Mein Alltag in Mampong – 20. Oktober

Ich stelle mir meinen Wecker nicht mehr. Ich wache jeden morgen von allein zwischen 5:45 und 5:57 Uhr auf. Ausgeschlafen. Egal wann ich schlafen gehe. Ich bin hier nie müde. Von wegen Sonne macht müde. Nicht hier.

In der Mittagspause bin ich heute mit Rabea in die Stadt gelaufen. Unterwegs sind wir an dem Shop von unseren Eltern vorbeigekommen und haben Kathy mitgenommen. Die ist heute nicht in die Schule gegangen, weil sie leicht krank ist. Mavis ist ein Stück mitgekommen, weil sie etwas erledigen musste. Kathy läuft an meiner Hand. Sie tritt auf den Bordstein und fängt an zu balancieren. Mavis schimpft mit ihr. Wieso? Wieso darf sie nicht balancieren? Daneben war kein tiefer Graben. Nur Erde.

Mavis biegt ab. Ich schiebe Kathy auf den nächsten Bordstein hoch. Sie schaut mich an, lacht, und läuft los. An meiner Hand, denn alles andere ist zu gefährlich bei dem Verkehr. Ich lächel.

Meine Wasserflasche ist leer. Wohin damit? In ganz Mampong habe ich noch keinen Mülleimer gesehen. Nirgendwo. Doch, es gibt welche zu kaufen. Also kleine für die Wohnung. Aber draußen werfen alle den Plastikmüll eh nur auf den Boden. Ins Gebüsch. Oder in den Wassergraben. Ich schaue auf einen Haufen Müll. Nein ich kann das nicht. Ich klemme die leere Plastikflasche unter den Arm und laufe weiter. Wir kommen ins Zentrum. Rabea kauft Möhren, Äpfel und Bananen. Ich eine kleine Packung Kekse für Kathy und mich. Eine junge Frau ruft zu mir „there is your brother“. Hä was? Ich habe keinen Bruder. Achso sie meint den Mann. Natürlich. Hier sind alle Brüder und Schwestern. Wir quatschen während Rabea einkauft. Dann verabschieden wir uns. „How are you and your little sister?“. Damit meinen sie mich und Kathy. Wie ich gesagt habe, wir gehören zur Familie und sind alle Geschwister. So werden wir auch behandelt. Alle sind so freundlich zu uns.

Wir laufen zurück. Da, bei dem Straßenstand gibt es kleine Mülleimer. Rabea und ich kaufen einen kleinen für das Waisenhaus. Um die benutzten Feuchttücher hineinwerfen zu können. Bis jetzt sind sie auf einem Stapel zwischen unseren Handtaschen gelandet. „How much is this?“ „4 Cedi“, also ein Euro. Eine alte Frau steht vor uns. Sie kann nicht mehr gerade stehen. Nein ich fange nicht zu verhandeln an. Der Preis ist zu niedrig dafür. Die Frau besteht darauf den Eimer in eine Plastiktüte zu packen. Wir versuchen ihr zu erklären, dass wir keine brauchen. Sie ist beharrlich. Wieso bekommt man hier immer, wirklich immer eine Tüte? Das verursacht soooo viel Müll. Der in der Landschaft, in der Natur landet. Wir nehmen den Eimer ohne Tüte. Ich frage die Frau, ob ich ihr meine leere Plastikflasche geben kann. Sie strahlt und sagt „yes, thank you!“ Sie erklärt uns, dass wir ihr alle leeren Flaschen bringen können, sie braucht sie. Ich habe sie glücklich gemacht, indem ich ihr meine Flasche gegeben hat und sie hat mich glücklich gemacht, weil ich den Müll nicht mehr rumtragen musste. Vermutlich füllt sie die Flasche wieder mit Leitungswasser und verkauft sie. Das ist mir egal, ich kaufe nur Wasser aus Flaschen mit einem Plastiksiegel oben drauf. Dann weiß ich, dass ich wirklich Trinkwasser habe und kein Leitungswasser oder sonst was. Ja, stellt euch vor, Leitungswasser und Trinkwasser ist nicht dasselbe. Ich putze auch meine Zähne, nach meinen ersten Magenbeschwerden, nicht mehr mit Leitungswasser. Aber zum Zähneputzen braucht man auch kaum Wasser. Zum Zähneputzen braucht man auch keinen laufenden Wasserhahn. Definitiv nicht.

Heute Nachmittag sehe ich das erste mal, dass die Kinder eine feste Mahlzeit bekommen. Zumindest die Größeren, nicht die Säuglinge.

Eine Frau kommt herein, zwei Schüsseln in der Hand. Die Kinder kommen angelaufen und setzen sich um die Schüsseln. Keiner fasst sie an. In einer Schüssel ist eine Soße, in der anderen etwas Teigähnliches. Die Frau füttert die Kinder mit ihren Fingern.

Rabea kommt mit Siria, der Kleinsten, zu mir. Siria ist auf ihrem Arm. Sie schreit. Rabea schaut mich hilflos an „it’s your turn“. Sie ist lieber mit den Größeren. Sie sagt, mit den Säuglingen kann sie nichts anfangen. Ich lege Siria auf meinen rechten Arm. Genau ihre Größe. Ich stehe auf und laufe mit ihr zum Fenster. Ich sage ihr, sie soll rausschauen. Sie hört auf zu schreien. Siria schaut total konzentriert nach draußen. Das ist die einzige Möglichkeit den Kindern die Natur zu zeigen. Sie sind IMMER in dem einen Raum. Siria liegt ganz ruhig auf meinem Arm. Nein sie wird mir nicht zu schwer, sie wiegt ja nichts. Nach 15min Beobachten ist sie eingeschlafen. Beobachten ist nunmal anstrengend. Ich laufe zurück. Rabea lächelt mich an „so süß die kleine, aber nichts für mich. Du kannst das voll gut.“ Ich setze mich hin.

Nach etwa 15min wacht Siria wieder auf und fängt an zu quengeln. Ich nehme sie hoch und lege ihren Kopf auf meine Schulter. Sie wackelt und rutscht mit dem Kopf herunter. Ich beobachte sie. Mein Gott hat die Hunger. Aber da wird sie nichts finden. Sie saugt an meiner Haut und meinem T-Shirt. Jetzt weiß ich auch, dass selbst Säuglinge dir eindeutig zu verstehen geben, wenn sie Hunger haben.

Wir kommen nach Hause. Mir ist heiß, ich bin verschwitzt und ich habe Hunger. Und Durst. Wir machen das Tor auf. Sehen Taschenlampen im Haus. Och nee. Kein Strom. Also kein fließend Wasser. Die Mutter bringt uns das Essen. Ich leuchte mit der Taschenlampe auf meinen Teller. Pommes und Salat mit Ketchup. Mavis macht für uns oft anderes Essen als für die Kinder. Ich probiere es. Aber Ketchup schmeckt überall gleich. Und mir eben nicht. Mavis fragt mich, ob es schmeckt. Ich antworte ihr ehrlich und frage ob ich dasselbe wie die Kinder haben kann. Sie bringt mir einen neuen Teller mit Bohneneintopf. Oder so was ähnliches. Bohnen und Fleisch ist meiner Meinung nach drin. Ich liebe es. Sie lächelt.

Nach dem Essen gehe ich duschen. Ich stelle die Taschenlampe auf den Rand der Badewanne. Gibt gut Licht. Nur wie lang noch? Ich schaue in den Eimer. Halb voll mit Wasser. Wird schon reichen. Ich seife mich ein und schütte mir mit dem kleinen Eimer Wasser über mich. Es ist kalt. Selbstverständlich. Aber es tut so gut. Kaltes Wasser. Nach dem Abtrocknen kommt der Moskitospray dran. Wie jedes mal muss ich anfangen zu nießen. Irgendwas an dem Spray reizt meine Nase. Beim nießen holt man tief Luft. Also atme ich den stinkenden Spray tief ein. Ich hasse es. Jeden Abend dasselbe. Ich hab bestimmt schon so viel Spray in mir, dass die Moskitos einen großen Bogen um mich machen. Mir Recht.

Noch keinen Moskitostich bekommen. Und das soll so bleiben.

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Veröffentlicht in Ghana

2 Gedanken zu “Mein Alltag in Mampong – 20. Oktober

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