Stadtrundfahrt und Marktbesuch

„You’re a super-traveller“ sagt die Norwegerin zu mir. Damit meint sie meine Art zu packen und bezieht sich auf all die nützlichen Dinge, die ich habe. Wenn ihr etwas fehlt fragt sie nicht die Gruppe, ob jemand ihr helfen kann. Nein, sie fragt direkt mich ob ich es ihr ausleihen kann. Sie hat eine Liste geschrieben „things I learned from Anne“. Dort listet sie Sachen wie Wäscheleine, Reisehandtuch, Nähzeug, Nagelfeile, Thermosflasche und einige weitere Gegenstände auf. Alle nützlich. Hat sich schon in den ersten Tagen herausgestellt. Ja das Verhältnis zwischen Kleidung und anderen Gegenständen ist bei mir etwas anders. Aber es funktioniert. Ja ich habe schon gewaschen. Aber nicht, weil ich keine sauberen T-Shirts mehr habe, sondern weil ich nicht weiß wann ich wieder die Möglichkeit habe meine Kleidung zu waschen. Ist hier eh kein Problem. In einer Stunde sind meine Handtücher trocken und in zwei Stunden die restliche Kleidung. Im Zimmer. Versteht sich.

Nun zum heutigen Tag. Eine Stadtführung und der Marktbesuch stehen auf dem Plan. Ich hasse Führungen und kann Reisegruppen und Reiseleiter nicht leiden. Das ist einfach nicht meine Art zu reisen. Wirklich nicht. Ist im Programm enthalten, also muss ich da durch. Die Stadtrundfahrt war eigentlich echt in Ordnung. Es war eigentlich nicht anders wie die sonstigen Fahrten durch die Stadt. Wir kämpfen uns durch das Chaos auf den Straßen hindurch und beobachten alles um uns herum. Nur diesmal gab es hin und wieder Hinweise zu den Gebäuden, die vor oder neben uns auftauchten. Ich liebe es im Van zu sitzen und die Leute zu beobachten. Zu beobachten was die Frauen auf dem Kopf transportieren. Fernseher, Mehlsäcke, Körbe voll mit Wasser, Eier auf runden Tellern oder eben einen Tisch. Ghanas Frauen tragen alles. Sie tragen Afrika. Sie sind die Stütze des Landes.

Unser erster Stop. Eine Recyclingfirma. Recycling in Ghana. Amazing. In Accra bekommt man Wasser in Plastiktüten. Es ist billig. Sehr billig. Aber danach landet die Tüte auf dem Boden. Leute sammeln diese Tüten und anderen Müll ein und bringen ihn zu dieser Firma. Sie bekommen Geld dafür. Diese Firma kauft ihnen Müll ab. Richtig. „Trashy bags“ ist der Name der Firma. Wir bekommen eine Führung. Am Ende wird ein Film gezeigt. Ich bekomme Gänsehaut. Es ist unglaublich wie kreativ diese Männer und Frauen an den Nähmaschinen sind. Sie bekommen Stoffreste von anderen Kleidungsfirmen und verwerten Plastik. Und kreieren unglaubliche Dinge. Taschen. Hüte. Geldbeutel. Kleidung. Alles recycelt. Sie kreieren tolle Taschen. Innovativ. Sehr innovative Taschen. Wir sind begeistert. Wir kaufen Taschen. Und machen mit dem Kauf Accras Straßen sauberer. Ich mag diese Firma.

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Anschließend: Marktbesuch. Wie ich mich gefreut habe. Ich liebe Märkte. Aber zu früh gefreut. Salomon, unser Reiseleiter für den heutigen Tag, hatte ganz andere Pläne. Sein Ziel lag irgendwo mitten in der Stadt zwischen den vielen Märkten. Ein Restaurant. Ja dort sollen wir zu Mittagessen. Wie kommen wir hin? Wir RENNEN durch die Massen des Marktes. Gefühlt durch die ganze Stadt. Und ja wir sind gerannt. Seine Aufgabe war wohl die Touristen zum Markt zu bringen. Ja das hat er gemacht. Aber wir sind keine Touristen. Wir möchten am Marktgeschehen teilnehmen. Uns mit den Menschen unterhalten. Die Kinder zwischen den Ständen entdecken. Aber wir können nicht zustehen. Sonst ist Salomon weg. So bekommen wir nur Eindrücke vom Markt.

„Obruni, obruni“ rufen sie von allen Seiten. Seit dem Ebola-Ausbruch bekommen die Einheimischen kaum noch Weiße zu sehen. Deshalb sind sie alle so freundlich zu uns. Sie freuen sich, dass wir in ihr Land kommen. Jeder ruft uns zu „how are you?“ Sie greifen nach uns. Möchten unsere Haut fühlen. Fühlt sie sich gleich an? Ein kleines Mädchen fängt an zu schreien, als wir an ihr vorbeilaufen. Sie hat noch nie Weiße gesehen. Ein Mann ruft „here’s no ebola in Ghana“, ich antworte „I know, that’s why we are here!“ Sie sind alle so freundlich, fragen nach unseren Namen, lächeln uns an. Unglaublich freundliche Menschen, die Ghanaer. Und friedliche. Sooo friedlich. So tolerant zueinander. Unvorstellbar. Ich möchte mich mehr mit ihnen unterhalten. Aber ich muss Salomon hinterher. Ich werde zurückkommen. Das beschließe ich in diesem Moment. Ich werde mit Zeit kommen. Und allein.

Am Restaurant angekommen, packt die andere Deutsche Desinfektionsspray aus. Jeder säubert seine Hände damit. Jeder, außer mir. Selbstverständlich. Wieso sollte ich? Habe ja nix angefasst. Bin nur einen Marathon über den Markt gelaufen. Ja das habe ich vergessen. Ich bin mit einer Gruppe Krankenschwestern unterwegs. Nur die Schweizerin und ich, wir sind nicht aus dem Gesundheitswesen. Deshalb stehen die etwas anders zu hygienischen Themen als ich. Die nehmen auch alle die Malariatabletten. Ich nicht. Deshalb hab ich die Moskitofliege, die eben durch unser Zimmer gesaust ist, umgebracht. Andrea, die Norwegerin, hat so angefangen zu lachen als ich auf Jagd gegangen bin. Sie erklärt ihrem Freund über Skype,  dass die deutsche mit dem Kissen in der Hand die Fliege töten muss, weil sie sonst Malaria bekommt. Sie nimmt ja keine Tabletten. Ja das stimmt. Aber es stimmt auch, dass ich das Moskito umgebracht habe. Kein Problem.

Nach dem Mittagessen sind wir zurück über den Markt gerannt, ich habe eine Postkarte und Briefmarken gekauft. Es gibt nur hässliche Postkarten. Habe beschlossen meine eigenen zu kreieren. Mit meinen Bildern. Danach sind wir erst zum Museum des ersten ghanaischen Präsidenten gefahren. Der Garten ringsherum, wunderschön! Da! Ein Pfau. Nein das ist kein Zoo. Oh da ist noch einer. Kamera. Anne, reeeeeeeenn. Nein lass dir Zeit. Die leben hier. Hier sind 10 von ihnen. Oder noch mehr. Wunderschöne Tiere. Vögel. Was auch immer. Wunderschön.

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Museumsführung. Laaangweilig. Es ist ein Geschichtsmuseum. Deshalb brauche ich niemand, der etwas erzählt. Steht alles neben den Bildern geschrieben. „Look here“. Lass mich gucken wo ich will. Ich schau mir das an, was mich interessiert.  Außerdem habe ich alle 10 Seiten in meinem Reiseführer über den Präsidenten gelesen. Da stand mehr Text als hier. Es ist ein kleiner Raum. Das soll ein ganzes Museum sein? Eigentlich perfekt für mich. In 10min alles gesehen. „Do know, that he died in Bucharest?“ Selbstverständlich. Stand auch im Reiseführer. Er war in Rumänien zur medizinischen Behandlung. Es stand da aber nicht wieso er dafür Rumänien ausgesucht hat. Da war und ist nicht gerade die beste medizische Versorgung. Vielleicht ist das der Grund, wieso er dort gestorben ist. Der erste Präsident von einem afrikanischen Land.

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Wir fahren wieder. Zu einem Markt. Souvenirmarkt. Keine Ahnug wovon die jetzt leben. Wir sind die einzigen Käufer. Ja wir dürfen jetzt Sachen kaufen. Aber nur hier lang. Wieso darf ich nicht in der Parallelgasse laufen? „This way“ Jaja ist ok. Es ist ein kleiner Markt. Hier kann man sich nicht verlaufen. Egal. Akzeptieren. Mit den Leuten quatschen. Deutsch? Wieso können die alle deutsch? Also ein paar Worte nur, aber trotzdem! Komisch. Sie sind alle so nett. Daaaaa sind Schnapsgläser. Tatsächlich. Das brauch ich. Sie sagt den Preis, ich die Hälfte. Wir verhandeln. Beide sind einverstanden. Ich bin glücklich. Sammlung erweitert. Es ist ein schönes Glas. Hoffentlich überlebt es meine Reise! Wir müssen gehen. Wollen wir Kokosmilch trinken? Aber sicher! Lecker. Das ist frisch. Kokosnüsse sind grün. Wenn man sie erntet. Bevor sie nach Europa transportiert werden. Wir müssen gehen. Dauernd. Ist mir viel zu stressig. Ich entspanne auf der Rückfahrt. Während ich die Umgebung beobachte.

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Ich werde wiederkommen.

Morgen geht es ins Projekt. Erst nach Kumasi und dann nach Mampong zu unserer Gastfamilie. Für die Schweizerin und mich. Die anderen sind in Krankenhäusern im ganzen Land verteilt. Wir müssen uns verabschieden. Dabei verstehen wir uns so gut. Zumindest mit den meisten. Pläne werden geschmiedet. Im November sehen wir uns wieder. Gemeinsamer Ausflug.

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2 Gedanken zu “Stadtrundfahrt und Marktbesuch

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