Kirchenbesuch – 19. Oktober

Habt ihr schon mal in der Kirche laut gelacht? Habt ihr schon mal in der Kirche geklatscht? Oder schon mal getanzt? Ich auch nicht – bis jetzt!

Am ersten Sonntag bin ich von lauter Partymusik wachgeworden. Nachdem ich gefragt hatte wo hier eine Party stattfindet, wurde ich aufgeklärt, dass das die Musik aus der Kirche ist. Oh. Kirchenmusik bei der ich Lust zum Tanzen bekomme? So was gibt es? Das muss ich mir ansehen.

Heute, an meinem zweiten Sonntag in Ghana, hat mich meine Gastfamilie mit in die Kirche genommen. Mein erstes Problem: Was zieh ich an? Mavis fragt mich, ob ich ein Kleid habe. Ja das habe ich, aber ich glaub das ist nicht für die Kirche. Ein buntes schulterfreies, fast knielanges Blumenkleid. Ich probiere es an und zeige es Mavis, der Mutter. Sie sagt nur „Wow that’s nice. Take that!“ Ok, wenn sie das sagt. Also machen wir uns auf dem Weg.

wpid-img_5888-1.jpg Die ganze Familie für die Kirche schickgemacht

Wir betreten die Kirche. In drei Ecken sitzen Leute jeweils im Halbkreis um eine Person herum. Mavis erklärt uns, dass das eine Fragerunde ist. Hier kann man Fragen zu Gott und dem Glauben stellen. Wir setzen uns in die Ecke, in der nur Frauen sitzen. In einer anderen Ecke sehe ich viele Jüngere, sowohl Frauen als auch Männer. Sie sehen alle interessiert aus. In der letzten Gruppe sehe ich Richard, unseren Vater, sitzen. Auch hier sind Frauen und Männer gemischt. Ich höre unserem Sprecher zu. Leider verstehe ich nichts. Ich beobachte die Frauen vor mir. Sie tragen alle wunderschöne, bunte Kleider. Viele tragen ein schönes Tuch auf dem Kopf, die anderen haben perfekt frisierte Haare. Draußen sehe ich selten jemand mit Kopftuch. Alle sehen wunderschön aus. Nichts erinnert mich an das triste Schwarz aus unseren deutschen Kirchen. Jeder ist farbenfroh gekleidet. Auch die Männer. Allein diese Tatsache lässt die Umgebung freundlicher erscheinen.

Nach einer halben Stunde nehmen wir unsere Stühle und stellen sie wieder in die Reihe. Der Gottesdienst beginnt.

Ein Mann fängt zu sprechen an. Wie ich später herausfinde, ist es aber nicht der Pfarrer. Er begrüßt die Gemeinde und einige Worte von ihm werden von der Gemeinde wiederholt. Die Gemeinde klatscht zwischendurch. Eine Frau übernimmt das Wort. Sie singt ein Lied mit allen. Dann ist der Pfarrer dran. Er spricht englisch. Er begrüßt uns drei weiße Frauen und heißt uns herzlich willkommen. Er erklärt, dass er in der lokalen Sprache weiterreden wird. Wir verstehen wieder nichts. Ich schaue auf ein Plakat links von mir:
„no prayer – no power
less prayer – less power
much prayer – much power“

Ja der Glaube bestimmt hier alles. Selbstverständlich, schließlich bin ich einer Kirche. Aber mein letzter Kirchenbesuch liegt lange zurück.

Eine Frau tritt nach vorne. Sie trägt ein hautenges, bodenlanges, blaues Kleid, hat hohe Schuhe an und eine schöne Frisur. Sie nimmt das Micro in die Hand. Die Frau strahlt. Automatisch fange ich zu lächeln an. Sie sagt ein paar Worte und fängt zu singen an. Die Musik setzt ein. Außer den gewohnten Instrumenten, sehe ich noch Frauen mit Schellen (heißt das Instrument so?) und ein Mann mit Klanghölzern. Alle stehen auf. Einige laufen herum und tanzen. Die anderen tanzen auf der Stelle. Auch ich fange an mich zu bewegen. Die Musik gefällt mir. Viele reißen die Arme in die Luft und singen lauthals mit. Es ist wirklich laut in der Kirche. Das Lied ist zu Ende. Wir setzen uns. Verschiedene Frauen treten nach vorne und sprechen. Mavis erklärt uns, dass sie von Erfahrungen mit Gott erzählen. Eine Frau vorne spricht in unsere Richtung. Wir sollen aufstehen. Alle klatschen. Wir sollen vorgehen. Uns vorstellen. Die beiden Schweizerinnen schieben mich vor sich. Ich nehme das Micro „My name is Anne. I’m coming from germany and I’m living by Mavis and Richard in Mampong. I’m working at the Babies home.“ Alle klatschen. Haha so einfach war das? Die anderen stellen sich ebenfalls vor. Mavis nimmt das Micro und bedankt sich im Namen der Gemeinde bei uns. Wir dürfen wieder an unsere Plätze, während alle applaudieren und uns zulächeln.

Die Frau im blauen Kleid nimmt wieder das Micro und fängt an zu singen. Einige Frauen laufen nach vorne und tanzen auf der Fläche vor dem Pult. Die anderen tanzen auf der Stelle. Wir sollen auch tanzen. Tamara schaut mich an „ich kann nicht tanzen“. Ich sage ihr, sie soll sich so bewegen wie in der Disco. Dort kann sie sich doch auch im Rhythmus bewegen. Die Musik hier unterscheidet sich im Beat kaum von unserer Partymusik. Wie sagen die Ghanaer? Jeder hat die Musik im Blut. So bewegen die sich hier auch. Ganz entspannt und locker. Wir tanzen mit einigen Frauen im Kreis. Der Pfarrer holt sein IPad heraus und fotografiert uns. Dann tanzt er auch. Einige filmen uns. Viele holen ihr Handy heraus. Wir sind wieder die Attraktion. Ich lache und tanze. Jetzt sehe ich, dass zwei Frauen mit Micro singen. Auch die zweite hat ein blaues Kleid, aber es geht nur bis zu ihren Knien. Wir stehen jetzt im Kreis mit den Frauen mit den Schellen. Die Frauen lächeln uns an und tanzen mit uns. Fast eine halbe Stunde wird getanzt. Dann gehen wir wieder an unsere Plätze. Die Frau neben mir sagt „thank you – you looked nice“. Hier sind eben alle freundlich. Und dankbar.

Der Pfarrer übernimmt jetzt das Wort. Die Predigt beginnt. Er spricht über das Thema „die Erde bebt“. Ich kann der Predigt genauso wenig folgen wie in Deutschland. Das liegt aber daran, dass sie zu 90% auf Twi stattfindet. Hab nur kurz mal verstanden, dass er gefragt hat was mit den Ungläubigen passiert. Er hat mich aber nicht angeschaut. Also alles im Rahmen.

Während der Predigt läuft der Pfarrer auf und ab. Er trägt sie frei vor. Er spricht laut. Und deutlich. Er gestikuliert viel mit den Armen und gibt seinen Worten somit mehr Ausdruck. Immer wieder klatschen einige aus dem Publikum. Oder lachen. Manchmal lacht die ganze Gemeinde lauthals. Leider kann ich nicht mitlachen.

Der Pfarrer stellt ein Rollenspiel mit zwei Personen dar. Es sieht lustig aus. Alle lachen. Ich auch. Die Predigt dauert fast eine halbe Stunde, hat sich aber nicht so lang angefühlt. Er ist ein guter Redner. Er fesselt das ganze Publikum. Sogar mich. Obwohl ich nichts verstehe. Außer einem Satz, den er immer wieder wiederholt „the earth trembles“. Er spricht von Krieg und von Angst. Und davon, dass man an Gott glauben soll. Ich glaube nicht, dass die Predigt sich inhaltlich sehr von unseren Predigten in Deutschland unterscheidet. Aber die Art und Weise wie er sie vorträgt, mit welcher Begeisterung und welchem Enthusiasmus. Das ist der entscheidende Unterschied. Bis jetzt kannte ich nur Predigten, die mit einer einschläfernden, leisen und monotonen Stimme vorgetragen wurden. Bis jetzt.

Es erinnert mich ein wenig an einen Sprecher einer Demonstration. Eben an jemand der dich von etwas überzeugen möchte. Und genau das schafft der Pfarrer hier. Er überzeugt seine Gemeinde vom Glauben an Gott.

„God bless you“ – Der Gottesdienst ist zu Ende. Zweieinhalb Stunden. Hört sich verdammt lang an. War aber viel kürzer als ein einstündiger Gottesdienst in Deutschland. Zeit ist relativ.

Ich habe kein einziges Mal während dem Gottesdienst gegähnt! Nicht ein einziges Mal. Das habe ich noch nie geschafft!

Übrigens, hier ist keine zugeparkte Straße zu sehen. Die meisten sind zu Fuß gekommen. Wenige mit dem Taxi wie wir. Aber wir haben alle in ein Taxi gepasst. Zu 8 in ein Auto. Und nein die Autos sind hier nicht größer als bei uns. Dafür die Menschen flexibler und kreativer.

Dies waren auf jeden Fall schöne zwei Stunden. Ich werde wiederkommen. Nicht nächsten Sonntag. Aber irgendwann.

Aber keine Angst. Ich bin immer noch die Anne, die ihr kennt. Ich glaube immer noch nicht an Gott und bleibe überzeugter Atheist. Aber in der Kirche sind alle willkommen. Auch ich.

Ich bleibe bei meinem Glauben:
„Der einzige Glaube, der Berge versetzen kann,
ist der Glaube an die eigene Kraft!“

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