Unterschiedliche Erziehungsmethoden treffen aufeinander – 17. Oktober

Zweiter Tag im Waisenhaus. Ich kenne die ersten Namen.

Daniel – der älteste in der Gruppe (2 Jahre)

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Daniel läuft in meinen Flip-flops. Er kann sie sich alleine anziehen und in ihnen laufen!
Abdena – Strahlekind, ihr Lachen ist ansteckend
Monica – kraftiges Baby
Emanuel – liebt es gekitzelt zu werden
Siria – die jüngste und kleinste, wiegt quasi nichts. Kann mit ihren
Fingern meinen kleinen Finger nicht ganz umfassen (2 Monate alt)
Fenca – liebt es auf meinem Arm zu liegen und die anderen zu beobachten
(4 Monate alt), schreit nie
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Eine Fachkraft kommt und fragt wer bei den größeren helfen kann. Rabea und ich gehen. Ein kleiner Raum. 15 Kinder zwischen 3 und 5 Jahren. Alle rennen auf uns zu, umarmen uns und rufen „obruni“. Ich kläre sie auf und antworte „Anne“. Die Kinder rufen „Anne“. Im Gegensatz zu den Erwachsenen fällt es ihnen leicht meinen Namen auszusprechen. Eine Frau, Lisbeth (glaube ich zumindest) neben uns ölt die Kinder ein. Rabea und ich ziehen ihnen die Schuluniform an. Lisbeth schreit die ganze Zeit die Kinder an. Ich verstehe nichts. Ein Mädchen mag die Schuhe nicht, die mir für sie gegeben worden. Sie rennt weg. Ich hole sie zurück. Die Frau schimpft. Das Mädchen sitzt auf meinen Schoß. Lisbeth gibt ihr einen Schlag auf den Hinterkopf und schimpft mit ihr. Das Mädchen weint. Ich ziehe ihm die Schuhe an und versuche sie zu beruhigen. Sie steht weinend auf. Das nächste Kind wird mir gegeben. Lisbeth gibt den kleinen frische Windeln. Die Kinder liegen auf einer Matte vor ihr zwischen den Füßen. Ein Junge strampelt. Sie schlägt ihm zwei Mal auf den Rücken.
Der letzte Junge kommt zu mir. Gerade mal drei Jahre alt schätze ich. Ich ziehe ihn an. Habe keine Schuhe für ihn. Er steht auf, geht zu Lisbeth. Sie wirft mir ein Paar Schuhe zu, packt den Jungen am Arm und schleudert ihn zu mir. Er fängt an zu weinen. Ich setze ihn auf meinen Schoß, ziehe ihm die Schuhe an und versuche ihn zu beruhigen. Ich rede mit ihm. Er hört auf zu weinen. Er klammert sich an meine Hände. Lisbeth sagt „let’s go“. Der Junge steht auf, schaut mich traurig an und geht.

Wir gehen zurück zu den Kleinen. Es ist Essenszeit. Wir füttern die Kleinen mit Milchfläschchen. Oder was auch immer drin ist. Der Junge auf Rabeas Schoß erbricht alles. Die Angestellten zwingen die Kinder schnell zu trinken. Und viel zu trinken. Und alles zu trinken. Immer wieder erbricht ein Kind. Den ganzen Tag über. Ich setze das Fläschchen von Denca ab, drehe sie um, lege sie auf meinen Arm und massiere ihren Rücken. Ein paar Minuten später gebe ich ihr den Rest zu trinken. Ein bisschen was nimmt sie. Dann gibt sie mir verstehen, dass sie satt ist. Ja ich kann ihre Mimik wahrnehmen. Es bleibt was übrig im Fläschchen. Ich frage die Fachkraft ob es so ok ist. Sie sagt ja. Puh. Ich stehe auf. Drehe Denca auf den Bauch und laufe mit ihr durch den Raum. Die Kinder werden gewaschen und gewickelt. Wir legen sie in ihre Betten. Denca hat das Trinken behalten. Diesmal. Überall sind Milchflecken auf dem Boden. Eine Frau putzt.
Wir dürfen gehen.

Heute habe ich es selbst erlebt, dass in anderen Kulturen andere Gewohnheiten gepflegt werden. Auch in der Erziehung. Es ist ungewohnt, aber ich komme damit klar. Ich versuche einen Weg dazwischen für mich zu finden.

Wir gehen in die Stadt. Überall hört man die Generatoren. Ja ohne Generator hat man heute keinen Strom. Erst morgen um 6 Uhr wieder. Wir haben auch wieder kein Wasser mehr. Hängt mit dem Strom zusammen. Kein Strom zum Wasser durch die Leitung pumpen? Ich weiß es nicht. Aber ich vermute irgendwas in der Richtung.

Nachmittags im Waisenhaus. Die Kinder werden gewickelt. Ich habe Siria vor mir. Und einen Stapel Pampers. Größe 4. Schätze ich. Siria ist keine 40cm lang und gefühlt 5cm breit. Jede Puppe ist größer. Ich kann ihren ganzen Körper in die Windel packen. Ich mache den Body zu. Margit, die ghanaische Fachkraft neben mir, sagt ich muss es ganz eng machen. Sie reißt Siria zu sich, öffnet den Body und testet die Windel. „It’s ok“. Das war so was ähnliches wie ein Lob. Wenigstens das ist überall gleich. Wickeln. Auch wenn es hier schwerer ist, weil für alle Kinder dieselbe Windelgröße verwendet wird. Aber hier in Afrika muss man eben kreativ und flexibel sein.

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Am Abend kommen wir zurück. Immer noch kein Strom und kein Wasser. Es ist stockdunkel. Ja wenn keine Städte rund herum sind, die den Himmel beleuchten, kann es seeeehr dunkel sein. So was kann man sich in Europa gar nicht vorstellen. Ich gehe duschen. Ja auch ohne fließendes Wasser kann man duschen. Ich benutze Wasser aus dem Eimer. Und auch ohne Licht. Ich nehme das Licht von draußen. Reicht aus.

Wir essen zu Abend. Klick. Das Licht geht an. Jetzt schon? Wir sollten doch erst morgen früh wieder Strom haben? Die Regierung war der Meinung 24h ohne Strom ist zu lang. Gute Entscheidung. Klick. Fernseher aus. Licht aus. Ventilator aus. Entscheidungen werden hier schnell zurück genommen. Alle sitzen entspannt auf dem Sofa. Keiner bekommt Panik. Das ist hier schließlich Alltag! Klick Fernseher an. Licht an. Ventilator an. Entscheidungen werden sofort umgesetzt.

Klick. Ich geh schlafen.

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