sie hebt einen Gummiring auf. Sie entdeckt den Reifenhaufen. Sie klettert hoch. Auf die staubigen Reifen. Ich kann sie nicht mehr sehen. Jedes Kind macht sein Umfeld zu seinem Spielplatz. Egal wie das Umfeld aussieht.

Wir fahren weiter. Einige 6-jährige Mädchen stehen im Kreis. Das rechte legt sich eine Puppe auf den Rücken und bindet diese mit einem Tuch um sich. Wie ihre Mutter ihre Schwester trägt. Sie muss üben. Bald wird sie ihre Schwester tragen müssen. Das Mädchen entdeckt mich im Van. „Obruni, obruni“ schreit sie und zeigt auf mich. Die anderen drehen sich um. Alle winken und lachen. Ich winke zurück. Lächeln tu ich eh die ganze Zeit.

Kurze Zeit später. Zwei Frauen unterhalten sich. Die eine entdeckt mich. Ihr Gesicht beginnt sofort zu strahlen. Sie winkt. Ich winke zurück. Ich weiß ich bin etwas Besonderes. Aber hier kommt das extrem zum Vorschein.

Drei Kinder, zwei einjährige Mädchen und ein Junge, 5, stehen am Straßenrand. Unser Fahrer hupt. Sie sind zu nah. Wir fahren vorbei. Der Junge nimmt seine Schwestern an die linke und rechte Hand und überquert mit ihnen die Straße. Verantwortung übernehmen. Das lernen die Kinder hier sehr früh.

Ein Haus im Rohbau. Das Dach besteht nur aus Holzstreben. Ein Mann sitzt ganz am Rand. Er sägt. In 5 Meter Höhe. Ohne Gerüst unter sich. Er ist total entspannt.

Es ist fast dunkel. Eine Zahlstelle. Wir kommen zum Stehen. 10 Frauen versammeln sich um uns herum. Alle bieten Lebensmittel an. Wasser. Frische Früchte.

Es ist stockfinster. Mavis, unsere Gastmutter sagt, dass wir jetzt in Mampong sind. Ich sehe nichts. Stromausfall? Sie hatte es vorher schon erklärt „no light“. So nennt man es hier. Licht ist das Wichtigste am Strom. Wir steigen aus. Stehen auf der Straße. Ich schaue nach oben. Sterne. Viele Sterne. Sie strahlen so hell. Ah da ist die Milchstraße. Wow.

Eine Frau läuft an uns vorbei. Sind das Zwillinge? Sie hat ein Baby auf dem Rücken, eins vorne. Gebunden. Versteht sich.

Wir steigen in ein Taxi ein. Tiere. Es riecht nach Tieren. In dem Taxi wurden vor uns Tiere transportiert. Ich weiß nicht welche. Aber es riecht nach Tieren. Wir verlassen die asphaltierte Straße. Schotterpiste. Sandstraße. Mischung aus beidem. Ich sehe eine Palme links von mir. Das Taxi hält an. Ich sehe nichts. Tor wird aufgemacht. Drei Kinder rennen auf uns zu. Nehmen uns das Handgepäck ab. Fragen nach unseren Namen.

Wir kommen ins Wohnzimmer. Ein großer Raum. Ein großer Flachbildschirm. Unser Zimmer: zwei Betten, zwei Moskitonetze. Ein Schrank. Ein großer Schrank.

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Kein Licht, kein Strom, kein fließend Wasser heute. Seit 3 Tagen nicht. Aber morgen wieder. Sicher.

So habe ich mir Afrika vorgestellt. Nur haben wir sowohl Strom als auch fließend Wasser erwartet, weil es in den Unterlagen stand. Auf Papier. Papier ist hier nichts wert. Nur Wasser. Da im Eimer. „Do you want to take a shower?“

Alle sind glücklich, heißen uns willkommen. Auch die andere Schweizerin. Wir sind alle ein Teil der Familie.

„We have all the same red blood in us. We are all the same. It doesn’t matter if black or white, if german, switzerland or ghanaian!“

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Veröffentlicht in Ghana

4 Gedanken zu “Von der Küste ins Landesinnere in die Ashanti-Region – 15. Oktober

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